Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)
Enttäuschte Liebe ist ein heftiges Gefühl. Ein viel heftigeres Gefühl als eine rationale Gegnerschaft zu einer bestimmten Politik. So sind auch manche MAGA (Make America Great Again) Anhängerinnen von Trump dermaßen enttäuscht, dass sie verbal durch die Decke gehen. Einige dieser Kriegsgegnerinnen und -gegner sind durchaus eloquent und intelligent, was eigentlich ein Widerspruch ist zur MAGA-Bewegung. Aber sie meinten das ernst, mit nie wieder Krieg – aus isolationistischen, nicht pazifistischen Gründen. Sie betonen, wie viel man für die Gesundheit oder die Bildung tun könnte, anstatt diese Hunderten (!) Milliarden, die der Krieg schon jetzt allein die USA kostet, auszugeben.
Sieger seien Russland, China und der Iran. Was für ein unschilderbares Versagen der USA und Israels. So die Position nicht weniger MAGA-Anhänger*innen mit Gendersternchen.
Sie sind außer sich, dass Trump so dermaßen fanatisch und dumm ist, wie er eben ist. 700 Millionen US-Dollar kostet das Radar-Flugzeug, Typ Awacs, das jetzt auf einer US-imperialistischen Militärbasis in Saudi-Arabien unschädlich gemacht wurde – von einer iranischen Drohne!
Was für ein Debakel für die weltgrößte Militärmacht, die doch eine hoch entwickelte Industriegesellschaft wie den Iran in „die Steinzeit bomben“ möchte – ein Kriegsverbrechen, das Trump und sein faschistischer Kriegsminister Pete Hegseth ankündigen – wobei Hegseth sagte, es werde „kein Mitleid“, „kein Pardon“ geben im Krieg, was die Ankündigung von Kriegsverbrechen, dem Töten von Gefangenen etc. bedeutet – und niemand haut ihnen dafür in die Fresse, wie damals Beate Klarsfeld dem Nazi Kiesinger eine Ohrfeige gegeben hat.
Was neben den toten Zivilist*innen im Iran oder im Libanon beim aktuellen Krieg ebenso unverzeihlich ist, ist die Tatasche, dass Trump und Netanyahu und die ganze Bande einen dazu gebracht haben, unwillkürlich Schadenfreude zu empfinden, wenn ein US-Kampfjet (F-35) ausgerechnet von den Islamfaschisten des Iran abgeschossen wird.
Der völkerrechtswidrige Krieg gegen das islamfaschistische Regime des Iran vom Faschisten Donald Trump und seiner faschistischen US-‚Regierung‘ sowie in Kooperation mit der rechtsextremen Regierung des Antizionisten Benjamin Netanyahu muss sofort aufhören.
Bedingungslose Kapitulation der USA und von Israel sowie freie Fahrt für alle Schiffe durch alle Weltmeere, was ein Ende der Herrschaft des Iran über die Straße von Hormus sowie des Roten Meers bedeutete.
Dass es diese beiden Meerengen gibt, war den USA und Israel zuvor nicht bekannt. Sie ahnten nicht, dass die gesamte Welt in eine massive Energie-, Wirtschafts- und somit Sozialkrise stürzen würde, wenn es so gut wie kein Öl oder Flüssiggas etc. über die Straße von Hormus mehr gibt, obwohl ja ’nur‘ 20 Prozent des weltweiten Öls über diesen Schifffahrtsweg transportiert wurden bislang.
Sie dachten, der Iran würde sofort kapitulieren, weil sie sich die letzten 47 Jahre überhaupt nicht mit dem Iran befasst haben und keine – keine! – Ahnung haben, auch der Mossad und der CIA nicht – wo die Tausenden Rakten gelagert sind und dass viele nie erreichbar sein werden, weil Granit stärker noch ist als Beton. Wussten die Expert*innen in Jerusalem und Washington, D.C. nicht. Und niemand sagte es ihnen vorab.
Wir sind im Krieg, auch Deutschland, das ja weiter eine zentrale Militärbasis für die USA ist. Und mehr noch, wie jetzt bekannt wurde, müssen sich junge Männer in Deutschland im Alter von 18 bis 45 in Zukunft – man fühlt sich an die Nazi-Zeit wirklich direkt erinnert! – abmelden, wenn sie länger als drei Monate dieses elende Land verlassen wollen. Abmelden! Das sind ukrainische Verhältnisse oder russische, mitten in diesem nicht mehr post-, sondern prä-faschistischen Land.
Dazu passt, dass die Nazi-Gründung VOLKswagen jetzt teils umsattelt und nicht mehr nur Autos, sondern auch Militärgüter herstellt, auch in Kooperation mit Israel. Viele die das kritisieren, mögen Antisemiten sein, unzweifelhaft. Aber viele sind auch Anti-Militarist*innen und Antifaschist*innen und hätten es lieber gesehen, wenn VOLKSwagen 1945 komplett platt gemacht worden wäre.
Nach allem, was wir nach fünf Wochen Iran-Krieg wissen, ist Folgendes:
Die USA und Israel haben kein konkretes Kriegsziel.
Das Regime im Iran scheint eher gestärkt zu sein und nicht geschwächt.
Wenn nach fünf Wochen extremen Bombardements der Iran noch locker 50 Prozent seiner Raketen besitzt und Israeli täglich bis zu vier Mal in die Schutzbunker gehen müssen, dann ist das ein Versagen Israels.
Wenn US-Kampfjets abgeschossen werden können, haben die USA eben nicht die Lufthoheit, sondern sind jederzeit – jederzeit – verwundbar.
Dazu kommt dann die Kriegsunterstützung durch die Jüdische Allgemeine wie durch den Präsidenten des Zentralrats der Juden Josef Schuster. In der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen schreibt er auf Seite eins:
Zu viele erheben bereitwillig die Stimme gegen den angeblich »völkerrechtswidrigen« Krieg gegen das Mullah-Regime, um dann zu schweigen, sobald das Leid der Menschen im Iran und in Israel seit Beginn dieses Krieges zur Sprache kommt.
Würde Schuster zum Beispiel die Haaretz lesen oder Texte von J Street, wüsste er, dass dieser Krieg tatsächlich völkerrechtswidrig ist und dass Zionist*innen wie in der Haaretz oder bei J Street den Islamfaschismus des Iran seit vielen Jahren thematisieren und kritisieren.
Weiter schreibt Schuster dann am Ende seines Essays:
Diese Resilienz und die Liebe zur Freiheit sind es, die wir als jüdische Gemeinschaft an Pessach feiern und das ganze Jahr über unter Beweis stellen. Antisemiten werden weiterhin versuchen, jüdisches Leben unsichtbar zu machen und uns an den Rand der Gesellschaft zu drängen. Solange wir die Lektionen der Freiheit beherzigen, solange wir unsere Traditionen ehren und weitergeben – solange wir stolz darauf sind, jüdisch zu sein, werden sie an diesem Ziel immer scheitern.
Dieses Pessach feiern wir im vollen Bewusstsein darum, wie kostbar unsere Freiheit ist.
Man kann nur auf etwas „stolz“ sein, was man selbst erreicht hat. Die Herkunft ist völlig beliebig und zufällig. Darauf kann man nicht „stolz“ sein. Wer darauf „stolz“ ist, welcher Gruppe man von Geburt an angehört (oder durch Konversion zu einer dann wieder nur Religionsgemeinschaft konvertierte), sollte vielleicht einfach nochmal ganz von vorne anfangen.
Ich hab jedenfalls mein Abonnement der Jüdischen Allgemeinen endlich gekündigt – als Zionist lese ich die Haaretz, die häufig wohltuend intellektuell vielfältig ist und in einer ganz anderen publizistischen Liga spielt als die Jüdische Allgemeine.
Ich hab schon 2008 den rechtsextremen Kurs von Netanyahu kritisiert, es ist also ein schleichender und kontinuierlicher Prozess der Kritik. Gleichzeit habe ich vor allem durch Texte der Haaretz und in Teilen, geringeren Teilen, auch in der Times of Israel viele zionistische Stimmen gelesen, die nicht nur gegen Netanyahu sind, sondern auch diesen Krieg ablehnen und die Kriegsverbrechen des Gazakrieges nicht unter den Teppich kehren, sondern zum Thema machen wollen.
Und dann geht es wieder um Liebe. Die Liebe zu Israel, dich ich nie als solche bezeichnen würde, aber egal, die Haaretz jedenfalls wendet sich an die Israelis, die ja ihr Land lieben und schreibt zu den jüdisch-zionistischen Israel Liebenden IN ISRAEL:
Verstehst du denn nicht, dass du ausgenutzt wirst, dass sie dich (wieder einmal) über den Tisch ziehen? Dass sie, wie schon am 7. Oktober und unzählige Male zuvor, deine Liebe zu diesem Land und seinen Menschen, dein Bekenntnis zur Überparteilichkeit und sogar deinen Respekt vor dem jüdischen Bund und der jüdischen Tradition ausnutzen?
Es ist einfach, aber bedrückend, diese Gedanken in Haaretz zu äußern – sozusagen vor dem Chor zu predigen. Aber es gibt viele Menschen, die sich mit den ursprünglichen Zielen dieses Krieges identifiziert haben – bevor er zu einem gescheiterten Krieg um Öl wurde –, die vermuten, dass ihr Leben nicht so sein muss, dass man ihnen direkt ins Gesicht lügt. Sie sind sich nicht einmal sicher, ob sie so denken dürfen. (Übersetzung aus dem Englischen von CH)
So schreibt Ravit Hecht am 2. April 2026 in der Haaretz („Israel’s Center Must Rise Up Against the Iran War“).
Was für eine intellektuelle Kluft, ja was für zionistische Welten liegen zwischen diesem Text und jenem von Josef Schuster?
Angesichts der Pogrome gegen Palästinenser*innen in der Westbank, beinahe täglich, und der brutalen Ideologie und Praxis jener, die sich „religiöse Zionisten“ nennen und fast immer weder das eine noch das andere sind, wie Daniel Goldman im Oktober 2024 herausragend analysiert hat („The Religious Zionist Party leadership: Neither religious, nor Zionist“), gilt es Distanz zu wahren und Kritik zu üben.
So wie es zum Beispiel der deutsche Botschafter in Israel Steffen Seibert tut und damit massiv in Konflikt gerät mit der rechtsextremen israelischen Regierung, die sich schon freut, dass er bald turnusmäßig abgelöst werden wird.
Absolut zentral ist die Analyse des Historikers Moshe Zimmermann in der ZEIT, wo er in einem Interview sagt:
Die ursprünglichen Zionisten sprachen nicht vom jüdischen Staat, sondern vom Judenstaat. Ein Staat für Juden, in dem sie ihr Recht auf nationale Selbstbestimmung verwirklichen möchten. Für frühe Zionisten umfasste „jüdisch“ vor allem Tradition, Sprache, Geschichte. Die Religion galt als Privatsache.