Ende einer Epoche: Zum Tode meines Freundes, des Historikers und zionistischen Intellektuellen Robert Solomon Wistrich, z‘‘l

Robert S. Wistrich war der weltweit bekannteste und renommierteste Antisemitismusforscher unserer Zeit. Er war einer der berühmtesten israelischen Forscher in den Geisteswissenschaften überhaupt. Der am 7. April 1945 in Kasachstan als Sohn polnisch-jüdischer Eltern geborene Historiker war „Neuburger Professor“ für „moderne europäische und jüdische Geschichte“ an der Hebräischen Universität Jerusalem und seit 2002 Direktor des dort 1982 gegründeten Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA), das sich seither einen Ruf als einzigartige Forschungsstätte erworben hat. Robert Solomon Wistrich starb am 19. Mai 2015 während einer Vortragreise in Rom an einem Herzinfarkt.

 

Prof. Dr. Robert Solomon Wistrich, Berlin, 16. September 2014

Prof. Dr. Robert Solomon Wistrich, Berlin, 16. September 2014

Sein Tod trifft seine Familie und Freunde, aber auch die weltweite Community von Zionisten und kritischen Antisemitismusforscherinnen- und forschern wie ein unfassbares Beben. Ein Schock.

 

Dabei mag es rückblickend wie ein Wunder wirken, dass Wistrich 70 Jahre alt wurde, wie sein Sohn auf der Beerdigung am 21. Mai 2015 in Jerusalem sagte – denn im Alter von 27 wurde bei Wistrich eine Krebsart diagnostiziert, bei der die Überlebenschancen laut Enzyclopaedia Britannica bei 2% liegen.

 

Robert wirkte am 14. Mai 2015, dem Tag, als wir uns das letzte Mal sahen, zuerst müde. Doch selbst in solchen Momenten vermochte er es wie kein zweiter public intellectual zu brillieren. Er sprach auf dem Global Forum for Combating Antisemitism, der weltgrößten Konferenz gegen Antisemitismus, zum Lunch. Vor ihm hatte Dan Shapiro, ein junger aufstrebender Diplomat, Botschafter der USA in Israel, eine Rede gehalten. Dessen Lobeshymnen auf Obamas Kampf gegen Antisemitismus ließ Wistrich nicht unkommentiert. Er begann gerade in diesem Rahmen seine Rede mit einer „ganz typischen jüdischen Frage“: „Wenn alles so wunderbar ist, warum ist es dann so schlimm?“ Seine letzte große Rede, vor 600 Gästen im Jerusalem Convention Center, war der intellektuelle Höhepunkt des Global Forums.

Robert Wistrich Clemens Heni Perry Trotter May 14, 2015, Jerusalem

Robert Wistrich, Clemens Heni, Perry Trotter, Jerusalem, 14. Mai 2015, Global Forum for Combating Antisemitism

 

Später ging Robert noch in eine der working groups (über Holocaust-Trivialisierung), und wir sprachen noch sehr lange und waren bei den Allerletzten, die das Global Forum verließen. Er erzählte mir, dass er seine Nachfolge als Direktor des Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA) ab Oktober 2015 regeln müsste. Merkwürdigerweise legte ihm die Hebräische Universität eine Liste mit Namen vor, darunter ausschließlich eigene Dozenten. Schließlich sagte mir Robert mit einem gewissen Schulterzucken sinngemäß, er habe schließlich die womöglich am wenigsten problematische Person gewählt…

 

Der Tod von Robert S. Wistrich besiegelt das Ende des Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA), auch wenn das Zentrum formal erstmal weiterexistieren wird. Doch als führender zionistischer Intellektuelle, als der bedeutendste Antisemitismusforscher und als Historiker jüdischer Geschichte ist er nicht zu ersetzen. SICSA war Robert Wistrich und vice versa.

 

Er meinte, vielleicht würden wir uns ja am Sonntag am Ben Gurion International Airport treffen, da er nach Rom und wir zurück nach Berlin fliegen würden. So kam es, dass ich am Mittwochmorgen von Anat Varon, Roberts letzter Doktorandin, eine E-Mail bekam mit der schrecklichen Nachricht. Es gab vielfach Anzeichen für seinen wirklich schlechten Gesundheitszustand, doch Vorsicht, Zurückhaltung oder die Sorge um sich selbst waren ihm offenbar unbekannt. Anat zeigte mir Roberts Lieblingsplätze an der Hebräischen Universität, seinen quasi kaum bekannten zweiten Arbeitsraum (neben jenem bei SICSA) und sie erzählte wie genussvoll er bei Gesprächen über ihre Dissertation zu Franz Werfel, Österreich und jüdische Geschichte, Schokolade aß, die sie immer mitbrachte.

Prof. Dr. Robert S. Wistrichs Arbeitszimmer an der Hebräischen Universität Jerusalem

 

In seiner Rede auf dem Global Forum spannte Robert den Bogen vom Kampf gegen den Antisemitismus hin zum jüdischen „Empowerment“, zum aktiven Eintreten für Israel als das Land der Juden, wie es in einer bahnbrechenden Ausstellung des Simon Wiesenthal Centers, die Wistrich erarbeitet hat und die – nachdem Proteste arabischer Staaten, sie könne den „Friedensprozess“ gefährden, für eine Verschiebung ihrer Eröffnung und Umbenennung gesorgt hatten – selbst bei der UNESCO in Paris und dem UN-Hauptquartier in New York gezeigt wurde, so phänomenal deutlich wird: „People, Book, Land: The 3500 Year Relationship of the Jewish People with the Holy Land“.

 

Robert Wistrich war es, der mich im Dezember 2002 zu meiner ersten Israelreise einlud, mitten in der zweiten Intifada. Mein Vortrag auf seiner ersten großen Konferenz als Leiter von SICSA – über Medien, Antizionismus und politische Kultur in der Bundesrepublik – verursachte eine tomatenroten Kopf des Kulturattachés der Deutschen Botschaft in Israel, die meine Reise mitfinanziert hatte, und eine offizielle Beschwerde der Deutschen Botschaft beim Präsidenten der Hebräischen Universität Jerusalem über meine Person (und über meinen Kollegen Martin Ulmer von der Universität Tübingen). Die Botschaft forderte die Hebräische Universität auf, das Zentrum nicht weiter (oder weniger stark) zu unterstützen. Zu diesem Zeitpunkt war Robert Wistrich noch keineswegs als Leiter von SICSA etabliert, wenngleich als Antisemitismusforscher schon längst eine Berühmtheit.

Es war eine Ehre als frisch gebackener Promotionsstipendiat der Hans Böckler Stiftung (HBS) von offizieller Seite so wahrgenommen zu werden. Konsequenz: der Präsident der Hebräischen Universität befand unsere Vorträge als wissenschaftlich einwandfrei, es gab seither keinerlei Kontakt mehr zwischen SICSA und der Deutschen Botschaft. Ich bekam 2003 und 2004 ein Felix Posen Fellowship von SICSA. Robert selbst erwähnte diesen Konflikt mit der Deutschen Botschaft bei unserem Besuch am 12. Mai 2015 bei SICSA.

 

Wistrichs Bezeichnung des Antisemitismus als „der längste Hass“, wie sein gleichnamiges Buch und eine daran angelehnte dreiteilige Fernsehserie 1991 hießen – Antisemitism: The Longest hatred –, ist so prägnant wie mittlerweile international etabliert.

 

1985 beschrieb Wistrich in seinem Buch Hitler’s Apocalypse (auf Deutsch 1987: Der antisemitische Wahn: Von Hitler bis zum Heiligen Krieg gegen Israel), wie er bereits zehn Jahre zuvor in England eine neue Form des Antisemitismus bemerkt hatte: den antizionistischen Antisemitismus, der heute ein wesentlicher Teil dessen ist, was man „neuer Antisemi­tis­mus“ nennt. Dieser ging zunächst vor allem von Linken, häufig gut ausgebildeten Leuten an Universitäten aus.

Was damals noch am Rande der Gesellschaft sich zutrug, ist längst Mainstream. Der islamische Antisemitismus benötigt den Antisemitismus der Linken und des Mainstreams in westlichen Ländern dringend. Ohne wohlwollende, abwiegelnde Linke, Liberale und naive Multikulturalisten, die das Thema muslimischer Antisemitismus aus den Universitäten zu verbannen suchen, hätten die Islamisten kein so leichtes Spiel.

 

Robert S. Wistrichs wissenschaftliche Karriere begann an der berühmten Wiener Library in London in den 1970er-Jahren, nachdem er Ende der 1960er-Jahre unter anderem im kalifornischen Stanford studiert hatte. 1982 erhielt Wistrich eine Professur an der Hebräischen Universität in Jerusalem, der Hauptstadt Israels. Man kann seine Forschungen in fünf Kategorien einteilen, wobei im Folgenden nur seine Bücher aufgeführt werden. Hinzu kommen etliche von ihm herausgegebene Bände, Hunderte Artikel, Einführungen zu Bänden, Broschüren und andere Texte, die fast alle ebenfalls in diese Kategorien fallen:

 

1) Die Linke und Antisemitismus. Hierzu zählen folgende Monografien: Revolutionary Jews from Marx to Trotsky (1976); Trotsky: Fate of a Revolutionary (1979); Socialism and the Jews: The Dilemmas of Assimilation in Germany and Austria-Hungary (1982); From Ambivalence to Betrayal. The Left, the Jews and Israel (2012).

2) Die Geschichte der Juden mit einem Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Judentum in Europa von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1933. Hierzu zählen seine 700 Seiten starke, mehrfach preisgekrönte Arbeit The Jews of Vienna in the Age of Franz Joseph, 1987 abgeschlossen, 1989 auf Englisch publiziert (1999 auf Deutsch Die Juden Wiens im Zeitalter Kaiser Franz Josephs); Between Redemption and Perdition. Antisemitism and Jewish Identity (1990); Austrians and the Jews in the Twentieth Century: From Franz Joseph to Waldheim (1992); Austrian Legacies: Jews and National Identity (2004); Ma’abada le-heres ha-olam. Germanim ve-yehudim be mercaz-europa (2006); Laboratory for World Destruction. Germans and Jews in Central Europe (2007).

3) Hitler, der Nationalsozialismus und der Holocaust. Who is Who in Nazi Germany (1982; 1983 und in weiteren Auflagen auf Deutsch unter dem Titel Wer war wer im Dritten Reich?); Hitler’s Apocalypse: Jews and the Nazi Legacy (1985; auf Deutsch 1987 Der antisemitische Wahn: von Hitler bis zum Heiligen Krieg gegen Israel); Weekend in Munich: Art, Propaganda and Terror in the Third Reich (1995; auf Deutsch 1996 Ein Wochenende in München: Kunst, Propaganda und Terror im Dritten Reich); Hitler and the Holocaust“ (2001; auf Deutsch 2003 Hitler und der Holocaust).

4) Theorien und Analysen des Antisemitismus und Antizionismus. Antisemitism: The Longest Hatred (1991); ebenso in Hitler and the Holocaust und in A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad (2010).

5) Muslimischer Antisemitismus. Diesen betrachtete Wistrich zunächst in Hitler’s Apocalypse (siehe [3]), sodann in der Broschüre Muslim Antisemitism. A Clear and Present Danger (2002,) sowie in weiten Teilen von A Lethal Obsession (2010), das neben (4) und (5) auch die anderen analytischen Kategorien behandelt.

 

Wer Wistrichs Bücher, Artikel und Broschüren liest, Interviews von ihm hörte, mit ihm diskutierte oder seine Vorträge live erlebte, bemerkte sofort: Inmitten einer geschwätzigen, sich am liebsten selbst bespiegelnden und innerhalb der eigenen Schulrichtung untereinander sich zitierenden Forscherwelt sprach hier jemand, der etwas zu sagen hat, der seine Analysen öffentlich diskutiert wissen wollte und sich nicht im Elfenbeinturm versteckte. Seine Bücher haben eine Geschichte.

 

Wistrich forschte und publizierte nicht, um eine lange Publikationsliste vorweisen zu können, wie es heute nicht selten mit Indifferenz zum Sujet der Fall ist. Seine Vorworte zu vielen seiner Studien zeugen von einer persönlichen Beziehung zu der jeweiligen Forschung. Sein Werk über die Juden Wiens im Zeitalter Kaiser Franz Josephs, die Geschichte der Juden im Habsburgerreich (dem ältesten europäischen Herrschaftsverbund, der von Ende des 13. Jh. bis 1918 währte), hat viel mit seiner Herkunft zu tun. Er widmete das Buch seinen vier Großeltern (Salomon und Anna Wistreich sowie Simon und Helena Silbinger), die Bürger von Krakau waren, das damals zur österreichisch-ungar­ischen Monarchie gehörte. Bereits 1969/70 fing er an, sich als Student an der Hebräischen Universität Jerusalem Wien und dem Fin de Siècle zu widmen – ein Projekt, das knapp 20 Jahre später in die genannte Studie mündete. Viel machte Wistrich an Personen fest, etwa an Sigmund Freud oder Arthur Schnitzler, Karl Kraus oder dem Rabbiner, Politiker und Autor Joseph Bloch.

 

Prof. Dr. Robert S. Wistrichs Zimmer als Direktor des Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA)

Prof. Dr. Robert S. Wistrichs Zimmer als Direktor des Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA)

Friedrich Nietzsche war für viele Zionisten um 1900 Inspiration für einen jüdischen Aufbruch, eine lebensfreudige, ästhetische, kraftvolle Kritik am herrschenden geistigen Stillstand des christlichen Europa mit seinem immer stärker werdenden Antisemitismus, gerade in Österreich-Ungarn und Deutschland, aber auch in Frankreich. Nietzsche war eine Provokation für Deutschtümler, Christen und Antisemiten. Wistrich zeigte, wie Nietzsche gegen den Antisemitismus im 19. Jahrhundert kämpfte und sich von seiner Schwester und von Richard Wagner geradezu angewidert abwandte. Ebenso analysierte Wistrich in Laboratory for World Destruction, wie manche Texte oder Phrasen Nietzsches wie der „Übermensch“ von Rechten und dem Nationalsozialismus in deren völkische Richtung uminter­pretiert werden konnten, was gleichwohl einer kompletten Verkehrung gleichkam. Tatsächlich hatte Nietzsche eher einen jüdischen „Supermann“ (so Wistrich) und vor allem eine „Entdeutschung“ im Blick als ein teutonisches Monster, was auch die Faszination der Zionisten und anderer Intellektueller, Außenseiter und Gesellschaftskritiker um 1900 und später erklärt. Wistrich geht auf die Analyse der Bibel aus der Feder des eher projüdischen Philosophen ein. Nietzsche machte sich über Christen lustig und feierte das Judentum, ohne ein plumper ‚Philosemit‘ zu sein – dafür waren sein Sarkasmus, seine Kritik und seine Umwertung der allzu deutschen Werte, die sich als Vorbild die Bosheit Heinrich Heines nahmen, viel zu stark, Leib gewordenes „Dynamit“. Nietzsche trennt in Die Genealogie der Moral zwischen Altem und Neuem Testament: „Das Alte Testament – ja, das ist ganz etwas anderes: alle Achtung vor dem Alten Testament! In ihm finde ich große Menschen, eine heroische Landschaft und etwas vom Allerseltensten auf Erden, die unvergleichliche Naivität des starken Herzens.

 

Robert Solomon Wistrich war nicht nur ein Historiker europäischer Geschichte. Insbesondere die intellektuellen Entwicklungen seit dem 19. Jahrhundert, häufig an herausragenden Protagonisten festgemacht, waren wesentliches Element seiner Forschungen. Interessant ist, wie er Geschichte mit heutiger Politik politisch-philosophisch in Beziehung setzte beziehungsweise heutige Phänomene kontextualisierte; so z. B., wenn er in Lethal Obsession den iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini und das iranische Prinzip des wali al-faqih, das dem oberster Herrscher die Exekutive, Judikative und die Legislative unterordnet, erwähnte und dieses Prinzip zu einer „dynamischen, schiitischen Version des platonischen Philosophenkönigs“ erklärte.

 

Wisstrich kannte sich in den Werken von Franz Mehring, Karl Marx, Karl Kautsky, Rosa Luxemburg, Theodor Herzl und Victor Adler so gut aus wie in der gegenwärtigen islamistischen Literatur und Publizistik aus Iran, Ägypten, den Golfstaaten, Syrien und dem Irak sowie der Palästinensischen Autonomiebehörde. Er war ein Aufklärer und weiß doch um die Dialektik der Aufklärung. Voltaire war nicht nur eine wichtige Figur der Aufklärung im 18. Jahrhundert, er war auch ein „rabiater Judenfeind“ mit großer Ausstrahlung nicht nur auf den französischen Antisemitismus (z. B. den Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon). Wistrich wusste um die Bedeutung von Bildung in der heutigen Zeit, doch ebenso war ihm vor dem Hintergrund der Geschichte des westlichen Antisemitismus und des Anteils der Gebildeten und Eliten daran seit dem Mittelalter bis in unsere modernen und postmodernen Zeiten bewusst: „Es ist nicht genug“, wie er 2009 auf einem Vortrag in Kanada sagte. Wer sich die Forschungstendenzen an Universitäten anschaut und sieht, dass gerade von den vorgeblich gebildetsten Kreisen Antisemitismus und Islamismus trivialisiert, vernebelt, wenn nicht massiv gefördert werden, merkt, wie naiv bloße Appelle wie „mehr Bildung für alle“ oder „Migranten in Deutschland brauchen mehr Bildung“ sein können.

 

Wistrich promovierte mit der oben genannten Arbeit Socialism and the Jews – eine über 700 Druckseiten dicke Arbeit, die auf der „Shiva“, der siebentägigen Trauerzeit im Hause des Verstorbenen, gemeinsam mit allen anderen Werken aus seiner Feder gezeigt wurde, was wie ein roter Faden in seinem Leben ist: die Geschichte der Linken und die der Juden.

 

Sein Vater, Jacob Wistreich, war kurzzeitig Mitglied der linken zionistischen Gruppe Hashomer Hatzair, wurde aber bald darauf durch eine Zwangsumsiedlung unter Stalin 1940 seiner Träume von einem „sozialistischen Paradies“ beraubt, wie Wistrich schreibt. Doch viel wichtiger: So überlebte der Vater den Holocaust; das Gleiche gilt für Sabina, Robert Wistrichs Mutter, der er mehrere seiner Bücher widmete. Fast die Hälfte seiner Familie hat Wistrich in der Shoah verloren.

 

Die Geschichte der Juden in Europa war für Robert S. Wistrich also sowohl biografisch als auch wissenschaftlich von herausragendem Interesse. Er wuchs in England auf, sprach aber zuerst Polnisch und Französisch, ebenso lernte er Englisch, Deutsch und Hebräisch; zudem konnte er Jiddisch, Russisch, Ukrainisch, Tschechisch, Italienisch, Spanisch, Lateinisch, Niederländisch und Arabisch.

 

Wistrich kannte eine ungeheure Anzahl von Dokumenten, gedruckten wie ungedruckten, und war in vielen wichtigen historischen Archiven von Paris bis New York, Jerusalem, Tel Aviv, Washington D. C., London, Rom und Wien unterwegs, um nur einige Orte zu nennen. Er hatte die Gabe, sich in die Details zu vertiefen und dabei das Ganze der Gesellschaft nicht aus den Augen zu verlieren und auf den Begriff zu bringen. So zitierte er zum Beispiel aus einem Brief des Wiener Komponisten Arnold Schönberg an den Maler Wassily Kandinsky vom April 1923, in dem der ansteigende Antisemitismus am Beispiel der „Bauhaus-Architektur-Schule“ in Deutschland thematisiert wird und Schönberg resigniert feststellt, dass er als Jude sich aus der Menschheit fast schon ausgeschlossen vorkommt, so aggressiv war schon seinerzeit das antisemitische Klima. Das bettete Wistrich in die Geschichte des Antisemitismus bis zum Holocaust ein, ausgehend vom Habsburger Reich, von Multiethnizität und Moderne hin zu Deutschtum, Nationalismus, Karl Lueger und Hitler.

 

2010 publizierte Wistrich im New Yorker Verlag Random House die derzeit umfangreichste und bedeutendste Monografie über die Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus: A Lethal Obsession: Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad (Eine tödliche Obsession: Antisemitismus von der Antike bis zum weltweiten Jihad). In diesem quellengesättigten, über 1.100 Seiten zählenden Werk stellt er in fünfundzwanzig Kapiteln umfassend die Geschichte des Antisemitismus dar – mit einem klaren Schwerpunkt auf dem zwanzigsten und vor allem einundzwanzigsten Jahrhundert. Es ist ein wissenschaftliches Standardwerk der Antisemitismusforschung und zugleich ein eminent politisches Buch, eine Einmischung, kein esoterisches Kleinklein für Oberstudienräte oder habilitierte Karrieristen.

 

Man sah es dem Verfasser durchaus schon an: Rollkragenpullover und Jackett sind nicht nur Insignien kritischer philosophischer Kreise der 1960er-Jahre und später. Wer wie Wistrich nicht selten öffentlich so auftrat, so auch bei seinem letzten großen Auftritt am 14. Mai 2015 in Jerusalem, gibt damit auch ein Statement ab. Man ist versucht zu sagen: Etikette ist etwas für „wannabees“, Intellektuelle haben das nicht nötig. Oder einfacher gesagt (mit Hegel im Hinterkopf): Inhalt schlägt Form. Der ruhige und sachliche, aber persönliche, engagierte Ton sowie seine historischen und philosophischen Anspielungen waren ungemein inspirierend. Wistrich betonte mitunter, wer ihn zu seinen vielfältigen Studien animiert hatte, zum Beispiel Simon Wiesenthal, der ihn Mitte der 1980er-Jahre bat, doch die Beziehung von Antizionismus und Antisemitismus zu untersuchen. Dieses Thema avancierte zu einem Schwerpunkt der Forschungen Wistrichs und mündete in die bereits erwähnte Analyse in Buchform und die TV-Serie Antisemitism: The Longest Hatred.

20 Jahre später, gleich zu Beginn des Buches Lethal Obsession, strich Wistrich heraus, dass der Antisemitismus seit dem Ende des Nationalsozialismus keine solche „Hochzeit“ („heyday“) mehr erlebt habe wie heute im Nahen Osten. Der Antisemitismus ist aus Deutschland in den Nahen Osten gewandert, ohne bloß exportiert worden zu sein. Wer bei Sinnen ist, kann weder die ungeheuerliche Quantität noch die gefährliche neue Qualität des muslimischen Antisemitismus ignorieren.

Wistrich war auch ein Kritiker mancher Erklärungen über den Holocaust (in seinem Buch Hitler and the Holocaust) und der These, die Moderne, Bevölkerungspolitik oder eine „Ökonomie der Endlösung“ und nicht ideologischer Hass und Antisemitismus seien für die Shoah verantwortlich gewesen. Hitler und der Nationalsozialismus insgesamt hatten eine „millenaristische, apokalyptische Ideologie der Vernichtung“, in deren Zentrum der „Antisemitismus“ stand, wie Wistrich hervorhebt. Wie bei seinen heutigen Analysen des islamischen Antisemitismus wendet sich der Historiker bei der Analyse des Holocaust gegen Rationalisierungen und ein Verstehenwollen von antisemitischer Agitation und Aktion, wo sich doch irrationaler Hass jenseits der Vernunft oder ökonomischer Logik befindet. Es gibt keine „Logik der Modernisierung“ in der Tatsache, dass die Deutschen 2.200 Juden von der griechischen Insel Rhodos nach Auschwitz deportierten, wie er schreibt.

 

Die herkömmliche Forschung ignoriert und derealisiert die internationalen Diskussionen über Antisemitismus in den letzten zehn Jahren. Sie will nichts von der Resignation der Juden in den Niederlanden wissen, von der der israelische Forscher und Holocaustüberlebende Manfred Gerstenfeld berichtet, wo viele Juden keine Zukunft mehr für sich in einem zunehmend von aggressiven Muslimen beziehungsweise Islamisten bestimmten Land sehen. Ähnlich sieht es in Schweden aus. Und Juden in Deutschland trauen sich kaum, offen mit Magen-David-Halskette durch die Straßen zu laufen, vor jeder Synagoge und jedem jüdischen Kindergarten stehen schwer bewaffnete Polizisten, um Juden vor antisemitischen Angriffen zu schützen. Ein Blick ins Internet zeigt einen teils unfassbar brutalen und vulgären Antisemitismus. Auch Robert Wistrich sprach in den letzten Jahren zunehmend pessimistischer über die Zukunft der Juden in Europa.

Die europäischen und deutschen Wirklichkeiten im virtuellen Raum, aber ebenso in Redaktionsstuben, auf den Straßen, in Forschungskolloquien, beim Einkaufen, auf Demonstrationen etc. sind vor allem seit dem Jahr 2000 und dann nach 9/11 von einem enormen Antisemitismus bestimmt. Die meisten Forscher wollen ihn nicht erkennen, weil er meistens nicht im Neonazi-Style daherkommt, sondern sich als „Israelkritik“ versteckt und aus der Mitte der Gesellschaft kommt. Der einstimmige Bundestagsbeschluss am 1. Juli 2010 bezüglich der sog. Gaza-Flottille ist ein Beleg für die zunehmende Israelfeindschaft selbst in einem Land, das sich als Freund des jüdischen Staates geriert. Und dann kam der antisemitische Sommer 2014 mit den brutalsten, massivsten und größten antijüdischen Aufmärschen in ganz Europa seit Jahrzehnten.

 

Im November 2011 erschien der erste „Antisemitismusbericht“ der Deutschen Bundesregierung („Antisemitismus in Deutschland. Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze“), verfasst von einem „unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus“, der sich aus zehn teils erfahrenen Forschern zusammensetzte. Darin wurden nicht nur die deutsch-iranischen Beziehungen außen vor gelassen und eine Analyse und Kritik des Islamfaschismus (in seiner historischen wie gegenwärtigen Version) verweigert. Auch die meisten der international bedeutenden Forscher zu muslimischem Antisemitismus wurden bewusst ignoriert. Während manche (Antisemitismus-)Forscher mit englischen Texten durchaus rezipiert wurden, ignorierte der Bericht z.B. alle Bücher und Artikel von Robert S. Wistrich, obwohl seine Texte sogar auf Deutsch vorliegen. Solche Ignoranz entspräche einer Studie über Die Geschichte der Physik in den Jahren 1900 bis 1925, die Albert Einstein noch nicht einmal erwähnte.

 

Würden die meisten deutschen (Antisemitismus-)Forscher/innen die Diskussionen in den jüdischen Gemeinschaften, z. B. in Europa, Israel und den USA kennen, wären sie über die dortigen Ängste in den letzten zehn Jahren informiert und würden nicht Texte publizieren, die z. B. in Anlehnung an Umfrageerbnisse ernsthaft behaupten, 47 % der Linken seien zwar „antiisraelisch“, aber nur 3 % davon antisemitisch. Als ob die Ablehnung des jüdischen Staates Israel nicht einen Kern des heutigen Antisemitismus ausmachte. Wer gegen (einen jüdischen Staat) Israel ist, ist heutzutage natürlich ein Antisemit, da Israel der Staat der Juden ist.

 

Die Situation in Europa und Deutschland ist dramatisch und die Forschung versagt in weiten Teilen. Antisemitismus ist unschwer erkennbar, wenn man denn nur luzide untersucht und nicht nur auf der Oberfläche surft. Eine Analyse der Medien ist von großer Bedeutung.

Ein Witz, den Robert S. Wistrich bei der offiziellen Präsentation seines Meisterwerkes A Lethal Obsession am 5. Januar 2010 im Woodrow Wilson International Center for Scholars in Washington D. C. im Beisein des bekannten Historikers Jeffrey Herf erzählte, mag verdeutlichen, wie Antisemitismus heute in Europa häufig funktioniert. Der Witz geht so: Steht ein kleines Mädchen verlassen in der Flughafenhalle in Paris und wird von einem aggressiven Hund, einem Pitbull, attackiert. Reaktionsschnell erschießt ein zufällig vorbeikommender Mann den Hund und rettet das Mädchen. Natürlich kommen sofort viele Journalisten, machen Bilder, loben den Helden und sagen zu ihm: „Morgen werden wir in den Pariser Zeitungen mit der Schlagzeile ‚Pariser rettet Mädchen vor dem Angriff eines Hundes‘ aufmachen.“ Daraufhin der Mann: „Aber ich bin gar nicht aus Paris.“ „Okay, dann schreiben wir ‚Franzose rettet Mädchen vor dem Angriff eines Hundes‘.“ „Aber ich bin auch kein Franzose.“ „Na gut, dann schreiben wir ‚Europäer rettet Mädchen‘.“ „Aber ich bin auch kein Europäer. Ich komme aus Israel.“ Darauf dann die Journalisten unisono: „Ah, okay. Dann bringen wir morgen die Headline: ‚Israeli tötet den Hund eines Mädchens‘.“

Seit Mitte der 1980er-Jahre betonte Wistrich (wie in seinem Buch Hitler’s Apocalypse von 1985), dass der muslimische Antisemitismus eine große Gefahr ist. Dies ist empirisch nachvollziehbar und zeigt, dass in Israel und den USA dieser Sachverhalt schon weitaus früher erkannt wurde, während sich in Deutschland bis heute der allergrößte Teil der universitären Forschung und der Mainstream der Politik, des Journalismus und der politischen Aktivisten weigern, dies auch nur zu thematisieren. Wistrich war als Forscher und Stipendiat bereits in den frühen 1970er-Jahren in der Bundesrepublik und hat sich seitdem intensiv und kontinuierlich mit den Diskussionen um Antisemitismus in Deutschland beschäftigt. In Lethal Obsession bezog er sich sowohl auf die Kritik von Henryk M. Broder am linken Antizionismus in der Bundesrepublik der 1970er- und 1980er-Jahre als auch auf die Kritik am Islamismus, am Wegschauen, Duckmäusern und Plädieren für den unhinterfragten Dialog, die Broder in seinem Buch Hurra, wir kapitulieren (2006) formulierte.

Im Herbst 2014 fragte mich Robert, ob ich nicht eine Chance sehen würde, sein Buch „Der antisemitische Wahn“ von 1987 (das war die deutsche Ausgabe von „Hitler’s Apocalypse“) neu herauszugeben. Er sähe darin viele Aspekte des heutigen Antisemitismus antizipiert und wolle das Buch mit einem aktuellen Vorwort im Jahr 2015 publizieren. Natürlich sagte ich zu, das Buch herauszugeben. Bei dem oben erwähnten Treffen bei SICSA, exakt eine Woche vor seinem Tod in Rom, gab mir Robert einen Ausdruck seiner ganz frisch geschriebenen Einleitung zu diesem Band. Diese Einleitung ist ein Rückblick auf seine Forschung sowie die politischen Entwicklungen des Antisemitismus in den letzten 30 Jahren. Der Text wird im Sommer 2015 als Teil der Neuausgabe von „Der antisemitische Wahn“ in deutscher Sprache erscheinen. Robert S. Wistrichs Einleitung kann nun geradezu als eine Art wissenschaftliches und politisches Testament gelesen werden, da es einer der letzten längeren Texte ist, die er unmittelbar vor seinem Tod geschrieben hat und der ganz grundsätzlich zusammenfasst, was er unter Antisemitismusforschung verstand.

 

Es war immer eine solche Freude mit ihm – wem sonst? – über die merkwürdigen Forschungen vieler unserer Kolleg/innen zu sprechen. Seine Zustimmung wie Kritik war über viele Jahre hinweg Inspiration und von einer unbeschreiblichen Motivation geprägt. Er hatte viele Probleme mit der Mainstreamforschung, die dem Gerede oder esoterischen Kleinklein noch immer der Kritik und luziden Analyse Vorzug gab und gibt. Robert wusste das und spürte es schmerzlich. Er ließe sich mitunter auch zu Vorträgen einladen von Leuten, die er wissenschaftlich teils sehr problematisch empfand (oder zu empfinden lernte), wie er mir einmal sagte.

 

Der Kern seiner zahlreichen öffentlichen Auftritte ist folgender: Wie kein anderer verstand er es, wie zum Beispiel auf der großen Abschiedskonferenz als Professor der Hebräischen Universität im Frühsommer 2014 in Jerusalem, „to step back“, einen Schritt zurück zu gehen und sich das große Bild anzuschauen. Er hatte den Überblick und zeigte die großen Linien auf. Selten wurde das postmoderne Geschwätz vom Ende der großen Ideen und der Foucaultianismus so sehr der Unwahrheit geziehen wie in Reden und Texten von Robert Wistrich.

 

Wenn die Stadt Jerusalem „Body and Soul“ meint, wie ein Dokumentarfilm von Gloria Greenfield heißt, bei dem Robert Wistrich eine wichtige Rolle spielt, somit die städtische Verkörperung der Verbindung von Juden zum Land Israel, dann war Robert Wistrich die intellektuelle Verkörperung jüdischer Geschichte und des Zionismus.

 

Diese Geschichte des jüdischen „Empowerment“ ist es, die so zentral war für das Werk von Robert S. Wistrich. Die ruhige Art, in der er sprach, das Blicken, ob das Ungeheuerliche, das er analysierte, überhaupt als solches erkannt würde, war so faszinierend und mitreißend, ja intellektuell inspirierend. Robert wurde die letzten Jahre religiöser, wie seine Witwe Daniela in ihrer Rede erwähnte, was gleichwohl in Kontrast oder einem dialektischen Verhältnis stand zu seiner gleichsam jugendlichen Freude, mit uns im Herbst 2014 in Berlin eine ganz unkoschere Wurst mit Pommes zu essen und es im Sonnenlicht zu genießen. Seine Ironie war köstlich, auch wenn er sich auf Bildern als der fünfte Beatle hineinphotoshopte, wie man heute sagen würde.

 

Es war bewegend, wie Daniela mir auf der Shiva das Arbeitszimmer von Robert zeigte und auch private Fotografien aus seinem und zu weiten Teilen ihrem Leben.

 

Robert sprach immer wieder mal von sich als „Marathon-Man“, was Susanne Wein und ich nach fünf- oder sechsstündigen Gesprächen wie in Berlin oder New Haven (CT, USA) erleben konnten, er blühte nach stundenlangen Diskussionen noch mehr auf. Robert besaß ein sagenhaftes Erinnerungsvermögen, von Episoden aus dem Leben von Hannah Arendt – die er nicht wirklich schätzte – über den Zionisten Ben Halpern – der mal sein Nachbar war – reichte die Palette der Beziehungen.

Als Historiker des linken Umgangs mit Juden bzw. des linken Antisemitismus und der Geschichte der Juden in Europa kam Wistrich schon Mitte der 1980er Jahre zum Thema des Islamismus oder des antijüdischen und antiwestlichen Jihad. Die eminente Bedeutung seiner Analyse zumal des muslimischen Antisemitismus zeigt sich vor dem Hintergrund der üblichen Abwehrmaßnahmen innerhalb der Geschichtswissenschaft, Soziologie, Politologie, Islam- und Nahostforschung, Literaturwissenschaft, Amerikanistik und Arabistik, Irankunde und Antisemitismusforschung. Dort schwelgen viele Forscherinnen und Forscher lieber in postkolonialer und postorientalistischer Theorie und schüren antiwestliche Ressentiments, statt sich mit der Realität des mörderischen, weltweit agierenden Jihad und islamischen Antisemitismus zu befassen und Kritik zu üben.

 

In seiner deutschen Ausgabe Muslimischer Antisemitismus, zu der er mich und den Verlag Edition Critic 2011 angeregt hat, nachdem das American Jewish Committee (AJC) in Berlin sich Jahre zuvor geweigert hatte, eine Übersetzung der ursprünglich 2002 auf Englisch in USA vom dortigen AJC publizierten Broschüre anzugehen, ging Robert S. Wistrich auf die gesamte Geschichte der islamischen Judenfeindschaft seit Mohammeds Zeiten ein. Selbstredend wurden viele Aspekte nur angeschnitten, da ein knapper Text nicht über 1400 Jahre Geschichte in allen Details berücksichtigen kann. Der Schwerpunkt lag auf der Analyse des islamischen Antisemitismus seit dem frühen zwanzigsten Jahrhundert. Tagesaktuell, wenige Monate nach dem islamistisch motivierten Massenmord vom 11. September 2001 geschrieben, besitzt die Studie bis heute eine enorme Aktualität.

Entgegen stolzdeutschen Aktivisten und Publizisten, die den Islam ablehnen, aber das Hohelied der „christlich-jüdischen Wertegemeinschaft“ singen, legt Wistrich Wert darauf zu betonen, dass es im Mittelalter den Juden (als Dhimmi) unter der Herrschaft des Islam besser ging als unter dem Christentum. Ohne den christlichen Antijudaismus und Antisemitismus wäre es nicht zum deutschen Antisemitismus und zum Holocaust gekommen. Dies blenden jene, die jetzt gegen Muslime agitieren, gerne aus. Wistrich analysiert und kritisiert hingegen die enge Verwandtschaft von christlichem und islamischem Antisemitismus, wie sie auch von heutigen arabischen oder/und muslimischen Führern Christen gegenüber betont wird, um ihnen zu schmeicheln. Wistrich untersucht die historische Beziehung des Großmuftis zu den Deutschen, von Nationalsozialismus und Islamismus ebenso, wie er die heutige Gefahr eines „Islamfaschismus“ herausstellt.

 

Wistrich untersucht in Lethal Obsession eine Besonderheit des Islamismus aus Teheran: Khomeini von 1979 bis 1989, sein Nachfolger Khamenei und dann Präsident Ahmadinejad und das heutige Regime sahen und sehen sich als Anwälte der Unterdrückten und Armen der Welt. Das schiitische islamistische Regime in Iran möchte weiterhin weltweit Bündnisse mit „antiimperialistischen Kräften“ gegen Amerika, den Westen und Israel schließen. Es gibt auch eine kaum überraschende Hinwendung mancher iranischer Denker und Philosophen zum antiwestlichen Nazivordenker Martin Heidegger, wie Wistrich in Lethal Obsession bemerkt.

 

Wistrich zitierte in Lethal Obsession viele antisemitische Reden und Äußerungen Ahmadinejads, der exemplarisch für das Regime steht, dessen „Präsident“ er war, die zur Vernichtung Israels und zur Vertreibung der Juden aus dem Heiligen Land aufrufen. Sowenig Hitlers Drohung vom 30. Januar 1939, ein kommender Weltkrieg werde die „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ bringen, eine leere Drohung war, sowenig sind die Drohungen der iranischen Führung „leere Drohungen“, wie Wistrich betont.

 

Deutscher und europäischer Antisemitismus beein­fluss(t)en jenen im Nahen Osten und umgekehrt, auch dank moderner Kommunikationstechnologie und Migrationsbewegungen, in beide Richtungen. 1985 in Hitler’s Apocalypse untersuchte Wistrich die Beziehung von alten Nazis und arabischen Antisemiten. Viele Deutsche gingen nach Ägypten und wurden dort freudig empfangen, sie waren ja „Experten“ für Antisemitismus, wie „der notorische Antisemit Johann von Leers“, der „ex-SS-Offizier Leopold Gleim“ oder ein anderer „ex-Nazi, Louis Heiden“.

 

Für Wistrich war die Antisemitismusforschung jenseits wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Moden von enormer Bedeutung. Die Kontinuität, mit der er sich als Wissenschaftler mit den unterschiedlichsten Facetten des Judenhasses befasste, war herausragend und ohne Vergleich. Während seit einiger Zeit Forschungsfelder wie „vergleichende Genozidforschung“, „Rassismus und Vorurteilsforschung“ oder gar „Islamophobie“ im Trend liegen und doch nur heutigen Antisemitismus und den präzedenzlosen Holocaust relativieren, war die kritische Antisemitismusforschung von Wistrich darauf bedacht, die Spezifik des Antisemitismus, dieses „längsten Hasses“, zu untersuchen.

 

In jenem letzten Vortrag am 14. Mai 2015 betonte Robert Wistrich auch die enorme Gefahr die darin liege, dass es geradezu zu einer Heilsideologie geworden sei, die Lösung des arabisch-israelischen Konflikts für den gesamten Nahen Osten bzw. die ganze Welt als Symbol des Friedens zu sehen. Er nannte das „Palästinianismus“, also die Fokussierung auf diesen einen Konflikt. Seine Analyse der tödlichen Obsession, die der Antisemitismus seit tausenden von Jahren darstellt, verdeutlicht, wie wichtig es ist, zuallererst den Judenhass zu analysieren und sich von der naiven (und antizionistischen) Vorstellung einer Welt ohne Antisemitismus abzuwenden. Sicher darf man träumen, aber Juden haben die unsagbar schmerzhafte Erfahrung gemacht, die man „Realität“ nennt. Es ginge nicht um die legitimen Rechte der Palästinenser, sondern um eine geradezu Erlösungshoffnung, die viele, allzu viele weltweit mit dem Begriff „Palästina“ verbinden würden – und sehr viele würden dazu noch ein Land meinen vom Jordan bis zum Meer und nicht einen friedlichen und vielleicht gar demokratischen Staat Palästina neben dem jüdischen Staat Israel.

 

Die Antisemitismusforschung wird nach dem Tode von Robert S. Wistrich eine andere sein, sein Tod ist ein epochaler Bruch. Das betonte nicht nur die langjährige Mitarbeiterin am Vidal Sassoon Center Martina Weisz am Tag der Beerdigung an der Hebräischen Universität in privatem Rahmen.

 

Mit Robert Wistrich verlieren die Antisemitismusforschung und die public intellectuals für Zion einen einzigartigen Leuchtturm und einen Ideengeber. Es wird keine inspirierenden Momente mehr geben, die die öffentlichen wie privaten Auftritte von Robert Solomon Wistrich prägten. Vielleicht sind es auch die Blicke und das Lächeln, die am meisten fehlen werden, da darin soviel Reflexion und Kritik wie intellektueller Charme sich Ausdruck verschaffte.

 

Wie Manfred Gerstenfeld in einem Nachruf betonte, wird das Erbe von Robert weiterleben, große Intellektuelle haben eine ungeheure Nach-Wirkung. Bei Robert ist es die bleibende Inspiration für jene, die den Kampf, wenn auch nicht mit dieser Energie und unsagbaren Power, gegen den Antisemitismus und für Zion mitfochten und in seinem Sinne weiter kämpfen bzw. es zumindest versuchen werden.

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Bekanntmachung des Todes von Prof. Robert S. Wistrich an seiner Haustüre in Jerusalem

 

May your memory be a blessing, dear Robert Solomon Wistrich, z‘‘l.

 

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

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Vortrag und Essay: 70 Jahre Ende des Nationalsozialismus

Auch Deutsche unter den Opfern

70 Jahre Ende des Nationalsozialismus: Über die Erinnerungspolitik und den Antisemitismus seit 1945

Von Clemens HeniRSS-Newsfeed neuer Artikel von Clemens Heni

Dieser Essay wurde am 4. Mai 2015 auf der Seite literaturkritik.de  publiziert.

[Der folgende Text ist die leicht überarbeitete Version einen Vortrags, den ich am 20. April 2015 in Osnabrück auf Einladung der linksjugend [solid] gehalten habe. Herzlichen Dank für die Einladung! Im Vortrag habe ich irrtümlich vom „kürzlich verstorbenen“ Autor H.P. Piwitt gesprochen, das bitte ich zu entschuldigen. Die schriftliche Fassung, die ich am Vortragsabend spontan kürzen musste, ist länger und hat vor allem Fußnoten. Der Vortrag ist hier anzuhören:]

 

 

Einleitung

70 Jahre nach Ende des Holocaust und des Nationalsozialismus sind die Deutschen so vergnügt, so beliebt und so mächtig wie noch nie seit 1945. Laut einer Umfrage von Bertelsmann möchte eine Mehrheit der Deutschen nichts mehr von der Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust wissen, wie die „taz“ berichtet:

Demnach möchten 81 Prozent der Befragten die Geschichte der Judenverfolgung ‚hinter sich lassen‘ und sich gegenwärtigen Problemen widmen. Einen regelrechten Schlussstrich wollen 58 Prozent der Befragten ziehen. Bei den 40- bis 49-Jährigen ist es jeder Zweite; bei den über 60-Jährigen sind es hingegen 61 Prozent.

Vor diesem Hintergrund rennt der Sunnyboy der kulturwissenschaftlichen Elite, Harald Welzer, offene Türen ein, wenn er sich 2012 mit seiner Kollegin Dana Giesecke vehement gegen eine Erinnerung an die NS-Zeit wendet. Er findet Gedenktafeln wie in Berlin-Schöneberg, die an die KZ- und Vernichtungslager erinnern, überflüssig, ja schädlich, da sie eine negative Botschaft transportierten. Er möchte das positive gedachte „Menschenmögliche“ betont wissen.[1] Die armen, gebeutelten Deutschen seien Opfer einer „Diktatur der Vergangenheit“, wie die Sozialwissenschaftlerin Brigitta Huhnke in einer Kritik an Welzer und Giesecke analysiert.[2] Der Erziehungswissenschaftler Klaus Ahlheim monierte deshalb, Welzer schwadroniere. Ahlheim zeigt jedoch auch, wie trendig Welzer ist, was sich am Beispiel der Unternehmensberaterin und Coacherin Barbara von Meibom zeigt, deren Buch „Deutschlands Chance. Mit dem Schatten versöhnen“ er zerpflückt und mit Welzers Publikation kontextualisiert.[3]

In der Forschung wird ebenso seit Jahren eine Abkehr vom Gedenken an den Antisemitismus im Nationalsozialismus eingefordert. Das kann man exemplarisch an Hand der Geschichte des Naturschutzes zeigen. Die beiden Landschaftsarchitekten bzw. Historiker des Naturschutzes, der Freiraumplanung und Landschaftsarchitektur Gert Gröning und Joachim Wolschke-Bulmahn fordern seit den 1980er-Jahren eine solche kritische Geschichte ihres eigenen Fachbereichs ein und haben vielfältige Forschungen zur Geschichte des Antisemitismus, der völkischen Ideologie und des Nationalsozialismus vorgelegt.[4] Gröning hat darüber hinaus auch an den Beitrag von Juden zur Geschichtsschreibung des Naturschutzes und zum Verhältnis von Juden zum Naturschutz geforscht sowie Dokumente zugänglich gemacht.[5] Doch der Mainstream der Forschung geht andere Wege, wie etwa diejenigen von Frank Uekötter oder Joachim Radkau zeigen, die lieber von der Vielfalt der Möglichkeiten des Naturschutzes im SS-Staat reden und vom Antisemitismus, wie etwa bei einem der führenden Naturschützer in Nazi-Deutschland, Walther Schoenichen[6], wenig wissen wollen.[7]

Was wir derzeit erleben, ist ein Revisionismus, eine vorgeblich neutrale Wiederbetrachtung der Geschichte ungeahnten Ausmaßes. Wie ich mit diesem Vortrag zu zeigen versuche, haben wir es weltweit mit einer Trivialisierung der Shoah zu tun, einem vor allem in der Wissenschaft permanentem Gerede über „Genozid“, das jegliche Spezifik und Einzigartigkeit des Holocaust vernebelt oder bewusst verwischt. Holocaustleugnung ist kein großes Thema mehr, die Trivialisierung des Holocaust ist die neue Mode. Zudem haben wir es besonders in der muslimischen und arabischen Welt mit einer Affirmation des Holocaust zu tun sowie mit der Ankündigung eines neuen. So riefen die Hacker von „Anonymous“ aus Solidarität mit den Terroristen des Islamischen Staates (IS) für Anfang April 2015 zu einem „elektronischen Holocaust“ gegen Israel auf und wollten das Land computertechnisch stilllegen.[8]

In Deutschland zeigt sich eine besonders merkwürdige Form des Umgangs mit der Vergangenheit. Neuerdings, ja eigentlich seit der Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1985, sprechen die Deutschen von einer „Befreiung“, die der 8. Mai 1945 angeblich für sie gewesen sei. 1999 argumentierte Bundesaußenminister und die Ikone der Grünen Joschka Fischer für einen NATO-Angriffskrieg gegen Serbien mit dem unsagbaren Spruch „Nie wieder Auschwitz!“ Und die Fernsehmoderatorin Anja Reschke sprach sich vor wenigen Wochen für eine Erinnerung an Auschwitz aus, was sehr bedeutsam ist, doch sie fügte hinzu, Auschwitz sei elementar für ihre „Identität als Deutsche“. Auf diese Tendenzen hat Anfang Februar 2015 der Literaturwissenschaftler Jan Süselbeck kritisch reflektiert.[9]

Völlig unkritisch, ja affirmativ wird hingegen eine „Europäisierung“ oder „Universalisierung“ des Holocaust durch die beiden Soziologen Daniel Levy und Natan Sznaider vorgestellt. Gerade den Krieg gegen Serbien im Jahr 1999 sehen sie als geradezu moralische Konsequenz des Holocaust, der zu einer „‘Universalität‘ der Menschenrechte“ beigetragen habe.[10] Die beiden Soziologen sind Anhänger des von Ulrich Beck vorgestellten Konzepts der „Zweiten Moderne“ und meinen, sie wären besonders reflektiert, wenn sie die Benutzung der Shoah für gegenwärtige Zwecke geradezu einfordern und darin keine Trivialisierung des Präzedenzlosen zu sehen vermögen. Levy und Sznaider gehen sogar soweit, dass sie kein Problem damit haben, dass Antikommunisten wie Stéphane Courtois von einem „Roten Holocaust“ reden,[11] darunter Joachim Gauck, im „Schwarzbuch des Kommunismus“ von Ende der 1990er-Jahre.[12]

Levy und Sznaider sind geradezu euphorisch, dass manche arabische Autoren wie Edward Said (1935–2003) den Holocaust nicht leugnen, sondern die arabische Welt auffordern, ihn anzuerkennen, damit die Juden und Israel ihre „Verbrechen“ an den Palästinensern von 1948, hier meint er die „Nakba“, auch anerkennen könnten. Er weiß, dass man die Vernichtung von sechs Millionen Juden nicht mit der (angeblichen oder tatsächlichen) Vertreibung von Palästinensern vergleichen kann – und wiederholt es trotzdem. Said ist bekanntlich der Ideologe des „Orientalismus“, einer antiwestlichen Ideologie, welche westlicher Kunst und Politik grundsätzlich einen rassistischen Blick auf den Orient vorwirft. Seine Studie „Orientalism“ von 1978[13] kulminierte in einer Attacke auf Israel, das die letzte Bastion des „Orientalismus“ und westlichen Rassismus sei.[14] Für Levy und Sznaider hingegen ist Said ein Vorkämpfer der Anerkennung der Rechte anderer, sie erwähnen seinen abgrundtiefen Hass auf den Zionismus und den jüdischen Staat Israel gar nicht, den man seinen Schriften unschwer entnehmen kann.[15] Auch in dem von ihnen zitierten Text Edward Saids von 1999 über „Koexistenz“ leugnet Said den Holocaust zwar nicht, aber durch seine Analogie zur Vertreibung der Palästinenser wird der Holocaust trivialisiert und derealisiert. Zudem ist die Annahme Saids völlig falsch, Israel sei (nur) wegen dem Holocaust gegründet worden.[16] Vielmehr war die Geschichte des Zionismus für die Entstehung des Judenstaates zentral. Die israelische Politikerin und Politologin Einat Wilf betont sogar, dass wir es auch in Europa und Nordamerika häufig mit einer Verleugnung des Zionismus zu tun haben, wenn wohlwollende Freunde Israels sagen, dass es das Land aufgrund der Ereignisse im Zweiten Weltkrieg und der Shoah gebe.[17] Doch das ist falsch, da bekanntlich der politische Kampf für Israel Ende des 19. Jahrhunderts mit Theodor Herzl und anderen führenden Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung einsetzte und der Kauf von Land[18] und die Besiedelung zur gleichen Zeit einsetzten.

Die Geschichte der Hachschara-Ausbildungsstätten für Juden, den Chaluzim, die Vorbereitung für die Auswanderung nach Erez Israel insbesondere im Zeitraum 1900 bis 1940, zeigt die Bedeutung zionistischer Praxis. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die 1893 gegründete israelitische Gartenbauschule in Ahlem bei Hannover, die zwar nicht aus zionistischen Motiven gegründet wurde, alsbald aber auch für die Auswanderung nach Israel ausbildete.[19] Mehrere Absolventen wurden später Landschaftsarchitekten oder Gartenbauer in Palästina beziehungsweise Israel, darunter Yehiel Segal und Shlomo Weinberg-Oren.[20] Die Betonung des selbstbestimmten jüdischen Ausbildens in der Hachschara und die Bedeutung von zionistischer Idee und Praxis sind essentiell für das Verständnis, warum es 1948 zur Gründung des jüdischen Staates Israel kommen konnte.[21]

Was ist „sekundärer Antisemitismus“?

Unmittelbar nach der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 hat sich – zwar keineswegs exklusiv in Deutschland, aber doch auch (was Quantität und Qualität betrifft) spezifisch deutsch – neben dem Schweigen eine Art „Soft-core“-Leugnung entwickelt, um einen Begriff der Historikerin Deborah Lipstadt zu verwenden, die ihn auf heutige Tendenzen der Abwehr der Erinnerung anwendet.[22] Die Forschung spricht hier vor allem vom „sekundären Antisemitismus“, einem Judenhass nach und wegen Auschwitz.

„Soft-core“ im Unterschied zu „hard-core“ meint eine rhetorisch versteckte Form der Holocaustleugnung. Für Lipstadt ist diese „softe“ Variante gefährlicher und zukunftsträchtiger als die offene, harte Version, da sie oft vom Mainstream nicht erkannt, vielmehr geduldet, ja protegiert und generiert wird. Ich werde zwei Kategorien (man könnte auch drei daraus machen) analysieren: Derealisierung und Trivialisierung sowie Universalisierung.

Folgende Beispiele stehen zwar für eine Derealisierung der Verbrechen im Holocaust, aber sogar für den positiven Bezug auf die Schutzstaffel (SS) und Nazi-Deutschland. Zwischen Mitte Februar und Mitte März 2015 fanden in drei europäischen Staaten, Litauen, Lettland und Estland, vier neonazistische Demonstrationen statt, die auf ungeheuerliche Weise zeigen, wie im Jahr 2015 in drei EU-Ländern mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus und die Shoah umgegangen wird. Der Leiter des Simon Wiesenthal Centers in Jerusalem, der Historiker und Nazijäger Efraim Zuroff,[23] hat diese vier Demonstrationen erlebt und darüber berichtet. Ich selbst war im März 2010 in Riga, der lettischen Hauptstadt, Teilnehmer einer kleinen Protestkundgebung gegen den dortigen Aufmarsch ehemaliger SS-Mitglieder. Es war ein schockierendes Erlebnis, 65 Jahre nach Ende des SS-Staates alte Männer in Uniform zu sehen, die als lettische Nationalhelden, die die Kommunisten bekämpft hätten, einfach so auf den Straßen marschieren durften, unterstützt von kahlköpfigen jungen lettischen Neonazis.

In Deutschland läuft das alles natürlich viel subtiler ab, der offenen Huldigung der SS wird eher die Gleichsetzung von rot und braun vorgezogen, was einen ganz ähnlichen Effekt hat. Das fast vollständige Ausbleiben von internationalen Protesten gegenüber antisemitischen Ereignissen oder solchen Nazi- und Neonaziaufmärschen mitten in der EU zeigt eine politische Kultur des Gewährenlassens, des Einverständnisses an.

Was heißt „sekundärer Antisemitismus“? Sekundärer Antisemitismus ist ein Antisemitismus nach Auschwitz. Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex brachte es in seinen Worten auf den Punkt: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“ „Sekundärer Antisemitismus“ ist ein Begriff von Peter Schönbach, einem Mitarbeiter Theodor W. Adornos.[24] Während es damals, um 1960 herum, generationsspezifisch um das „Nachleben des faschistischen Antisemitismus“ ging (genauer hätte von „nationalsozialistisch“ gesprochen werden müssen), stellt sich das Problem heute umfassender. Gerade Generationen von nach 1945 und auch nach 1968 Geborenen vertreten heute weniger einen plumpen, leicht erkennbaren Judenhass, als vielmehr einen sekundären unter dem Deckmantel der ‚Seriosität‘ und Salonfähigkeit.

Allerdings erleben wir in den letzten Jahren auch wieder zunehmend ganz offenen und vulgären Judenhass, wie antisemitische Demonstrationen und Aktionen im Sommer 2014 auf erschreckende Weise zeigten. Dabei gab es eine Mischung aus antizionistischem, gegen den jüdischen Staat gerichteten Antisemitismus, und traditionellem Antisemitismus. Dieser häufig muslimische und islamistische Antisemitismus wird flankiert vom Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft. Die Schuldprojektion, also die Diffamierung der Juden als „Nazis von heute“ ist eine der bekanntesten Formen des heutigen Antisemitismus. Häufig sind es gerade die liberalen und linken Vertreter des kulturellen und politischen Establishments wie der jeweiligen Subkulturen, die Antisemitismus verbreiten – und das mit allerbestem Gewissen, denn man ist ja auf der Seite der „Guten“. Doch begonnen hat die Trivialisierung des Holocaust durch ein ehemaliges Mitglied der NSDAP, das schon vor seiner Nazi-Zeit völkisch dachte.

Heidegger und die Erinnerungsabwehr, 1946/49

Eines der frühesten Beispiele, ja eines der Modelle, wie heute die Erinnerung an die Shoah abgewehrt, weil universalisiert wird, stammt von Martin Heidegger aus einem seiner Bremer Vorträge aus dem Jahr 1949, zum  „Ge-stell“:

„Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.“[25]

Somit sei also die Moderne schuld an Auschwitz, genauso wie für den Niedergang der Landwirtschaft. Dazu kommt schon hier die Schuldumkehr: die Sowjetunion, auf deren Berlin-Blockade im Jahr 1948/1949 Heidegger hier anspielt, sei ebenso verbrecherisch wie jene Leute, die Gaskammern betrieben, wobei natürlich die Deutschen als Täter nicht genannt werden: Es ist ein Verschweigen, das der Seinsontologie geschuldet ist.

Schon 1946 hatte Heidegger in seinem „Brief über den Humanismus“[26] die deutschen Täter gewürdigt und Schuld abgewehrt, wie es sich für einen Seinsontologen gehört: „Aus demselben Grunde ist der Bezug Hölderlins zum Griechentum etwas wesentlich anderes als Humanismus. Darum haben die jungen Deutschen, die von Hölderlin wussten, angesichts des Todes Anderes gedacht und gelebt als das, was die Öffentlichkeit als deutsche Meinung ausgab.“[27]

Heidegger möchte „seine“ deutschen Soldaten retten. Diese hätten gar nicht das gedacht, was „die Öffentlichkeit“ dachte und als „deutsche Meinung“ ausgab. Vielmehr seien diese Soldaten offenbar für die „Würde“ des Seins gestorben, denn sie seien – so sie Hölderlin kannten – gerade nicht im Sinne des Humanismus gestorben. Damit möchte Heidegger die deutschen Soldaten für sich und seine Schule reklamieren, ja die deutschen Landser erscheinen als die wahren Recken im Kampf für das Sein und gegen den Humanismus.

Der Philosoph Hassan Givsan kritisiert den ‚deutschen Denker‘:

Das Ungeheuerliche und Grauenhafte des Heideggerschen Satzes [„Fabrikation von Leichen…“, d.V.] besteht darin, daß er die Vernichtung der Juden als Seinsgeschick faßt: denn das Ge-stell ist Seinsgeschick. Jene, die Heideggers Verabschiedung der Subjektphilosophie und des ‚Subjekts‘ als Wohltat feiern, müßten dann auch zur Kenntnis und in Kauf nehmen: die Vernichtung der Juden hat keine Subjekte. Denn es ist das Sein, das als Ge-stell west und die Vernichtung ins Werk setzt: es ist das Sein, das ‚dem Grimm‘ ‚Andrang zu Unheil‘ gewährt wie es in ‚Brief über den ‚Humanismus‘ (1946) heißt, und das ‚Wesen‘ des ‚Bösen‘ ‚besteht nicht in der bloßen Schlechtigkeit des menschlichen Handelns, sondern es beruht im Bösartigen des Grimmes‘. Nicht die Menschen haben ‚Böses‘ getan, niemand hat ‚Böses‘ getan – es ist das Sein, das Unheil schickt und das Böse gewährt. Die Menschen sind dabei bloß vom Sein gebraucht: sie sind bloß Werkzeuge des Sich-ins-Werk-setzens der Wahrheit des Seins. So gibt es keine ‚Schuld‘ und kein ‚Entschuldigen‘. Kurz: Das Ungeheuerliche und das Grauenhafte ist Heideggers Seinsdenken selbst. Heidegger hat nicht geschwiegen, auch nicht über den Holocaust.[28]

Diese Kritik an Heidegger ist essentiell und zeigt, dass schon lange bevor jetzt die „Schwarzen Hefte“ publiziert wurden, der Antisemitismus dieses deutschen Denkers erkannt werden konnte.

Ergänzend zur Seinsontologie Heidegers wird gerne auf einen italienischen Starphilosophen verwiesen, der auch von Suhrkamp einem deutschsprachigen Publikum angeboten wird: Giorgio Agamben. Agamben spricht vom „Lager als nómos der Moderne“[29] und setzt die Festsetzung illegaler Einwanderer in Italien 1991 mit der Deportation von Juden aus Vichy-Frankreich und mit heutigen Warteräumen für Flüchtlinge auf internationalen Flughäfen gleich.[30] Diese Vergleicherei des Unvergleichbaren, diese Gleichsetzung von Völkermord und Abschiebung sowie die Ineinssetzung von westlicher Demokratie und Nationalsozialismus zeigt die Niveaulosigkeit gegenwärtiger Theoriebildung und Forschung.

Bedeutsam ist eine Analyse des „ontologischen Negationismus“ bei Heidegger, wie es der französische Philosoph Emmanuel Faye nennt.[31] Faye zitiert den von Agamben herangezogenen Text Heideggers von 1949, Die Gefahr:

Hunderttausende sterben in Masse. Sterben Sie? Sie kommen um. Sie werden umgelegt. Sterben Sie? Sie werden Bestandsstücke eines Bestandes der Fabrikation von Leichen. Sterben Sie? Sie werden in Vernichtungslagern unauffällig liquidiert. Und auch ohne Solches – Millionen verelenden jetzt in China durch den Hunger in ein Verenden. Sterben aber heißt, diesen Austrag vermögen. Wir vermögen es nur, wenn unser Wesen das Wesen des Todes mag. Doch inmitten der ungezählten Tode bleibt das Wesen des Todes verstellt. Der Tod ist weder das leere Nichts, noch ist er nur der Übergang von einem Seienden zu einem anderen. Der Tod gehört in das aus dem Wesen des Seyns ereignete Dasein des Menschen. So birgt er das Wesen des Seyns. Der Tod ist das höchste Gebirg der Wahrheit des Seyns selbst, das Gebirg, das in sich die Verborgenheit des Wesens des Seyns birgt und die Bergung seines Wesens versammelt. Darum vermag der Mensch den Tod nur und erst, wenn das Seyn selber aus der Wahrheit seines Wesens das Wesen des Menschen in das Wesen des Seyns vereignet. Der Tod ist das Gebirg des Seyns im Gedicht der Welt. Den Tod in seinem Wesen vermögen, heißt: sterben können. Diejenigen, die sterben können, sind erst die Sterblichen im tragenden Sinn dieses Wortes.[32]

Faye analysiert:

Dieser Text übersteigt alles, was die Nationalsozialisten behauptet haben. […] Die Redewendungen von der ‚Wahrheit des Seyns‘, vom ‚Gedicht der Welt‘ und vom ‚höchsten Gebirg‘ können die Abscheulichkeit des Gesagten nicht verdecken. Das dreimal wiederholte ‚Sterben sie?‘ verlangt nach einer unhaltbaren Antwort: Heidegger zufolge ist in den Vernichtungslagern niemand gestorben, denn keiner der Ermordeten trug in seinem Wesen die Möglichkeit des Todes. Man muss sich im Klaren darüber sein, dass diese Aussagen auf nichts anderem als auf dem schieren Gegenteil menschlicher Vernunft beruhen. Wir haben es hier nicht mehr mit Revisionismus zu tun, sondern mit totalem Negationismus, ja mit etwas, das alle Worte übersteigt und das recht eigentlich namenlos ist. (…)
Mit Absicht verwendet Heidegger zu Beginn des Abschnittes, wo von den in den Vernichtungslagern Ermordeten gesprochen wird, niemals das Wort ‚Mensch‘. Heidegger behauptet nämlich, dass nur der sterben ‚kann‘, der im ‚Gebirg‘ des ‚Wesens‘ des ‚Seyns‘ ist. Die in den Vernichtungslagern Ermordeten konnten nicht vom ‚Seyn‘ ‚geborgen‘ werden. Es waren keine ‚Sterblichen‘. Es sind für Heidegger keine Menschen.[33]

Faye erwähnt abschließend den derzeit „stetig wachsenden Einfluss Heideggers auf die iranischen Fundamentalisten“, den eine Studie von Victor Farias belege.[34]

Soweit die Kritik von Emmanuel Faye an Heidegger und Agamben. Für Agamben geht es den in Guantanamo inhaftierten Jihadisten oder des Jihadismus Beschuldigten schlechter als den Juden in den KZs, da den Juden wenigstens ihre Identität als Juden geblieben sei.[35] Selbst eine solche perfide Geschichtsklitterung vermag es nicht, ihn völlig zu diskreditieren.

Wenigstens am Rande sei vermerkt, dass auch der deutsche Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann unfähig war, kategoriale Differenzen zwischen dem Nationalsozialismus und der Zeit nach 45 zu erkennen. In einem Interview im Jahr 1985 sagte er:

„Vor 1945 hatte man doch gehofft, daß nach dem Wegfall des Zwangsapparates alles von selbst in Ordnung sein würde. Das erste jedoch, was ich in der amerikanischen Gefangenschaft erlebte, war, daß man mir meine Uhr vom Arm nahm und daß ich geprügelt wurde.“[36]

Walser 1979: „Auschwitz bewältigen“

In Deutschland ist es für das Kreieren einer positiven ‚nationalen Identität‘ unumgänglich, Auschwitz zu trivialisieren. Den inneren Zusammenhang von Nation und Auschwitz brachte kein anderer als der damalige DKP-Sympathisant Martin Walser im Frühjahr 1979 auf den Punkt, als er in den legendären Bänden der edition suhrkamp, herausgegeben vom wirkungsmächtigsten Schüler Adornos und Totengräber der Kritischen Theorie, Jürgen Habermas, schrieb: „Auschwitz. Und damit hat sich’s. Verwirkt. Wenn wir Auschwitz bewältigen könnten, könnten wir uns wieder nationalen Aufgaben zuwenden.“[37]

Damit brachte Walser die politische Kultur des sekundären Antisemitismus in Deutschland wie kein zweiter auf den Punkt. Auch gegen Adorno und für Heidegger legte sich der deutsch-nationale Autor ins Zeug: „Schlimmer als der geschmähte Jargon der Eigentlichkeit kommt mir der Jargon vor, in dem da geschmäht wurde.“[38]

Der ganze nationalistische Rummel seit der Fußball-WM 2006, das Brüllen, Kreischen, die schwarzrotgoldenen Fahnenmeere waren 1979 jenseits von offen reaktionären Kreisen noch schwer denkbar und definitiv nicht massenkompatibel. Walser lamentierte: „Und selbst in Moskau oder New York darf ich nicht so rückhaltlos deutsch sein, wie die dort russisch oder amerikanisch sind. Man erwartet von mir geradezu, daß ich mein Deutschsein mit einer Art Fassung trage, wie man ein Leiden erträgt, für das man nichts kann, das man aber auch nicht mehr loswerden kann.“[39]

Zur fast gleichen Zeit, 1978, legte der Schriftsteller und langjährige Autor der linken Publikumszeitschrift Konkret, Hermann Peter Piwitt, einen Kranz am Hermannsdenkmal nieder und konnte nicht verstehen, dass sich ein Lehrer in Hamburg ihm gegenüber kritisch zu zwei Memoranden der Hamburger Schulbehörde äußerte, darunter eines darüber, „daß die Nationalhymne wieder stärker in das Bewußtsein der Schüler gebracht“ werden müsse.[40] Piwitt schrieb sodann, es gebe „nichts heimatloseres, entwurzeltes, Ahasver-hafteres als das Kapital“[41] – man könnte sagen, das ist eine linke Post-Holocaust-Variante des „ewigen Juden“, da Ahasver als der „ewige Jude“ bekannt ist.[42] Von hier ist es nur ein kleiner deutscher Weitsprung ins 21. Jahrhundert, wo nicht selten, wie von IG Metall-Zeitschriften oder SPD- und anderen Politikern,[43] gegen die „Heuschrecken“ des Kapitals agitiert wird. Dabei handelt es sich um die bekannte Aufspaltung in das „produktive“ Industriekapital und den „deutschen Arbeiter“ auf der einen und das virtuelle „Geldkapital“ oder „Finanzkapital“, wie Jürgen Elsässer und Ken Jebsen wohl sagen würden, auf der anderen Seite.

Doch entscheidend ist hier der deutsch-nationale Einsatz von Piwitt, der wie Walser zur gleichen Zeit ein Bedürfnis nach deutscher Identität hatte. Das war noch vor Helmut Kohl, der im Herbst 1982 seine „geistig-moralische Wende“ als Vorbereitung für die „Wende“ startete, das war noch vor dem Besuch der SS-Soldatengräber in Bitburg durch Kohl und US-Präsident Ronald Reagan im Mai 1985 und noch vor dem Beginn des Historikerstreits[44] am 6. Juni 1986 mit der Publikation eines Textes von Ernst Nolte, „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ in der Zeitung für Deutschland, der FAZ. [45]

„Ende der Schonzeit“ 1985, 1976, 1969

Walsers Sehnsucht nach der „Bewältigung“ von Auschwitz von 1979 lag vor dem 31. Oktober 1985, als in Frankfurt eine Gruppe jüdischer Demonstranten, die die Bühne der Frankfurter Kammerspiele wegen des geplanten antisemitischen Stücks „Die Stadt, der Müll und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder besetzt hatten, mit Sprüchen wie „Kommen Sie doch nicht immer wieder mit ihrem Auschwitz!“ attackiert wurden, wie Henryk M. Broder in „Der Ewige Antisemit“ festhielt.[46] Es war das „Ende der Schonzeit“, wie es ein bekannter Vertreter des kulturellen Establishments damals nannte.

Doch dieses „Ende der Schonzeit“ war für Juden schon längst gekommen, spätestens mit der Selektion von Juden und Nichtjuden am Flughafen von Entebbe in Uganda nach der Entführung eines Verkehrsflugzeugs am Sonntag, den 27. Juni 1976, auf dem Weg von Athen nach Paris, von Tel Aviv kommend. Spätestens am 1. Juli 1976 wurden dabei Juden durch die deutschen Entführer der Revolutionären Zellen (RZ), Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, von Nichtjuden selektiert. Als eine der Entführten Böse ihre in Auschwitz eintätowierte Nummer auf dem Unterarm zeigte, meinte er, er sei „Marxist“ und „kein Nazi“.

Schon die Tupamaros Westberlin hatten am 9. November 1969 mit einer Bombe vor dem jüdischen Gemeindehaus in Berlin ihren Antisemitismus und ihre Form der Erinnerungsabwehr unzweideutig zum Ausdruck gebracht.

Sarrazins Stolz auf das Deutschland der 1950er-Jahre: „angestachelt“ durch „die Katastrophe“ – das Volk der Tüftler

Doch die Konservativen stehen mit ihrer Form der Erinnerungsabwehr nicht im Abseits, sie geben vielmehr seit Jahren den Ton an und ergänzen linke Formen des Antisemitismus auf ihre Weise. Ein ganz typisches Beispiel ist der Bestsellerautor und Ex-Politiker Thilo Sarrazin. In seinem über eine Million mal verkauften Buch „Deutschland schafft sich ab“ von 2010 schreibt der SPD-Mann:

Die Bundesrepublik der frühen fünfziger Jahre war ein sehr modernes Staatswesen. Nach den zwei verloren Kriegen hatten sich katastrophale Folgen gezeigt: Die Institutionen waren zerstört, die Traditionen in Frage gestellt und die Bevölkerung durch Flucht und Vertreibung durcheinandergewirbelt. Doch die spezifischen deutschen Stärken – ein hoher Standard in Wissenschaft, Bildung und Ausbildung, eine leistungsfähige Wirtschaft und eine qualifizierte Bürokratie – waren durch die Katastrophe des Krieges und die Zerstörung der Infrastruktur erstaunlich wenig beeinträchtigt worden. Die Angehörigen der Führungsschichten und der Bürokratie waren zu 90 Prozent willige Helfer der Nazidiktatur gewesen; das wirkte sich aber keineswegs auf ihre Effizienz beim Wiederaufbau aus. Ganz und gar ungebrochen und durch die Katastrophe und die Chance zum Wiederaufbau sogar noch angestachelt waren der traditionelle deutsche Fleiß und der Hang zum Tüfteln und Verbessern.[47]

Diese Passage aus Sarrazins Bestseller, in dem es nur am Rande gegen Muslime und den Islam, zentraler schon fürs Kinderkriegen, gegen Arbeitslose und Hartz-IV-Empfänger geht, denen zur Heizkostenreduzierung ernsthaft empfohlen wird, „Pullover“ anzuziehen, zeigt, wie deutsche Ideologie im 21. Jahrhundert funktioniert. Es ist die Volksgemeinschaft der Selbstgerechten, der Tüftler und Weltverbesserer. Ja, die Deutschen haben sich, so Sarrazin, durch die „Katastrophe“, womit nicht Auschwitz, sondern die deutsche Niederlage gemeint ist, angestachelt gefühlt, weiter zu machen.

Es ist bemerkenswert, mit welcher Selbstverständlichkeit Sarrazin noch heute die „qualifizierte Bürokratie“ der Deutschen im Nationalsozialismus und danach lobt, ohne mit einem Wort gerade diese Bürokratie und ihre Rolle bei der Vernichtung der europäischen Juden auch nur zu erwähnen. Er ist sich einig mit einem Großteil seiner Hunderttausenden Leserinnen und Leser: Stolz auf Deutschland, das mit dem Fokus auf die armen „Flüchtlinge“ aus dem Osten auch noch als Opfer präsentiert wird. Unter widrigen Bedingungen hätten die Deutschen ein Wirtschaftswunder hinbekommen, – und man mag hinzufügen: so wie sie unter widrigen Bedingungen während des Krieges Millionen Juden ermordeten.

Was bei Sarrazin nicht vorkommt, ist das brüllende Schweigen der gesamten deutschen Gesellschaft der BRD (nicht viel anders sah es in der DDR aus) bezüglich des Holocaust und der deutschen Täter der damaligen Zeit. Der Film von 2014 „Im Labyrinth des Schweigens“ von Giulio Ricciarelli, der die historische Leistung von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer auf beeindruckende Weise würdigt, legt Zeugnis ab von der unerträglichen Normalität der deutschen Gesellschaft der 1950er- und frühen 1960er-Jahre. Der Publizist Eike Geisel hat die deutschen Zustände so treffend wie kein anderer auf den Punkt gebracht: „Für Otto Normalvergaser ist die Welt von gestern noch in Ordnung gewesen.“

Der Super-GAUck

Der Bundespräsident Joachim Gauck möchte den 23. August, den Tag des Hitler-Stalin-Paktes von 1939, als neuen Feiertag einführen lassen, damit rot und braun europaweit als gleich schlimme Übel erkannt würden. Gauck ist als politischer Aktivist bei der Veröffentlichung des „Schwarzbuchs des Kommunismus“ (1998),[48] der „Prager Deklaration“ (2008) und der Initiative „23. August 1939“ (2009) an vorderster Front mit dabei. Darum sieht auch die (Neue) Rechte in Gauck ihren Kandidaten, wenn die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ titelte: „Wir sind Präsident“. Vom „Spiegel“ bis zur „Achse des Guten“ wird Kritik an Gauck jedoch als ein Ausscheren aus dem Konsens diffamiert, der demokratisch mit ‚volksgemeinschaftlich‘ verwechselt. Seit langem wird von Vera Lengsfeld[49] (und jener „Achse des Guten“[50]) Gauck promotet. Warum also regen sich viele Gauck-Fans dermaßen über Kritik auf, stehen doch fast alle Mainstream-Medien und ca. 90% der Wahlfrauen und -männer in der Bundesversammlung hinter ihnen?

Diese deutschen Zustände zeichnen sich dadurch aus, dass ein Grüner wie der damalige Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, Jürgen Trittin, am 24. Februar 2012 in der TV-Sendung Maybrit Illner dem Journalisten Deniz Yücel „Schweinejournalismus“ vorwarf.[51] Yücel hatte sich auf einen Vortrag Gaucks aus dem Jahr 2006 bezogen, den ich bereits im Kontext[52] einer Analyse der „Prager Deklaration“ und des Antisemitismus im Sommer 2010 kritisierte[53]. Gauck sagte am 28. März 2006 in einer Rede der Vortragsreihe „Europa bauen, den Wandel gestalten“ vor der Robert Bosch Stiftung zum Thema „Welche Erinnerungen braucht Europa?“:[54]

Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocaust. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolute Böse, das den Betrachter erschauern lässt. Das ist paradoxerweise ein psychischer Gewinn, der zudem noch einen weiteren Vorteil hat: Wer das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren hat und unter einer gewissen Orientierungslosigkeit der Moderne litt, der gewann mit der Orientierung auf den Holocaust so etwas wie einen negativen Tiefpunkt, auf dem – so die unbewusste Hoffnung – so etwas wie ein Koordinatensystem errichtet werden konnte. Das aber wirkt ‚tröstlich‘ angesichts einer verstörend ungeordneten Moderne.[55]

Wer je wissen wollte, wie sekundärer Antisemitismus funktioniert, weiß es jetzt. Hier wird die Erinnerung an Auschwitz verhöhnt und abgewehrt. Der Historiker Wolfgang Benz, dessen Doktorvater Karl Bosl ein Nazi war, was Benz bis heute nicht irritiert,[56] stellt sich mit Verve hinter Gauck und erklärte zur zitierten Passage auf die Frage der „taz“, ob das eine „Relativierung“ des „Holocausts“ sei:[57] „Nein. Gauck fordert eine Rationalisierung, also eine konkrete Betrachtung der Geschichte. Das ist weder Verleugnung noch Verharmlosung.“

Gauck sekundiert jedoch im Gegenteil der extremen Rechten der „Jungen Freiheit“, die von der „Sakralisierung des Holocaust“[58] spricht. Gauck sagt, dass der „Judenmord in eine Einzigartigkeit überhöht“ werde – was jedoch als ein „psychischer Gewinn“ zu verbuchen sei für diese quasi ‚Gläubigen‘ ohne Gott, aber mit Auschwitz.

Es gibt noch weitere Analogien von rot und braun, die die Shoah, den Nationalsozialismus oder die Vorgeschichte des NS-Staates derealisieren oder trivialisieren. Der Historiker Götz Aly, das gehätschelte enfant terrible der deutschen Geschichtswissenschaft, vergleicht die Bücherbrennung am 10. Mai 1933 mit dem Anzünden von Auslieferungswagen der Bild-Zeitung im April 1968 nach dem Attentat auf Rudi Dutschke.[59] Dabei wäre Kritik an manchen 68ern sehr notwendig, aber ganz sicher nicht mit solchen grotesken Analogien, wie sie Aly in seinem vor Exorzismus strotzenden Pamphlet „Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück“ aufmacht.[60] Andere Forscher wie Brendan Simms von der Universität Cambridge in England phantasieren über Hitler und meinen, er sei ein „Linker“ gewesen, ein „Antikapitalist“, der primär antibritisch beziehungsweise antiwestlich gewesen und dessen Antisemitismus gerade nicht ursächlich für seine Ideologie gewesen sei.[61] Abgesehen von der völlig veralteten Great Man Theory, dem ahistorischen Fokus auf Hitler und nicht auf die deutsche antisemitische Volksgemeinschaft: Solche Thesen sind nicht marginal, sondern werden von jungen aufstrebenden Historikern ernsthaft vertreten.

Geschichtsrevisionismus im 21. Jahrhundert: Universalisierung des Holocaust

Mehr noch: In der internationalen Forschung wird etwa von „Kaiser’s Holocaust“, also der Beziehung von Kolonialismus und Vernichtung, oder von einer imaginären Linie von „Windhuk nach Auschwitz“ gesprochen. Letzteres ist der Titel eines Buches des Afrikaforschers Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg. Der Historiker und ebenfalls Afrikaforscher Jakob Zollmann vom Wissenschaftszentrum Berlin hat Zimmerer und einige seiner postkolonial argumentierenden Kollegen en detail untersucht und scharf kritisiert.[62] Dem unzweifelhaften Rassismus des deutschen Kolonialismus stand eben gerade keinerlei Vernichtungsideologie wie der Antisemitismus zur Seite, und die deutschen Kolonialisten in Deutsch Südwestafrika (heute Namibia) hatten noch nicht einmal völlig Kontrolle über das ganze Land, von einer „faschistischen“ Herrschaft analog zum SS-Staat ganz zu schweigen.

Andere Holocaustverharmloser wie Ben Kiernan von Yale reden von „Blood and Soil“ von antiken Zeiten bis heute, wobei die Shoah nur einen völlig unspezifischen Bruchteil ausmacht.[63] Ein Kollege und weiterer Star gegenwärtiger Forschung von der Yale University, Timothy Snyder, bettet die Shoah in „Bloodlands“ ein, ein imaginäres Territorium in Osteuropa, vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer und Ostpolen bis zum westlichen Russland, in dem von 1932 bis 1945 14 Millionen Menschen getötet worden seien. Auch hier kommt der Zivilisationsbruch Auschwitz als solcher überhaupt nicht vor. Sein Buch wurde auch schon in der linken Monatszeitschrift Konkret beworben. Für Snyder wie für seinen Vater im Geiste Ernst Nolte war Stalin der erste Verbrecher, nicht die Deutschen. Snyder wird vor allem in Osteuropa verehrt, wie in Litauen. Kritik ist marginal, der Jiddischforscher und Holocaustforscher Dovid Katz[64] sowie der Historiker Efraim Zuroff[65] gehören zu den kontinuierlichen Kritikern Snyders, aber auch Historiker wie Dan Michman[66] oder Jürgen Zarusky[67] vom Institut für Zeitgeschichte aus München.

Ein zentraler Aspekt der Diskussion über Genozid und Holocaust ist die Abwehr der Einzigartigkeit der Shoah. Dabei hervorgetan hat sich in Deutschland vor allem der Antizionist Norman Finkelstein, der in seiner Abwehr der Thesen und Forschungen von David Jonah Goldhagen vor kaum einem antisemitischen Klischee zurückschreckte und den antisemitischen Terminus „Holocaust-Industrie“ prägte. Finkelstein wurde in Deutschland zu einem Bestsellerautor mit über 200.000 verkauften Exemplaren[68] seines Buches „Holocaust-Industrie“. Der Sozialwissenschaftler Marc Schwietring hat die Bedeutung Finkelsteins für die „Normalisierung des sekundären Antisemitismus in Deutschland“ kürzlich in einer Studie luzide analysiert.[69]

Nicht zuletzt gibt es jene rabiaten Tierschützer, die Juden mit Tieren vergleichen. Sie meinen für die Tiere sei es „wie Treblinka“. So auch die Tierrechtsorganisation PETA, die auf besonders perfide und widerwärtige Weise formulierte: „Der Holocaust auf deinem Teller“.[70]

Katholische, christliche und andere Antifeministen und Abtreibungsgegner reden vom „Abtreibungsholocaust“ oder „Babykaust“,[71] seit den später 1970er-Jahren war zudem gern die Rede vom „atomaren Holocaust“[72] und die Deutschen wie die Europäer konnten sich selbst als die neuen Juden herbeiphantasieren, die Opfer vor allem amerikanischer Rüstungs- und Außenpolitik werden könnten.

Deutscher Opferdiskurs

Während bis in die 1980er-Jahre in der BRD der 8. Mai als Niederlage oder Beginn der „Besatzung“ betrachtet wurde, je nachdem ob man für die CDU/CSU-Stahlhelm-Fraktion im Bundestag oder für die NPD und die Neue Rechte am Hermannsdenkmal in Detmold patrouillierte, wird seit einiger Zeit eher vom Opfer gesprochen. Alle möchten wenigstens ein bisschen Opfer gewesen sein. Opfer der bösen Nazis, doch vor allem Opfer der Engländer, der Amerikaner, der Russen und Tschechen.

Bücher, Texte und Filme über den Luftkrieg von Jörg Friedrich[73] vergleichen schon sprachlich Auschwitz mit Dresden und benutzen das Wort „Krematorium“ ganz gezielt für Deutsche als Opfer, nicht als Täter. Dazu kommt der Topos der „Vertreibung“ der Deutschen, dem sogar ein riesiges Zentrum gegen Vertreibung im Herzen des neuen Berlin gewidmet ist, unmittelbar angrenzend an die Topographie des Terrors. Soviel Gleichmacherei, soviel Trivialisierung des Holocaust war nie seit 1945. Es ist das Zeitalter des obsessiven Komparatismus.

Dazu passt die Kritik am Dresden-Mythos des Publizisten Henning Fischer, der auch die „Ablösung der ‚Schlussstrich‘-Fraktion durch die ‚Bekenntnis-Fraktion ab Mitte der 1990er Jahre“ untersucht.[74] Antonia Schmid hat darüber hinaus die Bedeutung von Filmen und TV-Produktionen für den deutsch-nationalen Diskurs über den Nationalsozialismus untersucht, wie „Dresden“, „Die Gustloff“ oder „Die Flucht“.[75] Vor allem der Film „Der Untergang“ steht symbolisch für den neuen deutschen Diskurs, für die „Auslöschung der Geschichte“, wie der Historiker und Publizist Hannes Heer gezeigt hat. Himmlers Adjutant Fegelein erscheint irgendwie „sympathisch“, Hitlers Geliebte Eva Braun überzeuge durch „ihre Natürlichkeit und ihren Frohsin“ und seine Chefsekretärin „Traudl Junge“ gewinnt das „Herz“ der Zuschauerinnen und Zuschauer „im Sturm“ wie Heer kritisch analysiert.[76] Das ist das Ende der Erinnerung an Nazi-Deutschland als einem verbrecherischen Land.[77]

Goldhagen und die deutsche Spezifik

Dabei gab es eigentlich nur während einer recht kurzen Periode so etwas wie Versuche einer Erinnerung an die Shoah. Begonnen hat es im Januar 1979 mit der Ausstrahlung der US-Serie Holocaust. In den 1980er- Jahren gab es dann einige lokale Initiativen. In gewisser Weise ein Höhepunkt der Erinnerung an den Nationalsozialismus und an die Shoah war die Publikation „Hitlers willige Vollstrecker“ des amerikanischen Politikwissenschaftlers Daniel J. Goldhagen im Jahr 1996. Goldhagen analysierte einen spezifisch deutschen Antisemitismus, den er „eliminatorisch“ nennt, was zwar insofern widersprüchlich klingt, als Antisemitismus immer auf die Tötung von Juden zielt, aber es eben historisch einen kategorialen Unterschied vom mörderischen Pogrom-Antisemitismus wie im zaristischen Russland und dem auf die Vernichtung aller Juden gerichteten deutschen Antisemitismus gab. Goldhagen untersuchte anhand von Quellen die mörderischen Aktionen deutscher Polizeibataillone im Holocaust, die Beziehung von Arbeitslager und Judenmord und schließlich die Todesmärsche gegen Ende des Zweiten Weltkriegs und der Shoah. Theoretisch bettet Goldhagen das in eine politisch-kulturelle Analyse des spezifisch deutschen Antisemitismus vor allem seit dem 19. Jahrhundert ein. Dass er hingegen mit keinem Wort einem bösen „Essentialismus“ das Wort redete und nicht „die Deutschen“ aller Zeiten anklagte, zeigte sich in seinem nicht sehr überzeugenden Freispruch des heutigen – man muss betonen, Stand 1996 – Deutschland, das er als geläutert ansah oder ansieht.

Der Kern von Goldhagens Analyse jedoch ist so treffend wie selbstverständlich, doch niemand vor ihm hat es so prägnant zusammengefasst und ein ganzes Land damit konfrontiert: „No Germans – No Holocaust“; „keine Deutschen – kein Holocaust“.[78]

Goldhagen hat geschafft, was selbst radikale Linke in der BRD jahrzehntelang nicht vermochten: die Vernichter der europäischen Juden als das zu bezeichnen, was sie waren: Deutsche. Nicht bloß ‚Nazis‘, ‚SS-ler‘ oder eben ‚von Hitler Verführte‘, nein: „Dabei müssen wir bequeme, aber oft unangemessene und vernebelnde Etikettierungen wie ‚Nazis‘ oder ‚SS-Männer‘ vermeiden und sie als das bezeichnen, was sie waren, nämlich Deutsche. Der angemessenste, ja der einzig angemessene allgemeine Begriff für diejenigen Deutschen, die den Holocaust vollstreckten, lautet ‚Deutsche‘.“[79]

Es wäre eine ganze Vortragsreihe wert, sich auch den linken Lücken und Fehlinterpretationen bezüglich des Nationalsozialismus und der Shoah zu widmen. Die Abwehr einer deutschen Spezifik und des spezifisch deutschen Antisemitismus reicht dabei vom Traditionsmarxismus à la Wolfgang Abendroths Marburger Schule, Reinhard Kühnl und Manfred Opitz,[80] über Forscher und Autoren wie Karl-Heinz Roth, Detlef Hartmann, Götz Aly und Susanne Heim hin zu weiten Teilen der heutigen Linken, die mit Goldhagen schon deshalb nichts anfangen können, weil er nicht deren wertkritische und somit universalistische Grundhaltung teilt. Linke Anti-Goldhagen-Vertreter sind etwa der Soziologe Detlev Claussen oder der Historiker Ulrich Enderwitz sowie Bahamas-Autoren, die 1997 in dem Band „Goldhagen und die deutsche Linke“ von Matthias Küntzel, Ulrike Becker, Klaus Thörner und anderen untersucht und kritisiert wurden.[81] Der Partikularismus des allzu deutschen Weges in den Führerstaat und die antisemitische Volksgemeinschaft widerstrebt Theoretikern, die im Kapitalverhältnis, so unorthodox orthodox es immer analysiert werden mag, den Kern des Übels zu sehen glauben. Erinnert sei auch an einen programmatischen Text von Joachim Bruhn von der Initiative Sozialistisches Forum (ISF) aus Freiburg, der 2005 bezüglich des Holocaust von einer „Kahlfraßzone“ sprach und in Anlehnung an Götz Aly den Holocaust als „den konsequentesten Massenraubmord der Geschichte“ herunterdekliniert.[82]

Für Bruhn also waren die Deutschen, die Nazis, die SS eine Art Heuschrecken, die den Osten Europas kahl gefressen haben, sprich: die Juden ermordeten. Davon haben die deutschen Arbeiter zwar profitiert, das Kapital aber auch. Peter Kessen hat Alys gezieltes Ausblenden des Antisemitismus bei der Analyse des Nationalsozialismus kritisiert:

Götz Aly hat mit einer Pseudokritik der ‚Volksgemeinschaft‘ einen neuen Diskurs des Nationalen geschaffen. Sein Vulgärmaterialismus lässt den tödlichen Antisemitismus der Deutschen verschwinden, streicht die Elite der Bourgeoisie aus der Volksgemeinschaft, um mit dem beliebten Topos von der ‚Banalität des Bösen‘ eine sanft verständige und aktuelle Kritik der Unterschichtsmentalität in die Geschichte zu projizieren: ‚Die Menschen in Deutschland waren während des Zweiten Weltkrieges weithin passiv. Sie jagten dem kleinen Vorteil hinterher, frei nach dem Motto: Geld ist geil.‘ Übrig bleiben nur noch die abstraktesten Motive der Tatlosigkeit, Beschränktheit, Unmoral und Geldgier, quasi als Motive eines White Trash vieler Länder, der bei Gelegenheit ebenso gen Stalingrad gezogen wäre. In diesem Sinne hat Götz Alys ‚Volksstaat‘ den Holocaust internationalisiert und entgermanisiert. Die deutschen Buchhandlungen meldeten nach einer Woche den Ausverkauf.[83]

Matussek und die Stolzdeutschen 2006

Wann ging der nationale Taumel so richtig los? Mit Jürgen Klinsmann und dem sogenannten Sommermärchen vom WM-Sommer 2006, als die DFB-Elf nur Dank Italien gestoppt werden konnte? In seinem Buch von 2006 „Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können“ des damaligen Spiegel-Ressortleiters und heutigen Springer-Mannes Matthias Matussek spricht er mit der Journalistin Sarah Kuttner: „MM: Es gibt zum Beispiel die Parole ‚Nie wieder Deutschland‘. Es gibt den Wunsch mancher Deutschen, die sagen: ‚Nie wieder Deutscher, lieber Europäer sein oder lieber Weltbürger sein‘. Kuttner: Das ist genauso dämlich.“[84]

Matussek ist ganz begeistert ob der neuen deutschen Welle im Popgeschäft, Gruppen wie „Mia“ oder „Peter Heppner und Paul van Dyk“ haben es ihm angetan, wenn Mia singt „Fragt man mich jetzt, woher ich komme, tu ich mir nicht mehr selber leid“ oder „Wir sind wir“ von Heppner und van Dyk.[85]

Matussek ist ebenso angetan vom TV-Philosophen und Heidegger-Jünger Peter Sloterdijk, für den Wolfsburg die „interessanteste Stadt Deutschlands ist“ – kein Wunder, dass einem Sloterdijk gerade Wolfsburg so gefällt, wenn man bedenkt, dass sie 1938 als „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ gegründet wurde. Von der „Volkskunde“ über den „Volksempfänger“, den VE301,[86] hin zum „Volkswagen“ führt die volksgemeinschaftliche Linie im Nationalsozialismus. Matussek ist ein ganz typischer deutscher Autor, er passt so gut zum „Spiegel“ wie zur „Achse des Guten“ oder der Tageszeitung „Die Welt“, wenn er 2006 in „Wir Deutschen“ schreibt: „Ich bin nicht tief traumatisiert, denn ich denke nicht oft an die deutsche Schuld und den Holocaust“, er attackiert eine angeblich ‚sündenstolze deutsche Linke‘ und kämpft ebenso wie sein Vater im Geister Martin Walser gegen die „moralische Keule“.[87]

Matussek ist ganz euphorisch ob der Inneneinrichtung im Haus des Journalisten Ulf Poschardt, dessen Innenleben „wesentlich schuldfreier“ daherkomme als das seiner 68er-Eltern. Poschardt möchte zurück zum „Vorkriegsdeutschland“, auch architektonisch, wie Matussek schreibt. Das Haus sei „minimalistisch, ja soldatisch eingerichtet“ und umgehend kommt Matussek auf Dresden zu sprechen und die bösen Engländer, die die Frauenkirche zerstört und die Großmutter seiner Frau traumatisiert hätten. Poschardt steht für Matussek somit jenseits der „Selbstgeißelungsprozessionen“, er steht journalistisch wie die Inneneinrichtung seines Hauses betreffend für die ungezwungenen, befreiten, neuen stolzdeutschen Bataillone.[88] „Ich finde Partypatriotismus ist für ein Land mit so einer düsteren Geschichte wie Deutschland – was den Nationalismus betrifft – etwas ganz Fantastisches“, erklärte Ulf Poschardt, stellvertretender Chefredakteur der „Welt am Sonntag“, wie es in einem Bericht auf 3sat 2012 hieß. Die Grüne Jugend München, die sich gegen Nationalismus und Deutschtümelei während Fußballgroßereignissen wandte, wurde von Poschardt abwertend als „antideutsch“ bezeichnet.[89] Hingegen hat die Sozialpsychologin Dagmar Schediwy in Interviews mit Fußballanhängern empirisch untersucht, in welcher Beziehung möglicherweise kapitalistische Ökonomie, Versagensängste oder sozialer Abstieg in Relation zu Nationalstolz stehen;[90] 3sat berichtete dazu: „Schediwy erklärt das neue Streben nach Zugehörigkeit zur Nation mit Adorno und seiner Theorie der narzisstischen Kränkung. Wer im Alltag gedemütigt wird, sucht Zuflucht im Opium des Kollektivstolzes.“[91]

Hinzufügen muss man, dass auch wohlsituierte Deutsche, Poschardt mag ein typisches Beispiel dafür sein, ihren „Stolz“ auf Deutschland ganz nassforsch hinausbrüllen. Selbst bürgerliche Distanz zum kollektiven deutschen „Wir“ gibt es überhaupt gar nicht mehr. Das ist die Berliner Republik, die Verwandlung der Bundesrepublik in Deutschland.

Oder ging das deutsche Revival so richtig los mit der antiamerikanischen Offensive von Gerhard Schröder und der deutschen Friedensbewegung im Jahr 2003, als ganz ungeniert allerorten von einem „deutschen Weg“[92] geredet wurde? Unzweifelhaft war der 9. November 1989 ein historisches Datum, der Fall der Berliner Mauer, als wie selbstverständlich im Deutschen Bundestag die Nationalhymne angestimmt wurde, als ob alle seit dem 8. Mai 1945 beziehungsweise nach der Gründung von BRD und DDR 1949 nur auf diesen Tag gewartet hätten. Es war nicht nur ein Fanal für ungebremsten Nationalismus. Es folgten Rassismus, Mord und Totschlag von Migranten, nicht-deutsch-genug Aussehenden, Linken, Obdachlosen und anderen, wobei Nazi-Terrorgruppen wie der NSU noch gar nicht denkbar waren.

Der sekundäre Antisemitismus und die Erinnerungsabwehr sind notwendige Folge des neuen deutschen Nationalismus. Die Walser‘sche Paulskirchenrede von Oktober 1998 steht dafür paradigmatisch,[93] doch wie zitiert sekundiert sie nur Walsers deutsch-nationalen Einsatz der 1970er-Jahre.

Nichts wird verleugnet, doch das Wörtchen „Aber“ ist der Kern jeder Diskussion. „Es gab viele Verbrechen damals, an denen die Deutschen Schuld hatten, aber…“. So wird geredet, mal offen, mal verdruckster. So offen nationalistisch wie bei Fußballereignissen speziell seit dem Sommer 2006, als die Fußball-WM in der Bundesrepublik stattfand, ging es seit 1945 in diesem Land nicht zu. Soviel schwarzrotgoldener Wahnsinn war nie. Die Nazis reiben sich seit 2006 die Augen, wie selbstverständlich jede Krankenschwester, jede Chefärztin, jeder Taxifahrer, jede Zeitung, jede TV-oder Radio-Station und jeder Angestellte, Politiker, Manager ebenso wie Arbeitslose dem nationalen Geschrei und Herumfuchteln mit allen möglichen Accessoires in den Nationalfarben frönen. Die Zunahme nationaler Agitation auf den Straßen und vor dem Fernseher steht in direktem Zusammenhang mit dem Ende der Erinnerung an die Shoah.

Das Ende der Erinnerung an den Holocaust in Amerika?

Abschließend noch einige Worte zur aktuellen Diskussion über die Erinnerung an den Holocaust aus amerikanischer Perspektive. Der Forscher in Jüdischen Studien Alvin Rosenfeld aus Indiana hat 2011 das Buch „The End of the Holocaust“ publiziert, das 2015 auch in deutscher Sprache erschien. Rosenfeld befürchtet eine zunehmende Trivialsierung des Holocaust, was auch mit dem Begriff „Amerikanisierung des Holocaust“ Eingang in die Forschung gefunden hat. Dazu gehört auch die Debatte über die Einzigartigkeit der Shoah beziehungsweise die „uniqueness of the Holocaust“ wie sie etwa von dem Historiker und Forscher in Jüdischen Studien Steven T. Katz von der Universität Boston geführt wurde.[94] Der französische Publizist Bernard-Henri Levy hat eine der prägnantesten Analyse der Einzigartigkeit der Shoah publiziert und die völlige Sinnlosigkeit  des Holocaust betont. Selbst die Massenmorde an den Armeniern, in Kambodscha oder in Ruanda hatten nicht diesen eliminatorischen, die gesamte Gesellschaft auf dieses Ziel der Vernichtung aller Judenhin ausrichtenden Drang, dieses Aufspüren noch des letzten Juden in fast ganz Europa durch die Deutschen.[95]

Alvin Rosenfeld analysiert durchaus spezifisch amerikanische Formen der Erinnerung, die der Inklusion geschuldet sind, also dem für die politische Kultur der Vereinigten Staaten typischen Prinzip der Abwehr des Partikularismus. Besonderheiten dürfen selbstverständlich grenzenlos privat ausgelebt werden, aber im öffentlichen Raum sieht das anders aus, hier am Beispiel der Holocausterinnerung. Das geht los mit der Definition, wer Opfer des Holocaust war. Das ist eine Diskussion, die in Europa schwer verständlich ist, da der Holocaust die Vernichtung der europäischen Juden meint. Doch 1979 sprach der damalige US-Präsident Jimmy Carter am Holocaustgedenktag in USA in Anlehnung an Simon Wiesenthal von 11 Millionen Opfern im Holocaust.[96] Damit meinte er offenbar sowjetische Kriegsgefangene, Sinti und Roma, Homosexuelle, politische Gegner der Nazis und andere, die jedoch alle keineswegs Opfer des Holocaust wurden. Rosenfeld analysiert weiter: zur Amerikanisierung des Holocaust gehört auch, wiederum typisch amerikanisch, die Betonung des „Guten“, des „Optimismus“, von „Freiheit, Diversität und Gleichheit“.[97] Zentral seien Tendenzen der „Individualisierung, Heroisierung, Moralisierung, Idealisierung und Universalisierung“. Insofern sei es kein Zufall, dass ein Film wie „Schindlers Liste“ von Spielberg Weltruhm erlangte. Dabei ist der Plot, so Rosenfeld, völlig untypisch für den Holocaust, da es nur extrem wenige Retter und extrem wenige Gerettete gab. Doch so kann ein guter Deutscher promotet werden und eine positive Message bleibt hängen. Ähnlich Abstoßendes passiere mit Anne Frank, die kaum als ermordetes jüdisches Mädchen, vielmehr als Ikone jugendlichen Überlebenswillens erinnert werde.

Ganz typisch für die „Amerikanisierung des Holocaust“ ist laut Rosenfeld eine Aussage einer ehemaligen Direktorin für Kommunikation beim US Holocaust Memorial in Washington, D. C., die ernsthaft sagte, das „ultimative Ziel des Museums“ sei es zu zeigen, „was Menschen Menschen antaten und nicht was Deutsche Juden antaten“.[98]

Schluss

Ich habe zu zeigen versucht, dass es in der Bundesrepublik eine Tendenz zur Selbstversöhnungsrhetorik gibt, die der Literaturwissenschaftler Klaus Briegleb schon Ende der 1980er-Jahre diagnostizierte, als er schrieb: „Jede vaterländische Neuordnung im Vergangenheitsdiskurs, die ‚unsere Opfer‘ in die Zwielichtigkeit der Kriegserinnerungen stellt, um die (Selbst-)Versöhnungs-Rhetorik, auch die kritische, an ihnen entzünden zu können, ist strukturell antisemitisch.“[99] Vor wenigen Jahren legte er mit einer Studie über die Schriftsteller Gruppe 47 ein weiteres, sehr fein gearbeitetes Buch vor, das noch die feinsten Verästelungen des deutschen nationalen Apriori findet, decodiert und kritisiert.[100]

Dramatisch sieht es nicht nur in der Bevölkerung aus, wo ganz offene antisemitische Ressentiments auf Dinner-Partys der politischen und kulturellen Elite in den Nobelvierteln der Großstädte zu hören sind und von Schlägern auf den Straßen umgesetzt werden. Doch wie gezeigt sind es auch internationale Tendenzen, die einer emphatischen Erinnerung immer stärker im Wege stehen. Gerade die Forschung ist ein großes Problem, viele Forscherinnen und Forscher im Bereich Holocaustforschung, Postkolonialismus und Gesschichte, lehnen entweder die Einzigartigkeit des Holocaust ab oder/und frönen antizionistischen Ressentiments. Die Ablehnung der Einzigartigkeit der Shoah, die Abwehr der substantiellen Kritik des deutschen Antisemitismus vor 1933 und nach 1945 sowie während des Nationalsozialismus sowie die Attacken auf Israel durch weite Teile gerade auch der Jüdischen Studien und der Antisemitismusforschung tun ihr übriges, nicht nur in Deutschland.

Was bleibt? Seit dem „Sommermärchen“ von 2006 sind die ganz normalen Deutschen so frech und stolzdeutsch wie noch nie seit 1945, Pegida ist nur der vulgärste und massenhafteste Ausdruck dafür. Die Deutschen haben die europäischen Juden vernichtet. Das deutsche Judentum wurde zum Großteil ausgelöscht. Es gibt dennoch wieder jüdisches Leben in Deutschland. Aber das ist nicht ansatzweise zu vergleichen mit dem, was jüdisches Leben vor der Shoah in Europa bedeutete. Sechs Millionen Juden wurden aus keinem anderem Grund, als dem, Jude zu sein, von den Deutschen (und ihren europäischen Helfern) ermordet. Der Zivilisationsbruch Auschwitz[101]  ist das unsagbarste Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Schließen möchte ich mit einem Zitat von Vladimir Jankélévitch aus seinem Text „Verzeihen?“ aus dem Jahr 1971:

„Ja, die Erinnerung an das, was geschehen ist, ist in uns unauslöschlich, unauslöschlich wie die Tätowierung, welche die aus den Lagern Davongekommenen noch auf dem Arm tragen. In jedem Frühling blühen die Bäume in Auschwitz, wie überall; denn das Gras ist nicht angewidert davon, in diesen verfluchten Gefilden zu wachsen; der Frühling unterscheidet nicht zwischen unseren Gärten und diesen Orten unaussprechlichen Elends. Heute, wo die Sophisten uns das Vergessen empfehlen, werden wir nachdrücklich unser stummes und ohnmächtiges Entsetzen vor den Hunden des Hasses zum Ausdruck bringen; wir werden nachdrücklich die Agonie der Deportierten ohne Bestattung und an die kleinen Kinder denken, die nicht zurückgekehrt sind. Denn diese Agonie wird dauern bis ans Ende aller Tage.“[102]

 Anmerkungen:

[1] Dana Giesecke/Harald Welzer (2012): Das Menschenmögliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur, Hamburg: edition Körber-Stiftung, S. 20.

[2] Brigitta Huhnke (2012): 8. Mai 2012: Entrümpelung der Erinnerung im „Science Center“.

[3] Klaus Ahlheim (2014): Ver-störende Vergangenheit. Wider die Renovierung der Erinnerungskultur. Ein Essay, Hannover: Offizin, S. 60.

[4] Gert Gröning/Joachim Wolschke-Bulmahn (1983): Naturschutz und Ökologie im Nationalsozialismus, Die Alte Stadt, 10. Jg., Nr. 1, S. 1–17; dies. (1995)2: Liebe zur Landschaft. Teil 1: Natur in Bewegung. Zur Bedeutung natur- und freiraumorientierter Bewegungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Entwicklung der Freiraumplanung, Münster: Lit Verlag (zuerst 1986); dies. (1987): Die Liebe zur Landschaft. Teil III: Der Drang nach Osten. Zur Entwicklung der Landespflege im Nationalsozialismus und während des Zweiten Weltkrieges in den »eingegliederten Ostgebieten«, München: Minerva Publikation; dies. (Hg.) (2006): Naturschutz und Demokratie !?, München: Martin Meidenbauer; Joachim Wolschke-Bulmahn (1990): Auf der Suche nach Arkadien. Zu Landschaftsidealen und Formen der Naturaneignung in der Jugendbewegung und ihrer Bedeutung für die Landespflege, München: minerva publikationen; ders. (2001): Findlinge, Landschaftsgestaltung und die völkische Suche nach nationaler Identität im frühen 20. Jahrhundert, in: Gert Gröning/Uwe Schneider (Hg.), Strategien nationaler und regionaler Identitätsstiftung in der deutschen Gartenkultur, Worms: Wernersche Verlagsgesellschaft, S. 76–93; ders. (2006a): Naturschutz und Nationalsozialismus – Darstellungen im Spannungsfeld von Verdrängung, Verharmlosung und Interpretation, in: Gröning/Wolschke-Bulmahn (Hg.), S. 91–113. Siehe auch Clemens Heni (2014): Naturschutz, Antisemitismus und Nationalsozialismus. Dem Historiker einer kritischen „Naturschutzgeschichte“ und „Freiraumplanung“ Gert Gröning zum 70. Geburtstag, in: Jüdische Rundschau, 1. Jg., No. 6, S. 32–33.

[5] Gert Gröning (2006): Siegfried Lichtenstaedter: ‚Naturschutz und Judentum. Ein vernachlässigtes Kapitel jüdischer Sittenlehre‘ – Ein Kommentar, in: Gröning/Wolschke-Bulmahn (Hg.), Naturschutz und Demokratie !?, München: Martin Meidenbauer, S. 137–150.

[6] Walther Schoenichen (1933): Denkmal- und Naturdenkmalfragen unserer Tage, in: Flugschriften der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen, Nr. 1, Sonderdruck aus der Zeitschrift Naturschutz, 15. Jg., Nr. 3; ders. (1933a): ‘Das deutsche Volk muss gereinigt werden.’ – Und die deutsche Landschaft?, Naturschutz, 14. Jg., Nr. 11, S. 205–209; ders. (1934): Alte Friedhöfe – neuzeitliches Denken, Sonderdruck aus der Zeitschrift Naturschutz, 15. Jg., Nr. 2; ders. (1934a): Naturschutz im Dritten Reich. Einführung in Wesen und Grundlagen zeitgemäßer Naturschutz-Arbeit, Berlin-Lichterfelde: Hugo Bermühler Verlag; ders. (1934b): “Der Naturschutz – ein Menetekel für die Zivilisation!,” Naturschutz, Vol. 15, No. 1, 1–3; ders. (1939): Biologie der Landschaft, Neudamm/Berlin: Verlag J. Neumann.

[7] Frank Uekötter (2005): Polycentrism in Full Swing. Air Pollution Control in Nazi Germany, in: Franz-Josef Brüggemeier/Mark Cioc /Thomas Zeller (Hg.) (2005): How Green were the Nazis? Nature, Environment, and Nation in the Third Reich, Athens: Ohio University Press, S. 101–128; ders. (2006): Der Alltag des Naturschutzes. Anmerkungen zu gegenwärtigen Entwicklungen in der Historiographie der Umweltbewegungen, Sozial.Geschichte, http://www.stiftung-sozialgeschichte.de/joomla/index.php/de/component/content/article/95-zeitschrift-archiv/sozial-geschichte-extra/beitraege/163-der-alltag-des-naturschutzes (eingesehen am 18.04.2015); ders. (2006a): The Green and the Brown. A history of conservation in Nazi Germany, New York: Cambridge University Press; ders. (2007): Green Nazis? Reassessing the Environmental History of Nazi Germany, German Studies Review, 30/2, S. 267–287; Joachim Radkau (2003): Naturschutz und Nationalsozialismus – wo ist das Problem?, in: Radkau/Uekötter (Hg.), S. 41–54; Joachim Radkau/Frank Uekötter (Hg.) (2003): Naturschutz und Nationalsozialismus, Frankfurt/New York: Campus.

[8] „Cyber-Attacke: Hacker legen israelische Regierungswebsites lahm“, 7. Februar 2015.

[9] Jan Süselbeck (2015): Auschwitz als Teil deutscher Identität. Kritische Beobachtungen zum Stand der Erinnerungspolitik im Land der Täter, 5. Februar 2015.

[10] Daniel Levy/Natan Sznaider (2007): Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 227.

[11] Levy/Sznaider 2007, S. 237.

[12] Joachim Gauck (1998): “Das Ritual der Antifaschisten. Erfahrungen im Umgang mit den Gegnern des Schwarzbuchs des Kommunismus,” in: Horst Möller (ed.), Der Rote Holocaust und die Deutschen. Die Debatte um das „Schwarzbuch des Kommunismus“, Munich/Zürich: Piper, S. 227–231.

[13] Edward Said (1978): Orientalism, New York: Vintage Books.

[14] Zu Said und anderen Ideologen der Analogie von Holocaust und „Nakba“ vgl. Clemens Heni (2011): Schadenfreude. Islamforschung und Antisemitismus in Deutschland nach 9/11, Berlin: Edition Critic, S. 94–107 und 126–128.

[15] Edward Said (1969): The Palestinian Experience, in: Moustafa Bayoumi/Andrew Rubin (Hg.) (2001): The Edward Said Reader, London: Granta Books; S. 14–37; ders. (1979): Zionism from the Standpoint of its Victims, in: Bayoumi/Rubin (Hg.), S. 114–168; ders. (1998): Der dritte Weg führt weiter. An die arabischen Unterstützer von Roger Garaudy, 14. August 1998 (eingesehen am 18. April 2015); ders. (1999): An Interview with Edward Said, in: Bayoumi/Rubin (Hg.), S. 419–444; ders. (2006): Preface, in: Hamid Dabashi (Hg.) (2006): Dreams of a Nation, London/New York: Verso, S. 1–5; ders. (2010): The Pen and the Sword. Conversations with Edward Said by David Barsamian. Introductions by Eqbal Ahmad and Nubar Hovsepian, Chicago: Haymarket Books.

[16] Edward Said (1999): Bases for Coexistence(eingesehen am 17.04.2015).

[17] Einat Wilf (2013): Zionism Denial: Misusing the Holocaust to Erase Israel’s History, 3. März 2013 (eingesehen am 23.01.2014). Das ist ein Vortrag von Wilf auf der Jahreskonferenz des American Israel Public Affairs Committee (AIPAC) im Mai 2013.

[18] Daniel Pipes (2012): Löwengrube. Eine westliche Sicht auf den Islam und den Nahen Osten, Berlin: Edition Critic, 54–55.

[19] Hans-Dieter Schmid (Hg.) (2008): Ahlem. Die Geschichte einer jüdischen Gartenbauschule und ihres Einflusses auf Gartenbau und Landschaftsarchitektur in Deutschland und Israel, Bremen: Edition Temmen.

[20] Ruth Enis (1998): The Impact of the »Israelitische Gartenbauschule Ahlem« on Landscape Architecture in Israel, in: Die Gartenkunst, 10. Jahrgang, Heft 2/1998, S. 311–330.

[21] Jehuda Reinharz (Hg.) (1981): Dokumente zur Geschichte des deutschen Zionismus 1882–1933, Tübingen: Mohr.

[22] »Holocaust scholar warns of new ’soft-core‘ denial«, Jerusalem Post, 6. Februar 2007 (eingesehen am 17.04.2015).

[23] Efraim Zuroff (2013)2: Operation Last Chance. Im Fadenkreuz des »Nazi-Jägers«, Münster/Berlin: Prospero.

[24] Theodor W. Adorno (1962): Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute, in: ders.: Gesammelte Schriften, Band 20.1, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 360–383, hier S. 362. Vgl. auch Horst Peter Gerlich (2001): Sekundärer Antisemitismus in Deutschland nach 1989. »Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“, Diplomarbeit Technische Universität Berlin. (eingesehen am 19.04.2015) , hier S. 45f. Lars Rensmann (2004): Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden: VS Verlag. Siehe auch Jan Süselbeck (2014): Was ist sekundärer Antisemitismus? Ein Florilegium mit Hinweisen auf weiterführende Analysen von Claudia Globisch und Samuel Salzborn (eingesehen am 19.04.2015); Clemens Heni (2008): Sekundärer Antisemitismus. Ein kaum erforschter Teil des „Post-Holocaust“ Antisemitismus, in: Tribüne. Zeitschrift zum Verständnis des Judentums, 47. Jg., Heft 3/2008, S. 132–142 (eingesehen am 19.04.2015).

[25] Martin Heidegger (1949): Einblick in Das Was Ist. Bremer Vorträge 1949, ders. (1949a): Bremer und Freiburger Vorträge, Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, Gesamtausgabe Band 79, S. 3–77, hier S. 27.

[26] Vgl. dazu auch das Unterkapitel „Denken gegen die Menschen und für das Sein – Heideggers Brief über den Humanismus“ im Kapitel „Neudeutscher Antihumanismus, Antiliberalismus und Antisemitismus vor, während und nach dem Nationalsozialismus: Wenig bekannte Quellen des katholischen Bundes Neudeutschland“, in: Clemens Heni (2009): Antisemitismus und Deutschland. Vorstudien zur Ideologiekritik einer innigen Beziehung, Morrisville: Lulu (zweite Auflage Berlin 2015, geplant), S. 152– 160.

[27] Martin Heidegger (1946)/1967: Brief über den Humanismus, in: ders. (1967): Wegmarken, Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann, S. 145–194, hier S. 170.

[28] Hassan Givsan (1998): Eine bestürzende Geschichte: Warum Philosophen sich durch den „Fall Heidegger“ korrumpieren lassen, Würzburg: Königshausen & Neumann, 83. Diese dünne Buch (133 Seiten) ist eine etwas längere „Anmerkung“ zu Givsans Habilitationsschrift aus demselben Jahr, ebd., 9.

[29] Giorgio Agamben (1995)/2002: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 175 (Kapitelüberschrift). Dieser Band erschien in der Reihe „Erbschaft unserer Zeit“. Vorträge über den Wissensstand der Epoche, Band 16. Im Auftrag des Einstein Forums herausgegeben von Gary Smith und Rüdiger Zill.

[30] Agamben 2002, 183.

[31] Emmanuel Faye (2005)/2009: Heidegger. Die Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie. Im Umkreis der unveröffentlichten Seminare zwischen 1933 und 1935, Berlin: Matthes & Seitz, 407.

[32] Martin Heidegger (1949a): Die Gefahr, in: Ders. (1949): Bremer und Freiburger Vorträge, Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, Gesamtausgabe Band 79, 46–67, 56.

[33] Faye 2009, 408.

[34] Faye verweist auf eine Studie von Victor Farias, „Heidegger y su Herencia“, Faye 2009, S. 523, Anm. 63.

[35] „The USA Patriot Act issued by the U.S. Senate on October 26, 2001, already allowed the attorney general to ‚take into custody‘ any alien suspected of activities that endangered ‚the national security of the United States,‘ but within seven days the alien had to be either released or charged with the violation of immigration laws or some other criminal offense. What is new about President Bush’s order is that it radically erases any legal status of the individual, thus producing a legally unnamable and unclassifiable being. Not only do the Taliban captured in Afghanistan not enjoy the status of POW’s as defined by the Geneva Convention, they do not even have the status of persons charged with a crime according to American laws. […]The only thing to which it could possibly be compared is the legal situation of the Jews in the Nazi Lager [camps], who, along with their citizenship, had lost every legal identity, but at least retained their identity as Jews“, Giorgio Agamben (2005): State of Exception, Chicago/London: The University of Chicago Press, 3–4. Das sehen Anhänger von Agamben genauso wie ihr Vordenker, Andrew Norris (2005): Introduction: Giorgio Agamben and the Politics of the Living Dead, in: Andrew Norris (Hg.), Politics, Metaphysics, and Death. Essays on Giorgio Agamben’s Homo Sacer, Durham/London: Duke University Press, S. 1–30, hier S. 19; Alex Murray (2010): Giorgio Agamben, London/
New York: Routledge, S. 2.

[36] Niklas Luhmann (1987): Archimedes und wir. Interviews. Herausgegeben von Dirk Baecker und Georg Stanitzek, Berlin: Merve Verlag, S. 129. Das Zitat ist aus einem Gespräch Luhmanns mit Rainer Erd und Andrea Maihofer, das am 27. April 1985 in der Frankfurter Rundschau publiziert wurde.

[37] Martin Walser (1979): Händedruck mit Gespenstern, in: Jürgen Habermas (Hg.), Stichworte zur ‚Geistigen Situation der Zeit‘. 1. Band: Nation und Republik, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 39–50, hier S. 48.

[38] Walser 1979, S. 46.

[39] Walser 1979, S. 47.

[40] Hermann Peter Piwitt (1978): Einen Kranz niederlegen am Hermannsdenkmal, in: Hans Christoph Buch (Hg.), Tintenfisch 15. Thema: Deutschland. Das Kind mit den zwei Köpfen, Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, S. 17–24, hier S. 17.

[41] Piwitt 1978, S. 18.

[42] Vgl. dazu Clemens Heni (2006): Ahasver, Moloch und Mammon. Der ›ewige Jude‹ und die deutsche Spezifik in antisemitischen Bildern seit dem 19. Jahrhundert, in: Andrea Hoffmann et al. (Hg.), Die kulturelle Seite des Antisemitismus zwischen Aufklärung und Shoah, Tübingen: TVV, S. 51–79.

[43] Vgl. zur Kritik beispielsweise ein Flugblatt einer Gruppe „GewerkschafterInnen und Antifa gemeinsam gegen Dummheit und Reaktion“ von 2012 (eingesehen am 18.04.2015).

[44] Hans-Ulrich Wehler (1988): Entsorgung der deutschen Vergangenheit. Ein polemischer Essay zum „Historikerstreit“, München: Beck.

[45] Ernst Nolte (1986): (1986): „Die Vergangenheit, die nicht vergehen will. Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte“, 6. Juni 1986, Frankfurter Allgemeine Zeitung.

[46] Henryk M. Broder (1986): Der Ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls, Frankfurt a. M.: Fischer, S. 7.

[47] Thilo Sarrazin (2010): Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, München: Deutsche Verlags-Anstalt, S. 13; Clemens Heni (2010): Vorbeigeredet. Sarrazin, Gutmenschen und die Stolzdeutschen, n: Tribüne. Zeitschrift für das Verständnis des Judentums, 49. Jg., Heft 196, 4. Quartal 2010, S. 19-22.

[48] Stéphane Courtois (Hg.) (1997)/1998: Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. Mit dem Kapitel „Die Aufarbeitung des Sozialismus in der DDR“ von Joachim Gauck und Ehrhardt Neubert, München/Zürich: Piper. Die Originalausgabe erschien 1997 in Paris bei der Editions Robert Laffont; Joachim Gauck (1998): Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung, in: Courtois (Hg.), 885–894.

[49] Vera Lengsfeld (2010): Warum Deutschland einen Bundespräsidenten Gauck braucht, 16. Juni 2010 (eingesehen am 28. Februar 2012).

[50] Vera Lengsfeld (2012): Gauck!!! Ein Sieg der Bürger über die Politikkungelei!, 19. Februar 2012 (eingesehen am 28. Februar 2012).

[51] Maybrit Illner, 23.02.2012, 22.25 Uhr(eingesehen am 28.02.2012).

[52] Clemens Heni (2010): „Geistige Gesundung“. Joachim Gauck und die neueste deutsche Ideologie, 17. Juni 2010 (eingesehen am 4. März 2012).

[53] Clemens Heni (2012): Ein politisch-kultureller Super Gau(ck) – Antisemitismus erhält Einzug ins Schloss Bellevue, 20. Februar 2012 (eingesehen am 4. März 2012).

[54] Joachim Gauck (2006): Welche Erinnerungen braucht Europa?, (eingesehen am 27.02.2012).

[55] Gauck 2006, 14f.

[56] Clemens Heni (2010): Ein Nazi und sein Schüler: Karl Bosl und Wolfgang Benz, 15. Januar 2010, (eingesehen am 17.04.2015); ders. (2010a): Erlangen 1944/2010 – die „Aktion Ritterbusch“, Bosl und Benz, 27. März 2010, (eingesehen am 17.04.2015); Micha Brumlik (2010): Loyalität und Reflexion. Wolfgang Benz und die Causa Karl Bosl, taz, 06.04.2010 (eingesehen am 17.04.2015).

[57] Wolfgang Benz (2012): „Man darf konservativ sein“, taz, 3./4. März 2012.

[58] Thorsten Hinz (2007): Sakralisierung des Holocaust. „Brief an einen jüdischen Freund“: Sergio Romanos Werk trifft auch in Deutschland einen zentralen Nerv, Junge Freiheit, 26. Oktober 2007.

[59] Clemens Heni (2008): 1968 = 1933? Götz Alys Totalitarismusfiktion, Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 4/2008, 47–58.

[60] Götz Aly (2008): Vorabdruck aus „Unser Kampf“, Frankfurter Rundschau, 30. Januar 2008; Götz Aly (2008): Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück, Frankfurt a. M.: S. Fischer

[61] Brendan Simms (2014): Against a ‘world of enemies’: the impact of the First World War on the development of Hitler’s ideology, International Affairs, 90: 2 (2014), S. 317–336.

[62] Jakob Zollmann (2007): Polemics and other arguments – a German debate reviewed, Journal of Namibian Studies, [Jg. 1], No. 1, S. 109–130; ders. (2010): Koloniale Herrschaft und ihre Grenzen. Die Kolonialpolizei in Deutsch-Südwestafrika 1894–1915, Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht; ders. (2013): From Windhuk to Auschwitz – old wine in new bottles? Review article, Journal of Namibian Studies, 14 (2013), S. 77–121.

[63] Ben Kiernan (2007): Blood and Soil. A World History of Genocide and Extermination from Sparta to Darfur, New Haven & London: Yale University Press. Er spricht auch von einem „China’s holocaust“, ebd., S. 537.

[64] Dovid Katz (2012): An Open Letter to Yale History Professor Timothy Snyder, 21. Mai 2012 (eingesehen am 17.04.2015).

[65] Efraim Zuroff (2010): A dangerous Nazi-Soviet equivalence. Timothy Snyder’s emphasis on the Hitler-Stalin pact as the genesis of war blurs the moral responsibility that was Germany’s, 29. September 2010 (eingesehen am 17.04.2015). Am 17. April sprach Zuroff per Video zu einer Konferenz in Vilnius und fasst die Hauptunterschiede einer Holocausterinnerung in West- bzw. Osteuropa zusammen (eingesehen am 18.04.2015).

[66] Dan Michman (2012): Bloodlands and the Holocaust: Some Reflections on Terminology, Conceptualization and their Consequences, unpubliziertes Manuskript [zur Veröffentlichung im Journal of Modern European History, 2012]; vielen Dank an Dan Michman von Yad Vashem, der mir seinerzeit seinen Artikel vor seiner Publikation zusandte.

[67] Jürgen Zarusky (2012): Timothy Snyders „Bloodlands“. Kritische Anmerkungen zur Konstruktion einer Geschichtslandschaft,” Vierteljahreshefte für Zeit­geschichte,  60. Jg., Nr. 1, S. 1–31.

[68] Alvin H. Rosenfeld (2011): The End of the Holocaust, Bloomington & Indianapolis: Indiana University Press, S. 266 bzw. S. 297, Fußnote 51.

[69] Marc Schwietring (2014): Holocaust-Industrie und Vergangenheitspolitik. Norman G. Finkelstein und die Normalisierung des sekundären Antisemitismus in Deutschland, Frankfurt a. M u.a.: Peter Lang.

[70] http://www.peta.org/Living/at-spring2002/treblinka/ (eingesehen am 9. März 2008); Charles Patterson (2002): Eternal Treblinka: our treatment of animals and the Holocaust, New York: Lantern Book.

[71] http://www.babykaust.de/(eingesehen am 17.04.2015).

[72] Georg Fuchs (1985)2: Von der Atombombe zum nuklearen Holocaust, Wien: Gazettaverlag; Anton-Andreas Guha (1981): Die Nachrüstung – Der Holocaust Europas. Thesen und Argumente, Freiburg: Dreisam-Verlag; N. Ranganathan (1984): Nuclear Holocaust or World Peace, New Delhi/Banga­lore/Jalandhar: Sterling Publishers; Ronald J. Sider/Richard K. Taylor (1982): Nuclear Holocaust & Christian Hope. A Book for Christian Peacemakers, Downers Grove: InterVarsity Press.

[73] Jörg Friedrich (2003): Brandstätten. Der Anblick des Bombenkrieges, Munich: Propyläen; der. (2004): “Interview,” Westdeutschen Rundfunk, November 1, 2004, ders. (2006): „The Fire“, New York: Columbia University Press.

[74] Henning Fischer (2013): Im Kielwasser. Der Mythos Dresden und der Wandel der deutschen Nationalgeschichte, in: AUTOR_INNENKOLLEKTIV »Dissonanz«, Gedenken abschaffen. Kritik am Diskurs zur Bombardierung Dresdens 1945, Berlin: Verbrecher Verlag, S. 35–50.

[75] Antonia Schmid (2013): One Nation on the Screen. »Dresden«, filmisches Erinnern und deutsch-deutsche Geschichtspolitik, in: AUTOR_INNENKOLLEKTIV »Dissonanz«, Gedenken abschaffen. Kritik am Diskurs zur Bombardierung Dresdens 1945, Berlin: Verbrecher Verlag, S. 77–95.

[76] Hannes Heer (2008): „Hitler war’s“. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit, Berlin: Aufbau, S. 15.

[77] Zu grundsätzlichen Überlegungen über heutige Formen der „Shoah-Repräsentationen“ vgl. Jan Süselbeck (2013): Im Angesicht der Grausamkeit. Emotionale Effekte literarischer und audiovisueller Kriegsdarstellungen vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, Göttingen: Wallstein, S. 404–467.

[78] Daniel Jonah Goldhagen (1996): Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin: Siedler, S. 19.

[79] Goldhagen 1996, S. 19.

[80] Die völlig Verkennung, ja Verleugnung des Antisemitismus bei der Analyse der Shoah ist bei Reinhard Opitz offenbar, siehe Clemens Heni (2007): Salonfähigkeit der Neuen Rechten. ‚Nationale Identität‘, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970–2005: Henning Eichberg als Exempel, Marburg: Tectum, S. 98–100.

[81] Matthias Küntzel, Klaus Thörner u.a. (1997): Goldhagen und die deutsche Linke oder Die Gegenwart des Holocaust, Berlin: Elefanten Press.

[82] Joachim Bruhn (2005): „Aus der Kahlfraßzone“, Konkret 5/2005, S. 28–29, hier S. 28.

[83] Peter Kessen (2005): White Trash im NS. Götz Aly, die Flicks, die Elite und die Auftragsforschung, 30. März 2005 (eingesehen am 17.04.2015).

[84] Matthias Matussek (2006): Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können, Frankfurt a.M.: Fischer, S. 221.

[85] Matussek 2006, S. 212–213.

[86] Chup Friemert (1996): Radiowelten. Zur Ästhetik der drahtlosen Telegrafie, Stuttgart: Cantz Verlag, S. 78.

[87] Matussek 2006, S. 154–155.

[88] Matussek 2006, S. 105–109.

[89] Cornelius Janzen (2012): Schwarz-Rot-Gold. Fußball und Patriotismus, 3sat Kulturzeit, 26.06.2012 (eingesehen am 17. April 2015).

[90] http://www.dagmar-schediwy.de/ (eingesehen am 19.04.2015).

[91] Janzen 2012.

[92] Egon Bahr (2003): Der deutsche deutsche Weg. Selbstverständlich und normal, München (Karl Blessing Verlag); Werner Abelshauser (2003): Kulturkampf. Der deutsche Weg in die Neue Wirtschaft und die amerikanische Herausforderung, Berlin (Kulturverlag Kadmos; Kulturwissenschaftliche Interventionen Bd. 4, herausgegeben vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen); Carl Gustaf Ströhm (2002): Deutscher Weg. Plötzlich verkehrte Fronten, in: Junge Freiheit, Nr. 41, 04. Oktober 2002; Eckhard Fuhr (2005): Wo wir uns finden. Die Berliner Republik als Vaterland, Berlin (Berlin Verlag). „Übrigens ist die SPD auch heute noch die einzige demokratische Partei, bei der das ‚D‘ für Deutschland steht“ (ebd.: 149).

[93] Martin Walser (1998): Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, in: Frankfurter Rundschau, Nr. 236, 12. Oktober 1998.

[94] Steven T. Katz (1983): „The ‚Unique‘ Intentionality of the Holocaust“, in: Steven T. Katz (1983a), Post-Holocaust Dialogues. Critical Studies in Modern Jewish Thought, New York/London: New York University Press, S. 287–317; ders. (1992): Auschwitz and the Gulag. Discontinuities and Dissimilarities, in: Steven T. Katz (1992a), Historicism, the Holocaust, and Zionism. Critical Studies in Modern Jewish Thought and History, New York/London: New York University Press, S. 138–161; ders. (1993): The Holocaust and Comparative History. The Leo Baeck Memorial Lecture, New York: Leo Baeck Institute; ders. (1994): The Holocaust in Historical Context. Volume 1. The Holocaust and Mass Death before the Modern Age, New York/Oxford: Oxford University Press; ders. (2010): The Murder of Jewish Children during the Holocaust, in: Steven T. Katz/Steven Bayme (Hg.), Continuity and Change. A Festschrift in Honor of Irvin Greenberg’s 75th Birthday, Lanham: University Press of America, S. 167–188. Ganz typisch für die jüngere Forschung und aggressive Abwehr der Einzigartigkeit des Holocaust: Donald Bloxham (2009): The Final Solution. A Genocide, New York: Oxford University Press; Donald Bloxham/Tony Kushner (2005): The Holocaust. Critical historical approaches, Manchester/New York: Manchester University Press. Kritik an Bloxham formulilert der Holocaustforscher Omer Bartov (2011): Locating the Holocaust, Journal of Genocide Research, 13. Jg., Nr. 1–2, S. 121–129. Zur Übersicht über die internationale Forschungsdiskussion über die Einzigartigkeit des Holocaust siehe Clemens Heni (2013): Antisemitism: A Specific Phenomenon. Holocaust Trivialization – Islamism – Post-colonial and Cosmopolitan anti-Zionism, Berlin: Edition Critic, 231–283.

[95] Bernard-Henri Lévy (2008): Left in Dark Times. A Stand against the New Barbarism. Translated by Benjamin Moser, New York: Random House, S. 159: „And you could take the time, with those who wonder, sometimes in good faith, about the uniqueness of the Holocaust, you could take the time to explain that this uniqueness has nothing to do with body count but with a whole range of characteristics that, strange as it may seem, coincide nowhere else in all the crimes human memory recalls. The industrialization of death is one such: the gas chamber. The irrationality, the absolute madness of the project, is the second: the Turks had the feeling, well founded or not, and mostly, of course, unfounded, that they were killing, in the Armenians, a fifth column that was weakening them in their war against the Russians – there was no point in killing the Jews; none of the Nazis took the trouble to claim that there was any point to it at all; and such was the irrationality, I almost said gratuitousness, of the process that when, by chance, the need to exterminate coincided with another imperative that actually did have a point, when, in the last months of the war, when all the railways had been bombed by the Allies, the Nazis could choose between letting through a train full of fresh troops for the eastern front or a trainload of Jews bound to be transformed into Polish smoke in Auschwitz, it was the second train that had priority, since nothing was more absurd or more urgent, crazier or more vital, than killing the greatest number of Jews. And the third characteristic that, finally, makes the Holocaust unique: the project of killing the Jews down to the last one, to wipe out any trace of them on this earth where they had made the mistake of being born, to proceed to an extermination that left no survivors. A Cambodian could, theoretically at least, flee Cambodia; a Tutsi could flee Rwanda, and outside Rwanda, at least ideally, would be out of range of the machetes; the Armenians who managed to escape the forces of the Young Turk government were only rarely chased all the way to Paris, Budapest, Rome, or Warsaw”.

[96] Rosenfeld 2011, S. 58.

[97] Rosenfeld 2011, S. 60.

[98] Rosenfeld 2011, S. 68.

[99] Klaus Briegleb (1989): Unmittelbar zur Epoche des NS-Faschismus. Arbeiten zur politischen Philologie 1978–1988, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 55.

[100] Klaus Briegleb (2003): Mißachtung und Tabu. Eine Streitschrift zur Frage: „Wie antisemitisch war die Gruppe 47?“, Berlin/Wien: Philo.

[101] Dan Diner (Hg.) (1988): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt a.M.: Fischer.

[102] Vladimir Jankélévitch (2004): Das Verzeihen. Essays zur Moral und Kulturphilosophie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 282.

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Was erlauben LizasWelt? Über die Notwendigkeit einer Selbstkritik der Pro-Israel-Szene

Giovanni Trapattoni, der am 10. März 1998 die bis heute vielleicht bekannteste Rede eines Fußball-Bundesligatrainers gehalten hat, ist mit Israel nicht unbedingt in Verbindung zu bringen. Doch als Trainer einer ziemlich guten Mannschaft, mit einer Reihe von Spitzenspielern, Diven und sog. Talenten (wie LizasWelt alias Mehmet Scholl, achgut (Broder) alias Mario Basler oder tapferimnirgendwo alias Alexander Zickler) war er seinerzeit aufgebracht ob der Leistung von und den Diskussionen über seine Mannschaft und ihn. Und nun geht es hier und heute um eine Kritik und Selbstkritik der sog. Pro-Israel-Szene. Netanyahu hat zuviel Schaden angerichtet, als dass man da einfach so drüber hinweg gehen könnte, mit einer Handbewegung, die den Tisch leerräumte von halbleeren Flaschen.

 

Was ist passiert? Angesichts einer massiven und offenkundigen Wechselstimmung in Israel zog Netanyahu in den letzten Tagen vor der Wahl und am Wahltag selbst, Dienstag, den 17. März 2015, alle Register und agitierte massiv gegen alle Linken, das Zionistische Lager – und die israelischen Araber. In Videoclips seines Likud konnte man IS-Jihadisten auf einem Pick-Up-Truck sehen, die einen Israeli in einem Wagen nach dem Weg nach Jerusalem fragen; „links abbiegen“ ist die Antwort, sprich: wer links wählt, unterstützt den antisemitischen und islamistischen blutrünstigen Jihad.

 

Dann sagte Netanyahu, eine Zweistaatenlösung sie nicht mehr möglich, sie stelle keine Perspektive mehr dar – um diese Aussage in amerikanischen Medien kurz nach der Wahl wieder zu dementieren (es geht gar nicht um die exakte Wortwahl, es geht um die Message – und die kam unzweideutig weltweit so an). Somit hat er sein Ansehen endgültig beschädigt. Wer nimmt ihn jetzt noch ernst?

Doch die übelste Aktion Netanyahus, war der Aufruf an seine Unterstützer, wählen zu gehen, da „die Araber in Massen“ zu den Wahlurnen gekarrt werden würden. Wohlgemerkt geht es hier um israelische Staatsbürger, die wählen dürfen und sollen, das Ziel der Demokratie ist ja gerade, eine möglichst hohe Wahlbeteiligung zu erreichen. Der rassistische Tonfall ist schockierend gewesen, selbst für einen israelischen Wahlkampf. Die späteren Entschuldigungen Netanyahus bei der arabisch-israelischen Bevölkerung kommen zu spät und wer will auch die noch ernst nehmen? Gerade die umgehenden Dementi nach der Wahl führten zu Kopfschütteln und Abwinken aus dem Weißen Haus. Man muss definitiv kein Fan von Obama sein, dessen Nahostpolitik und Iranpolitik unfassbar gefährlich und von Unkenntnis geprägt sind, um diese Aktionen von Netanyahu als willkommene Delegitimierung des jüdischen Staates von Seiten Obamas zu erkennen. Dazu kommt das ohnehin seit langem äußerst angespannte Verhältnis zum Weißen Haus und zu US-Präsident Obama, den Netanyahu polemisch als „Hussein Obama“ bezeichnete.

Von all dem ist in einem Blog auf LizasWelt, der stellvertretend für weite Teile der hiesigen Pro-Israel-Szene stehen mag, nicht die Rede. Dafür werden Texte wie in SpiegelOnline diffamiert, die angeblich gegen Israel gerichtet seien. Doch ein Blick gleich in den ersten auf dem Blog verlinkten Text zeigt eine zwar parteiische, aber pro-israelische Positionierung, ja paradoxerweise stellt sich die Autorin hinter das zionistische Lager. Und das soll ein Beispiel für den Antizionismus der deutschen Mainstream-Medien sein? Da lachen doch die Rebhühner.

An deutschem Antizionismus fehlt es ja nun wahrlich nicht. Aber Texte zur Wahl in Israel, die eben gerade nicht in typisch antizionistischer Manier lamentieren, dass Israels Problem die Existenz an sich sei, dass 1948 das Problem sei und nicht 1967, als antiisraelisch oder gaga zu denunzieren, schlägt einfach ins Leere. Diesmal gibt es doch einen himmelweiten Unterschied zwischen der antiisraelischen Tonlage eines Michael Lüders im Fernsehen und diesem Text auf SpiegelOnline.

Mehr noch: es geht um eine Selbstkritik auch des Zionismus, das ist ja gerade die ungemeine Stärke des Zionismus, die Reflektion auf sich selbst. Schon 1987 schrieb der Historiker Robert S. Wistrich in seinem Werk „Der antisemitische Wahn. Von Hitler bis zum heiligen Krieg gegen Israel“:

„Allein, die außerordentlichen Leistungen und Erfolge des Zionismus sind offenkundig teuer erkauft. In zunehmendem Maße den immensen inneren und äußeren Konflikten und Pressionen ausgesetzt, hat die israelische Gesellschaft einen Gutteil jener außerordentlichen moralischen und geistigen Tugenden geopfert, die die Juden sich im Laufe ihres langen Marsches durch die Diaspora bewahrt hatten. Ihr demokratischer Geist ist offensichtlich alles andere als immun gegen die Gefahren eines rechten Ultranationalismus, wie er auch in anderen Teilen der Welt mit praktisch identischen Begründungen gepflegt wird; ebensowenig ist sie immun gegen die Versuchung, Hexenjagden gegen den vermeintlichen ‚inneren Feind‘ zu veranstalten und die eigenen handfesten nationalen Interessen zu einer vom Schicksal vorgegebenen Bestimmung zu verklären. Man muß zugeben, daß die Gefahr besteht, daß bei einer weiteren Zunahme der isolationistischen und antiarabischen Tendenzen in der israelischen Gesellschaft jene von den Feinden Israels gezeichneten Zerrbilder des Zionismus zu einer alptraumhaften Realität werden könnten; es gilt daher, diese Tendenzen beizeiten zu bekämpfen.“

In diesem Zitat kann man die ganze zionistische Selbstreflektion hineinlesen, die Kenntnis ob Moses Mendelssohns jüdischer Aufklärung, die die Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70CE gerade feierte, da sie die jüdische Diaspora begründete, Judentum, staatliche Macht und Herrschaft gegeneinander stellte, Religion versus jüdische Nation als politisches Gemeinwesen. Die emeritierte Harvard-Professorin für Jiddisch und Vergleichende Literaturwissenschaft Ruth Wisse zeichnet diese Linien des (deutsch-jüdischen) Antizionismus avant la lettre und den zionistischen Aufbruch in ihrem Buch „Jews and Power“ (2007) nach. In dem Zitat von Wistrich kann man wie bei Wisse vor allem den selbstbewussten Anspruch des Zionismus entdecken, sehr wohl einen jüdischen Staat, jüdische Staatsgewalt wieder zu haben, haben zu wollen und damit so aufgeklärt, kritisch und demokratisch wie möglich umzugehen.

Als im Sommer 2014 angesichts von brutalem antisemitischen Terror einiger Palästinenser in der Westbank ebenso einige fanatische Israeli antiarabische Hetze verbreiteten und auf ähnliche Weise mordeten, gab es in Israel durch alle Teile der Gesellschaft einen Aufschrei, doch in der Pro-Israel-Szene in der Bundesrepublik blieb der Schock weitgehend aus, nur wenige wandten sich unmissverständlich gegen den offenkundigen antiarabischen Rassismus in nicht geringen Teilen der israelischen Gesellschaft. Er wird dort bekämpft von der übergroßen Mehrheit, aber er existiert. Doch die „Szene“ versagte weitgehend.

Und auch jetzt angesichts der unerträglichen Hetze (und nicht nur scharfen Kritik) gegen alle Linken, das zionistische Lager und Araber in Israel durch den Likud, das rechte Lager und Netanyahu, ist diese „Szene“ „schwach wie eine Flasche leer“.

Dabei geht es anderswo ganz anders ab: Die letzten Wahlen in Israel führen weltweit zu kontroversen Diskussionen und verlangen nach einer Selbstreflektion der sogenannten Pro-Israel-Szene in der Bundesrepublik. In pro-israelischen, zionistischen Kreisen wie in England oder Amerika, wird vehement über den Wahlkampf Benjamin Netanyahus und seine Methoden diskutiert. Der pro-israelische Journalist Jonathan Freedland schreibt, Netanyahus Wahlkampf sei eine Mischung aus „Kriegsführung und blindem Eifer“ gewesen. Freedland wurde schon 2006 von tatsächlich krassen antiisraelischen Autoren wie Steven Rose als böser Vertreter der „Israel Lobby“ kritisiert, wie der britische Soziologe und antirassistische wie pro-israelische Aktivist und Autor David Hirsh festhielt.

Für den langjährigen Autor des New Yorker, David Remnick, hat Bibi die „rassistische Karte gezogen“, ist Netanyahu kein Richard Nixon, jener konservative, republikanische US-Präsident, der die Öffnung hin zu China bewirkte, trotz oder wegen seines Antikommunismus. Doch Netanyahu könne kein Nixon werden, das hätten die letzten 20 Jahre gezeigt. Auch Remnick möchte einfach eine andere Version von Zionismus als jenen von Bibi, auch dem New Yorker kann man hier keine Agitation gegen Israel vorwerfen. Für Gil Yaron droht Israel ein „diplomatischer Tsunami“, an dem nicht nur der weltweit ohnehin ausreichend vorhanden Hass auf den Judenstaat, vielmehr auch die Politik Netanyahus mit verantwortlich sei.

Andy Friedman illustration of Benjamin Netanyahu in New Yorker March 2015

Andy Friedman illustration of Benjamin Netanyahu in New Yorker March 2015

Der Jewish Daily Forward aus New York schreibt in einem Editorial, wie schwierig es für Juden in USA und anderswo nun werde, „Israels Ideale zu verteidigen, aber nicht die eklige Rhetorik von Netanyahu“? Bibi sei „nicht der König der Juden“.

Soviel zu den internationalen pro-israelischen Stimmen, die äußerst genervt sind von Benjamin Netanyahu und dadurch doch mit keiner Silbe zu Israelgegnern werden, im Gegenteil: sie wollen den Zionismus reaktivieren, wie die Zionist Union um Isaac Herzog, der trotz der Niederlage dem Zentrum und einer „Mitte-Links“-Option eine neue Chance gibt, auch in Zukunft.

Natürlich wird die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) Projekte unterstützen, die sich dem Phänomen des „Transnationalismus“ widmen. Viel schlimmer jedoch als ein Projekt, das sich positiv auf einen Staat bezieht, und dann auch noch auf den jüdischen, kann es nicht kommen, davon kann man wohl ausgehen. Die super exzellenzgeclusterten jungdeutschen Akademikerregimenter werden nie im Leben ein Projekt zur Unterstützung des „jüdischen Staates“ auch nur vorschlagen, das wäre ja ethnizistisch und eine Sünde wider die Aufklärung und Immanuel Kant.

Also ist Vorsicht immer geboten, Kritik angesagt. Doch die muss seriös sein, differenziert und nicht einäugig oder blind. Es ist einfach eine Groteske, wenn weite Teile dieser „Szene“ zusammen mit der Tageszeitung die Welt und ihrem Reporter Henryk M. Broder bis heute behaupten am 27. Januar 2015 wie die Jahre zuvor seien am Holocaust-Gedenktag über Auschwitz israelische Kampfflieger geflogen. Dabei sind noch nie an einem 27. Januar solche Flugzeuge dort geflogen, nur einmal an einem Tag im September 2003. Niemand kümmert das und die Welt ändert nicht einmal die Online-Seite wider besseres Wissen. Das nennt man dann wohl neudeutsche Professionalität, die von der Bloggerszene sekundiert wird.

Im Januar 2001 publizierte ich mit einer kleinen autonomen Gruppe eine Broschüre über den linken Antizionismus der Revolutionären Zellen (RZ). Empirisch ging es um Entebbe und die erste antisemitische Selektion von Juden durch Deutsche nach Auschwitz, durchgeführt von Wilfried Böse im Rahmen der bekannten Flugzeugentführung der RZ nach Uganda. Bei der Befreiungsaktion der israelischen Geiseln kam am 4. Juli 1976 Jonathan Netanyahu, der Kommandant der Einheit, ums Leben. Er war der ältere Bruder von Benjamin Netanyahu. Es ist wichtig daran zu erinnern.

Die Kritik an der Regierungspolitik von Benjamin Netanyahu muss möglich sein, wie seine höchst umstrittene Einladungspraxis an Litauen oder Ungarn zu den wohl weltweit größten Konferenzen gegen Antisemitismus, dem Global Forum for Combating Antisemitism. Dort habe ich 2009 wie auch 2013 zusammen mit dem Jiddisch-Experten Dovid Katz aus Litauen, Efraim Zuroff vom Simon Wiesenthal Center auf Jerusalem oder auch dem Labour-Politiker John Mann aus England gegen diese Einladungspraxis protestiert, da gerade Litauen und Ungarn derzeit zu den Ländern gehören, die den Holocaust trivialisieren und die Nazizeit gar glorifizieren als Zeit des antikommunistischen Kampfes während des Zweiten Weltkriegs. Auch das kümmert in dieser „Szene“ so gut wie niemand, dabei verstehen sich viele sehr wohl als Kritiker des Antisemitismus auch jenseits seiner antizionistischen Variante.

Nochmal aus der Rede des italienischen Meistertrainers:

 „Es gibt im Moment in diese Mannschaft, oh, einige Spieler vergessen ihnen Profi was sie sind“ –

viele, allzu viele pro-israelische Blogger (das Pro-Israel Team) in diesem Land haben das seit langem auch vergessen, auch wenn es sich hierbei um Amateure handelt, unbezahlte zumeist. Sie schreiben nicht immer schlecht, aber zunehmend seltener gut oder gar sehr gut, sie vergessen die Reflektion, sie wehren Antisemitismus gekonnt ab, und das ist wichtig; aber sie zeigen keine eleganten Spielzüge mehr und es geht keine Torgefahr von ihnen aus.

Es wäre ein Zeichen von Größe gewesen, und in England oder USA sehen wir das in den dortigen, viel größeren Pro-Israel-Szenen, dass man gerade als Zionist und Israelfreund den Rassismus und die Agitation des Likud oder Netanyahus scharf attackieren kann, und die Sehnsüchte, Ängste und Sorgen der linken, zionistischen Israeli ernst nehmen. Das österreichische Blog juedische.at war wie so oft näher dran an der israelischen Realität und schreibt:

„Es hat ihm einige Mandate eingefahren. Aber in der Welt, auch bei vielen Likud-Wählern, hat sein Ansehen gelitten.  Aus Bibi sprach da nicht der Geist Seew Jabotinskys. Der Urvater der israelischen Rechte forderte noch einen ständigen arabischen Vize neben dem jüdischen Premier. es sei denn. ein wird Araber Premier. Dann sollte ein Jude Vize sein. Netanjahus erste Umdeutungsversuche erklärten die Veränderung seiner Stellung mit veränderten Umständen. Aber 2009, als er in seiner Bar-Ilan-Rede eine Zwei-Staaten-Lösung zum Ziel machte, gab es schon Iran, Hamas-Raketen und Hisbollah. Wenn sich etwas verändert hat, dann auch die deutlich geschwächte militärische Schlagkraft aller arabischen Nachbarn.  Mit bloßen Beteuerungen, auch nicht im eloquentesten Englisch, kommt Netanjahu aus der Rolle des Kompromissverweigerers und Rassisten nicht mehr raus.“

Es gibt auch viele rechtszionistische oder nationalreligiöse Wähler/innen in Israel, die sich freuen und kein Problem haben mit Netanyahus Agitation. Und auch das kann man kritisieren, ohne mit einem Wort Israel zu denunzieren.

Es ist vielmehr anders herum, wie der Schriftsteller Amos Oz es in einem Kommentar, ja einem Hilfeschrei in der Los Angeles Times vor wenigen Wochen sagte: es geht um alles oder nichts!

Wes Bausmith Los Angeles Times March 7, 2015

Wes Bausmith Los Angeles Times March 7, 2015

Entweder Israel verabschiedet sich unzweideutig von allen „Einstaatenlösungen“ der radikalen Linken (wie Judith Butler und ihrem Fanclub etc.) und der radikalen Rechten (wie Bennett oder Caroline Glick) oder der Traum eines jüdischen Staates ist dahin. Zionismus heißt einen jüdischen Staat mit einer klaren arabischen Minderheit, einer Minderheit die exakt die gleichen Rechte hat, wie Zeev Jabotinsky es Jahre vor der Staatsgründung proklamierte und wie es der britische Politikwissenschaftler, Publizist und Herausgeber der Zeitschrift Fathom Alan Johnson in Erinnerung ruft.

Trapattoni:

„Mussen zeigen jetzt, ich will, Samstag, diese Spieler mussen zeigen mich eh … seine Fans, mussen allein die Spiel gewinnen.“

Die Wahrheit liegt auf den Blogs, nicht nur am Samstag.

Ich habe fertig.

 

 

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Ganz Konkret gegen Juden

 

Deutschland ist das wahre Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die meisten Menschen haben zwischen Arbeit, Mann und Frau oder beidem, Hund oder/und Kind, IKEA oder Karstadt, Aldi oder Edeka, Tagesschau oder Heute Journal, Hart aber Herzlich Fair, Maybrit Illner oder Günter Jauch, Musikantenstadl oder Tatort, der vierten Urlaubsplanung im Jahr oder dem Reifenwechsel jedoch keine Zeit sich mit anderem als sich selbst zu beschäftigen.

Andere haben Hartz4, leben isoliert oder werden zu fanatischen Aktivisten aller Art. Manche werden kauzig und sind noch die harmloseren, gar liebenswürdigen, tragischen Gestalten, wir kennen sie aus den Studentenstädten wie Tübingen, Freiburg, Marburg oder Göttingen, aber selbst in Berlin, Leipzig, München oder Hamburg werden sie gesichtet.

Die Angepassten jedoch schnorcheln um die Wette und werden doch nie glücklich. Sie wissen das und deshalb wird auch den Kindern oder Hunden das Schnorcheln dringend empfohlen bzw. verordnet. Entweder auf den Seychellen oder doch in der Badewanne zu Hause oder dem Whirlpool bei Tante Erna in Köln.

Doch die wenigen, die sich um ein klein wenig mehr kümmern, sind meist noch kümmerlicher. Da kann man dann wählen zwischen Antisemiten aller Art in allen Parteien, vom vulgären und brutalen, islamistisch organisierten oder unorganisierten muslimischen bzw. arabischen Straßenschläger über den Brandsatzwerfer auf Synagogen hin zu den salbungsvolleren Tönen der Nobelpreisträger, Verleger und Kolumnisten, von den Kommentaren auf Stehempfängen in den Vorstadtvillen oder Townhausterrassen bei Ärzten und Anwältinnen der großen Städte bis hin zur philosemitischen, wattierten Judenfeindschaft evangelikaler Kreise und Zeitschriften, für die auch manche LizasWelt und Konkret-Autoren schreiben

– nehmen wir Stefan Frank und die Zeitschrift factum aus der Schweiz, für die er regelmässig schreibt, als Exempel, z.B. steht im Editorial von factum 2/2015: „Möge dieses factum unseren Blick lenken auf «das barmherzige Evangelium» (S. 40) und auf den, dem wir in den alltäglichen Dingen des Lebens (S. 45) wie in den grossen Sorgen ganz vertrauen dürfen: Jesus Christus“; Stefan Frank selbst insinuiert im selben Heft, der „Liberalismus“ sei „bedroht“, wenn er seine „christlichen Wurzeln vergessen“ würde –

oder katholischen Judengegnern, die das Warschauer Ghetto mit dem „Ghetto von Ramallah“ vergleichen und somit Israeli zu Nazis herbei fantasieren und die deutsche Schuld projizieren, hin zu antijudaistischen Augustinus-Jüngern (wie Leser von factum im Heft 6/2014) oder Konservativen, gläubigen Atheisten, Humanisten oder Linken, die gegen die jüdische Beschneidung hetzen (wie die FAZ, die Giordano-Bruno-Stiftung oder die Wochenzeitung jungle world). Die Auswahl ist groß, niemand kann behaupten der Antisemitismus sei nicht „facettenreich“.

 

Angesichts soviel offenem und subtilem Judenhass haben manche paradoxe Erleuchtungen (wie Henryk M. Broder) und sehen Flugzeuge, wo keine sind, wie am 27. Januar über der Gedenkstätte Auschwitz und wollen die Erinnerung an die Shoah einstellen, dabei gab es sie ohnehin nie in diesem Land; wieder andere stellen das Denken auf andere Weise ein und brüllen „Deutschland den Deutschen“ oder „Ami go home“ und natürlich „wir lassen uns von Tel Aviv keine Befehle erteilen“, was übrigens lustig ist, da in Tel Aviv gar keine Regierung sitzt … Verschwörungswahnsinn und Blödheit waren noch immer beste Freunde, was sie keinen Deut ungefährlicher macht, denn die Blöden haben schon zu oft in der Weltgeschichte Regie geführt.

Das islamistisch und somit antisemitisch motivierte Massaker vom 11. September 2001 im World Trade Center in New York sowie im Pentagon und den vier entführten Flugzeugen gereichte weiten Teilen der Gesellschaft zu Schadenfreude sowie der Verleugnung der jihadistischen Bedrohung.

Nicht etwa die weltweite Gefahr des Islamismus wurde zu einem wichtigen Thema der Gesellschaft, sondern die „Islamophobie“, nicht zuviel, sondern zu wenig Religion sei das Problem im Kontext dieses von religiösen Fanatikern verübten Massenmords.

Es wurden nach 9/11 Islamkonferenzen einberufen, nicht um den Islamismus zum Thema zu machen, sondern vielmehr um mehr Akzeptanz für „den“ Islam oder für Religion ganz allgemein zu promoten. Die rassistische Mordserie des NSU hat bekanntlich mit dem 11. September gar nichts zu tun, sondern ist Teil des neonazistischen Terrors gegen alle Nicht-Deutschen seit Jahrzehnten, vor allem seit der sog. Wiedervereinigung 1989/90.

Nach 9/11 raunten Teile der damaligen PDS: „sowas kommt von sowas“. Böser Kapitalismus führe zu islamistischem Massenmord. Vielmehr vulgäranalytische Kaschierung des eigenen Hasses auf Amerika und die Juden war selten. Und diese Tonlage ist bis heute zentral, wenn es um den Jihad geht.

Bernard-Henri Lévy bei einem Auftritt in Tel Aviv

Bernard-Henri Lévy bei einem Auftritt in Tel Aviv

Er wird verniedlicht, ohne Ende, es geht fast immer um die „soziale Frage“, wie Bernard-Henri Lévy in der FAZ ganz exakt kritisiert. Er regt sich sehr über die Trivialisierung des Jihad und des Massakers an Charlie Hebdo durch jene Leute auf, die immer das angebliche Elend hinter dem jihadistischen Terror vermuten und somit rationalisieren. Lévy trennt auch den Islam vom Islamismus, wenngleich er manche problematischen Figuren wie Izetbegovic zu freundlich rubriziert. Lévy ist gerade ein moderater, reflektierter Kritiker des Jihad, kein Sarrazin, kein Pegida-Anhänger und keine Necla Kelek, die vor lauter Abscheu vor dem Islam auch die Beschneidung von Juden de facto mit diffamiert.

Im Februar 2015 gibt es nun ein lautstarkes Echo auf die alte linke Trivialisierung des Jihadismus durch die Zeitschrift Konkret und ihren langjährigen Herausgeber Hermann L. Gremliza, der nun bezüglich des 11. September Frankreichs, des 7. (–9.) Januars 2015, ausrastet.

 

Detlef zum Winkel

Detlef zum Winkel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Was ist passiert? Am 18. Februar schreibt der Buchautor und langjährige Autor der linken Publikumszeitschrift Konkret, Detlef zum Winkel, über eine Kolumne des Konkret-Herausgebers Hermann L. Gremliza im Februar-Heft des Magazins:

 

„Im Februar-Heft des Magazins “Konkret” nimmt Herausgeber Hermann L. Gremliza  die Attentate vom 7. und 9. Januar in Paris zum Anlaß, die Welt nach den Schemata eines schlichten Antiimperialismus zu ordnen. In dieses Bild passt es offenbar nicht, sich deutlich an die Seite eines beschossenen Satire-Magazins zu stellen.

Als langjähriger “Konkret“-Autor habe ich eine Erwiderung verfaßt, schließe aber aus den sparsamen Auskünften der Redaktion, daß sie dort nicht gedruckt werden wird. Auch mein Appell, die bisherige Stellungnahme noch einmal zu überdenken und einen Fehler einzuräumen, fand keine Resonanz. Daher wähle ich diesen Weg, um den Text bekannt zu machen.“

 

Zentral ist folgender Vorwurf an Gremliza von zum Winkel:

 

„Zum Skandal wird es, wenn HLG die Figur des reichen Juden bemüht, um seine Abneigung gegen die „Je suis Charlie“-Solidarität zu begründen. Diese Konstruktion fällt hinter alles zurück, weshalb und wozu ich in den letzten 30 Jahren in „Konkret“ geschrieben habe. Sehen Kritiken jetzt so aus?”

 

Das Konkret-Heft im Februar 2015

Das Konkret-Heft im Februar 2015

Völlig zu Recht ist Detlef zum Winkel schockiert, ja fassungslos, was man seinem Duktus anmerkt, er ist schließlich aus der Generation Gremlizas und Konkret verbunden. Was schreibt der Konkret-Herausgeber?

 

“Und wenn man denkt, es geht nicht schlimmer, kommt von irgendwo das französische Hemdenmodel Bernard-Henri Lévy daher, der Welt vorzuführen, was für einen ideellen Fummel man im Spätherbst des Kapitalismus trägt: »Es ist an der Zeit«, schrieb er in der »FAZ«, »ein für alle Mal mit dem beschwichtigenden Gerede aufzuhören, das uns so lange schon die nützlichen Idioten eines in die Soziologie des Elends und der Verzweiflung auflösbaren Islamismus vortragen.« Wer Religion als Antwort auf die soziale Frage verstehe, sei ein nützlicher Idiot des Terrors, soll das heißen (…) Eine Woche nach Lévys Auftritt wird gemeldet, dass ein Prozent der Menschheit so viel Vermögen angehäuft hat wie die restlichen 99 Prozent der Weltbevölkerung zusammen, 92 Milliardäre mehr besitzen als die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Einen Meisterdenker kann das nicht erschüttern. Er zählt zur anderen Hälfte, wenn nicht zu dem einen Prozent.“

 

Lévy ist sicher weltweit einer der bekanntesten Intellektuellen Europas und der vielleicht bekannteste Jude Frankreichs. Vor wenigen Wochen sprach er vor den Vereinten Nationen über den Kampf gegen den Antisemitismus. Der Jude Lévy trage also schicke Hemden, behaupte dass man den Islamismus verharmlose, wenn man ihn auf ein soziales Problem reduziere („Armut“) und er sei auch noch sehr, sehr reich: Vielmehr antijüdisches Ressentiment und Intellektuellenfeindlichkeit in einer sich als Freund Israels vorstellenden Zeitung hat man lange nicht gesehen! Deshalb ist der Konkret-Autor Detlef zum Winkel so schockiert.

 

Es ist die Abwehr der Kritik am Islamismus, die Leugnung, dass der Islamismus eine spezifische und eigenständige Ideologie ist und das Ressentiment gegen (reiche, gut gekleidete und natürlich mächtige) Juden, die diese Trivialisierung des Islamismus nicht mitmachen, die Gremliza so typisch für die deutschen Zustände macht.

 

So offen einen Juden zu diffamieren und mit dem jahrhundertealten Ressentiment gegen den „reichen Juden“ zu spielen, wie das Gremliza mit Lévy im Februarheft 2015 von Konkret tut, sagt alles über das ubiquitäre Ressentiment gegen die Juden in diesem Land und Europa aus. Es sagt auch viel über die Redaktion dieses Blattes aus. Welcher Konkret-Autor hat sich öffentlich von dem Heft und dieser Kolumne von Gremliza distanziert? Offenbar, so Detlef zum Winkel, wurde noch nicht mal auf sein Textangebot eingegangen, dabei ist er einer der bekanntesten und langjährigsten Autoren der Zeitschrift.

 

Wage das Hamburger Magazin Konkret es auch nur noch einmal, sich als Kritiker des Antisemitismus, als Freund von Juden oder Israel zu imaginieren, die Lachsalven werden noch weit über die Elbmündung hinaus zu hören sein. Oder es bleibt einem das Lachen im Halse stecken, denn dieser neue, linke Antisemitismus gar derjenigen, die sich als „Freunde Israels“ aufspielen, ist besonders elendig.

 

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Kritische Theorie und Israel – Vortrag von Dr. Clemens Heni am 17. Februar 2015 in Berlin

Am 17. Februar 2015 hielt ich in den Räumen der Amadeu Antonio Stiftung (AAS) einen Vortrag bei BAK Shalom der Linksjugend solid in Berlin (vor ca. 80-90 Leuten)  zum Thema „Kritische Theorie und Israel“, der hier anzuhören ist. Hier ist das Handout zum Vortrag:

 

Handout_Seite_1

 

 

 

 

 

Handout_Seite_2

 

Zu Beginn des Vortrags wurde ein Ausschnitt dieser Knesset-Rede von Stav Shaffir von Januar 2015 eingespielt (ca. ab Min 1:20)

Später im Vortrag wurde der Beginn dieses Films über PunkJews gezeigt:

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Eine Zukunft für Berlins Vergangenheit: Olympia-Fieber 2015

Über „sportliche Nazis“ 1936, Carl Diems „Olympische Jugend“, „Opfertod“ und Friedrich Schillers „Ode an die Freude“

 

Berlin möchte seiner Vergangenheit eine Zukunft geben und im gleichen Stadion, in dem schon 1936 der Nationalsozialismus Olympische Spiele abhalten durfte, wieder fröhlich feiern. Trotz der nicht einmal ansatzweise in Frage gestellten deutschen Vorherrschaft in Europa im Jahr 2015, wird man in Berlin ganz dünnhäutig, wenn Kritik, und sei es satirische, an der so typisch Berlinerischen, ungezwungen-krampfhaft-megalomanischen Olympia-Bewerbung deutlich wird.

Screenshot Deutschlandradiokultur 11022015

 

 

Im Folgenden sei eine Stelle aus meiner Dissertation „Ein Völkischer Beobachter in der BRD“ von 2006 an der Uni Innsbruck („summa cum laude“) dokumentiert, die sich mit der Olympiade 1936 und dem heutigen Forschungsstand bezüglich Sport und NS-Ideologie befasst. In der Dissertation geht es um einen führenden Ideologen der Neuen Rechten, Henning Eichberg, und dessen Beziehung zur politischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland 1970–2005. Im folgenden Abschnitt geht es um eine Kritik an der Historikerin Christiane Eisenberg und ihrer Rezeption von Eichberg und der Olympiade 1936 sowie um das dort uraufgeführte Stück „Olympische Jugend“ von Carl Diem. Ohne extra Einleitung für diesen Blog geht es medias in res:

 

(…)

 

Die Historikerin Christiane Eisenberg schließlich rezipiert Eichbergs Thingspiel-Analysen[1] in ihrer Habilitationsschrift von 1997, wo dieser als Anwalt der ›guten Seiten des Nationalsozialismus‹ gezielt herangezogen wird. Sie versucht die Bedeutung des englischen Sports für die Ausbildung bzw. Durchsetzung der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert herauszuarbeiten. Für mich ist hier nur ihr Kulminationspunkt von Interesse: die Olympiade 1936. Eisenberg versucht dem Sport ein Eigenleben auch und gerade unter den Bedingungen eines Herrschaftssystems wie dem Nationalsozialismus, welchem damit gleichsam ein ganz normaler Platz im Pantheon der (Sport-)Geschichte gesichert werden soll, zuzugestehen.

»Für die Atmosphäre der Spiele war es darüber hinaus von kaum zu überschätzender Bedeutung, daß es reichlich Gelegenheit zur internationalen Begegnung und freien Geselligkeit außerhalb der Arenen gab. Gemeint sind hier weniger die Restaurants auf dem Reichssportfeld und auch nicht die zahllosen Empfänge und Partys der Nazigrößen. Das Urteil gründet sich vielmehr darauf, daß der Großteil der männlichen Athleten in einem Olympischen Dorf untergebracht wurde, so wie es erstmals bei den vorangegangenen Spielen in Los Angeles 1932 versucht worden war (Abb. 29). Hatte das OK [Olympische Komitee C. H.] zunächst geplant, dafür eine bereits bestehende Kaserne zu renovieren, so ergab sich 1933 auf Vermittlung Walter v. Reichenaus die Chance, Neubauten zu bekommen. In der Nähe eines Truppenübungsplatzes in Döberitz/Brandenburg wurden in einem landschaftlich reizvollen Gelände 140 ›kleine Wohnhäuser‹ für das Infanterie-Lehrregiment gebaut, deren Erstbezieher 3.500 Sportler wurden. Es gab Sporthallen, ein offenes und ein überdachtes Schwimmbad, Spazierwege, Blumenbeete und Terrassen mit Liegestühlen. Zu den Gemeinschaftsräumen gehörten eine vom Norddeutschen Lloyd bewirtschaftete Speiseanstalt mit internationaler Küche und ein Kino.«[2]

 

Eisenberg will einer neuen Sicht auf den Nationalsozialismus den Weg ebnen. In gezielter Negierung gesellschaftlicher Totalität isoliert sie Momentaufnahmen aus ihrem Kontext, um deren Allgemeingültigkeit, ja Universalität, kurz, das moderne Moment zu würdigen. Denn »Blumenbeete und Terrassen mit Liegestühlen« sind ja eine feine Errungenschaft, in Berlin 1936 wenigstens so lobenswert wie in Los Angeles 1932, will sie suggerieren.[3] In diesem Kontext zieht Eisenberg Eichbergs Thingspiel-Publikation heran, um sie als »zurückhaltend« und »vorsichtig«[4] bezüglich der Einordnung der olympischen Spiele als »spezifisch nationalsozialistische Veranstaltung« zu bezeichnen.[5]

Ihr behagt die affirmative Darstellung Eichbergs weitaus mehr als die kritischen Reflexionen und Analysen bekannter und renommierter Sportwissenschaftler wie Hajo Bernett, Thomas Alkemeyer oder Horst Ueberhorst.[6] Auch die Untersuchungen des Politikwissenschaftlers Peter Reichel über den Schönen Schein des Dritten Reichs[7] qualifiziert Eisenberg ab:

»Diese Interpretation der Spiele vermag aus drei Gründen nicht zu überzeugen. Erstens ist das zugrundeliegende Argument methodisch fragwürdig, weil es nicht falsifizierbar ist. Wer immer das Gegenteil behauptet, daß Berlin 1936 ein Ereignis sui generis und der schöne Schein auch eine schöne Realität gewesen ist, riskiert es, als Propagandaopfer abqualifiziert zu werden.«[8]

Die Olympiade in Berlin 1936 sei ein ›Ereignis‹ ›sui generis‹ gewesen, gleichsam eine ›schöne Realität‹. Diese positivistische Abstraktion von jeglicher Gesellschaftsanalyse ist für nicht geringe Teile der Mainstream-Wissenschaft typisch. Ihre Argumentation steigert Eisenberg noch, indem sie Reichels Analyse im Reden von den vermeintlichen ontologischen Zwittern Sport und Propaganda untergehen lässt:

»Zweitens ist das Argument unergiebig, weil Sport und Propaganda wesensverwandt sind. Beide sind nach dem Prinzip der freundlichen Konkurrenz strukturiert, beide verlangen von den Akteuren eine Be-Werbung um die Gunst von Dritten (›doux commerce‹). Daß dabei geschmeichelt, poliert, dick aufgetragen, ja gelogen und betrogen wird, überrascht niemanden, weder in der Propaganda noch im Sport. Olympische Spiele sind, so gesehen, immer Illusion und schöner Schein; eben das macht ihre Faszination aus. Daraus zu folgern, daß Berlin 1936 eine um so wirksamere Werbemaßnahme für den Nationalsozialismus gewesen sein müsse, wäre jedoch kurzschlüssig. Denkbar wäre auch, daß Nutznießer der Propaganda der Sport war. Diese Möglichkeit hat jedoch noch keiner der erwähnten Autoren geprüft.«[9]

Eisenberg will sagen: So schlimm kann der Nationalsozialismus doch nicht gewesen sein, wenn ein so zentrales Moment für moderne, freizeit- und spaßorientierte Gesellschaften wie der Sport, gar ein ›Nutznießer‹ dieses politischen Systems war.

Diese eben zitierte Passage von Eisenberg ist Ausdruck eines Wandels politischer Kultur in der BRD. Ungeniert lässt sie den Nationalsozialismus, am Beispiel der Olympischen Spiele von 1936, im Kontinuum bürgerlicher Gesellschaft, die eben im Sport ›wesenhaft‹ lüge, dick auftrage und schmeichele, aufgehen. Es ist nun gerade Eichberg, dem diese Darstellung entgegenkommt. Ich sehe es nicht als Zufall an, dass Eisenberg aus der Fülle von Analysen zum Thingspiel gerade seine Arbeit heranzieht.

So wie Eichberg das Thingspiel in die Geschichte des Arbeiterweihespiels, des Agitprop-Theaters, des Sprechchorgesangs etc., sprich der Arbeiterkulturbewegung einreiht, so versucht er gezielt den Bruch, den die in der Tat nationale Revolution des Nationalsozialismus bedeutet, als Kontinuität darzustellen. Für ihn ist das Thingspiel die Konsequenz vor allem Weimarer Versuche, Theater massenwirksam zu gestalten. Dass einer der Protagonisten dieser Ideen, Ernst Toller, 1933 ins Exil gehen musste, spielt in dieser auf die Konfiguration fixierten Analyse keine Rolle.

Eisenberg treibt Eichbergs Apologie des Thingspiels auf ihre Art zu einem weiteren Kulminationspunkt: Wie soll es nach der auf internationale »Verständigungspolitik« ausgerichteten Weimarer Republik[10] möglich gewesen sein,

»daß die Olympiapropaganda nach 1933 plötzlich eine Nazifizierung der Athleten und des sportinteressierten Publikums bewirkte? Mußte nicht zuvor eine Versportlichung der Nazis erfolgt sein[11]

 

Für Eichberg zeigt sich im ›olympischen Zeremoniell‹ die Kontinuität der mit »Weihe- und Feierspiele« »zusammenhängenden Verhaltensformen« über die »Veränderungen um 1937/45« hinaus.[12] Deshalb geht er gegen Ende seines Beitrages im Thingspiel-Band auf das während der Olympiade uraufgeführte ›Weihespiel‹ »Olympische Jugend« von Carl Diem ein.[13] Die verschiedenen Bilder dieses Spiels mit über 10.000 Teilnehmern werden dargestellt und einige zentrale Stellen ausführlich zitiert. Es geht in diesem olympischen Weihespiel um »›Kampf um Ehre, Vaterland‹«[14] (im ersten Bild), was ihn bei der Analyse des dritten Bildes unter Hinzuziehung einer zeitgenössischen Darstellung ausführen lässt:

»Während sich die Mädchen zum weiten Rand der Arena zurückziehen und diesen säumen, stürmen von der Ost- und Westtreppe Tausende von Knaben in das Spielfeld, lassen die Romantik aller Jugend aufklingen, indem Jugendgruppen verschiedener Nationen um Lagerfeuer geschart Volkslieder ihrer Heimat singen«.[15]

Gerade vor dem Hintergrund Eichbergs politischer Biografie, zu denken ist an sein Zeltlager 1966 in Südfrankreich (vgl. I.5), ist die Beschreibung einer weihevollen, heimatumwobenen (jugendlichen) Zeltlager-Stimmung des Jahres 1936 im nationalsozialistischen Deutschland bezeichnend. Die Jugend sieht ihrem Selbst-Opfer ins Gesicht:

»Allen Spiels heil’ger Sinn: Vaterlands Hochgewinn. Vaterlandes höchst Gebot in der Not: Opfertod!«[16]

Eisenberg ordnet diesen Opfertod folgendermaßen ein: das Diemsche »Festspiel« werde

»in der sport- und tanzhistorischen Literatur als Verherrlichung des ›Opfertodes‹ für die nationalsozialistische ›Volksgemeinschaft‹ interpretiert – was nicht zu überzeugen vermag. Erstens gehörte die Opferrhetorik schon in der Weimarer Republik zum spezifisch deutschen Sportverständnis (…) Zweitens haben die Zeitgenossen des Jahres 1936 die Szene ohne Zweifel mit dem Ersten Weltkrieg und nicht mit dem bevorstehenden Zweiten in Verbindung gebracht.«[17]

Auch wenn sich die Historikerin Eisenberg ganz sicher ist (»ohne Zweifel«), bleibt zu betonen: die Erinnerung an die deutschen Toten des I. Weltkriegs war sehr wohl die Vorbereitung auf den II. Der ›Langemarck-Topos‹ der Jugend, des Opfers und des Nationalen[18] kommt hierbei zu olympischen Ehren. Die internationale Anerkennung der Spiele ist Zeichen des Appeasements dem nationalsozialistischen ›Aufbruch‹ gegenüber.

Wenn in einem Buch von 1933 ausgeführt wird:

»›Daraus erhellt, daß bei Ausbruch des Krieges der Zukunft die Ausbildung künftiger Langemarckkämpfer um ein mehrfaches verlängert und die Material- und Munitionsmenge für heutige Schlachten um ein Vielfaches vermehrt werden muß‹«[19],

so muss gerade eine solche Interpretation des Langemarck-Topos ernst genommen und nicht, wie bei Eisenberg, als quasi Weimarer Tradition, die zufällig 1936 wieder hervortritt, verharmlost werden. Dagegen ist die Kontinuität von ‘33 bis ‘36 zu sehen, die soeben zitierte Passage von ‘33 bekommt im Festspiel von Diem eine internationale Beachtung findende Weihe:

»So wurde im Glockenturm des Berliner Olympia-Stadions eine Gedächtnishalle für die Toten von Langemarck eingerichtet, und Carl Diems Eröffnungsspiel der Olympiade von 1936 endete mit ›Heldenkampf und Totenklage‹; eine Division des Hitlerschen Ost-Heeres bekam den Namen ›Langemarck‹«.[20]

 

Ein weiterer Kritikpunkt, ganz eng am Diemschen Spiel und seinen Protagonisten wie der Ausdruckstänzerin Mary Wigman[21] orientiert, ist folgender: es lässt sich gut zeigen, wie Wigmans Auffassung von Opfertod Diems Weihespiel in diesem Punkt inhaltlich bzw. choreographisch bereits vor ‘33 antizipiert hat, so am

»Stück ›Totenmal‹, einem Drama von Albert Talhoff, welches von Talhoff und Wigman 1930 gemeinsam inszeniert wurde, wobei Wigman die tänzerische Choreographie übernahm. Das Werk wurde zum Gedenken an die Gefallenen des 1. Weltkriegs geschrieben. (…) [Zudem] ist dieses Werk ein Prototyp nationalsozialistischer Inszenierungen, zum einen wegen des Themas (Verehrung der gefallenen Soldaten) zum anderen wegen der Form (die Inszenierung stellt eine Kombination aus Sprechchor und Bewegungschor dar).«[22]

 

Waren schon die »Tanzfestspiele 1935« eine »Propagandaveranstaltung für den deutschen Tanz nationalistischer Prägung«[23], so kulminierte das im olympischen Jahr im Weihespiel von Diem, an dem Wigman aktiv beteiligt war. Micha Berg weist auf die zentrale Bedeutung von Symbolik[24] für das nationalsozialistische Deutschland hin und zitiert den völkischen Vordenker Alfred Baeumler:

»Das Symbol gehört niemals einem Einzelnen, es gehört einer Gemeinschaft, einem Wir. Dieses Wir ist nicht ein Wir des gesinnungsmäßigen Zusammenschlusses von Persönlichkeiten, ist nicht ein nachträgliches Wir, sondern ein ursprüngliches. Im Symbol sind Einzelner und Gemeinschaft eins. (…) Das Symbol ist unerschöpflich, in ihm erkennt sich sowohl der Einzelne wie die Gemeinschaft.«[25]

 

Es ist genau diese Prädominanz, die geradezu onto-theologische Setzung eines (deutschen) Wir, welches Eichbergs politische Theorie kennzeichnet. Er versucht zwei Momente des nationalsozialistischen Deutschland für seine neu-rechte Theorie der 1970er Jahre zu koppeln: einerseits, als Wink für traditionsbewusste, ›treue, alte Kameraden‹, den Bezug zu Militarismus, Sterben, Tod und Opfer-Metaphorik, wie er nicht nur bei Euringer vorkommt, andererseits im Rekurs auf die Arbeiterbewegung und -kultur einem neu-rechten Diskurs eine Bresche zu schlagen, sowie ohne Berührungsängste gewisse Facetten linker Geschichte mitsamt deren Vokabular aufzunehmen. Sein Insistieren auf der massenhaften Spontaneität der Deutschen beim Verfassen von trivialen Thingspielen ab 1933[26] ist ein Zeichen für einen ›Aufbruch‹. Während Eichberg dem Thingspiel Mitte der 1970er Jahre seine Weihe gab, ist es spätestens heute – via Stadionspiel von 1936 – mit Eisenberg im akademischen Establishment angekommen.[27]

 

Eisenberg beharrt darauf: Diems Festspiel ende doch mit Beethovens »Schlußchor der IX. Sinfonie mit der ›Ode an die Freude‹ von Friedrich Schiller«,[28] was Ausdruck von ›Kunst‹ sei. Auch Eichberg schließt seine diesbezügliche Darstellung: es habe sich am Ende ein »goldener Glanz über alles Leben und Treiben des Alltags gebreitet.«[29] Dieser ›goldene Glanz‹ kehrt heute in Eisenbergs vor Affirmation strotzender Sprache als »zivile Sportgeselligkeit« mit »Eigenweltcharakter« in der Darstellung des Sports im Nationalsozialismus wieder.[30] Sie schließt ihre Arbeit, indem sie nicht nur dem Sport unterm NS mehr Möglichkeiten als noch in der Weimarer Republik attestiert, sondern auch, den II. Weltkrieg als »Beeinträchtigung des Wettkampfbetriebs«[31] euphemisierend, dem Nationalsozialismus bescheinigt, er habe den »Sport« zuungunsten des Turnens gewinnen lassen, was sie als »Rahmen für den Sport in der Bundesrepublik« für gut erachtet.[32]

 

Dr Clemens Heni Salonfähigkeit der Neuen Rechten, Diss Uni Innsbruck 2006, Tectum Verlag 2007

 

 

[1] Es geht hierbei nur um den Band von Eichberg 1977 [Henning Eichberg (1977) Thing-, Fest- und Weihespiele in Nationalsozialismus, Arbeiterkultur und Olympismus. Zur Geschichte des politischen Verhaltens in der Epoche des Faschismus, in: Henning Eichberg u. a. (Hg.) (1977a), Massenspiele. NS-Thingspiel, Arbeiterweihespiel und olympisches Zeremoniell, Stuttgart-Bad Cannstatt (frommann-holzboog; problemata 58), S. 19–180], nicht um den Aufsatz von 1976 [Henning Eichberg (1976) Das nationalsozialistische Thingspiel. Massentheater in Faschismus und Arbeiterkultur, in: Ästhetik und Kommunikation, Jg. 7. (1976), H. 26, S. 60–69; ebenfalls auf Englisch als Henning Eichberg (1977b) The Nazi Thingspiel, in: New German Critique, No. 11, pp. 133–150].

[2] Christiane Eisenberg (1999): »English sports« und Deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800–1939, Paderborn u. a. (Ferdinand Schöningh), S. 418.

[3] Völlig selbstverständlich, ja stolz präsentiert sich das ehemalige Gelände des olympischen Dorfes von 1936 im brandenburgischen Döberitz am Tag des offenen Denkmals im Jahr 2004, Kritik ist hier a priori ausgeblendet, vgl. die affirmative Ankündigung zum Tag des offenen Denkmals im Tagesspiegel, 11.09.2004.

[4] Eisenberg 1999: 414, Anm. 112.

[5] Ebd.: 414.

[6] Vgl. ebd., Anm. 110, Anm. 112, Anm. 113.

[7] Vgl. Reichel 1991.

[8] Eisenberg 1999: 410. Eisenbergs Einspruch erweist sich einmal mehr als Ressentiment, wenn sie an eben zitierter Stelle folgende Anm. platziert: »Dies [dass also der schöne Schein eine schöne Realität war, C. H.] haben z. B. jene ehemaligen Olympiateilnehmer erfahren, die 1986, anläßlich des 50. Jahrestags der Spiele, von der Presse um ihre Erinnerungen gebeten wurden und beharrlich die Meinung vertraten, sie hätten damals ›nur Sport‹ getrieben. Diese Zeitzeugen, die im Grunde nichts anderes taten als die Diskrepanz zwischen der politikgeschichtlichen Perspektive ›von oben‹ und der für sie maßgebenden ›von unten‹ und ›von innen‹ zu benennen, mußten sich nachsagen lassen, sie seien unbelehrbar und politisch naiv, ja ›peinlich‹ [so Hajo Bernett, C. H.]« (ebd., Anm. 96). Kritisch zu Eisenberg: »Indem Eisenberg ihren gesellschaftsgeschichtlichen Ansatz aber auf die Augenzeugenperspektive verkürzt, läuft sie Gefahr, der NS-Propaganda nachträglich auf den Leim zu gehen« (Hans Joachim Teichler (2001): Besprechung von Christiane Eisenberg (1999): »English sports« und Deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800–1939, Paderborn u. a. (Ferdinand Schöningh), in: Sportwissenschaft, 31. Jg. (2001), Nr. 3, S. 334–342, hier S. 341).

[9] Eisenberg 1999: 410.

[10] Eisenbergs Perspektive lässt Mitgefühl mit den Opfern des Nationalsozialismus vermissen: »Der ganze Bereich Sportjournalismus, in dem sich – abgesehen vom Fehlen der jüdischen Kollegen – gegenüber der Weimarer Republik nichts Grundsätzliches geändert hatte« (ebd.: 419). Lapidar wird hier vom Kern des Nationalsozialismus, der Vernichtung der europäischen Juden und deren Vorbereitung durch soziale Exklusion, Goldhagen spricht treffend von der »Verwandlung der Juden in ›sozial Tote‹«, Goldhagen 1996: 118., abstrahiert, um von »Blumenbeeten« für Sportler während der Olympiade 1936 in Berlin zu reden.

[11] Eisenberg 1999: 411, Herv. C. H.

[12] Eichberg 1977:143. Genau diese Seite führt Eisenberg abschließend an, um Eichberg Recht zu geben in seinen Analysen. Allein schon die Zeiteinteilung »1937/45«, Eichberg meint ganz offensichtlich das vermeintliche Verebben der Thingspielbewegung 1937 und mit 1945 das Ende des Nationalsozialismus, ist eine Verharmlosung nationalsozialistischer Totalität. Dieser sehr einfache Trick Eichbergs, ein vermeintlich diskontinuierliches Moment des Nationalsozialismus hervorzuheben und zu einer Periode zu stilisieren, fällt Eisenberg entweder nicht auf oder sie affirmiert diese Sichtweise.

[13] Ebd.: 143–146.

[14] Ebd.: 144.

[15] Ebd.

[16] Ebd.: 145. Helmich stellt diesen Opfertod recht positiv dar: »Für Diem liegt in dieser Szene [der vorletzten von Olympische Jugend, C. H.], die die Olympische Flamme zum Sinnbild der Seele der Jugend werden läßt, der ›geistige Höhepunkt‹ des Spiels. Dessen eigentlicher Sinn aber erschließe sich im folgenden Bild, ›Heldenkampf und Totenklage‹«; es folgt die oben zitierte »Opfertod«-Passage, die weiter erläutert wird: »Für den Rezitator Joachim Eisenschmidt werden diese Verse wenige Jahre später zur Realität werden«, um schließlich mit dem »Anspruch der Tanzkunst« eines Rudolf von Laban die praktisch werdende Frage »Wann und wie darf ich töten« zu stellen, Helmich 1989: 209 f. In der Weimarer Republik war Laban »zum großen Guru des Ausdruckstanzes« avanciert, später konnte er die Olympische Jugend mit inszenieren, vgl. Horst Koegler (1980): Vom Ausdruckstanz zum »Bewegungschor« des deutschen Volkes: Rudolf von Laban, in: Karl Corino (Hg.) (1980): Intellektuelle im Bann des Nationalsozialismus, Hamburg (Hoffmann und Campe), S. 165–179, hier S. 171 bzw. S. 176.

[17] Eisenberg 1999: 427.

[18] Vgl. Uwe-K. Ketelsen (1985), ›Die Jugend von Langemarck‹. Ein poetisch-politisches Motiv der Zwischenkriegszeit, in: Thomas Koebner/Rolf-Peter Janz/Frank Trommler (Hg.) (1985): ›Mit uns zieht die neue Zeit‹. Der Mythos Jugend, Frankfurt a. M. (Suhrkamp; edition suhrkamp), S. 68–96, hier S. 75.

[19] Zitiert nach ebd.: 83.

[20] Ebd.: 95, Anm. 62. Auch Euringer spielt mit jenem Mythos: »Wir lagen an der Somme und so, vor Ypern, Verdun, ich weiß nicht wo« (Euringer 1933: 22).

[21] Eisenberg erwähnt Wigman ebenso wie Eichberg sie als »Hauptvertreterin des modernen Ausdruckstanzes« und »Schülerin von Laban« rühmt, vgl. Eichberg 1977: 143 und Eisenberg 1999: 427 f.

[22] Micha Berg (1994): Der deutsche Ausdruckstanz und seine Annäherung an den Nationalsozialismus. Eine Literaturarbeit zum Verhältnis von Sport und Politik im nationalsozialistischen Deutschland. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Amt des Studienrats, Berlin, S. 63.

[23] Ebd.

[24] Vgl. hierzu auch Horst Ueberhorst (1989): Feste, Fahnen, Feiern. Die Bedeutung politischer Symbole und Rituale im Nationalsozialismus, in: Rüdiger Voigt (Hg.) (1989): Politik der Symbole. Symbole der Politik, Opladen (Leske + Budrich), S. 157–178, hier S. 168 f. Ueberhorsts Kritik an Diems Weihespiel steht allerdings neben einer Anführung von Eichbergs Thingspiel-Band von 1977, ohne dessen Apologie gerade auch Diems Weihespiel auch nur anzusprechen; umso inkonsistenter wirkt dieser Verweis als Ueberhorst in der gleichen Anmerkung die sehr bedeutsame Kritik Hajo Bernetts am Weihespiel Diems zitiert: »›Um das blutige Hinschlachten symbolisch zu verklären, intonierten 1 500 Sänger Freude, schöner Götterfunken. Zwei Flakbatterien blendeten ihre Scheinwerfer auf … Die Reizüberflutung der magischen Lichtregie ließ jedes nachdenkliche Wort auf den Lippen ersterben. Das Läuten der Olympiaglocke suggerierte das Gefühl, einer sakralen Handlung beigewohnt zu haben‹« (Hajo Bernett (1986): Symbolik und Zeremoniell der XI. Olmypischen Spiele in Berlin 1936, zitiert nach ebd.: 178, Anm. 20). Früher hat Ueberhorst Eichberg publiziert, vgl. Henning Eichberg (1980 ii): Sport im 19. Jahrhundert. Genese einer industriellen Verhaltensform, in: Horst Ueberhorst (Hg.) (1980): Geschichte der Leibesübungen Bd. 3/1, Berlin 1980, S. 350–412.

[25] Berg 1994: 63.

[26] Es handelte sich dabei »überwiegend um dilettantische Versuche« (Eichberg 1976: 61).

[27] Christiane Eisenberg ist Professorin an der Humboldt-Universität Berlin.

[28] Eisenberg 1999: 427. Vgl. auch folgende affirmative Darstellung bei Helmich: »Nach der ›Totenklage‹ [also dem letzten Bild, C. H.] folgt, wie stets bei diesem ganz auf Kontrastwirkung der einzelnen Bilder zielenden Festspiel, ein jäher Stimmungswechsel. Angenehmere und freudenvollere Töne sollen nun angestimmt werden verkündigt das Rezitativ, das den letzten Satz von Beethovens IX. Sinfonie, den eigentlichen Anlaß und Höhepunkt der ›Olympischen Jugend‹, einleitet. Das Landes-Orchester Gau Berlin und die vereinigten Hochschul-Orchester spielen unter der Leitung von Fritz Stein, alle, insgesamt mehr als 10.000 Mitwirkende strömen noch einmal in das Stadion ein. Hinter den Außenmauern strahlen 14 Flakscheinwerfer in die Höhe, treffen zusammen und vereinigen sich zu einem Gebilde, das wie eine Domkuppel aus Licht wirkt und auch der Höhepunkt folgender Stadionfestspiele Niedeckens sein wird« (Helmich 1989: 210). Hier, und nicht erst bei den Nürnberger Reichsparteitagen, wurde erstmals der ›Lichtdom‹ in Szene gesetzt und die technische Apotheose des NS zelebriert.

[29] Eichberg 1977: 146.

[30] Eisenberg 1999: 441.

[31] Ebd.

[32] Ebd.

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Stolzdeutscher Kleinbürger für das „Abendland“ – Wann wurde Henryk M. Broder zu einem deutsch-nationalen, feuilletonistischen Verfechter der Spaßguerilla?

Für Eike Geisel

 

Von Clemens Heni

„Für Otto Normalvergaser ist die Welt von gestern noch in Ordnung gewesen.“ Damit ist alles über Deutschland nach 1945, das „Labyrinth des Schweigens“ – so der Titel eines aktuellen Kinofilms über die Vorgeschichte des Auschwitzprozesses – und die heutigen Retter des Abendlandes gesagt. Besser hat kein Autor die deutschen Zustände nach 1945 in einem Satz auf den Punkt gebracht.

Eike Geisel Triumph des guten Willens

 

Mit diesem Satz über „Otto Normalvergaser“ begann der Publizist Eike Geisel (1945–1997) einen Text über „Die Bauchredner der späten Geburt. Anmerkungen zu einer besonderen publizistischen Volksfürsorge“, der 1998 im Band „Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung“ bei der Edition Tiamat in Berlin erschien. Geisel analysierte einen Text im Spiegel (Nr. 16/93, S. 248–256) über „Das Shoah-Business“ und die „Amerikanisierung des Holocaust“. Es ging um die Eröffnung von Holocaustgedenkstätten in USA. Wie kommen Amerikaner darauf, ein deutsches Verbrechen zu erinnern? Der Spiegel raunte, US-Präsident Jimmy Carter habe 1979 vor einem Dilemma gestanden, den Verkauf von F-15 Kampfjets nach Saudi-Arabien gegenüber den Juden in USA zu rechtfertigen. Es hätte als eine Art Entschädigung für den Deal mit den judenfeindlichen Arabern ein großes Holocaustmemorial im Herzen von Washington gegeben. Der Spiegel schrieb:

„Die Saudiaraber bekamen ihre F-15-Jets, die US-Juden das Versprechen für eine Shoah-Gedenkstätte. Zum Vorsitzenden des ‚Memorial Council‘ wurde eine allseits geachtete Persönlichkeit berufen, Elie Wiesel, Schriftsteller und Überlebender des Holocaust. Damit setzte ein Trend ein, mit dem eigentlich niemand gerechnet hatte: Die Amerikanisierung des Holocaust.“

Der Artikel fabulierte, es gebe zuviel an Holocausterinnerung, und das auch noch in USA, wo doch dort die eigenen „Leichen im Keller“ liegen würden: „Amerikaner in Vietnam: Über eine Million Tote“, „Amerikanischer Sklavenmarkt: Leichen im Keller“ und „Amerikaner gegen Indianer: Völkermord übersehen“ wie drei große Bilder auf der letzten Seite des Artikels untertitelt sind.

Insbesondere machte sich der Spiegel über den Gründer des Simon Wiesenthal Centers in Los Angeles, Rabbi Marvin Hier lustig. Der Tonfall erinnerte eher an die Nationalzeitung, wenn es hieß:

„Der entscheidende Einfall aber war, Simon Wiesenthal als Namensgeber zu gewinnen, der in den USA, gleich nach Mutter Teresa und noch vor Nelson Mandela, wie ein Heiliger verehrt wird.“

Ein Holocaustüberlebender gereicht dem deutschen Nachrichtenmagazin zu einer Witzfigur, die „heilig“ sei, da ist es nicht mehr weit zum rechtsextrem-antisemitischen Begriff der „Holocaust-Religion“, der auch von islamistischen, arabischen und anderen Israelfeinden gerne benutzt wird.

Eike Geisel analysierte:

„Anläßlich der Eröffnung zweier Museen (im Februar 1993 das ‚Museum of Tolerance – Beit Hashoah‘ in Los Angeles und Mitte April das ‚Holocaust Memorial Museum‘ in Washington), die ohne deutsche Vorarbeiten nie entstanden wären, zeigte sich das bekannte Dilemma. Man grollte den Amerikanern und der amerikanischen Judenheit. Die Museen seien antideutsch, das ‚andere Deutschland‘ werde ignoriert; die Nachkriegszeit werde ausgeblendet, die Wiedergutmachung verschwiegen. Doch statt erleichtert darüber zu sein, daß die Museen nicht zeigen, wie das ‚andere Deutschland‘ über die Juden dachte, nämlich gar nicht so sehr viel anders; statt froh zu sein, daß die Museen keine Wendehalsgalerien der Nachkriegszeit enthalten; statt von Herzen dankbar zu sein, daß es dort keine Abteilung mit dem Thema ‚Wiedergutmachung‘ gibt, wo die Pensionszahlungen an alte Nazis mit den Entschädigungen der KZ-Häftlinge verglichen werden; statt also rundum zufrieden zu sein, ignorierte das bessere Deutschland in Gestalt seines Bundespräsidenten die Einweihungsfeierlichkeiten. Zu Recht, schrieb der Spiegel, der meinte, deutsche Politiker hätten dabei mit einem ‚Spießrutenlauf‘ rechnen und sich innerlich ‚ducken‘ müssen.“

Geisel kritisierte die „jüdischen Flakhelfer“ (ein Terminus von Josef Joffe) in Deutschland wie Michael Wolffsohn oder Rafael Seligman, die sich zum Spiegel-Autor gesellten. Wolffsohn, bekannt als „Mitstreiter des Historikers Zitelmann, des historiographischen Herrenausstatters der Nazis“ und Seligman wollen wieder ein stolzes Deutschland. Die beiden sind bis heute unterwegs in Sachen deutsch-jüdischer Versöhnung oder „Normalisierung“.

„Das deutsche Judentum möchte“ Seligman „so als wäre bloß kurz die Telephonleitung unterbrochen gewesen, ‚wieder aufleben‘ lassen: ‚Voraussetzung dafür ist, daß man neben den toten auch an die lebenden Juden denkt.‘ Er meint natürlich an ihn, was diese Auskunft so sympathisch unideologisch macht.“

Geisel weiter:

„Die ‚Amerikanisierung des Holocaust‘ ist besonders schlimm, denn ‚Amerikanisierung‘ ist schon mal Übel. Kolonisierung der Köpfe hat Hochhuth dies einmal genannt und seither bewiesen, wie nötig er sie hätte.“

 ***

Dabei wurde zuletzt 2011 vom amerikanischen Gelehrten in Jüdischen Studien Alvin H. Rosenfeld in seinem Buch „The End of the Holocaust“ die Trivialisierung der Shoah wie die „Amerikanisierung des Holocaust“ scharf kritisiert, weil sie gerade zu wenig – und nicht zuviel, wie der Spiegel 1993 fantasierte – Analyse und Gedenken an das präzedenzlose Verbrechen der Shoah bietet. Vielmehr zeigte das Museum in den letzten Jahren auf Extratafeln „Beispiele“ für heutigen „Genozid“, ob nun in Darfur, Bosnien oder Ruanda. Rosenfeld zitiert eine ehemalige Direktorin für Kommunikation beim Holocaust Memorial, die ernsthaft meinte, das Museum solle „nicht zeigen, was Deutsche Juden antaten, sondern was Menschen Menschen antaten.“ Das erinnert an die Anthropologisierung der Schuld und die Rede von „dem Bösen an sich“, wie wir es zum Beispiel von Joachim Gauck oder Gert Scobel kennen.

 ***

Der Publizist Henryk M. Broder schreibt im Januar 2015:

„Wäre das Tausendjährige Reich ohne den Holocaust nur eine normale Diktatur gewesen? Wie Spanien unter Franco, Chile unter Pinochet oder Uganda unter Idi Amin – nur größer, multikultureller und internationaler? Ich glaube nicht, dass es richtig ist, ein politisches System oder ein ideologisches Konstrukt nach den Exzessen zu beurteilen, die es veranstaltet.“

Broders Eltern waren beide Holocaustüberlebende. In einer Mischung aus womöglich psychoanalytisch zu decodierender Verschiebung, Projektion und Derealisierung spielt der Angestellte des Springer-Konzerns auf der Klaviatur der Revisionisten. Was-wäre-wenn angesichts der Shoah zu intonieren ist an Perfide schwerlich zu überbieten. Es ist ein Zwang, eine Obsession. Broder kommt von der Geschichte nicht los, wie auch. Broder schreibt aber nicht für die zweite und dritte Generation von Nachkommen, er betreibt keine Introspektion für andere Kinder und Enkel von Überlebenden, sondern extrapoliert super spezifische, dramatische und tragische psychische Vorgänge für ein fast ausnahmslos „arisches“ Auditorium.

Broder diffamiert „den“ Islam und will nichts von den Verbrechen der Islamisten bloß wissen, die würden nur ablenken vom Problem dieser Religion an sich. Broder wäre gern ein Kantianer im 21. Jh. („Kritik der reinen Toleranz“) und es gereicht doch nur zu einem Sarrazianer („Deutschland schafft sich ab“).

Angesichts der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz behauptet er in der WELT, israelische Kampfjets seien auch dieses Jahr über das ehemalige Vernichtungslager geflogen, wie „jedes Jahr“. Schlecht recherchiert. Hier war wohl eher der Wunsch Vater des Gedankens, denn noch nie fand eine solche Flugshow am 27. Januar statt. Israelische Kampfjets überflogen Auschwitz überhaupt nur einmal, am 4. September 2003. Das war eine starke Aktion, die gerade die Verbindung von Gedenken und Zionismus und nicht den Gegensatz von Zionismus versus Gedenken symbolisierte, wie es Broder gerne hätte.

Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung will eine Mehrheit der Deutschen Auschwitz vergessen, 58% wollen explizit einen „Schlussstrich“, 81% die Geschichte der Shoah „hinter sich lassen“. Broder hingegen schreibt:

„Nun hat der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, vorgeschlagen, jede deutsche Schulklasse sollte einen Pflichtbesuch in Auschwitz ableisten. Um zu verstehen, was dort geschah und was sich nicht wiederholen darf. Der Vorschlag war gut gemeint, aber nicht hilfreich. So werden Ressentiments nicht ausgeräumt, sondern verstärkt. Kein 15-Jähriger will sich Gefühle einreden lassen, die er nicht haben kann, auch wenn ihm versichert wird, es ginge nicht um Schuld, sondern um Verantwortung.

Da inzwischen jeder dritte Deutsche der Ansicht ist, die Israelis würden den Palästinensern das antun, was die Nazis den Juden angetan haben, wäre es wohl sinnvoller, wenn jede Schulklasse Israel besuchen würde – aber eben nicht die Gedenkstätte Yad Vashem, sondern Tel Aviv mit seiner wunderbaren Strandpromenade, den vielen Bars, Cafes und Diskos.“

Was für eine absurde Gegenüberstellung. Broder geht davon aus, dass Schülerinnen und Schüler im Geschichtsunterricht, um den geht es, sich auf RTL-II-Niveau mit den angeblich schönen Seiten des Lebens befassen sollten. Warum sollten aus 15-Jährigen, die eine KZ-Gedenkstätte besuchen, Antisemiten werden? Warum weigern sich dann so viele Muslime in Europa das Thema Holocaust auch nur anzusprechen? Die sind schon Antisemiten, weil sie die Erinnerung ablehnen, nicht weil sie von den unsagbaren Verbrechen in Auschwitz gehört haben, sie wehren das als „zionistische Propaganda“ ab, „Dank“ ihrer Elternhäuser, arabischen und muslimischen Medien oder dem erinnerungsabwehrenden europäischen Mainstream.

 ***

Ein Kernpunkt der gegenwärtigen Diskussion über die Geschichte des Zionismus, die hierzulande so gut wie nicht wahrgenommen wird, ist folgender: Israel wurde aufgrund der Geschichte und den Aktivitäten des Zionismus gegründet, nicht wegen dem Holocaust. Diese Holocaustfixierung ist gerade antizionistisch, wie die israelische Politikerin und ehemalige Knesset-Abgeordnete Einat Wilf unterstreicht. Sie spricht von einer „Leugnung des Zionismus“, wenn immer so getan wird, als ob der Holocaust zur Gründung Israel geführt habe. Damit zielt Wilf gerade auf die „wohlwollenden“ Leute, auf die Freunde Israels in Europa. Auch Broder hat diese problematische Position, wenn er schreibt:

„Machen wir ein Gedankenexperiment: Wie wäre der Zweite Weltkrieg ausgegangen, wenn die Nazis die ‚Endlösung der Judenfrage‘ nicht zu einem Kriegsziel erklärt hätten? Wenn die Wannseekonferenz nicht stattgefunden hätte, der Holocaust nicht passiert wäre? Es ist reine Spekulation, aber einiges spricht dafür, dass die Nazis vermutlich den Krieg gewonnen hätten. Die Organisation der ‚Endlösung‘ hat sehr viele Kräfte und Ressourcen gebunden, die militärisch nicht eingesetzt werden konnten. (…) Im Zuge der Kampfhandlungen wären viele Millionen Menschen ums Leben gekommen, aber der industrielle Massenmord an den Juden hätte nicht stattgefunden. Es wäre natürlich für die Juden besser und für die Deutschen gesünder gewesen, weil sie heute ein Trauma weniger hätten. Wahrscheinlich wäre auch Israel nicht gegründet worden, weil die Welt den Juden gegenüber keine Schuldgefühle gehabt hätte. Palästina wäre eine syrische Provinz, kein Paradies auf Erden, aber auch kein Konfliktherd, der den Weltfrieden bedroht.“

Exakt diese Argumentation ist es, die Einat Wilf kritisiert. Broder meint, Israel sei eine Gründung aus „Schuldgefühlen“ der Welt, doch warum sollte die Sowjetunion, die als einer der ersten Staaten Israel akzeptierte, noch vor den USA, „Schuldgefühle“ gehabt haben, war es doch die Rote Armee die Nazi-Deutschland besiegte und viele KZs befreite? In der Roten Armee kämpften ca. 500.000 Juden, was den Antisemitismus Stalins mit keiner Silbe verharmlost.

Die Gründung Israels hat viele Faktoren, einer mag ein innerimperialistischer Kampf der Großmächte gewesen sein, daher auch die Anerkennung der UdSSR, die wenig später stramm antizionistisch wurde, ohne dass Amerika sehr pro-israelisch gewesen wäre in den 1950 und frühen 1960er Jahren, man denke nur an den Besuch der Muslimbrüder im Weißen Haus bei US-Präsident Eisenhower im September 1953 (Said Ramadan, der später im Adenauer-Deutschland studierte und den Islamismus in der BRD mit entwickelte), wie der Journalist Ian Johnson herausgearbeitet hat („A Mosque in Munich“). Doch vor allem die jahrzehntelange politische Arbeit, die Besiedelung und später die militärischen Kämpfe der Zionisten im Mandatsgebiet Palästina sind von enormer Bedeutung, ja der entscheidende Faktor, dass Israel gegründet werden konnte. In der Shoah wurden sechs Millionen Juden ermordet, die Zionisten in Palästina verloren viele Hunderttausend, wenn nicht Millionen mögliche Mitkämpfer für den Staat Israel, wie Einat Wilf und andere heutige Zionisten wie Professorin Anita Shapira aus Tel Aviv seit Jahren betonen. Israel wurde also nicht wegen sondern trotz dem Holocaust gegründet.

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Natürlich kann man den Islam komplett ablehnen, wie andere Glaubens- oder Wahngebäude auch (Christentum, Judentum, Buddhismus, Naturreligionen, Paganismus, Esoterik, Astrologie, Schamanismus etc. etc.). Und, ja, der Islam ist die bei weitem problematischste weil politischste Religion heutzutage, von Scharia über suicide bombing, Köpfen und Auspeitschen von Nonkonformisten reicht die unendliche Palette islamistischer Gewalt, von den legalen Formen auch im Westen wie dem „Islamic Banking“, das Geldanlagen in Glücksspiel, Alkohol oder Pornographie verpönt, nicht zu schweigen.

Doch Broder, der nun der Wortführer vieler Kompanien der Verteidiger des Abendlandes ist, befasst sich fast nur noch mit „dem“ Islam. Die analytische und islamwissenschaftliche Trennung von Islam als Glaube und Islamismus als Ideologie ignoriert er. Um von „dem“ Islam als neuem Hauptfeind des Westens reden zu können, braucht es die Abwehr oder zumindest Trivialisierung der Erinnerung an die deutsche Schuld. Denn die würde jederzeit und für immer anzeigen, dass Deutschland die schlimmsten Verbrechen der Menschheit begangen hat und nicht „der“ Islam.

Wer ganz allgemein „den“ Islam diffamiert und nicht den Islamismus kritisiert, hat in Deutschland Erfolg. Und so wird dieses Land weiter den Islamisten freie Fahrt geben, gerade aufgrund des Massakers an der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris am 7. Januar 2015 und den Morden an Polizisten und Juden an den beiden darauffolgenden Tagen, dem 11. September Frankreichs. Interreligiöser Dialog wird als Medizin verabreicht oder völkisches Deutschtum und christliches Abendland wie in Dresden, dabei wäre weltweit eine Distanz zu Religion, ein neuer Antifaschismus, Aufklärung und eine Stärkung des Denkens und der individuellen Urteilskraft angesagt. Frankreich könnte da federführend sein, doch der Antizionismus, Kosmopolitismus und die massive islamistische Präsenz im Land stehen dem vermutlich entgegen.

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Auf einige der genannten Ideologeme bei Broder aufmerksam geworden, schrieb mir eine Facebook-Freundin, Eva Horvath-Bentz:

„Broder arbeitet mit voller Kraft daran Deutsche und Juden zusammenzuführen, weil er sich in Deutschland wohlfühlt, nur der Holocaust stört ihn noch manchmal ein wenig. Daher der Wunsch, der Holocaust hätte nicht stattgefunden und Deutschland hätte den Krieg gewonnen. In dieser Konstellation wäre er dann ohne Hindernisse ein glücklicher, deutscher Kleinbürger mit großem Bauch.“

Zudem und verschärfend bedient Broder das Franz-Josef-Strauß-Syndrom: Die Antifa sei die heutige SA. Broder und seine Kolleginnen und Kollegen auf der Webseite Achgut regen sich seit Wochen maßlos über Kritik an den nationalistischen und völkischen Massenaufmärschen von Pegida und ihren Ablegern auf. Broder schreibt:

„Mitten in der Menge eine junge Frau mit Wollmütze, die ein pinkfarbenes Plakat an einer Holzlatte in die Höhe hält. Darauf steht: ‚Menschenrechte statt rechte Menschen‘. Ich würde gerne auf die Frau zugehen und sie fragen: ‚Was soll denn mit den rechten Menschen passieren? Wollen wir sie umbringen, einsperren, ausbürgern?‘“

Angesichts von NSU-Morden, ca. 700 weiteren Morden von Rechtsextremisten und Neonazis seit 1989, solche grotesken Mordfantasien harmlosen, antifaschistischen oder zumindest Anti-Pegida-Aktivistinnen zu unterstellen, zeigt ein Syndrom an und ist Resultat eines Realitätsverlustes. Während Broder 1978 noch die „neuen Nazis“ im Blick hatte ist er heute ob Pegida ganz verzückt. Aus einem Kritiker des Antisemitismus („Der ewige Antisemit“, 1986) in der BRD wird ein stolzdeutscher Kleinbürger im Kampf für das „Abendland“.

Dazu kommt seit Jahren ein gezielt gegen Frauen und „Gendermainstreaming“ gerichteter, regelrechter Hass vieler Konservativer wie der Achse des Guten. Die reaktionäre Ideologie zeigt sich in Texten, in denen Broder Sexisten wie Brüderle in Altherrenmanier ein Kavaliersdelikt attestiert und keine elende patriarchale Grenzüberschreitung, wie sie tagtäglich passiert.

Mit guten Gründen hat selbst ein Mitbegründer des Autorenblogs „Achgut“, Michael Miersch, die Redaktion im Januar 2015 verlassen:

„Das politische Spektrum in Deutschland verengt sich auf zwei Pole: Die, die ein Problem mit dem Islam abstreiten und am ‚Elefanten im Zimmer‘ vorbei gucken. Und die, deren Antwort auf die islamische Herausforderung lautet: Scharen wir uns um Kreuz und Fahne und verteidigen wir unsere deutsche Identität. Liberale und differenzierte Positionen werden davon überrollt.“

Zum Ausstieg von Miersch schreibt Christian Bommarius in der Frankfurter Rundschau („An das deutsch-nationale Pöbel-Pack“):

„Vor allem in Broder finden Gauland, Adam und Pegida den entschlossensten Verteidiger. Als der nach eigenem Geständnis ‚geschmierte‘ Journalist Udo Ulfkotte (…) kürzlich die Pegida-Demonstranten in Dresden mit der Nachricht erschütterte, in Deutschland würden jetzt schon die Friedhöfe islamisiert, schloss er seine Rede mit einem ‚herzlichen Dank an Henryk M. Broder‘. Den hat er verdient.“

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Broder, der symptomatisch steht für eine Tendenz, erweckt den Eindruck, die gesamte sogenannte Pro-Israel-Szene mache sich lustig über jegliches Auschwitzgedenken, dass sie konservativ („Ich wähle Merkel“) bis extrem rechts („Ich wähle AfD“), gegen political correctness, misogyn, anti-links, Pegida-freundlich, völlig unverschämt neoliberal-kapitalistisch, anti-ökologisch und Anti-Islam sei. Das schadet sowohl Israel, dem Eingedenken der Geschichte und Gegenwart des Zionismus (die sehr stark mit dem Sozialismus verbunden ist und nicht zufällig heißt es im gegenwärtigen israelischen Wahlkampf „zionistisches Lager“ von Herzog/Livni u.a. gegen das „rechte Lager“ von Netanyahu, Bennett, Lieberman etc.) wie der Erinnerung an die Shoah. Es entsteht der Eindruck eines entweder-oder: Entweder die Shoah wird erinnert oder man ist für Israel. Jegliches Differenzierungsvermögen wird negiert.

Ja, viele Deutsche sind glühende Antizionisten und erinnern die Shoah (oder tun zumindest so), meinen, sie seien damit projüdisch. Der Zentralrat der Juden, jüdische Gemeinden und einige andere versuchen allerdings seit Jahren auf angemessene Weise den präzedenzlosen deutschen Verbrechen zu gedenken und sind proisraelisch. Darunter sind etliche der wenigen noch Lebenden der ersten Generation und ihre Nachkommen. Im Gegensatz zu Broder ist der Zentralrat der Juden auf der Höhe der Zeit, wenn er vor dem extrem rechten und nicht nur bei organisierten Neonazis beliebten großen Polit-Blog Politically Incorrect (PI) warnt. Ein vulgärer Ton, eine Hetze und eine Diffamierung aller Nicht-Deutschen im Allgemeinen und Muslimen im Speziellen, aber auch eine Agitation gegen die jüdische Beschneidung ist bei PI online zu finden.

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Broder stellt den Zionismus der Erinnerung an die Shoah gegenüber, fast wie ein Besessener publiziert er zu „Auschwitz vergessen“, was keine Polemik und keine Ironie, sondern Programm ist – und somit rennt er offene Schiebetüren im neuen deutschen Salon ein. Die Deutschen sind schuld, dass Broder Auschwitz nicht vergessen kann. Allerdings scheint er nicht zu begreifen, dass die Deutschen Auschwitz permanent vergessen, da das Thema für sie ein „Stimmungskrepierer“ auf Partys ist (Matthias Matussek) und Broder ihnen heute dazu Schützenhilfe leistet.

Bereits 2006 publizierte ich Folgendes:

„Ich bin nicht tief traumatisiert, denn ich denke nicht oft an die deutsche Schuld und an den Holocaust“ sagt Matussek, er kämpft wie Walser und Konsorten gegen die „moralische Keule“. Das sind die Töne des nationalen Apriori.

Seit dem deutschen Fußball-WM-Jahr und exzessiv im Jahr 2014 gibt es nur noch Deutsche, wer nicht schwarzrotgoldene Tischdeckchen hat oder häkelt und farblich passende Socken oder Slips trägt wird angeschrien und dann toben der Mob und die Elite unisono, wobei viele Migranten eine sehr gute deutsch-nationale Rolle spielen. Selbst Israeli lieben die Deutschen, sie leben ja auch weit genug weg vom Land im WM-Wahnzustand. Ohne diesen WM-Wahnsinn seit Jahren wären Pegida & Co. undenkbar.

Matussek, ein Prototyp des stolzen Deutschen, lacht sich schief, dass seinem Kumpel Broder das Vergessen nicht so gut gelingt. Diesen Unterschied ums Ganze, Sohn ganz normaler („ordinary“) Deutscher oder Sohn von Auschwitz- und Holocaustüberlebenden zu sein, wischt der Katholik vom Tisch, ja er bemerkt ihn gar nicht. So sind sie, die Deutschen. Und für die ganz Tumben wie für die Bologna-mäßigen 21-jährigen Doktoranden, die spätestens jetzt ihren Blutdruck nicht mehr regulieren können: „die“ Deutschen ist logisch eine Übertreibung, selbst wenn es bis auf zwei oder drei alle wären, wäre es falsch. Es geht nicht um eine Ontologisierung eines üblen Volkes, sondern um eine „Übertreibung in Richtung Wahrheit“ (Günther Anders).

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Der oben zitierte Spiegel-Autor von 1993 („Shoah-Business“), der von Eike Geisel in seine Einzelteile zerlegt wurde, war niemand anders als sein alter Freund und Weggefährte Henryk M. Broder. Geisel konnte es selbst nicht glauben, dass Broder so einen Text geschrieben haben könnte und unterstellte, Broder wollte dem Spiegel einen rechten Text unterschieben um die Redaktion spaßguerillamäßig aufs Glatteis zu führen.

Geisel schrieb:

„Was aber, wenn Broder den Spiegel nicht als Zentralorgan des Chauvinismus entlarven wollte, der Text tatsächlich und entgegen allen Beteuerungen von Freunden doch von ihm selbst stammt? Wenn er selbst den ‚Holocaust-Rausch‘ der USA im Zustand eigener hochgradiger Sturzbetroffenheit entdeckt haben sollte? Was dann? Das wäre ein weiteres Beispiel finaler Déformation professionelle, wie etwa im Fall der Löwenforscherin, die schließlich von ihrem Untersuchungsobjekt aufgefressen wurde. Dann hätte ihn das Syndrom, dem seine jahrelange Aufmerksamkeit galt, am Ende verschluckt.“

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Auschwitz, 27. Januar 1945

Am 27. Januar 2015 wird in Auschwitz der 70. Jahrestag der Befreiung durch die Rote Armee der Sowjetunion (UdSSR) begangen. Während die Befreier von Auschwitz nicht vertreten sein werden, jedenfalls nicht mit dem russischen Staatspräsidenten Putin, wird die Täternation dabei sein. In einer aufgeheizten Stimmung in Europa und dem Westen wird so getan, als ob „Steven Spielberg oder die Amerikaner“ Auschwitz befreit hätten, wie es der Journalist und ZEIT-Korrespondent in Berlin Mark Schieritz auf Phönix im Fernsehen überspitzt auf den Punkt brachte und einforderte, doch gerade jetzt die Rolle Russlands bzw. der Sowjetunion zu würdigen bei der Niederschlagung Nazi-Deutschlands und der Befreiung von Auschwitz-Birkenau.

Götz Aly wiederum, das getätschelte enfant terrible der deutschen Mainstream-Geschichtswissenschaft, tut so als ob ihn die Nicht-Einladung Putins stören würde, dabei hat doch Aly durch seine eigene Forschung seit Jahrzehnten einer Ökonomisierung des Holocaust das Wort geredet („Vordenker der Vernichtung“), 2008 rot und braun analogisiert, Kritik am Springer-Konzern 1968 mit der Bücherverbrennung 1933 gleichgesetzt und somit geholfen, das antikommunistische und die Shoah trivialisierende Feld vorzubereiten, das heute gegen „die Russen“ zurückschießt.

Dabei ist dieser Jahrestag US-Präsident Barack Obama völlig wurscht, er hatte den Termin nicht eingeplant (woher hätte er von diesem für ihn x-beliebigen x-ten Jahrestag auch vorab wissen sollen?) und ist in Indien. Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung wollen 81% der Deutschen nichts mehr vom Holocaust hören, den Blick in die schwarzrotgoldene Zukunft gerichtet.

Die Bundesrepublik Deutschland (BRD) wird beim Gedenken in Auschwitz durch zwei ehemalige DDR-Bürger vertreten. Nachdem es mit dem „Triumph des Willens“ nicht in jeder Hinsicht klappte, siegt heute der „Triumph des guten Willens“ (Eike Geisel) auf allen Kanälen, die „Nationalisierung der Erinnerung“ hat oberste kulturindustrielle Priorität.[1]

Bundespräsident Gaucks Behauptung, die ganz normalen Deutschen hätten 1945 als „Befreiung“[2] verstanden, widerlegt er in seiner Autobiografie 2009 hingegen selbst: dort beschreibt er, wie er zu Weihnachten 1944 vom „Weihnachtsmann“ einen hölzernen Panzer bekommen hat, weil er „ohne zu haspeln“ ein Gedicht aufsagen konnte.[3] Seine Eltern fürchteten die Rote Armee und die Sowjets („Russen“) und sehnten keineswegs eine Befreiung – von was, dem antisemitischen, völkischen, nationalsozialistischen Selbst? – herbei. Gauck setzt nicht nur obsessiv und mit System die DDR mit dem Nationalsozialismus gleich, nein: er fantasiert zudem, die Nazis seien ganz wenige böse Leute gewesen, die das ‚deutsche Volk‘ beherrscht hätten.

Der Bundespräsident steht im Trend einer neuen, zukunftsträchtigen Verharmlosung des Holocaust. In seinen längst bekannten und dokumentierten Reden und Publikationen diminuiert Gauck den Holocaust gleich mehrfach: Er setzt den Nationalsozialismus mit der DDR gleich und banalisiert dadurch ersteren zu einem bloßen ‚Unrechtsregime‘; er unterstellt Kritikern, welche die Shoah in ihrer Präzedenzlosigkeit und Einzigartigkeit analysieren, einen „psychischen Gewinn“, womit die modernen Gottlosen ein ‚inneres Loch‘ stopften. Gauck ist als politischer Aktivist bei der Veröffentlichung des „Schwarzbuchs des Kommunismus“ (1998)[4], der „Prager Deklaration“ (2008) und der Initiative „23. August 1939“ (2009) an vorderster Front mit dabei. Angesichts der „Prager Deklaration“ und der Gleichsetzung von rot und braun sprechen Experten in Jüdischen Studien wie Alvin H. Rosenfeld aus USA vom „Ende des Holocaust“[5], was auch die kulturindustrielle Verkitschung Anne Franks betrifft und viele weitere Facetten der Trivialisierung und Universalisierung der Shoah.

In Auschwitz wurden ca. 1,3 Millionen Menschen industriell vernichtet, darunter ca. 1,1 Millionen Juden. Die Opfer des präzedenzloses, nie dagewesenen Verbrechens, werden durch Gauck geradezu verhöhnt, wenn dieser Mann davon redet, jene, die gerade den präzedenzlosen Charakter der Shoah betonten, würden das als „psychischen Gewinn“ in einer gottlosen Welt verbuchen.[6]

Man kann also super stolzdeutsch den „Antikommunismus“ hochleben lassen und de facto die Präzedenzlosigkeit von Auschwitz und die Alleinschuld des Nationalsozialismus am Zweiten Weltkrieg zerreden – ja, zerreden – wenn man es nur wirklich will. Und Richard Herzinger will es und tut es und Springer freut es. Damit entwirklicht Herzinger die historische Leistung der Roten Armee, am 27. Januar 1945 das KZ und Vernichtungslager Auschwitz befreit zu haben. Für ihn ist die Betonung der Leistung der Roten Armee reine Propaganda der Kommunisten, da Stalin schon vor der Shoah ähnlich schlimme Verbrechen begangen habe. Herzinger schreibt im Geiste von Ernst Nolte und natürlich dessen Enkel/Sohn Timothy Snyder (Yale), dem Bestsellerautor von „Bloodlands“, einem Gebiet mit über 14 Millionen Toten zwischen 1932 und 1945, das Snyder erfindet, um die Einzigartigkeit des Holocaust zu leugnen bzw. zu trivialisieren.

Es gibt ein Denkmal in Israel, das in Gedenken an die heroische Leistung der Roten Armee und der jüdischen Soldaten in der Roten Armee errichtet und 2012 eingeweiht wurde:

“This is an opportunity to thank the Red Army,” said Peres. “Had it not defeated the Nazi beast then it is doubtful we would be standing here today. In World War II the Soviet Union prevented the world from surrendering.”

Memorial für die Rote Armee in Netanya, Israel, 2012

Zum obsessiven Antikommunismus der Liberalen, Bürgerlichen, Konservativen und Reaktionäre kommt jedoch noch ein Element hinzu. Die Kritik am Islamismus und seiner Pro-Nazi-Geschichte ist bedeutsam, gerade in Zeiten des Jihad, des muslimischen Antisemitismus und des Islamischen Staates (IS). Doch man kann es auch unwissenschaftlich und politisch grotesk machen. Und dann geht es um Geschichtsklitterung und die Stilisierung des Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husaini, zum Obernazi, der Hitler erst zum Holocaust inspirieren musste. So schreiben die Nahostforscher Barry Rubin (1950–2014) und Wolfgang G. Schwanitz 2014 in einem Buch bei dem renommierten Verlag Yale University Press, es sei für Hitler bis zum Besuch von al-Hussaini am 28. November 1941 nicht klar gewesen, ob die Juden nur abgeschoben oder vernichtet werden sollten:

„But there was another consequence of the al-Husaini-Hitler meeting [28. Nov 1941, d.V.] to cement their alliance. A few hours after seeing the grand mufti Hitler ordered invitations sent for a conference to be held at a villa on Lake Wannsee. The meeting’s purpose was to plan the comprehensive extermination of all Europe’s Jews. Considerations of Muslim and Arab alliances, of course, were by no means the sole factor in a decision that grew from Hitler’s own anti-Semitic obsession. But until that moment the German dictator had left open the chance that expulsion might be an alternative to extermination.”[7]

Die beiden Autoren ignorieren großzügig nahezu die gesamte Holocaust- und Antisemitismusforschung, man denke nur an Hans Safrians Studien über Eichmann[8], Daniel J. Goldhagens Doktorarbeit über „Hitler’s Willing Executioners“ mit ihrem zentralen Satz „No Germans – No Holocaust“[9], oder Jochen Böhlers Dissertation „Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939“, in der er z.B. anhand von Bundesarchivakten Einträge von deutschen Soldaten dokumentiert, die in antisemitischer Diktion ihre Eindrücke beim Einmarsch in Polen 1939 zum Ausdruck brachten.[10] Auf diesem antisemitischen Feld baute später der Vernichtungskrieg der Wehrmacht gegen die Sowjetunion und die Juden ab Juni 1941 („Unternehmen Barbarossa“) auf.

Doch nun wie Rubin und Schwanitz den Großmufti al-Husaini, ein ausgewiesener Antisemit und Freund Hitlers, als Stichwortgeber für die „Endlösung“ herbei zu fantasieren, das entbehrt jeder Grundlage und desavouiert sowohl die Holocaust- wie die Islamismusforschung.

Bedeutend und von herausgehobenem Interesse sind hingegen die Erkenntnisse der jüngsten kritischen Antisemitismusforschung. In ihrer Studie „Antisemitismus im Reichstag. Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik“ analysiert die Historikerin Susanne Wein[11] erstmals die Protokolle der Reichstagsdebatten, bettet sie in die politische Kultur der Zeit ein und zeigt wie offen und auch codiert der Antisemitismus in der Weimarer Republik von rechts bis links und der Mitte war. Sie schreibt über Zeitungsberichte bezüglich eines der großen Skandale der Republik, den „Barmatskandal“ Ende 1924/1925, und die antisemitischen Implikationen:

 

„Die Artikel der Barmatskandalisierung verwenden das physiognomische antisemitische Stigma der großen Nase nicht explizit, doch z.B. der Satz ‚Kutisker […] riecht herum‘ zentriert auf das Olfaktorische und degradiert die Person wiederum zu einem Tier, das herumschnüffelt. Die Bildsprache rekurriert demnach neben dem vorherrschenden Bezug auf die Botanik auch auf identifizierende Metaphern aus der Zoologie. Drittens steckt Gestank im Bild des kranken Volkskörpers. Dieser hat je nach Dramatisierung des jeweiligen Artikels eine eiternde Stelle oder ist mit Eiterbeulen übersät und entsprechend gering werden die Heilungschancen eingeschätzt, wobei in jedem Fall sofort reagiert werden muss. Alle Artikel dieser Art beinhalten den dringenden Aufruf zum Handeln, um die Krankheit zu bekämpfen, bevor es zu spät ist und die drastischen Bilder greifen auf Vernichtungsvokabular zurück. Der korrumpierende ‚(ost-)jüdische‘ Kapitalist wird vermischt mit dem Bild des ‚fremden Ostjuden‘, der Seuchen einschleppe. Beide Figuren ‚hängen‘ am bereits durch den Krieg geschwächten deutschen Volkskörper und ‚saugen ihn aus‘. Dieses aggressiv-antisemitische Bild aus der Medizin, das ‚den Juden‘ als Erreger und Überträger von Krankheiten entmenschlicht und ihn zum lebensunwerten Parasiten macht, bewegte sich noch auf der verbalen Ebene, hatte jedoch eine Kompatibilität zur künftigen nationalsozialistischen Tat.“[12]

 

Diese Analyse ist entscheidend, um die Vorgeschichte von Auschwitz und der Shoah besser verstehen zu können. Das erklärt nicht Auschwitz, aber den Weg dahin.

Auch Forschungen über den auf die Vernichtung der Juden zielenden Antisemitismus eines Achim von Arnim in seiner Rede „Über die Kennzeichen des Judentums“, den er vor der „Christlich-deutschen Tischgesellschaft“ im Frühjahr 1811 gehalten hat, der von dem Literaturwissenschaftler Heinz Härtl als der „schlimmste antisemitische Text der deutschen Romantik“ bezeichnet wurde, worauf die Historikerin Susanna Moßmann hinweist, sind von enormer Relevanz.[13]

Hier zeigte sich das christliche deutsche „Abendland“ und jeder einzelne Teilnehmer und jede einzelne Teilnehmerin oder Sympathisant und kuschelnder, sie „ernst“ nehmender Gesprächspartner der völkischen PEGIDA (und verwandter)-Aufmärsche und des Extremismus der Mitte ist in Haftung zu nehmen für diese antisemitische Tradition im Geschwätz vom schönen deutschen „Abendland“. Und jene Anti-PEGIDAisten, die ihren Judenhass als Antizionismus kaschieren, sind die andere Seite des gleichen, heutigen Deutschlands. Verschwörungswahnsinnige agitieren immer häufiger auch offen gegen Juden, Geldwirtschaft oder das „Finanzkapital“.

Das sind nur einige Aspekte, die angesichts der 70. Wiederkehr der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz in den Blick zu nehmen wären.

Von einigen wenigen Forscherinnen abgesehen, sind es heute fast nur noch Satiriker, die in der Lage sind und die den Mut haben, die Realität in Worte zu fassen, hier die Satire-Redaktion von SpiegelOnline:

„Bundespräsident Gauck wird dagegen selbstverständlich bei der Gedenkveranstaltung vertreten sein. Schließlich waren es deutsche Soldaten, die sich den Okkupanten heroisch entgegenwarfen. Außerdem wären Auschwitz und somit auch alle damit verbundenen Feierlichkeiten ohne Deutschland niemals möglich gewesen.“

 

 

Für sachdienliche Hinweise und intellektuelle Inspiration danke ich Karl-Hans Wieser und Thomas Weidauer.

 

[1] Eike Geisel (1998): Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung. Hg. von Klaus Bittermann, Berlin: Edition Tiamat.

[2] Joachim Gauck (2005a): Schuld und Schuldverarbeitung in Übergangsgesellschaften, in: Rektor der Universität Augsburg (Hg.) (2006), Gesellschaftspolitisches Engagement auf der Basis christlichen Glaubens. Laudationes und Festvorträge aus Anlass der Ehrenpromotionen von Prof. Dr. Andrea Riccardi und Dr. h.c. Joachim Gauck am 17. Juni 2005 an der Katholisch-Theologischen und an der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg, Augsburg: Selbstverlag, 45–58, 52.

[3] Joachim Gauck (2009): Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Erinnerungen, in Zusammenarbeit mit Helga Hirsch, München: Siedler, 21: „Weihnachten 1944 bestand ich meinen ersten öffentlichen Auftritt auf einer wahrscheinlich von der nationalsozialistischen Frauenschaft veranstalteten Weihnachtsfeier. Ich vermochte ein ganzes Weihnachtsgedicht aufzusagen, ohne mich zu verhaspeln und ohne zu stocken: ‚Von drauß, vom Walde komm ich her…‘ Der Weihnachtsmann war so gerührt, dass er versprach, nach der Feier noch bei mir zu Hause vorbeizukommen und mir ein spezielles Geschenk zu übergeben. Er hielt sein Versprechen: Ich bekam einen weiteren Panzer aus Holz.“ Wer sich im Alter so scheinbar wehmütig an die nazistischen Kriegszeiten erinnert, hat keine Distanz zur deutschen Geschichte. Denn das Narrativ wird nicht beispielsweise mit einer Reflexion gebrochen, was vierjährige jüdische Jungen und Mädchen zur gleichen Zeit erleben mussten.

[4] Stéphane Courtois (Hg.) (1997)/1998: Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. Mit dem Kapitel „Die Aufarbeitung des Sozialismus in der DDR“ von Joachim Gauck und Ehrhardt Neubert, München/Zürich: Piper. Die Originalausgabe erschien 1997 in Paris bei der Editions Robert Laffont; Joachim Gauck (1998): Vom schwierigen Umgang mit der Wahrnehmung, in: Courtois (Hg.), 885–894.

[5] Alvin H. Rosenfeld (2011): The End of the Holocaust: Bloomington/Indianapolis: Indiana University Press.

[6] „Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocaust. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolute Böse, das den Betrachter erschauern lässt. Das ist paradoxerweise ein psychischer Gewinn, der zudem noch einen weiteren Vorteil hat: Wer das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren hat und unter einer gewissen Orientierungslosigkeit der Moderne litt, der gewann mit der Orientierung auf den Holocaust so etwas wie einen negativen Tiefpunkt, auf dem – so die unbewusste Hoffnung – so etwas wie ein Koordinatensystem errichtet werden konnte. Das aber wirkt ‚tröstlich‘ angesichts einer verstörend ungeordneten Moderne. Würde der Holocaust aber in einer unheiligen Sakralität auf eine quasi-religiöse Ebene entschwinden, wäre er vom Betrachter nur noch zu verdammen und zu verfluchen, nicht aber zu analysieren, zu erkennen und zu beschreiben.“ (Joachim Gauck (2006): Welche Erinnerungen braucht Europa?, http://www.bosch-stiftung.de/content/language1/downloads/Stiftungsvortrag_Gauck_fuer_Internet.pdf (eingesehen am 25. Januar 2015, S. 14f.)).

[7] Barry Rubin & Wolfgang G. Schwanitz (2014): Nazis, Islamists, and the Making of the Modern Middle East, New Haven: Yale University Press, ohne Seitenangabe (E-Book). Nun: Der Holocaust war Ende November 1941 längst im Gang, wie in der Ukraine in Babi Yar, unweit von Kiew, wo am 29./30. September 1941 in einem der größten Massaker der Shoah über 30.000 Juden ermordet wurden. In Litauen gab es Pogrome an den Juden noch bevor die Wehrmacht nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 überall angekommen war, wie erwähnt sind auch Morde an Juden im Zuge des Überfalls auf Polen 1939 Teil des Holocaust. Im Februar 2014 hat David Mikics den Autoren wegen dieser These, der Mufti habe Hitler quasi die Idee zur „Endlösung“ und zur Wannseekonferenz gegeben, scharf kritisiert. Schwanitz‘ Replik entkräftet die Kritik überhaupt nicht.

[8] Hans Safrian (1993)/1997: Eichmann und seine Gehilfen, Frankfurt a.M.: Fischer.

[9] Daniel Jonah Goldhagen (1996): Hitlers willige Vollstrecker: ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin: Siedler.

[10] Jochen Böhler (2006): Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939, Frankfurt a.M.: Fischer, 46–48.

[11] Susanne Wein (2014): Antisemitismus im Reichstag. Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaft der Weimarer Republik, Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang (Zivilisationen & Geschichte, hg. von Ina Ulrike Paul und Uwe Puschner, Band 30; zgl. Diss. FU Berlin 2012).

[12] Wein 2014, 197.

[13] Susanna Moßmann (1996): Das Fremde ausscheiden. Antisemitismus und Nationalbewußtsein bei Ludwig Achim von Arnim und in der »Christlich-deutschen Tischgesellschaft«, in: Hans Peter Herrmann/Hans-Martin Blitz/Dies. (1996): Machtphantasie Deutschland. Nationalismus, Männlichkeit und Fremdenhaß im Vaterlandsdiskurs deutscher Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, Frankfurt/Main: Suhrkamp Taschenbuch, S. 123–159, 152.

 

 

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Technik und Vernichtung im Nationalsozialismus – Handout vom 30.01.1992, Uni Tübingen

Dokumente über Auschwitz und die Shoah zu lesen ist unerträglich. Im Wintersemester 1991/92 gab es an der Uni Tübingen im Historischen Seminar eine Übung „Der Nationalsozialismus und Probleme seine Interpretation“ bei Dr. Hans-Otto Binder.

Am 30. Januar 1992 hielt ich ein Referat über „Technik und Macht im Nationalsozialismus“, dessen Handout ich hier dokumentiere. Grundlage für das Referat waren vor allem die autobiographischen Aufzeichnungen von Rudolf Höss, „Kommandant in Auschwitz“.

Rückblickend fallen einige Aspekte auf, hier seien nur zwei angesprochen:

Antisemitismus kam nur am Rande zur Sprache, als „Bosheit der wirklich Bösen“ (Günther Anders), doch nicht als konstitutives Element der nationalsozialistischen deutschen Volksgemeinschaft. Das kam dann ab April/August 1996 mit Daniel J. Goldhagens „Hitler’s Willing Executioner’s“ ins Zentrum der Debatte.

Andererseits wurden in dem Referat Aspekte moderner Vergesellschaftung, deutscher mithin, angesprochen, die zu thematisieren weiterhin von Relevanz ist, wenn man über Auschwitz spricht. Auch Schrebergärten, italienischer Faschismus wie preußischer „Kadavergehorsam“ wurden thematisiert.

WiSe 91 92 30011992 Referat zu Technik und Macht im NationalsozialismusWiSe 91 92 30011992 Handout Seite 2

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Eine, die es „geschafft“ hat – Die pro-iranische Soziologin Naika Foroutan und die „jüdische Lobby“ in Amerika

 

„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

Albert Einstein

 

 

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

 

Für die Soziologin Naika Foroutan war der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon ein „Staatsterrorist“, der frühere iranische Präsident Khatami, der von Israel als einem „krebshaften Tumor“ spricht, ein wundervolles Zeichen für einen „Kulturdialog“ des Islams mit dem Westen. Der 11. September wird von Foroutan rationalisiert, da die „Erniedrigung der Palästinenser“ Movens gewesen sei. So steht es in ihrer Dissertation von 2004. 2010 pushte Maybrit Illner die Agitatorin, Anfang Januar 2015 kam die „Expertin“ Foroutan zusammen mit ihrem Kollegen Andreas Zick in der Hauptausgabe der Tagesschau zu Wort, da sie sich gegen den Rassismus und Nationalismus von PEGIDA wende. Doch Andreas Zick von der Amadeu Antonio Stiftung scheint gar nicht zu wissen, mit wem er es bei Foroutan zu tun hat. Auf der Homepage zum 50jährigen Jubiläum der deutsch-israelischen Beziehungen wird Foroutan auch publiziert. Foroutans Doktorvater an der Universität Göttingen, der bekannte Politologe Bassam Tibi, scheint ihre Arbeit womöglich nicht en detail gelesen zu haben. Oder teilt er ihre Ideologie?

Das Beispiel der Soziologin Naika Foroutan, stellvertretende Leiterin des angesagten Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung an der Humboldt Universität (HU) Berlin, kann exemplarisch zeigen, dass gerade auch Migranten, die es „schaffen“, die sehr gut gebildet sind und einen tollen Job im Mainstream der Gesellschaft haben, politisch zu kritisieren sind wie alle anderen, die es „schaffen“.

Damit soll der Fokus verschoben werden: es geht nicht immer nur um jene, die als „Versager“ oder Vertreter eines „Terrors der Verlierer“ (Der Spiegel) dastehen, wie Kämpfer des Islamischen Staates (IS) oder die Jihadisten von Paris. Denn als „Versager“ werden jene von den großen Medien und im Diskurs gesehen. Es gilt aber ebenso einen Blick auf die Sieger zu wagen. Technische Teile für Atombomben in Iran werden von jenen Ingenieuren entwickelt, die es „geschafft“ haben und nicht von „Versagern“ oder „Verlierern“, wobei zivilisationskritisch „Versager“ ein ganz problematischer Begriff ist. Eher ginge es um jene, die nicht ganz mitgekommen sind mit dem Fortschritt oder dem Leben, aus welchen Gründen auch immer. Doch das wäre ein eigenes großes Sujet, das hier nicht vertieft werden kann. Jihadisten haben die Wahl zwischen Töten und Nicht-Töten und es ist eine bewusste Entscheidung für das Töten der „Ungläubigen“ oder vom Glauben „Abgefallenen“ etc.

Grob gesagt geht es um Folgendes, der Journalist Michael Miersch hat das am 20. Januar 2015 in seinem Abschiedsschreiben an die Leserinnen und Leser und vor allem seine beiden Ex-Kollegen des Autorenblogs Achgut (Henryk M. Broder und Dirk Maxeiner), den er selbst mit gegründet hat vor fast 11 Jahren, so in Worte gefasst:

„Das politische Spektrum in Deutschland verengt sich auf zwei Pole: Die, die ein Problem mit dem Islam abstreiten und am ‚Elefanten im Zimmer‘ vorbei gucken. Und die, deren Antwort auf die islamische Herausforderung lautet: Scharen wir uns um Kreuz und Fahne und verteidigen wir unsere deutsche Identität.“

Erste Position trifft auf Naika Foroutan zu und viele andere, letztere auf Mierschs Kollegen Henryk M. Broder und dessen Umfeld.

Mehr noch: Naika Foroutan ist eine Kritikerin von Thilo Sarrazin und das könnte sie ja zu einer sympathischen Zeitgenossin machen. Sie tut jedoch so, als ob „der Islam“ oder „die Muslime“ das Hauptthema von Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ seien. Wer das Buch gelesen hat, weiß jedoch, dass es nur am Rande um Muslime geht. Doch nicht nur ihre „Zahlenspiele“ zeigen ihre Konfusion an, vielmehr merkt sie gar nicht, dass es bei Sarrazin um Stolz auf Deutschland geht, um die Ex-Nazi-Bürokraten, die in den 1950er Jahren das Land wieder „aufbauten“. Sarrazin hasst Menschen, die HartzIV beziehen und diffamiert nicht-promovierte wie promovierte Sozialhilfebezieher, wenn diese sich beschweren über zu wenig Heizgeld, möge doch ein zweiter Pulli reichen. Um den Islam geht es im Millionenbestseller des Möchtegern SPD-Stars „Deutschland schafft sich ab“ nur am Rande. Dafür hantiert Sarrazin mit dem philosemitischen Antisemitismus und findet Juden ganz besonders super schlau. Und Intelligenz sei vererbbar etc. Das ganze gegenaufklärerische Programm wird ausgebreitet, auf sprachlich ziemlich desolatem Niveau.

Foroutan wiederum ist stolz auf viele Türken mit Abitur. Bildung ist auch wichtig, ja. Ein unterbelichteter Aspekt ist jedoch: sind nicht gerade die gebildeten Leute, ob nun „biodeutsch“ oder nicht, das Problem, wenn es um Antisemitismus, Antiamerikanismus und die Verharmlosung des Islamismus geht?

Sind nicht viele mit Abitur wie Hochschuldozenten im Bereich Islamwissenschaft gerade Teil des Problems? 2010 rezensierte ich Sarrazins Buch für die Zeitschrift „Tribüne“ und schrieb:

„Es geht Sarrazin um Deutschland, nicht um Islamismus. Ginge es ihm um letzteren, dann würde er die herrschende Elite an Unis, Think Tanks, in der Politik, den Medien etc. angreifen müssen. Es geht dem Sozialdemokraten um die bessere Verwertung der Menschen im System. Nur wer arbeitet, soll auch essen, ein Spruch, den wir aus der deutschen Geschichte allzu gut kennen. Was letztlich in den Fabriken, den Call-Centern, den Bürovielzweckgebäuden und easy-listening-Großraumbüros so produziert wird, die Ware, ist völlig egal. Kritik ist notwendig, nicht Lob fürs deutsche Gymnasium, dem diejenigen die für die nationale wie Weltlage mit verantwortlich sind, jene die mit Iran Geschäfte machen, den Jihad gewähren lassen und Antisemitismus auf unterschiedlichster Stufe und in vielfältigster Form produzieren oder verharmlosen, entspringen. (…) Das Buch von Sarrazin hat gar nicht die Intention Jihadismus und Islamismus zu kritisieren, das ist nur ein kleines Nebenprodukt in einem seiner Kapitel. Dies haben offenbar weder Verteidiger noch Gegner verstanden. Es geht ums Kinderkriegen, um die deutsche Volksgemeinschaft der Intelligenten. Es geht um störungsfreien Betrieb im sozialdemokratischen Musterland. Es geht um Hierarchie, stolze Traditionen, um Ethno-Nationalismus und um ‚Wanderers Nachtlied‘, nicht um Reflexion und Kritik an Islamophilie, Antisemitismus und deutschen Traditionen, die zur deutsch-islamischen Liebe von Hitler und dem Mufti führten.“

Das wäre also eine Kritik an Sarrazin, die sich nicht auf Zahlenspiele oder Statistiken kapriziert, wie Foroutan es tut. Sie und ihre sechs Kolleginnen und Kollegen, die im Dezember 2010 eine Broschüre über Sarrazin publizierten, gehen mit keinem Wort auf den Antisemitismus und verwandte Ideologeme bei Sarrazin ein. Sie haben nicht bemerkt, dass Sarrazin in der Einleitung seines Buches den Islam nicht einmal touchiert, da er für seine Agitationsschrift nicht zentral ist. Unterm Strich sind beide stolz auf Deutschland, Sarrazin in der völkischen Variante, Foroutan in der den Jihad trivialisierenden Variante. Foroutan schreibt 2011 in einer Projektbeschreibung für ihr „Heymat“-Projekt an der Humboldt-Universität Berlin:

„Während internationale Konfliktereignisse wie der 11. September, der Afghanistan-Konflikt, der Irak- oder der Libanon-Krieg, samt der täglichen Berichterstattung über Terroranschläge islamistischer Fanatiker, die außenpolitische Ebene dominieren, findet auf der nationalen Ebene eine schleichende gesellschaftliche Vergiftung statt. Begriffe wie Parallelgesellschaft, Home-Grown-Terrorism, Hassprediger, Zwangsehe und Ehrenmord überlagern die Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft zum Thema Islam und führen zu ansteigender Islamophobie und anti-muslimischem Rassismus.“

Sorge vor jihadistischer Gewalt hört sich irgendwie anders an.

In einer 2011 erschienenen Festschrift für Bassam Tibi schreibt die Autorin:

„Zu der Angst vor einem ‚Zivilisationsfeind‘ Islam gesellt sich die These der Bedrohung durch ‚Schurkenstaaten‘ wie z.B. Iran als Legitimation erneuter weltweiter Verteidigungs- und Aufrüstungsbereitschaft.“

Naika Foroutan Dissertation 2004

Foroutans Dissertation aus dem Jahr 2004 – Kulturdialoge zwischen dem Westen und der islamischen Welt. Eine Strategie zur Regulierung von Zivilisationskonflikten – deutet bereits an, in was für eine problematische Richtung ihre Forschung geht. Foroutan geht von der zentralen Bedeutung von „Kultur“ für die ganze Welt aus und schreibt angesichts des War on Terror, den sie ablehnt:

„Kulturdialog wird der regulative Grundsatz der post-bipolaren Weltordnung sein, trotz anachronistischer Überlebenskämpfe der neokonservativen Politik oder gerade deswegen.“

So beendet Foroutan ihre Arbeit und plädiert für den „Kulturdialog“, so als ob al-Qaida, die führende jihadistische Kraft im Jahr 2004, als die Studie beendet bzw. publiziert wurde, an einem solchen Dialog Interesse hätte. Und was für einen essentialistischen oder kulturrelativistischen Kulturbegriff hat die Autorin? Sie benutzt den schwammigen Begriff „Dialog“ nur dafür, auf alle Fälle eine militärische Antwort auf jihadistischen Massenmord zu verhindern. Für die Autorin sind Muslime und der Islam im Fokus des Westens und sie möchte keinen Krieg gegen den Jihad, sondern interzivilisatorischen Dialog, einen Dialog zwischen den Zivilisationen, vor allem der muslimischen mit dem Rest der Welt – als ob der Jihad oder Islamismus eine Kultur unter anderen sei und nicht der Feind jedes Dialogs, was vor allem für die Islamische Republik Iran gilt, die Foroutan wiederum besonders am Herzen liegt.

 

Tibis Schülerin verharmlost und rationalisiert die Terrorangriffe auf Amerika vom 11. September 2001 in vielerlei Hinsicht und sucht permanent Gründe für den „islamischen Fundamentalismus“. Dabei verwechselt sie auch Hass auf den Westen mit aufklärerischer Kritik aus dem Westen am Westen und schreibt:

„So argumentierten fundamentalistische Denker des Islam wie Seyyed Qutb oder Hassan al Turabi, sie wollten von der liberalen Regierungsform, wie sie der Westen propagiert abweichen. Sie sahen die liberale Regierungsform des Westens als gescheitert an, da sich nach Ihrer Ansicht die moderne westliche Gesellschaft offensichtlich in einer Krise befindet. Hier finden sich Parallelen zu Ideen der französischen Existentialisten, ebenso wie zu Vorstellungen deutscher Philosophen, wie Horkheimer oder Heidegger.“

Die Nachwuchsforscherin setzt islamistische, antisemitische Vordenker des weltweiten Jihad wie Sayyid Qutb und Nazis wie Martin Heidegger mit einem Dialektiker und kritischen Theoretiker wie Max Horkheimer gleich. Das ist an Perfidie schwer zu überbieten: Nur zufällig – weil er rechtzeitig fliehen konnte – überlebte der Jude Horkheimer den Holocaust. Man merkt auch wie wenig wissenschaftliche Ahnung sie von der Kritischen Theorie hat, die den Westen und die Aufklärung in der Kritik verteidigte, während Heidegger oder Qutb antiwestliche Hetzer waren.

 

Es kommt noch heftiger. Foroutan rechtfertigt den Antizionismus der arabischen Welt und fantasiert in ihrer Dissertation von einer „jüdischen Lobby“, die die USA dazu gebracht habe, im September 2001, vor 9/11, die so genannte UN-Antirassismuskonferenz im südafrikanischen Durban zu boykottieren. Foroutan schreibt in ihrer Doktorarbeit:

„Hier drängt sich für die islamische Welt, die in der Palästinafrage sehr sensibilisiert ist, die Frage auf, welche Macht die jüdische Lobby in den USA tatsächlich hat, wenn sie die Supermacht dazu bringen kann, eine Teilnahme an einer UN-Konferenz abzusagen, weil Israel dort kritisiert werden sollte.“

Wer von der „jüdischen Lobby“ und der imaginierten Macht der Juden daher redet, bedient eine typisch antisemitische Denkfigur. „Der“ Jude stecke hinter Amerika, wie es schon die Nazi-Propaganda sah, man denke nur an Johann von Leers Hetzschrift „Kräfte hinter Roosevelt“ von 1940. Für Naika Foroutan scheint es denkunmöglich, dass sich Politiker aus eigenen Stücken gegen antirassistisch verkleideten Antisemitismus wie auf der Durban-Konferenz wenden. Es muss schon die „jüdische Lobby“ dahinter stehen. Foroutan versteckt sich dabei hinter dem Ausdruck „islamische Welt“, womit sie wiederum essentialistisch die gesamte islamische Welt als pro-palästinensisch, antiamerikanisch und antiisraelisch präsentiert. „Die“ islamische Welt würde von der „jüdischen Lobby“ schwadronieren. Damit homogenisiert sie gerade „die“ islamische Welt, eine Homogenisierung, die sie sonst liebend gern den Islamismuskritikern unterstellt.

Johann von Leers gegen die „jüdische Lobby“, 1940

 

Kein Wunder, dass Foroutan den Massenmord von 9/11 rationalisiert – wohlgemerkt, so steht es nicht etwa auf einem Blog, sondern in der von Bassam Tibi angenommenen und mit einem überschwänglichen Vorwort gewürdigten Dissertation von Foroutan:

„Noch schmerzlicher mussten die USA diese Erfahrung jedoch am 11. September 2001 machen, als die Terrorakte der islamischen Fundamentalisten das Land heimsuchten. Nicht nur in der islamischen Welt wurde dabei eine direkte Verbindung zu der Erniedrigung der Palästinenser durch den Staatsterror Scharons in Israel hergestellt, auch in Europa und den USA wurde ein solcher Zusammenhang erkannt.“

Sie bezieht sich in ihrer Studie mehrfach auf Muhammad Khatami, den zum Zeitpunkt ihrer Dissertation amtierenden iranischen Präsidenten:

„Auch Kofi Annan und der iranische Staatspräsident Mohammad Chatami gelten auf internationaler Ebene als Wortführer des Dialogs zwischen den Zivilisationen. Der Begriff Kulturdialog bleibt in diesen Werken immer ein moralischer, normativer Begriff, was mit dem folgenden Zitat Chatamis verdeutlich wird.“

Diese Lobhudelei eines Islamisten wie Khatami gereicht zum Doktortitel einer deutschen Universität. Sie erwähnt den Antisemitismus Khatamis nicht. Unter seiner Präsidentschaft gewährte Teheran „nicht nur [Jürgen, d.V.] Graf Asyl, sondern auch Wolfgang Frölick [Fröhlich, d.V.], einem österreichischen Ingenieur, der vor Gericht unter Eid aussagte, dass Zyklon-B nicht zum Töten von Menschen benutzt werden konnte“, wie der Islamforscher George Michael in der Fachzeitschrift Middle East Quarterly 2007 schrieb.

 

Für Naika Foroutan ein gutes Beispiel für den „Kulturdialog“ von Islam und dem Westen? Antizionistischer Antisemitismus bei Khatami im Jahr 2000

Im Dezember 2000 nannte Khatami Israel einen zu beseitigenden „krebshaften Tumor“, und am 24. Oktober 2000 hatte Khatami im iranischen Staatsfernsehen erklärt, die islamische Welt solle sich auf eine harte Konfrontation mit dem „zionistischen Regime“ einstellen. 2011 spricht Foroutan nicht etwa vom Jihad und der Gefahr des Islamismus für Juden oder den Westen, nein, die Muslime seien die armen Opfer einer „zivilisatorischen Abgrenzungsrhetorik“.

 

Foroutans Doktorarbeit wurde prämiert, was als Resultat einer politischen Kultur des Antiamerikanismus und Antizionismus sowie einer Abwehr von Kritik am Islamismus nach 9/11 nicht verwundert:

„02/2006 Preisträgerin des Friedrich-Christoph-Dahlmann-Preises 2006, verliehen von der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Georg-August-Universität-Göttingen für die beste Dissertation 2005. 11/2005 Preisträgerin des Forschungspreises 2005 für Auswärtige Kulturpolitik der Alexander Rave Stiftung, verliehen vom Institut für Auslandbeziehungen ifa.“

 

Sie derealisiert jeglichen Aufruf zum Mord an den ‚Ungläubigen‘ von Seiten des Iran, der Islamisten und Jihadisten, wenn sie 2011 schreibt:

„Im Westen gilt die viel verbreitete Meinung, dass der Krieg der Islamisten gegen die Werte der westlichen Welt gerichtet sei, sprich gegen Pluralismus, Demokratie, Freiheit und offene Gesellschaften. In der islamischen Welt ist man vielfach der Überzeugung, der Terror richte sich gegen Fremdherrschaft, Korruption, versteckte Kriegstreiberei, Unterstützung diktatorischer Regime, Ausbeutung der islamischen Länder aus machtpolitischen und energiepolitischen Motiven und zer­fallende moralische Strukturen – daher distanzieren sich viele Muslime auch nicht so eindeutig von den Terroranschlägen.“

Damit rechtfertigt die Forscherin die klammheimliche und auch offene Schadenfreude zahlreicher Muslime über 9/11. Die Liebe zum Islam und zum Tod, die Mohammed Atta und seine jihadistischen Freunde motivierte, schockiert Foroutan anscheinend nicht. Sie rationalisiert den Islamismus und den Jihadismus, das heißt: Sie sucht rationale Gründe für das irrationale Morden. Sie möchte verstehen, wo nichts zu verstehen ist. Gegen welche „Fremdherrschaft“ richteten sich die Jihadisten in Paris im Januar 2015, die die Redaktion von Charlie Hebdo massakrierten und Juden in einem jüdischen Supermarkt ermordeten?

Hauptsache schwarzrotgold

Die deutsch-israelische Homepage aus Anlass von 50 Jahren deutsch-israelische diplomatische Beziehungen. Der Kern scheint zu sein, möglichst viele deutsche Fahnen unterzubringen und den deutschen Nationalismus als „koscher“ zu präsentieren.

 

Für ihre den Jihad trivialisierenden, entwirklichenden, als Phänomen sui generis leugnenden und den antizionistischen Antisemitismus fördernden Einsatz wird Foroutan nun (im September 2014) auf der Homepage der Israelischen Botschaft in der Bundesrepublik, dem israelischen Außenministerium, der Deutschen Botschaft Tel Aviv, dem Auswärtigen Amt und dem Goethe Institut anlässlich des 50. Jahrestages des Beginns der deutsch-israelischen diplomatischen Beziehungen publiziert. Dort ist sie ganz euphorisch ob des (anscheinend) extrem hohen Anteils der Kleinkinder unter sechs Jahren in Frankfurt am Main mit einem migrantischen Familienhintergrund. Sie fordert einen neuen deutschen Nationalismus („Der lange Weg zum neuen deutschen Wir“), der gerade auf den migrantischen Anteil setzt. Sie ist auf ihr Herkunftsland Iran so stolz wie auf Deutschland; Amerika und Israel mag sie dagegen gar nicht, zumindest nicht, solange sie den Jihad bekämpfen (George W. Bush, Ariel Scharon).

 

Mit ihrem Hype um Fußball und das WM-Jahr 2006 macht sich Naika Foroutan gerade gemein mit dem deutschen rassistischen Mainstream, somit hat sie geholfen PEGIDA Mainstream werden zu lassen mit ihren schwarzrotgoldenen Fahnenmeeren, die direkt vom Sommer 2006, den Foroutan so liebt, herrühren. Nicht der Hauch einer Analyse oder Kritik am sekundären Antisemitismus, der mit deutschem Nationalismus immer einhergeht. Foroutan bejaht das nationale Apriori des Sommers 2006, ganz ähnlich wie Matthias Matussek, der Schriftsteller Georg Klein oder fast alle andere Deutschen.

 

Hauptsache nationalistisch und schwarz-rot-gold

Der Kern von Naika Foroutans Ideologie jedoch ist die Abwehr der Islam- und Islamismuskritik, ihr Verhöhnen der Opfer des 11. September 2001 und ihr Ressentiment gegen Ariel Scharon und die israelische Abwehr des Judenhasses. Auch hier, beim Antiamerikanismus und Israelhass, hat Naika Foroutan bei PEGIDA viele Gesinnungsgenossen. Foroutans Rede von der „jüdischen Lobby“ schließlich zeigt, wie verbreitet Antisemitismus im deutschen Mainstream an den Universitäten ist. Er wird einfach goutiert.

 

Das sind wahrlich gute Gründe für die Israelische Botschaft in Deutschland sowie das Auswärtige Amt Naika Foroutan als gelungenes Beispiel für Integration zu nehmen und ihr im 50. Jahr der deutsch-israelischen Beziehungen eine Plattform zu bieten.

 

 

 

Der Verfasser promovierte 2006 an der Universität Innsbruck mit einer Arbeit unter dem Titel „Ein völkischer Beobachter in der BRD. Die Salonfähigkeit neu-rechter Ideologeme am Beispiel Henning Eichberg.“ (Gutachter: Prof. Dr. Anton Pelinka, Prof. Dr. Andrei S. Markovits.)

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