Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)
Das Lachen der Täter am 7. Oktober war schockierend und unermesslich. Palästinensische Mörder riefen ihre Mütter an und johlten, dass sie fünf oder sieben Juden ermordet haben, in Israel. Mütter dankten ihren Söhnen dafür. Dann kam das Verteilen der Süßigkeiten auf den Straßen Berlins von Islamisten und ihrem Anhang. Das war vor exakt drei Jahren.
Der Krieg Israels gegen die Hamas war ein gerechter Krieg – anfangs, obwohl es sogar da zionistische Stimmen gibt, die meinen, er hätte vermieden werden können, da Israel ein Momentum auf seiner Seite hatte, eine diplomatische Unterstützung, wie es sie selten gab, in weiten Teilen der Welt, vor allem in Europa und Amerika. Es gab aber auch die Kulturszene, es gab Freundinnen und Freunde, Bekannte, Autor:innen aller Art, die kicherten oder gar klatschten, als sie von den Terroristen mit Paragliedern hörten, die in Israel landeten und israelische Frauen vergewaltigten, Männern die Augen ausstachen und massakrierten und später Kinder, die nach Gaza entführt worden waren, mit bloßen Händen töteten.
Die Qualität des Mordens durch die palästinensischen Terroristen ist nicht in Worte zu fassen. Es war das schrecklichste Verbrechen an Juden seit dem Holocaust. Es war ein unschilderbar grausames Töten und die Täter lachten und feierten, ja filmten es.
Dann kam die unfassbare Quantität des Tötens von Palästinenser:innen durch die israelische Armee. Es war eiskaltes Töten von hoch emotionalisierten IDF-Soldaten, die auch feierten, nur das Töten war sozusagen abstrakter, mit Sprengladungen, Bomben, Raketen, Scharfschützen.
Es gab im Laufe des Gazakrieges die IDF-Soldaten, die aus entsprechender Entfernung ein Gebäude im Gazastreifen sprengten und dazu lachten und einen Toast sprachen, ja mit einem Getränk anstießen. Es gab jene IDF-Soldaten, die palästinensische Gefangene demütigten, in Unterhosen bekleidet umherlaufen ließen und das filmten und fotografierten. Andere lasen aus dem Talmud vor und machten sich über die vor ihnen gefesselt auf dem Boden liegenden Palästinenser lustig.
Es gibt Videos von israelischen Soldaten, die singen
„I’m coming to occupy Gaza and beat Hezbollah… We know our slogan, there are no ‚uninvolved civilians‘.“
Das rechtfertigt das Töten von Zehntausenden unbewaffneten Frauen, Jugendlichen, Männern, Kindern und Alten.
Der 7. Oktober hat Israel verändert. Eine schon zuvor kurz vor dem Übergang zum autoritären Staat stehende Gesellschaft wurde noch verhärteter, zeigt noch weniger Empathie mit „dem Anderen“ wie Emmanuel Levinas sagte.
Es ist nicht trivial oder reduktionistisch, ein sozialpsychologisches Muster im Lachen, Jauchzen und Feixen der Täter zu sehen. Schon in der Schule gibt es seit allen Zeiten jene gewaltbereiten Schüler und Täter, die andere mehr oder weniger subtil oder brutal misshandeln oder demütigen. Heute wird das dann gefilmt und beim Anschauen der eigenen Taten gelacht. Darauf weist Klaus Theweleit in einem Gespräch über sein Buch „Das Lachen der Täter“ vor über 10 Jahren hin.
Das sind wichtige Erkenntnisse, die gleichwohl sein Nicht-Verstehen-Wollen der antisemitischen Vernichtungsideologie, den Erlösungs- und Purifikationsantisemitismus der Deutschen nicht vergessen machen können, ja vielmehr zeigen, dass er die Spezifik des antijüdischen Mordens weder in seinem bahnbrechenden Buch „Männerfantasien“ Ende der 1970er Jahre noch heute versucht zu verstehen, seine Andeutungen bei der zitierten Veranstaltung verdeutlichen das. Es hat die Tendenz zur Anthropologisierung und Entspezifizierung. Das ist vor allem bezüglich des Menschheitsverbrechens der Shoah problematisch.
Und andersherum ist es nicht minder problematisch. In dem aktuellen Film „Naza“, was auf Hebräisch im IDF-Slang so viel heißt wie „Kollateralschaden“, werden israelische Soldaten gefilmt, die sagen, dass sie an Kriegsverbrechen beteiligt waren. Mal wussten der entsprechende Kommandant und die ausführenden Soldaten, dass 50 oder 100 oder mehr unbewaffnete Zivilist:innen getötet werden würden, um einen Hamas-Kämpfer auszuschalten. Dieser Zynismus ist schockierend und zeigt, zu welchen Verbrechen Israel offenkundig fähig war und ist.
Doch der Film ist gleichwohl offenbar antisemitisch, denn er vergleicht die Shoah mit dem Gaza-Krieg Israels, wie die Haaretz, die diese Kriegsverbrechen ja seit Jahren immer wieder zum Thema macht, kritisiert (alle Übersetzungen aus dem Englischen vom Verfasser):
Der dramatische Höhepunkt der Handlung, ja die Klimax des Films „NAZA“ ist ein visueller Vergleich zwischen Bildern eines Zuges nach Treblinka aus Claude Lanzmanns Film „Shoah“ und dem Zug, der entlang der Ayalon-Autobahn fährt, untermalt von Zitaten israelischer Soldaten, die bedingungslos Befehle befolgten, unschuldige Palästinenser im Gazastreifen zu töten. Diese offensichtliche Anspielung soll daran erinnern, was Nazi-Offiziere während der Nürnberger Prozesse zu ihrer Verteidigung sagten.
Dennoch schmälern solche billigen Holocaust-Vergleiche nicht den Inhalt der gefilmten und aufgezeichneten Zeugenaussagen der Soldaten, die einen seltenen Einblick in die internen Abläufe der israelischen Streitkräfte bei der Suche, Identifizierung und Bekämpfung von Zielen im Gazastreifen gewähren.
Ich habe den Film bislang noch nicht gesehen, aber diese Szene ist widerwärtig, wenn sie so zu sehen ist und ich habe keine Veranlassung dem kritischen Auge des Haaretz-Journalisten zu misstrauen. Ihn nervt es ja sehr, dass das sehr wichtige Anliegen des Films, auf die Kriegsverbrechen Israels hinzuweisen, durch eine solche Analogie zum Holocaust perfide instrumentalisiert wird. In Gaza passierte kein Holocaust. Punkt. Wer das nicht sehen kann, will es nicht sehen oder hat sich nicht eine Sekunde mit dem industriellen Mord am Volk der Juden befasst.
Warum schaffen es israelische oder nicht-israelische Kritiker:innen so selten, eine nicht-antisemitische und nicht Holocaust verharmlosende Sicht auf die Kriegsverbrechen Israels zu zeigen? Warum diese nicht anders als antisemitisch zu nennende Obsession, Israel mit Nazi-Deutschland und der Shoah in direkte Beziehung zu bringen?
Auf der ganz anderen Seite sind jene, gerade am heutigen 7. Oktober, die nur die Opfer der islamistischen und palästinensischen Massaker sehen, ohne an die Konsequenzen des darauffolgenden Krieges zu denken.
Sicher: ohne den 7. Oktober hätte es den Gaza-Krieg und die Kriegsverbrechen nicht gegeben.
Aber die antipalästinensische Ideologie zumal religiös-zionistisch-extremistischer Kreise gibt es schon viel länger, namentlich den „decisive plan“ Bezalel Smotrichs von 2017, wie ihn Daniel Goldman in unserem Buch „Woke Zionism“ luzide und scharf analysiert und kritisiert.
Und es gibt allzu viele, die kicherten, als die IDF Hochhäuser sprengten oder mit Scharfschützen unbewaffnete Palästinenser ermordeten.
Es ist schwer, beide Seiten zu sehen, ohne dem Antizionismus zu frönen.
Aber es ist dramatisch, nur die jüdischen Opfer zu sehen und nicht das, was nach dem 7. Oktober passierte.
Eine linkszionistische Position versucht, beide Seite zu sehen, ohne dadurch äquidistant zu sein. Nein, Empathie mit Unbewaffneten heißt nicht, dass die schuldlos sind, wenn sie nichts taten, um die Hamas zu stoppen oder Israel bei dem Auffinden der Geiseln zu helfen. Aber es ist kein Grund sie einfach zu ermorden. Punkt.
Ein linkszionistischer Intellektueller kämpft gegen die Hamas-Fans in der Linkspartei und bei vielen anderen, aber er ist auch engagiert gegen die Mainstream-Israel-Solidarität, die zu den Verbrechen der IDF und dem Lachen von jüdischen Soldaten, die hüpfen, springen und brüllen, dass es keine Zivilisten in Gaza gebe, schweigt.
Ein weiterer Haaretz-Text bringt es auf den Punkt – aber auch das wird die deutsche Pro-Israel-Szene nicht lesen, weil sie von sich überzeugt ist, moralisch immer auf der richtigen Seite zu stehen und immer nur die a-sozialen Medien rezipiert, wo Antisemiten sich gegenseitig feiern, aber die Anti-Antisemiten ebenso gefangen sind in ihrem Algorithmen-Kokon, und das wissen und auch feiern.
Daher also diese Haaretz-Kritik von gestern, dem 6. Oktober 2026:
Die Wahrheit ist: Diejenigen, die uns ständig davor warnen, zum 6. Oktober zurückzukehren, wollen, dass wir für immer am 7. Oktober verharre: eine verängstigte Öffentlichkeit, mobilisiert, gierig nach Rache und Krieg, die keine Fragen stellt und keine Antworten verlangt. Eine Öffentlichkeit, für die Kompromisse eine Gefahr sind, Mitgefühl Verrat bedeutet und nur noch mehr Gewalt Sicherheit bringt.
Und so kann sich gerade der Mann, der uns im Stich gelassen hat, drei Jahre nach der schlimmsten Katastrophe in der Geschichte des Landes als derjenige präsentieren, ohne den wir nicht überleben werden.