„Jüdischer Folklorist“ oder was ist ein antisemitisches Ressentiment?

Antisemitismus und deutsche Medien

– Teil 1: Der Tagesspiegel

Von Dr. phil. Clemens Heni, New Haven (USA)/Berlin (Germany)

Rückblickend werden sich einmal Leute verwundert an den Kopf fassen und denken:

Wie konnte es zu so einer Wahrnehmungsstörung und so einem Realitätsverlust kommen, dass nicht Antisemitismus als Gefahr erkannt, vielmehr die Kritik am Antisemitismus als „Antisemitismusvorwurf“ oder als „Antisemitenentlarverei“ abgewehrt wurde?

In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 2010 legen antisemitische Brandstifter Feuer an der Synagoge in Worms. Es ist eine nach 1945 wieder aufgebaute Synagoge, die alte wurde in der Reichspogromnacht 1938 am 9. November von nationalsozialistischen Deutschen abgebrannt. Heute mögen die Täter durchaus aus dem Milieu islamistischer oder arabischer Extremisten kommen, denn es wurde an acht Stellen Feuer gelegt und jeweils ein Flugblatt hinterlegt, welches offenbar in schlechtem Deutsch einen Bezug des israelisch-palästinensischen Konflikts zu Juden in Deutschland herstellt. Mainstream-Medien verbuchten diesen antisemitischen Anschlag sogleich unter der Kategorie „Rechtsextremismus“. Das ist ein Vorurteil.

Kaum mehr als einen Tag später, am 18. Mai vormittags, publizierte der Tagesspiegel aus Berlin, eine der bekannten überregionalen Tageszeitungen in Deutschland, einen Kommentar ihres Redakteurs Malte Lehming mit dem Titel „ein jüdischer Folklorist“[i], womit der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland Stephan Kramer gemeint war, tags zuvor hatte der Focus ein Interview mit Kramer über Antisemitismus in deutschen Medien publiziert.

Lehming beginnt seinen Text mit einem antisemitischen Witz, in welchem ein Jude, der unter Balbuties[ii] – gemeinhin unter „Stottern“ bekannt – leidet, einen Job als Radiomoderator nicht bekommt. Er suggeriert, dass Antisemitismus meistens von Leuten vorgeworfen werden würde, welche  stottern und sich benachteiligt fühlen, obwohl sie dabei doch selbst schuld seien. Es würde also „Antisemitismus“ geschrien, wo doch ein ‚eigenes Versagen‘ vorliegen würde. Das ist der Tenor.

So gewappnet schreibt Lehming über Stephan Kramer:

„Nicht ungewöhnlich ist ebenso die Überkompensation eines schlechten Gewissens, als Diaspora-Jude nicht beim Aufbau des zionistischen Gemeinwesens zu helfen, sondern am Kampf gegen die Intifada, dem Libanon- und Gazakrieg mit der Fernbedienung in der Hand aus sicherer Distanz teilzunehmen, zwischen Heidi Klum und Dieter Bohlen. Die Rolle des hyperventilierenden Antisemitenentlarvers folgt gelegentlich aus einer solchen Überkompensation.“

Lehming, selbst kein Jude, diffamiert einen Juden wie Kramer, der zum Judentum konvertiert ist (was Lehming süffisant erwähnt) wie viele andere Menschen zu den unterschiedlichsten Religionen konvertieren. Was für eine Projektionsleistung: Lehming möchte sich womöglich  selbst gern zwischen die erfolgreichen Vertreter der deutschen kulturindustriellen Trostlosigkeit, Klum und Bohlen, einreihen. Das Vulgäre, der Ton macht hier bereits die Musik. Wie aus heiterem Himmel agitiert der Redakteur gegen den Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschlands, dieser würde sich nur aus Spaß um Israel kümmern, als Vergnügen.

Der Kern der Philippika des Tagesspiegel gegen Kramer und Antisemitismuskritik generell ist das Wort „Antisemitenentlarver“.

Kritik an diesem Begriff sollte wenigstens an zwei Punkten ansetzen: Erstens gehören bereits früheste Formen von Antisemitismus analysiert, kritisiert und bekämpft; wir befinden uns in der post-Auschwitz Zeit, wir wissen wohin Antisemitismus führte. Der Iran droht Israel mit einem zweiten Holocaust, wenn Ahmadinejad sagt, er möchte Israel „von der Landkarte löschen“. Die Hamas ist einer der verlängerten Arme Irans. Zweitens: Was meint „Entlarven“ hier? Eine Larve (als Raupe) wird zum Schmetterling. Im Gaza Krieg jedoch reagierte die israelische Armee auf jahrelangen, tausendfachen Raketenbeschuss ihres Staatsgebietes durch die Hamas und anderer Terrorgruppen aus dem Gazastreifen, der von Hamas derzeit regiert bzw. kontrolliert wird. Die Hezbollah war im Jahr 2006 weit entfernt sich erst entlarven zu müssen: sie war bereits eine vom islamistisch-faschistischen Regime in Teheran und von Syrien hochgerüstete Armee, welche für Israel und seine Soldaten eine ernste Gefahr  darstellten und immer noch darstellen. Diese beiden Beispiele, welche Lehming neben der Intifada anführt, zeigen, da musste nichts entlarvt werden: sowohl Hamas als auch Hezbollah sind ausgewachsene Antisemitenorganisationen, vollkommen flügge sozusagen. Selbst wenn Lehming andere als die genannten Organisationen meinte, wenn er von „Antisemitismenentlarver“ daher redet, erinnert seine Rede gleich wohl an jene vom 3. Oktober 2003:

„Mit geradezu neurotischem Eifer durchforschen immer neue Generationen deutscher Wissenschaftler auch noch die winzigsten Verästelungen der NS-Zeit.“[iii]

Das ist natürlich vom damaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, der nach zähem Ringen in der Union diese verlassen musste.

Oder man denke an diese Worte:

„Das fällt mir ein, weil ich jetzt wieder vor Kühnheit zittere, wenn ich sage: Auschwitz eignet sich nicht, dafür Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung. Was durch Ritualisierung zustande kommt, ist von der Qualität des Lippengebets. Aber in welchen Verdacht gerät man, wenn man sagt, die Deutschen seien jetzt ein ganz normales Volk, eine ganz gewöhnliche Gesellschaft?“[iv]

Das ist aus Matin Walsers Paulskirchenrede vom 11. Oktober 1998, und das Wort „Einschüchterungsmittel“ mag ein Vorläufer sein von „Antisemitenentlarver“.

Der Tagesspiegel sei nun a priori gefeit, so die öffentliche Meinung, Antisemitismus à la Hohmann zu produzieren.

Lehming weiter:

„In Deutschland dagegen gilt die Regel: Je nichtiger die Anlässe, desto heftiger der Furor. Und wenn man dann schließlich verhindert hat, dass ein Hamas-Vertreter in der Evangelischen Akademie von Bad Boll vor 30 Studienräten sprechen darf, wird das wie der Sieg von David gegen Goliath gefeiert. Dabei dürfte das Risiko, dass sich einer der Studienräte vor Begeisterung über die Hamas-Nase dem Dschihad anschließt und in ein Terrorcamp in den Nahen Osten reist, recht gering gewesen sein.“

Es sei also ein „nichtiger Anlass“ sich darüber zu beschweren, dass die Antisemiten und Islamisten der Hamas nach Bad Boll zur Evangelischen Akademie in die schwäbische Provinz eingeladen werden.

Zudem: zu Bad Boll hatte sich Kramer in dem Interview überhaupt nicht geäußert. Wie kommt Lehming darauf? Es war vielmehr die nicht-jüdische Wissenschaftlervereinigung Scholars for Peace in the Middle East (SPME), welche kürzlich mit zwei Offenen Briefen auf diese skandalöse Einladungspraxis hingewiesen hat. Der Tagesspiegel hingegen suggeriert: nur Juden seien gegen Antisemitismus und dabei „hyperventilierend“. Das hört sich so an, als sollte man doch gerade in Deutschland gelassener sein, nach dem Holocaust.

Das ist der klammheimliche Subtext im Tagesspiegel wenn er das Wort „Antisemitenentlarver“ benutzt.

Das Interview im Focus ist darüber hinaus differenziert und gar nicht polternd, so dass es umso schockierender ist, wie umgehend darauf reagiert wurde, denn neben dem Tagesspiegel hat auch die Süddeutsche Zeitung sofort, unter Zuhilfenahme eines jüdischen Kronzeugen, gegen Kramer Stimmung gemacht.[v]

Man kann und sollte Kramer freundlich kritisieren, allerdings andersherum: er mag mitunter eher viel zu zurückhaltend sein, Antisemitismus oder die Verharmlosung des Antizionismus zu kritisieren wie seine offenbar unkritische Haltung gegenüber „J-Call“ zeigen mag.[vi]

Doch dem Tagesspiegel geht bereits die zurückhaltende Kritik im Focus zu weit. Ein Blick in das Interview im Focus selbst ist daher aufschlussreich: Der Journalist Jan-Philipp Hein führte mit Kramer das Interview. Auf die erste Frage, ob Antisemitismus „wieder salonfähig“ sei in „deutschen Medien“, antwortet Kramer:

„Die Medien sind ein Spiegel der Gesellschaft. Sie sind etwas vorsichtiger als ein Stammtisch. Der Antisemitismus in Zeitungen und TV-Sendungen ist etwas schwieriger zu packen, aber es gibt ihn.“

Kramer nennt u.a. einen Artikel im Tagesspiegel, in welchem es um Verhandlungen der US Administration in Nahost geht. Ein dazugehöriges älteres Foto zeigt Obama mit orthodoxen Juden in Washington D.C. Kramer sieht darin einen Hinweis auf eine ‚jüdische Lobby‘ und zumal spielt so eine Bebilderung damit, dass die USA bestimmen würden, was in Nahost geschehe. Israel wird als Staat von orthodoxen Juden verzeichnet, dabei ist Israel die einzige säkulare Gesellschaft im gesamten Nahen Osten, was nicht negiert, dass natürlich orthodoxe Juden ein Teil der israelischen Gesellschaft sind. Zu suggerieren, eine jüdische Lobby bestimme die US-Politik bezüglich Nahost ist antisemitisch, es spricht Juden eine Macht zu, welche Fiktion ist.

Zudem ist es von herausgehobener Bedeutung, wenn ein liberales Medium, welches als eher israelfreundlich und Antisemitismus-kritisch gilt, ebenfalls fragwürdige Texte publiziert oder Texte höchst merkwürdig bebildert.

Doch warum reagiert der Tagesspiegel so extrem aggressiv auf dieses Focus-Interview? Das von Kramer erwähnte Beispiel aus dem Tagesspiegel ist ja nur eines von mehreren und keineswegs das am heftigsten attackierte. Im weiteren Verlauf des Gesprächs im Focus geht Kramer auf Nachfrage auf rechte Blätter wie die National-Zeitung oder die Junge Freiheit ein, sowie auf die linke Presse wie Junge Welt, Neues Deutschland und taz. Der Kern des kurzen Interviews im Focus ist Folgendes:

Frage: „Bevor ein junger Israeli zur Armee geht, muss er mindestens einmal Suff, Sex und eine Auschwitzreise erlebt haben‘, schrieb in der taz die israelische Autorin Iris Hefets, die viele als antisemitische Jüdin sehen. Das Gedenken sei in Israel zu einer Art Religion mit festen Ritualen verkommen. Wird der Ton härter?

Kramer: Die vermeintlich guten alten Zeiten, in denen man als jüdischer Vertreter in Debatten vor Angriffen per Definition geschützt war, sind vorbei. Das gilt auch für Attacken, deren Urheber offensichtlich keine Kinderstube genossen haben. Aber da bin ich froh drüber. Diese Kuscheldiskussionen vergangener Tage haben niemandem genützt. Mir ist es lieber, dass mir jemand ins Gesagt, ‚Du bist ein dreckiger Jude‘, als dass er es hintenrum macht. Denn dann kann man sich auch zur Wehr setzen.“[vii]

Die Kritik des jüdischen Antisemitismus ist die zentrale Botschaft des Focus-Interviews. Darauf geht der Tagesspiegel überhaupt nicht ein.

Als Hintergrund zum skandalösen taz-Artikel sowie der Verteidigung Hefets durch die taz-Chefredakteurin Ines Pohl sei wenigstens kurz auf den Anlass des Konflikts verwiesen: Hefets ärgert sich, dass Veranstaltungen mit Norman Finkelstein in Deutschland abgesagt wurden, da es heftigen Protest gegen diese Einladungen gab. Finkelstein und Noam Chomsky sind zwei der bekanntesten und problematischsten anti-israelischen Aktivisten, welche auch offen sind für Antisemitismus anderer Art wie Holocaustleugnung:

„Son of a Hebrew teacher at Gratz College in Philadelphia, Chomsky despises Israel almost as deeply as he hates America. He considers both countries worse than Nazi Germany. Chomsky has campaigned on behalf of the French Holocaust Denier Robert Faurisson and other European Neo-Nazis. He has said in his own defense that he only wants this hate to be protected under laws guaranteeing freedom of speech, but as Professor Werner Cohn has proven, Chomsky also endorses the contents of their speech: ‘But in fact we saw that [in addition to justifying] …Faurisson’s Holocaust-denial, we found Chomsky publishing his own books with neo-Nazi publishers, we saw him writing for a neo-Nazi journal, we saw that the neo-Nazis promote Chomsky’s books and tapes together with the works of Joseph Goebbels. It is this complex of anti-Semitic activities and neo-Nazi associations, not his professed ideas alone, that constitutes the Chomsky phenomenon.’

Only marginally less openly anti-Semitic is Norman Finkelstein, who had been on the faculty of DePaul University until he was fired three years back (and has been unemployed ever since). Finkelstein has built an entire career out of smearing Holocaust survivors as frauds and liars, and cheering on Islamofascist terrorism against Jews. His personal web site is a vulgar gutter of juvenile anti-Semitic catcalls. He claims that Zionists exaggerate the dimensions of the Shoah to steal money and invent Holocaust survivors to exploit Germany. He has made pilgrimage to the Hezb’Allah terrorists and was denied entry into Israel on grounds that he is a terrorist agent. Finkelstein’s book ‘The Holocaust Industry’ has become a basic text used by all Neo-Nazis and Holocaust Deniers. He has praised Holocaust Denier David Irving as a great and reliable historian. (Irving, in turn, claims the entire Holocaust is a Zionist hoax and that no Jews were murdered in Auschwitz).”[viii]

Das muss man wissen, wenn über Norman Finkelstein geredet wird. Umso bedrückender ist es, wenn Lehming nun Kramer und anderen Kritikern des Antisemitismus entgegen schleudert:

“Deshalb wird der Antisemitismusvorwurf oft nur noch als Teil der jüdischen Folklore wahrgenommen, ein bisschen wie Klezmer-Musik.”

Das Absurde an diesem Satz ist Folgendes: der Tagesspiegel insinuiert, dass der Vorwurf des Antisemitismus per se von Juden kommen würde, die noch dazu als der „jüdischen Folklore“ zugeneigt präsentiert werden. Damit wird so getan, als ob Antisemitismus und die Kritik an sowie der Kampf gegen Antisemitismus nur Juden etwas angehe. Das ist ein antisemitisches Ressentiment.

Es ist übrigens nicht nur von rechtsextremer Seite, vielmehr von sich links oder liberal fühlenden Autoren ein sprachlicher Code, Juden Folklore vorzuwerfen: so hat Anfang der 1990er Jahre das alternative Radio Dreyeckland in Freiburg von der „Holocaust-Folklore“ gesprochen.[ix]

Nun hat sich Lehming auf die Kritik vom Transatlantic Forum. Liberty and Democracy in East and West[x] wie folgt geäußert:

„Im Kern geht es um die Frage, ob der Tagesspiegel eine zunehmend antisemitische Tendenz aufweist.

Denn das hat Herr Kramer behauptet – und das halte ich für Unsinn. Der Antisemitismus im Tagesspiegel nimmt nach Kramers Meinung zu. Für diese angebliche Zunahme indes gibt es keinen einzigen Beleg.“[xi]

Lehming zeigt sich damit resistent gegenüber Kritik, die zuvor auch von sehr vielen Tagesspiegel-Leserinnen und Lesern online (eine Leserin schreibt z. B. „getroffene Hunde bellen“) sowie von WadiBlog[xii] geübt wurde. Die Tatsache, dass antisemitische Seiten im Internet seinen Tagesspiegel Text genüsslich zitieren, irritiert ihn nicht.[xiii]

Dabei sollte man beim Tagesspiegel durchaus genau lesen und hinschauen.

Noch einmal Lehming:

„Oder man könnte, viertens, Herrn Kramer darauf aufmerksam machen, dass die deutschen Medien zu den israelfreundlichsten der ganzen Welt zählen. Wer Thesen über das ‚Shoah-Business‘, die ‚Holocaust-Industrie‘ oder die Instrumentalisierung des Gedenkens diskutieren, sich über angebliche Kriegsverbrechen von Israelis im Gazastreifen informieren oder authentische Hamas-Positionen präsentiert haben will, muss Ha’aretz und New York Times lesen und BBC empfangen können.“

Das ist nicht nur nationalistisch, es ist vor allem jenseits der Realität. Es gibt in Deutschland entgegen den USA keine einzige dezidiert pro-zionistische und anti-islamistische Zeitung, die Medien des Springer-Verlages kommen dem noch am nächsten, jedenfalls vom Anspruch her.

Ohne hier auf die drei genannten Länder und ihre Medien einzugehen, ist das Lobhudeln der deutschen Medien per se absurd.

Lehming selbst hat schon 2009 falsch und wirklichkeitsverzerrend über Israel berichtet und wurde dafür kritisiert; So gab es zum Beispiel im Frühjahr 2009 Kritik an der Rezeption der Berichte über den Krieg im Gaza-Streifen:

„In den letzten Tagen wurde in den Medien, sowohl in den konventionellen wie auch im Internet, viel von einem Bericht hergemacht, wonach israelische Soldaten Menschenrechtsverstoesse im Gazastreifen zugegeben haetten. Selbst ein Israel wohlmeinender Journalist wie Malte Lehming hat die Geschichte falsch rezipiert:

‚Zivilisten seien gezielt getötet, Häuser mutwillig zerstört worden, die Kampftruppen hätten sich offenbar ermächtigt gefühlt, ‚schrankenlose Gewalt gegen Palästinenser einzusetzen‘.‘

Genau das steht in dem Bericht naemlich nicht drin.

Den ultimativen Text dazu hat Yaacov Lozowick verfasst, auf der Achse des Guten ist das englisch.“[xiv]

Auch Hinweise im Tagesspiegel von jungen Autorinnen auf Ausstellungen zu Israel enthalten mitunter klar antisemitische/antizionistische Aussagen.[xv]

Wie hat sodann gerade der von Lehming so verteidigte und gepriesene Tagesspiegel als Teil der angeblich ‚super-pro-israelischen-deutschen-Medien‘ Ende April 2010 über den bereits erwähnten taz-Skandal in der Jüdischen Gemeinde berichtet? Der Anlass, die Ausladung des unerträglichen Agitators Finkelstein, wird nicht einmal gestreift, dafür gesagt:

„Geplant war eigentlich eine Podiumsdiskussion über den Umgang deutscher Medien mit Israelkritik und Antisemitismus. Löblich, endlich offen auseinanderzudividieren, was Kritik an einer Regierung ist und was Antisemitismus. Doch die Einladung der Jüdischen Gemeinde gab bereits einen sehr polemischen Ton vor: Angeprangert wurde ein in der ‚Taz‘ erschienener Artikel der in Deutschland lebenden Israelin Iris Hefets, der die Frage aufwerfe, ob ‚Antisemitismus in deutschen Medien wieder salonfähig ist‘. Hefets hatte darin kritisiert, dass der Holocaust in Israel dazu benutzt werde, das Land in der Rolle des ‚ewigen Opfers‘ zu halten, so dass normale demokratische Spielregeln für es nicht gälten. Eine in Israel zwar nicht mehrheitsfähige, aber offen diskutierte These, die ähnlich der ehemalige Knessetsprecher Avraham Burg kürzlich in seinem Buch ‚Hitler besiegen. Warum Israel sich endlich vom Holocaust lösen muss‘ vertritt. Hefets war nicht eingeladen; sie stand auf der Oranienburger Straße vor der Tür.“[xvi]

Damit macht sich der Tagesspiegel offenbar die anti-israelische Position Pohls und der Hefets-Fans zu Eigen, nachdem Hefets ein Recht gehabt hätte, auf dem Podium zu sitzen – obwohl es doch dort um Analyse des Antisemitismus in den Medien gehen sollte. Es wird so getan, als hätte Hefets nicht an der Veranstaltung teilnehmen dürfen und die arme Frau hätte auf der Straße stehen müssen – eine glatte Lüge! Mehrfach wurde von den Veranstaltern betont, dass Hefets, wie andere Besucher auch, sich an der offenen Debatte mit dem Saal-Mikrofon hätte beteiligen können.

Auch die sehr wohlwollende Darstellung des Buches von Burg im dem Tagesspiegel-Bericht zu dem taz-Skandal fällt auf. Burg ist lediglich in antizionistischen Zirkeln beliebt. Hefets wiederum hat gar nichts „kritisiert“, vielmehr in vulgärer Sprache Antisemitismus produziert, weshalb u.a. auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, feststellte, dass es auch „Antisemiten“ „in den eigenen Reihen“ gibt.[xvii] Schließlich werden im Tagesspiegel-Artikel die antizionistisch-antisemitischen Juden, welche die Randale in der Jüdischen Gemeinde veranstalteten, als „bereichernde Pluralität“ bezeichnet – „wenn da nicht so viel Hass und Aggressivität auf beiden Seiten wären.“ BEIDE Seiten, sprich: auch die Jüdische Gemeinde zu Berlin und ihr Vorstand hätten „Hass und Aggressivität“ zum Ausdruck gebracht.

Die äquidistante Haltung zu jüdischen Antisemiten,  Islamisten und weiteren Antizionisten auf der einen und Kritikern des Antisemitismus auf der anderen Seite ist höchst gefährlich.

Doch es sieht nicht so aus, als würden die Mainstream-Medien ihren Kurs ändern. Wenn sogar ein eher liberales oder links-von-der-Mitte Blatt wie der Tagesspiegel mehrfach kritikwürdige Artikel druckt, was soll man dann erst von richtig problematischen Blättern erwarten? Man schaue sich die Süddeutsche Zeitung oder die Frankfurter Allgemeine an, um zu verstehen, was das heißt.

Ohne das Internet gäbe es kaum Chancen überhaupt öffentlich wahrnehmbare, luzide Kritik an (antizionistischem) Antisemitismus, egal ob von rechts, links, der Mitte oder islamistischen Kreisen, zu üben. Die Mainstream-Medien in Deutschland tragen jedenfalls sehr häufig eher zu antisemitischen Ressentiments bei, verharmlosen diese oder leugnen deren Existenz.

Wie selbstverständlich, aus dem Bauch heraus, hat Malte Lehming das Wort vom „jüdischen Folkloristen“, der Antisemitismus nur aus Spaß, Seelenmassage oder Zeitvertreib kritisiere, kreiert. Ziemlich harmlose Kritik am Tagesspiegel vom Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer, konterte der Redakteur nicht elegant, seriös und professionell indem er z. B. konzedierte, dass das inkrimierte Beispiel Kramers in der Tat antisemitisch ist, der Tagesspiegel sonst mitunter ebenso daneben liege, aber öfters eher kritische Artikel gegen den Mainstream-Antisemitismus publiziere.

Doch ganz spontan wählte Lehming einen anderen Weg. Sein Text zeigt, wie ein nicht-jüdischer Deutscher im Jahr 2010 Antisemitismus verharmlost und die sehr selten hörbaren Kritiker des Antisemitismus als „Antisemitenentlarver“ meint karikieren zu müssen. Das ist ein gefundenes Fressen für die Feinde der Antisemitismuskritik, welche ja umgehend dem Tagesspiegel Lob zollten.

Der Tagesspiegel bastelt an einem Mythos, wenn er ernsthaft und unwidersprochen behauptet, dass deutsche Medien zu den „israelfreundlichsten der ganzen Welt“ zählen würden. Keine einzige deutsche Tageszeitung hat eine fortlaufende Rubrik „Die Iranische Gefahr“ analog zur Jerusalem Post mit ihrer Rubrik „The Iranian Threat“!

Wer dann noch wie der Tagesspiegel im post-Holocaust Deutschland und angesichts der existentiellen Bedrohung aus Iran (bzw. von Hamas und Hezbollah sowie Syrien) für Israel und die Juden Kritiker des Antisemitismus, Juden gar, als „Antisemitenentlarver“ bezeichnet, produziert ein antisemitisches Ressentiment.


[i] Malte Lehming (2010): Ein jüdischer Folklorist, in: http://www.tagesspiegel.de/meinung/ein-juedischer-folklorist/1840868.html (20.05.2010). Publiziert am „18.05.2010 11:04 Uhr“ (ebd.).

[ii] Mein Großonkel wurde deshalb oft verspottet und wanderte 1928 nach Amerika aus.

[iii] Martin Hohmann (2003): Der Wortlaut der Rede von MdB Martin Hohmann zum Nationalfeiertag, zitiert nach: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/15/15981/1.html (20.05.2010).

[iv] Martin Walser (1998): Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede. Dankesrede von Martin Walser zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche am 11.Oktober 1998, zitiert nach: http://www.hdg.de/lemo/html/dokumente/WegeInDieGegenwart_redeWalserZumFriedenspreis/index.html (20.05.2010).

[v] Antisemitischer Trend? Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden wirft deutschen Medien antisemitische Tendenzen vor. Chefredakteure wehren sich, in:

http://www.sueddeutsche.de/medien/271/511378/text/print.html (21.05.2010).

[vi] „In France, the country with the largest Jewish population in Europe, a counter-petition to JCall’s has received much media attention and the CRIF executive board unanimously condemned JCall. David Hirsh, a signatory of JCall’s petition who runs Britain’s Engage network to combat boycotts of Israel instigated by trade unions and academics, said he, too, opposes delegitimizing and boycotting Israel, but that ‘criticism is not the same as hostility or demonization.’ Among European Jewish leaders, the secretary-general of the Central Council of Jews in Germany, Stephan Kramer, has been the lone Jewish community executive to openly give his blessing to JCall. ‘I think it’s a great idea and that it shows a lot of courage,’ Kramer said. ‘They all are being called traitors, but that’s wrong‘ (http://jta.org/news/article/2010/05/04/2394661/with-jcall-european-jews-get-their-own-j-street (22.05.2010)); zur Kritik an J-Call und dem anmaßenden Versuch von Juden in Europa besser zu wissen was für Israel gut sei, siehe: “ Much remains to be learned about the genesis of JCall, its connection with JStreet, the EU, and other groups, parties, and backers.  It was reportedly hatched in the Centre Communitaire Juif Laïque [Secular Jewish Community Center] in Brussels, under the guidance of Elie Barnavi, historian, and former Israeli ambassador to France. Teasingly called the “playboy intellectual,” Barnavi is the kind of Israeli French leftists love to appreciate. He is joined in the Appeal by star philosopher Bernard Henri-Lévy and Euro-greenie Daniel Cohn-Bendit, hero of the 1968 Revolution, who dug deep in his pockets and found his Jewish credentials for the sake of Reason. But the most surprising signature is that of Alain Finkielkraut, the brilliant philosopher and writer who, in the first five years after the outbreak of the “Al Aqsa Intifada,” was cherished by the Jewish community for his perceptive, articulate, profound analysis of the situation. Like a secular rabbi, he spoke from his conscience to ours. At the first notes of JCall two esteemed Jewish intellectuals—Raphaël Draï and Shmuel Trigano—swiftly drafted a response, “Raison Garder / Be Reasonable.” [Posted in both English and French versions at www.dialexis.org ]” (http://www.newenglishreview.org/blog_direct_link.cfm/blog_id/27365 (22.05.2010).

[vii] Interview mit Stephan Kramer, in: Focus 20/2010, 17. Mai 2010, S. 128-129. Interviewer: Jan-Philipp Hein.

[viii] Steven Plaut (2010): The Pathology of Jewish Anti-Semitism [incl. Shlomo Sand and Richard Falk], in: http://www.campus-watch.org/article/id/9168 (22.05.2010).

[ix] Siehe die Kritik der Initiative Sozialistisches Forum aus Freiburg: Radioten im Dreyeckland, in: Konkret, August 1991, wieder publiziert auf http://www.ca-ira.net/isf/beitraege/isf-radioten.konkret.html (20.05.2010).

[x] http://www.transatlantic-forum.org/ (21.05.2010).

[xi] Malte Lehming (2010a): Kommentar, publiziert auf http://www.transatlantic-forum.org/index.php/archives/2010/9546/schneller-geschrieben-als-gedacht/ (21.05.2010).

[xii] „Lehming: ein deutscher Folklorist. 18. Mai 2010, von Arvid Vormann. Malte Lehming reisst im Tagesspiegel antisemitische Witze, womit er nur sagen möchte, dass er überhaupt nicht versteht, warum der Generalsekretär des Zentralrats der Juden, dieser Kramer, dieser Schaumschläger, dieser jüdische Folklorist, dieser hyperventilierende Antisemitenentlarver, wachsenden Antisemitismus in den Zeitungen beklagt. Und die “Achse des Guten” findet das auch irgendwie gut“ (http://www.wadinet.de/blog/?p=2692 (22.05.2010)).

[xiii] „Endlich schreiben auch Zeitungen wie die SZ oder der Berliner Tagesspiegel das, was DER SEMIT schon seit zwanzig Jahren schreibt. Damals war ich freilich einsamer Rufer in der Wüste. Heute nähert sich der Mainstream zu mir. Wenn es in den USA J-Street gibt und in Frankreich J-Call und in Deutschland die Jüdische Stimme, dann bin ich nicht mehr allein, denn sie alle vertreten Positionen, die ich schon seit langem vertrete. Und wenn ich den Aufruf von J-Call unterschrieben habe, dann nicht etwa, weil die französischen jüdischen Intellektuellen plötzlich auf meine Position gelandet sind, sie sind noch weit davon entfernt, aber sie gehen jetzt in die richtige Richtung und das muss unterstützt werden“ (http://www.dersemit.de/deutschland/1-deutsche-israelischebeziehung/251-stephan-macht-den-kramer.html (21.05.2010)).

[xiv] http://beer7.wordpress.com/2009/03/23/idf-brutalitaet-im-gazastreifen/ (22.05.2010).

[xv] In einem sehr kurz gehalten Hinweis auf eine aktuelle Ausstellung in Berlin schreibt die junge Tagesspiegel-Autorin Anna Pataczek Folgendes: „Der libanesische Künstler Mazen Kerbaj stellte seit dem Beginn der Bombardierung Beiruts 2006 täglich SchwarzWeiß-Zeichnungen ins Netz. Darunter hängen Kommentare von Besuchern des Blogs. „Ich bin ein argentinischer Jude“, schreibt einer, „ich hasse die blutige Politik Israels. Ich brauche deine Worte und deine Zeichnungen“ (http://www.tagesspiegel.de/kultur/feinde-freunde-araber-israelis/1843910.html;jsessionid=63E7F62550E239B092BBDF58E5EB2BC4 (23.05.2010)).  Es ist eine bewusste Entscheidung, WELCHE der ungezählten, gerade laufenden Ausstellungen in Berlin vorgestellt wird. Die Auswahl eines antisemitischen Zitats aus dem Munde eines Juden ist noch dazu bezeichnend – damit macht sich der Tagesspiegel diese ungeheuerliche Aussage wiederum zu Eigen, wenn das einfach so, unkommentiert von einer Autorin verbreitet wird. Pataczek/Der Tagesspiegel loben also eine Ausstellung der Gruppe http://www.theaterofpeace.org/ Diese Gruppe wiederum verlinkt auf ihrer Homepage unter anderem die Leute um die antisemitischen Juden à la Hefets, „European Jews for a Just Peace (EJJP)“.

[xvi] Von Juden und jüdischen Antisemiten. Andrea Nüsse beobachtet Tumulte bei der Diskussion in der Jüdischen Gemeinde in Berlin über deutsche Medien und Israelkritik, 29.04.2010 02:00 Uhr,

http://www.tagesspiegel.de/politik/von-juden-und-juedischen-antisemiten/1810538.html (21.05.2010).

[xvii] „Es ist schon immer so gewesen, dass wir mit Antisemitismus zu kämpfen hatten, und jetzt eben auch aus den eigenen Reihen“ (http://www.domradio.de/aktuell/63926/auch-wir-haben-antisemiten.html (22.05.2010)).

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