Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)
Einen der aggressivsten, abstoßendsten und Holocaust verharmlosenden Kommentare zum sensationellen Wahlerfolg der Partei Die Linke bei der Wahl in Berlin am 20. September 2026 brachte die ARD im Fernsehen. Es war ein Kommentar des Journalisten Jörg Thadeusz in den ARD-Tagesthemen am 21. September 2026 (Min. 27:22 bis 29:19), der die Spitzen von SPD und Grünen direkt ansprach und fabulierte, sie hätten am kommenden 27. Januar ja womöglich Zeit, weil sie ja die Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestag sicher nicht mitmachen werden. Warum sollten SPD und Grüne der Gedenkveranstaltung der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz fernbleiben? Weil sie womöglich mit der Partei Die Linke in Berlin koalieren könnten und wer mit so einer Partei, die unzweifelhaft antisemitische Mitglieder und Wähler*innen hat, wie alle Parteien in Deutschland, koaliere, würde das „nie wieder“ ja nicht ernst meinen.
Bei den üblichen Verdächtigen der selbst ernannten Pro-Israel Szene, die fast immer antiisraelisch ist und gar nicht sehen will und kann, dass der größte Feind Israels die israelische Politik und die Verbrechen der israelischen Armee im letzten Gaza-Krieg sind, fand dieser Kommentar von Jörg Thadeusz tosenden Applaus. Denn Thadeusz beendete sein vor Selbstgerechtigkeit, Arroganz und anti-linkem Fanatismus nur so triefenden Hasskommentar gegen alle Linken mit den Worten „Am Israel Chai“.
Für weite Teile dieser „Pro-Israel-Szene“ hat zudem der preisgekrönte Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen, die vom Zentralrat der Juden in Deutschland herausgegeben wird, Philipp Peyman Engel zusammengefasst, wie diese Kreise so denken:
Eines sollte klar sein: Werden Sozialdemokraten und Grüne sich für Die Linke entscheiden, könnten sie nicht länger für sich beanspruchen, eine Partei mit demokratischem und moralischem Gewissen zu sein. Und schon gar nicht könnten sie dann länger für sich reklamieren, Konsequenzen aus dem viel zitierten und auch von ihnen oft wie eine Monstranz vor sich her getragenen »Nie wieder!« gezogen zu haben.
Soll das heißen, Auschwitz war so schlimm wie der Wahlsieg der Linken in Berlin am 20. September 2026?
Ist das die dermaßen koschere Version von Holocaust-Verharmlosung, analog zur nicht-jüdischen in der ARD ?
Auf einer Wahlkampfveranstaltung der CDU zur Wahl in Berlin sagte Bundeskanzler Friedrich Merz vor wenigen Wochen:
„Antisemitismus ist die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit„.
Er meinte das empathisch und dachte offenbar ernsthaft, damit etwas für die Juden und Jüdinnen gesagt zu haben, sich gegen Judenhass auszusprechen. Dabei ist das ja ein bemerkenswert dummer Satz, der zeigt, wie wenig Aufklärung über Antisemitismus in der sogenannten bürgerlichen Mitte dieses Landes angekommen ist. Denn die deutschen Juden und Jüdinnen sind ja keine Ausländer, weder waren sie das 1873, 1932 oder 1935, noch 2026.
Zum Thema Holocaustverharmlosung und das Nicht-Thematisieren der deutschen Schuld und des Holocaust steht exemplarisch das Wahlprogramm der CDU/CSU zur deutschen Bundestagswahl 2025, worin es heißt:
Erinnerungskultur verstetigen und erweitern. Die Erinnerung an die beiden totalitären
Regime in Deutschland ist für uns ein Auftrag für Gegenwart und Zukunft.Zugleich erweitern wir den Erinnerungsansatz um die Geschichte des Kolonialismus.
• SED-Diktatur weiter aufarbeiten. Dazu wollen wir Wissenschaft und Forschung auch in
den kommenden Jahren fördern. Zudem beseitigen wir rentenrechtliche Benachteiligungen
bei Übersiedlern aus der DDR und Verfolgten des SED-Regimes.
Das ist totalitarismustheoretischer Blödsinn, eine Ideologie, die Rot und Braun gleichsetzt und damit die Einzigartigkeit des Holocaust leugnet. Das Wort Nationalsozialismus oder NS oder Faschismus kommen in dem Wahlprogramm von CDU/CSU nicht vor. Das müsste man mal Jörg Thadeusz von der ARD erzählen! Von wegen „nie wieder“ und so. Es ist auch eine Universalisierung des Holocaust, der als Konsequenz der deutschen Ideologie und des Nationalsozialismus gar nicht erwähnt oder erkannt wird, aber irgendwie in eine Reihe mit den gänzlich anders gelagerten Verbrechen des Kolonialismus gestellt wird. Von der CDU/CSU wohlgemerkt.
Wer von den sechs Millionen ermordeten Juden reden will und von der DDR spricht, hat gar nicht verstanden, was im Holocaust passiert ist, ja trivialisiert dieses Menschheitsverbrechen auf typisch deutsche und CDU/CSU mäßige Art und Weise, die auch an Universitäten weit verbreitet ist, nicht nur in den USA, wo die Gleichsetzung von Rot und Braun ohnehin Usus ist – wie in der EU, by the way.
Es gibt massiven Antisemitismus, Judenhass und Israelhass in der Partei Die Linke, nicht nur im Bezirk Berlin-Neukölln, dort aber verstärkt. Aber gleichzeitig hat sich die Bundespartei klar gegen Israelhass ausgesprochen, aber natürlich die Kritik an der israelischen Politik sowie an Kriegsverbrechen der israelischen Armee davon ausgenommen.
Worum geht es also beim Durchdrehen der bürgerlichen Mitte in Berlin?
1) Antikommunismus. Nach der Befreiung der wenigen Überlebenden vom Nationalsozialismus wurde umgehend der Kommunismus zum Hauptfeind erklärt. Die Amerikaner stellten ehemalige Nazis in ihre Dienste und beendeten die Entnazifizierung, die ohnehin nur ein läppischer Versuch war, die Demokratie nach Deutschland zu bringen, was die meisten ganz normalen Deutschen nur widerwillig und aus taktischen Gründen mitmachten. Diese Entwirklichung der deutschen Verbrechen ist der Kern des erinnerungsabwehrenden oder sekundären Antisemitismus. In Berlin war der Hass auf alles Linke oder Rote besonders obsessiv. Die antisoziale oder a-soziale Politik der aktuellen Bundesregierung würde in Berlin von einer rot-grün-roten Regierung zumindest ansatzweise kritisiert und revidiert werden können. Dazu gehört der Kampf gegen die kriminellen Mietpreise in Berlin und im ganzen Land. Die panische Angst der bürgerlichen Fratzen vor „Enteignung“ von großen Wohnungsbaugesellschaften, die besonders in der Verantwortung stehen, ist ein Ausdruck dieser anti-roten Panik. Dabei ist ja laut Volksentscheid eine Mehrheit der Berliner*innen für eine solche Enteignungspolitik, die ja im Kern noch viel weiter gehen müsste.
2) Der zweite zentrale Aspekt für das Durchdrehen der bürgerlichen Klasse und vieler anderer ist das Ablenken von den Kriegsverbrechen Israels im Gaza-Krieg. 46 Prozent der Toten sind Zivilistinnen und Kinder, jeweils unbewaffnet. Das ist mit der höchste Prozentsatz an „Kollateralschäden“ in Kriegen der letzten Jahrzehnte. Angefangen hat der Krieg mit den nie dagewesenen Massakern der Hamas und der Palästinenser am 7. Oktober 2023, als 1200 Jüdinnen und Juden auf teils unschilderbare Weise abgeschlachtet, gefoltert, massenvergewaltigt und verbrannt wurden. Das schlimmste Massaker an Juden seit der Shoah.
Was aber danach geschah war ein fürchterlicher Krieg, der weit über das hinausging, was man in der Philosophie (Michael Walzer) „gerechten Krieg“ nennen kann. Dieser war gerecht, als es gegen die bewaffnete Hamas und andere Terrorgruppen ging. Doch das gezielte Töten von Zehntausenden Zivilist*innen gehört nicht dazu. Und diese Aufarbeitung ist dringend notwendig, wer die israelische Tageszeitung Haaretz liest, weiß das. Aber wer befasst sich schon mit der linken Kritik von Jüdinnen und Juden aus Israel?
Also: Berlin braucht endlich eine wirklich linke Ministerpräsidentin, Elif Eralp ist dafür nach allem, was wir bisher wissen, ziemlich gut geeignet. Natürlich muss dazu auch gehören, Antisemitinnen und Antisemiten aus der Partei zu schmeißen und umgehend. Wer davon lallt, dass Tel Aviv wieder palästinensisch werden soll, ist eine Antisemitin und gehört mit allen Mitteln des demokratischen Rechtsstaates bekämpft und die Partei Die Linke hat solche Existenzen in ihren Rängen. Aber das ist nicht die Parteispitze, das ist nicht das Parteiprogramm und das sind nicht alle vor allem jungen Wählerinnen und Wähler. Vielen von denen könnten mit einem linken Programm gegen Antisemitismus, für Israel und für Palästina, also für „woken Zionismus“ womöglich zum Nachdenken gebracht werden. Darum muss es gehen.
Der Kampf gegen Antisemitismus ist viel zu wichtig, als ihn den Agitator*innen der bürgerlichen Parteien und der bürgerlichen Presse zu überlassen, die ihn überall sehen, nur nicht bei sich selbst oder bei dem von ihnen promoteten AfD-Fan Elon Musk und seiner ekelhaften KI- und sonstigen technik-patriarchal-frauenverachtenden-turbokapitalistischen-antiökologischen und faschistoiden Entourage.
Die ‚Bürgerlichen‘ sind eigentlich gar keine Bürgerlichen, es fehlt vielen an Bildung und Stil, es ist also eine post-bürgerliche Klasse, deren Kern der Stolz auf Deutschland ist – jetzt auch natürlich wieder durch die deutsche Fußball-Nationalmannschaft und den neuen Trainer Jürgen Klopp (mit schwarz-rot-goldener Basecap), der auch wieder stolz sein möchte, Deutscher zu sein – hat er so gesagt – und der AfD die deutsche Fahne streitig machen möchte.
Dabei sind Nationalismus, die Erinnerungsabwehr und der Antisemitismus eng verbunden in diesem Land. Besonders krass sieht man das an der in Deutschland besonders fanatischen Unterstützung des Krieges in der Ukraine. Sehr viele Deutschen wollen Stalingrad rächen und endlich gegen ‚den Russen‘ militärisch siegen, dafür zahlen sie Hunderte Milliarden Euro für Waffen für die Ukraine, die an diesem Fanatismus und dieser wahnwitzigen Unterstützung eines nicht zu gewinnenden Krieges am meisten leidet. Bekanntlich waren Selenskyi und Putin im April 2022 unter anderem aufgrund der Vermittlung des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Naftali Bennett bereit, den Krieg zu beenden. Aber dann kam Boris Johnson aus London angeflogen und sagte, „wir“ würden mit einem wie Putin nicht verhandeln. Das ist die NATO-Doktrin. Bis vor wenigen Tagen der deutschen Außenminister mit dem russischen Außenminister in New York dann doch sprach und ihm die Hand schüttelte. Aber der von Russland begonnene und von der NATO und der Ukraine absichtlich (!) provozierte Krieg, der geht weiter.
Wegen diesem Besuch von Johnson, der amerikanischen und vor allem europäischen Unterstützung des Krieges sind seither Hunderttausende Menschen im Krieg gefallen und die Ukraine in weiten Teilen zerstört oder massiv beschädigt und die Menschen traumatisiert und verletzt, Millionen leben im Exil. Dabei wird es ziemlich exakt darauf hinauslaufen, was Russland wollte und was nachvollziehbar ist: die Ukraine wird niemals Mitglied der NATO werden, ein Bündnis, das sich ohnehin auflösen sollte, weil es den Militarismus, der in China oder dem Nahen Osten ohnehin extrem verbreitet ist, noch anstachelt und enorme Gelder für eine seriöse Sozial-, Bildungs-, Gesundheits-, Ökologie und zivile Politik verpulvert und die Gesellschaften auf Krieg einstimmt. Krieg gegen die Natur, gegen die Schwachen, gegen die Behinderten und Nicht-Mitgekommenen – damit alles weiter zur Ware gemacht werden kann und der KI-Faschismus an die Macht gehievt wird, von Menschenhand (!).
Gegen die Militarisierung in Deutschland wenden sich sehr viele junge Leute und wählen links. Sie wollen niemals für dieses Land in den Krieg ziehen und sind gegen die Wehrpflicht. Viele haben auch gemerkt, dass die Rechtsextremen der AfD wie auch der Kanzler den apokalyptischen Sommer mit unfassbaren Wüsten- und Hitzetagen über 40 Grad und einer nie dagewesenen Anzahl von Tagen über 30 und über 35 Grad prickelnd und „normal“ (AfD) oder jedenfalls nichts katastrophal fanden und sich viel zu spät zu Wort meldeten (Merz).
Der soziale Kahlschlag durch CDU/CSU/SPD ist ein weiterer Grund, links zu wählen. Was wäre mit einer Vermögenssteuer von 100 Prozent bei Vermögen über einer Million nicht alles möglich.
Würde Berlin eine linke oder zumindest in Teilen linke Regierung bekommen, wäre zumindest in Ansätzen eine solche Politik, die den Kapitalismus, die Erinnerungsabwehr an die deutschen Verbrechen in der Shoah sowie den Militarismus ein klein wenig mehr einhegt, eventuell möglich. Sicher, viele linke Wähler*innen wie Aktivist*innen haben bis heute ein verkürztes Verständnis vom Nationalsozialismus und sehen ihn als Extremform des Kapitalismus, dabei war eine solche Verkürzung dem alten Max Horkheimer, der das in den 1930er Jahren noch so formuliert hatte, später peinlich und wandte sich gegen eine Neuauflage seiner damaligen Thesen.
Aber angesichts einer rechtsextremen Partei, die nach der Macht strebt und im Osten auch schon hat – bei der Bevölkerung – wie der AfD, ist es von geradezu existentieller Bedeutung, dem von links was entgegen zu setzen. Daher: ein rotes Berlin.
Jenen, die bei einem Wahlsieg der Linken schreien, kreischen, toben und brüllen „Nie wieder“, die verharmlosen Auschwitz auf perfide Weise und sekundieren das totalitarismustheoretische, extremismustheoretische oder hufeisenblöde Geschwätz von Links gleich Rechts, Rot gleich Braun, Hitler gleich Stalin, 23. August gleich 30. Januar etc. pp.
Das zeigt, wie weit der Antisemitismus in diesem Land verbreitet ist, nicht nur bei Islamisten, Jihadisten, Trotzkisten, in der Partei Die Linken und bei Linken generell, sondern auch bei Rechtsextremen und zumal bei der bürgerlichen Mitte, die mit „nie wieder“ klammheimlich oder auch offen meinen: Nie wieder Befreiung durch die Rote Armee!
Wer bei einem Wahlsieg der Linken im Fernsehen, im Radio, in diesem Internet oder der Printpresse sowie am Stammtisch und auf der Straße von „Nie wieder“ gleichsam faselt, verharmlost Auschwitz und fühlt sich dabei auch noch als Speerspitze der nicht-jüdischen Solidarität mit Israel.
So tief ist dieses post-bürgerliche Land gesunken.
Einen zentralen Anteil daran hat die jüdische wie nicht-jüdische organisierte Israelsolidarität, die häufig oder meist gar nicht pro-israelisch ist, weil sie meint, wenn man von den unglaublichen Verbrechen der IDF schweigt, wird das schon gut gehen. Nein, wird es nicht. Ronen Steinke möchte die Handschellen bei Benjamin Netanyahu klingen hören und er hat Recht.
Aber jene, die besonders lautstark meinen, für Israel zu sein und nur Veranstaltungen zu Antisemitismus machen, aber niemals eine zu den Verbrechen der IDF, zur Siedlergewalt und der strukturellen, von der israelischen Regierung geförderten De-Palästinisierung des Westjordanlandes und Komplettzerstörung des Gazastreifens wie der geplanten Auswanderung der Palästinenser*innen, die leisten dem Zionismus und Israel einen Bärendienst.
Doch in unserer post-bürgerlichen Welt wissen ja viele gar nicht mehr, was ein Bärendienst eigentlich ist, oder? Was ist ein Bärendienst?
Die Redensart „jemandem einen Bärendienst erweisen“ geht wahrscheinlich auf eine französische Fabel zurück: Ein Mann und ein Bär freunden sich an. Während eines Mittagsschlafs setzt sich eine Fliege auf die Nase des Manns. Der Bär will ihm helfen. Wer schläft schon gern mit einer Fliege im Gesicht?! Doch die Fliege will einfach nicht verschwinden. Da nimmt der Bär einen großen Stein, zielt auf das Insekt und trifft – leider – auch den Kopf seines Freundes und tötet ihn. Was für ein Bärendienst! Der Bär hat eigentlich etwas Gutes im Sinn gehabt, doch er hat alles falsch gemacht.
Nahezu die gesamte organisierte Pro-Israel-Szene in Deutschland, die politische Klasse im Bundestag, den Landtagen und darüber hinaus leistet dem einzigen jüdischen Staat und dem Zionismus sehr häufig einen solchen Bärendienst mit ihren Veranstaltungen, Kundgebungen, Symposien und pseudo-akademischen Seminaren an Hochschulen oder gar Universitäten.
Sie bekämpfen fast immer nur den islamistischen oder linken oder palästinensischen oder arabischen und iranischen Antisemitismus und zerschmettern dabei parallel wie der Bär mit einem Steinschlag den einzigen jüdischen Staat, dessen politische Kultur und Verbrechen sie nicht ernst- und wahrnehmen, weil das ja sicher nicht so gemeint sei.
Sie lesen die Springer-Presse oder die Jüdische Allgemeine, machen öffentliche Kundgebungen und klatschen sich in ihren WhatsApp-Gruppen, auf Instagram, Facebook und haste-nicht-gesehen Foren gegenseitig auf die Schulter und stacheln sich auch an, scharf weiter zu machen wie bislang.
Das ist ein Bärendienst für Jüdinnen und Juden und den einzigen Judenstaat.