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Haaretz: Ist Ben-Gvir nur ehrlicher und vulgärer als Gadi Eisenkot, die IDF und die israelische Gesellschaft?

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Der israelische Minister für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir sagte vor wenigen Tagen, wie die Presse weltweit berichtete:

„Ich finde, in Gaza sollten jede Nacht gezielte Tötungen durchgeführt werden. Man sollte 30 oder 40 ausschalten“, sagte er. „Nicht nur diejenigen, die euch gerade jetzt gefährden. Das sind Menschen, die nicht am Leben sein sollten“, sagte Ben-Gvir. „Ich mache ihnen ein Kompliment, wenn ich sie als Menschen bezeichne.“

(Alle Übersetzungen aus dem Englischen in diesem Text vom Autor)

Die ZEIT nennt Ben-Gvir „Minister des Hasses“ und schreibt:

Dass sein Interview mit den menschenverachtenden Aussagen kurz vor dem Besuch von Jared Kushner als US-Sondergesandter für Friedensmissionen bei Netanjahu veröffentlicht wurde, überrascht nicht: In Wahlumfragen kommt Ben-Gvirs Partei ‚Jüdische Stärke‘ auf zehn von 120 Knessetsitzen. Das wären so viele wie nie und genug, um für Netanjahu politisch überlebenswichtig zu sein. Ben-Gvir strotzt somit vor Kraft.

Der SPIEGEL geht noch weiter und analysiert, dass Ben-Gvir eigentlich nur ausspricht, was während des Gaza-Krieges von Israel an der Tagesordnung war:

Zumal die Frage ist, warum die Aufregung über Ben-Gvirs Worte eigentlich so groß ist, aber nicht die über die ganz realen Taten von Israels Regierung und Armee. In Gaza wurden in den ersten zwei Kriegsjahren mehr als 70.000 Palästinenser getötet, darunter allein 21.000 Kinder und Jugendliche. Es sind Zahlen, die man selbst in Israel inzwischen nicht mehr bestreitet. Mit anderen Worten: Israels Armee hat im Durchschnitt pro Tag ziemlich genau 30 Kinder und Jugendliche getötet, per se Unschuldige. Dazu kommen noch zahlreiche erwachsene Opfer, die mit der Hamas nichts zu tun hatten.

Komplett realitätsfremd hingegen ist die Einschätzung des Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Volker Beck in der Jüdischen Allgemeinen, der Wochenzeitung des Zentralrats der Juden in Deutschland:

Aber: Diese Aussagen spiegeln nicht die Politik Israels wider. Denn Ben-Gvir ist zwar Mitglied des Sicherheitskabinetts des Staates Israel. Er hat aber in Gaza weder militärische noch exekutive Gewalt. Er ist dort Zuschauer und Kommentator. Und aktuell auch Wahlkämpfer einer Kleinpartei.

Ganz im Gegensatz dazu schreibt die israelischen Tageszeitung Haaretz:

Deutschland hat seinen israelischen Bösewicht gefunden. Wird es weiterhin die Realität ignorieren, die ihn hervorgebracht hat?

Es ist klar, dass man so eine Kritik weder von der DIG noch vom Zentralrat der Juden in Deutschland oder der selbst ernannten Pro-Israel Szene hören wird. Wer sich wirklich um die Situation in Israel kümmert, weil sie erdrückend und schockierend ist, seit Jahren, sind einige wenige linke Aktivist:innen, Autor:innen und Journalist:innen in Israel.

So heißt es weiter in dem Text von David Issacharoff:

Ben-Gvir mag zwar offen dazu aufrufen, täglich Dutzende Palästinenser zu töten. Doch die gesamte von Netanjahu geführte Regierung hat diese Rhetorik nach dem 7. Oktober in die Tat umgesetzt und sich für die Tötung von Zehntausenden sowie die Zerstörung des Gazastreifens bis auf die Grundmauern ausgesprochen. Acht Monate lang nach dem Angriff der Hamas gehörten zu dieser Regierung auch Benny Gantz und Netanjahus derzeitiger Hauptkonkurrent, Gadi Eisenkot, der schließlich zurücktrat, weil Netanjahu es seiner Meinung nach versäumt hatte, ein konkretes Nachkriegsziel für den Gazastreifen zu formulieren. Er verließ die Regierung sicherlich nicht aus Protest gegen die wahllose Tötung von Palästinensern.

Ganz ähnlich schrieb kurz zuvor Ben Samuels ebenfalls in der Haaretz über das intellektuelle Versagen weiter Teile des amerikanisch-jüdischen Establishments, dem er vorwirft,

ein Israel zu verteidigen, das es längst nicht mehr gibt.

Dabei kritisiert Samuels eine ganz typische und reduktionistische Stellungnahme des American Jewish Committee (AJC) zu den rassistischen und menschenverachtenden Aussagen von Ben-Gvir.

Ben-Gvir ist kein x-beliebiger Hinterbänkler, Randaktivist oder chronischer Online-Troll. Er ist der Minister, der für das israelische Polizei- und Strafvollzugssystem zuständig ist. Er sitzt im Kabinett und übt großen Einfluss sowohl auf die israelische Politik als auch auf Ministerpräsident Benjamin Netanjahu aus. Zu behaupten, seine Ansichten spiegelten in keiner Weise die der israelischen Regierung wider, zeugt von einer vorsätzlichen Ignoranz gegenüber der israelischen Politik selbst und dem Wesen der heutigen israelischen Gesellschaft.

Das steht in krassem Kontrast zu einem nationalistischen und anti-palästinensischen Text in der Times of Israel (TOI), die in den letzten Jahren auch deutlich nach rechts gerückt ist. In dem von der Redaktion der TOI promoteten Text von Eitan Chikli vom 11. August 2026 wird vor Gadi Eisenkot gewarnt – nicht weil er wie die Haaretz zu Recht betont, an der Tötung von vielen Tausenden unbewaffneten Zivilist:innen in Gaza als Teil des Kriegsministeriums politisch und juristisch mitverantwortlich ist, sondern weil er viel zu lasch sei und Palästinenser:innen zumal aus dem Westjordanland mehr Arbeitserlaubnisse geben möchte.

Wer sich Jahrzehnte für den Zionismus und für Israel wissenschaftlich, intellektuell wie aktivistisch eingesetzt hat, kriegt eben die Vollkrise, wenn man sich mit der israelischen Realität beschäftigt.

Natürlich ist der Unterschied ums Ganze, dass andere rechtsextreme Regierungen weltweit oder islamistische oder andere autoritäre Regime nicht annähernd die Aufmerksamkeit bekommen, wie Israel. Wer sorgt sich schon um Rassismus und Technofaschismus in China, um antisemitische Soldaten und Würdigungen von Nazi-Kollaborateuren oder den antirussischen Drohnenkrieg in der Ukraine – während rechtsextreme Vordenker großrussischer Träume (Dugin) und die brutale russische Version des Drohnen- und sonstigen Krieges sehr wohl und zu Recht kritisiert werden – oder wer hat auch ne kleine Ahnung von antidemokratischen Parteien und Tendenzen in weiten Teilen Afrikas oder Lateinamerikas?

Siehste. Israel ist seit 1948 weltweit im Fokus, vielfach aus antisemitischen Motiven heraus. Aber hier und heute eben nicht nur aus antisemitischen Motiven, sondern im Gegenteil auch aus zionistischer Perspektive heraus.

Israel ist hier und heute völlig zu Recht im Fokus, wenn es darum geht, eine Demokratie mit ihren Fehlern und auch mit ihren Kriegsverbrechen zu konfrontieren.

Israel ist durch die präzedenzlosen islamistischen Massaker der Hamas, des Islamischen Jihad und der Palästinenser vom 7. Oktober tief traumatisiert.

Doch seine Reaktion im Gazakrieg sprengte nach wenigen Wochen alle Relationen und zerstörte buchstäblich nahezu alle Gebäude und Infrastruktur und tötete Zehntausende Unschuldige.

Ben Samuels beendet seinen Text, der den paar wenigen Linkszionist:innen, die es weltweit noch gibt, aus dem Herzen spricht:

Das American Jewish Committee (AJC) kann jedoch nicht jede hässliche Ausprägung der israelischen Politik als etwas abtun, das irgendwie außerhalb der Realitäten Israels selbst liegt. Wir haben den Punkt längst hinter uns, an dem die Behauptung, Ben-Gvir sage nichts über die Regierung aus, noch einer Verteidigung Israels gleichkam. Es sieht zunehmend eher so aus, als weigere man sich, tatsächlich hinzuschauen, was aus Israel geworden ist.

Natürlich lacht die mainstreamig-reaktionäre und im Kern anti-israelische Pro-Israel-Szene in Deutschland, Österreich oder den USA, Frankreich und England darüber herzhaft, sie teilen großteils den weltweiten neuen Autoritarismus.

Ohne eine Aufarbeitung der Kriegsverbrechen der israelischen Armee IDF im Gaza-Krieg (und im Libanon-Krieg btw) wird es niemals Frieden geben, sowenig es jemals Frieden geben wird, wenn die Araber Israel nicht anerkennen und aktiv gegen den muslimischen und säkular-arabischen antizionistischen Antisemitismus vorgehen.

Und das ist die Ironie unserer Tage schlechthin: es ist aktuell fast wahrscheinlicher, dass ein Terrorstaat wie Saudi-Arabien, der Frauen wie Müllsäcke behandelt und Oppositionelle steinigt, Homosexuelle ermordet und Dieben die Hände abhackt, Israel anerkennt und gegen den antisemitischen Jihad vorgeht als dass Israel gegen den jüdischen Terrorismus im Westjordanland aktiv wird und den Palästinenser:innen ihren Staat ermöglicht, wie von der UN Resolution 181 am 29. November 1947 verkündet.

David Issacharoff bringt es in seinem Text vom 20. August 2026 auf den Punkt:

Die Bestrafung eines bequemen Bösewichts allein wird Israel nicht verändern. Tatsächlich könnte es sogar das Gegenteil bewirken: Es könnte Ben-Gvirs Image als Israels einsamer Kämpfer stärken, während er in einem Land, das von Tag zu Tag extremer wird, zunehmend zum Mainstream wird.

Die Haaretz und selbst manche Autorinnen vom Spiegel oder gar das Satiremagazin Postillon haben das erkannt, aber die deutsche Bundesregierung, die DIG, das AJC und andere jüdische Organisationen in den USA und der Zentralrat der Juden in Deutschland ohnehin werden noch Jahrzehnte brauchen, um zu solchen Erkenntnissen zu gelangen. Zu spät für die Palästinenser:innen und zu spät für die Rettung dessen, was 1947 als zionistische Idee von Israel einmal existierte.

2023 gab es Massenproteste gegen die bis heute geplante Justizreform in Israel. Hunderttausende demonstrierten an Samstagen und anderen Tagen. Und das von Januar bis September 2023, jede Woche. Wenn jetzt ein Fascho wie Ben-Gvir, israelischer Minister, offen davon spricht, täglich 30 bis 40 Palästinenser:innen in Gaza einfach abzuschießen, gibt es keine Proteste. Das sagt uns eigentlich alles über die politische Kultur in Israel.

Sicher, es gibt die Haaretz. Und es gibt zionistische Forscher:innen, Autor:innen sowie NGOs, die für ein demokratisches Israel kämpfen. Aber das sind mini-kleine Kreise, mit denen man gemütlich Latkes oder Sufganiot essen kann am Shabbes-Ausgang Samstag Nacht – aber sie sind zu wenige, um Israel vor sich selbst und vor seinen selbsternannten Freund:innen zu retten.

 

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