Wissenschaft und Publizistik als Kritik

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»But I‘m a Zionist!«

»Bomb Buschur«, ein etwas anderer Bericht über eine Demonstration gegen Iran und für Israel in New York City sowie die Konsequenzen der Antisemitismuskritik oder
„I like to be in America“

Politisch und gesellschaftstheoretisch den Nerv der Zeit zu treffen ist die Kunst der Intellektuellen. Peter Viereck (1916-2006), selbst in USA heute fast vergessen, war ein solcher famoser Künstler. 1940, angesichts von Nazi-Deutschland und dem Zweiten Weltkrieg, sagte er in einem fulminanten Artikel: „But I am a conservative“, was gleichsam zum Fanal der Konservativen – Vorsicht: das sind die forerunners der Neocons heutiger Tage… – in Amerika wurde. Er wandte sich damit dezidiert gegen seinen eigenen Vater, Sylvester Viereck, welcher ein begeisterter Nazi war und als erster ausländischer Journalist in den frühen 1920er Jahren Hitler interviewt hatte. Mehr noch war es ein Wachruf in Amerika, gegen die „Liberalen“ und „Linken“, welche den Hitler-Stalin-Pakt lobten und die UdSSR als anti-Kriegsbollwerk lobten. (Dass die Rote Armee – und in erster Linie die Rote Armee! – später die Welt zusammen mit den Amerikanern und Engländern vom Nationalsozialismus befreien musste, steht auf einem anderen Blatt). Soviel vorneweg. Viereck, soviel sei noch gesagt, sah bereits 1939 im Antisemitismus gleichwohl einen entscheidenden Unterschied von Nazi-Deutschland und der UdSSR. Keep that in mind.

Deutsche Kleingeister hingegen und völkische Vorturner gestanden Juden schon früher durchaus zu, eben „ihre Sache“ zu machen, Juden sollten für „jüdische Dinge“ zuständig sein. Wenn das der übergroßen Mehrheit der Nicht-Juden nicht gefällt, werden halt die Konsequenzen gezogen. Ein solcher Vorturner – nach Auschwitz – ist Patrick Bahners von der FAZ, der nicht nur antisemitische Sportwissenschaftler wie Arnd Krüger nicht als solche bekämpft wissen möchte, vielmehr jede an die Substanz rührende Kritik am Antisemitismus abwehrt und sich selbst, ganz deutsch, zum Opfer geriert: „Der Antisemitismusvorwurf eignet sich zum moralischen Totschlag.“ Wer also entgegen der Zeitung für Deutschland ein Freund der Wahrheit ist, begeht „moralischen Totschlag“. Wow. Was für ein Echo auf Walsers Brandrede von Oktober 1998, den Dammbruch, der Judenhass wieder ganz offen sagbar werden ließ, im neuen Deutschland (und nicht nur im Neuen Deutschland). Heute nun ist es auch in den Redaktionsstuben großer deutscher Tageszeitungen angekommen, dass die Judenfeindschaft sich neuer, gleichwohl alter Mittel bedienen muss. Das ist, by the way und für die Juristen unter uns, jetzt keineswegs polemisch, vielmehr analytisch gemeint. Zu sagen, wie die NPD es tut oder mancher Ortsvorstand von attac oder der ein oder andere IG Metaller, dass die Juden doch prinzipiell nach Geld strebten und am liebsten an der „Ostküste“ sich aufhielten, das ist nicht immer en vogue. Bahners hat gelernt, hier im Fall Hecht-Galinski versus Broder, rhetorisch a bisserl anders zu hantieren:

„Bei den ihr vorgehaltenen Äußerungen handelt es sich nicht um Sätze des Typus, die Juden seien ja alle geldgierig. Es geht ausschließlich um Kommentare zur israelischen Politik und zu deren Verteidigern.“

Broder hat Bahners treffend geantwortet:

»Bahners freilich skandalisiert nicht den Antisemitismus, sondern den Antisemitismusvorwurf als Mittel des moralischen Totschlags. Mit diesem Argument kann man jede Debatte im Keim ersticken. Für einen Deutschen ist es höchst unangenehm, mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert zu werden. Nur eines wäre noch unangenehmer: wenn der Vorwurf zutreffen würde.«

Was hatte die antizionistische Furie, welcher der jungdeutsche Redakteur gern zur Seite steht, – und wer in der Art wie Evelyn Hecht-Galinski sowohl mit dem Erbe des eigenen Vaters und der jüdischen Herkunft sowie mit Israel umgeht, ist nichts als eine Furie, eine „wütende Frau“ oder „Rachegöttin“, nicht jedoch eine rational oder auch polemisch agierende Intellektuelle -, geschrieben?

„Die zionistische Ideologie und später die israelische Politik haben 1948 zum Untergang der Palästinenser beigetragen. Seit die zionistische Bewegung im späten neunzehnten Jahrhundert nach Palästina kam, träumte sie davon, so viel Land wie möglich zu erobern, um darauf einen jüdischen Staat zu gründen.“

So die vulgäre Märchenstunde, die in Europa so gern gehört wird, ähnlich wie in marginalen Kreisen in den USA auch, vom Rest der Welt ganz zu schweigen. Wer jedoch nicht Leserbriefe der FAZ, vielmehr seriöse Analysen bevorzugt, sei auf eine Ausgabe der Vierteljahreszeitschrift Tribüne aus dem Jahr 1976 verwiesen. Und jetzt wird es wirklich interessant. Rudolf Pfisterer (Wider den Mythus von der Coexistenz, in: Tribüne, 15. Jahrgang, Heft 59, 1976, S. 6988-6997, hier 6988f.) analysiert die Situation für Juden in arabischen und muslimischen Ländern gerade auch vor 1933 und zeigt, dass Antizionismus viel mehr ist als Israelbashing, es ist Judenhass, und nichts weniger:

„Auf der Seite der Araber geht damit Hand in Hand die Unterscheidung zwischen Juden und Zionisten; es wird unterstellt, daß die Araber als Semiten überhaupt keine Antisemiten sein können und daß deshalb der immer wieder behauptete Antisemitismus auf arabischer Seite als reiner Unsinn und als böswillige Verleumdung anzusehen sei. Ganz abgesehen davon, daß die aus Gründen der Propaganda immer wieder vorgebrachte Unterscheidung zwischen Juden, die noch zu akzeptieren seien, und Zionisten, die man ablehnen müsse, ein Kennzeichen jedes Antisemitismus ist, muß diese Aussage auch aus anderen Gründen deutlich zurückgewiesen werden. Erst kürzlich wurde im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Druck von arabischer Seite in einer in Beirut erscheinenden Zeitung (23.2.1975) folgendes ausgeführt: ‚Für die Zionisten, auch wenn sich diese Rothschild nenne, ist dies ein Anlaß, die öffentliche Meinung aufzuhetzen, um so die Situation zu ihren Gunsten auszunützen. (…)‘ Offenbar hat der Verfasser dieses Artikels noch nie etwas davon gehört, daß Antisemitismus sich noch nie gegen die Semiten im allgemeinen, sondern nur gegen die Juden im besonderen gerichtet ist, und daß deshalb kein Volk gegen einen derartigen Haß von vornherein gefeit ist. Nicht einmal die Juden! Man redet hier vom jüdischen Selbsthaß, der nur dadurch verständlich wird, weil seine – nicht zahlreichen – Vertreter auf diesem Wege sich wohl von dem leiderfüllten Schicksal der Juden zu distanzieren versuchten. In jüngster Zeit ist dafür die aus Frankreich stammende, hochbegabte Simone Weil ein besonders erschütterndes Beispiel. Im Jahre 1934 – Hitler war schon seit einem Jahr an der Macht – schrieb sie: ‚Persönlich bin ich Antisemitin.‘ Wie das gemeint ist, dafür nur ein kurzer Hinweis aus dem umfangreichen Material: ‚Israel. Alles ist befleckt und schrecklich, voller Absicht, von Abraham an einschließlich (außer einigen Propheten). Man muß ganz deutlich darauf hinweisen: Achtung! Hier sitzt das Übel!‘

Daß hier Juden unterschiedslos unter das Vorzeichen des Unheils gerückt werden, darf nicht davon ablenken, daß eine – immer wieder versuchte – Aufspaltung der Juden in noch annehmbare und schon hassenswerte Vertreter dieser Gruppe bereits der entscheidende Schritt auf dem Wege ist, dessen unaufhaltsames Gefälle in der ausnahmslosen Feindschaft gegen alle Juden besteht. Wenn es jeweils zu Pogromen, Ausrottungsaktionen oder Kriegen kam, wurde eine solche Unterscheidung noch nie durchgehalten. Der jüdische Schriftsteller Elie Wiesel betont dies in aller Deutlichkeit: ‚Man sagt uns: es handelt sich nicht um die Juden, sondern um Israel; man ist nicht gegen Juden, sondern gegen die Zionisten. Dies ist auch nichts Neues. Um uns zu schwächen, versucht man uns zu spalten. Um unsere Verlassenheit zu verschärfen, entstellt man das Bild, das wir von uns und den Unsrigen haben. Man versucht, uns zu uns selbst in Gegensatz zu bringen, nachdem man uns zur Welt in Gegensatz gebracht hat. In jüngster Zeit wagte man zu den Juden in Deutschland: Wir haben nichts gegen euch; wir wollen nur gegen die Juden in Polen vorgehen. Dann sagte man zu den Juden in Frankreich: Fürchtet nichts; nur die Juden aus Deutschland sind bedroht. Und in Ungarn versicherte man die Juden: Seid doch ruhig! Es handelt sich nicht um euch, sondern um eure Brüder von irgendwo anders. Ja, das war falsch; wir wissen es jetzt. Es ging immer und überall um uns alle. Die jüdische Geschichte beweist uns dies: wenn man es auf eine Gemeinde abgesehen hat, befinden sich alle in Gefahr… Wer Israel angreift, geht gegen das ganze jüdische Volk vor.‘«

Was muss es für Elie Wiesel heißen, wenn er nun, 2008, mehr als 30 Jahre nach diesen, seinen Worten bezüglich des Antizionismus, hier in New York City vor uns steht und eindringlich vor einem antisemitischen Staat wie dem Iran, der Israel zerstören möchte und Juden töten will, warnt? Wie unendlich schrecklich muss es für einen alten Mann wie Wiesel, der den Holocaust überlebte, sein, solche antijüdischen Attacken erleben zu müssen? Eine Rede eines Antisemiten wie Ahmadinejad, der außer Israel und den USA kein Land expressis verbis aus dem Grund, diesen Judenhasser nicht hören zu wollen, fernblieb? (By the way und nur am Rande: die USA müssen solchen Hetzern wie dem iranischen Präsidenten keineswegs ein Visum geben. Darin war nicht nur ich mit den insbesondere canadischen KollegInnen einig, welche die amerikanische politische Kultur des „free speech“ auch für schlicht dumm halten, wozu übrigens auch der starke Polizeischutz für ca. 35 antisemitische Juden zählt, welche in ihren traditionellen schwarzen Gewändern gegen Israel hetzten und den Iran für dessen Eintreten für Judaismus und gegen Israel lobten etc.)

Wer solche luziden, kritischen Analysen wie jene der Tribüne von 1976 liest, kommt aus dem Staunen und Verzweifeltsein nicht mehr heraus. Psychoanalytisch ist das Phänomen exakt zu lokalisieren: Deutsche nach Auschwitz müssen, um eine stabile, stolzdeutsche Identität – ob links, rechts, liberal oder mainstream – zu bekommen, die präzedenzlosen Verbrechen derealisieren und, in einem zweiten notwendigen Schritt, die Schuld projizieren. Diese Täter/Opfer-Umkehr ist vielfach analysiert worden, wenngleich die akademische Befassung mit Antisemitismus darum gern einen großen Bogen gemacht hat, von kritischen Theoretikern abgesehen. Offen gegen Juden zu sein, ist ein Tabu nach Auschwitz. Was tun, um dennoch dem beliebten, notwendigen Ressentiment zu frönen? Spätestens seit 1967 ist der Antizionismus dafür beliebt. Wer jedoch auch nur ein klein wenig Bildung hat, weiß, dass es nicht 1967 begann mit der antizionistischen Hetze. Viel früher ging es los. Das obige Zitat hat das verdeutlicht. Auch die Antisemitismusforscher Charles Patterson und Walter Laqueur sehen deutliche Übereinstimmungen von Antizionismus und Antisemitismus, Patterson schrieb 1982:

»Soviet spokesmen (like their Arab counterparts) claim that they are not anti-Semitic, rather ‚anti-Zionist‘. Howeser, like much anti-Zionism elsewhere in the world, Soviet anti-Zionism – in newspaper articles and caroons – is accompanied by such bitter hatred of Jews that is indistinguishable from anti-Semitism. Soviet propagandaö, which continually warns the Russion people against the ‚Zionist world conspiracy‘ is not very different in tone or content from that earlier product of Russion fear and fantasy – Protocols of the Elders of Zion.“ (Charles Patterson (1982): Anti-Semitism: The Road to the Holocaust and Beyond, New York: Waler and Company, p. 112.)

Ganz ähnlich sieht es Walter Laqueur im Jahr 2006, nun angesichts der wichtigen, aber oft sinnleeren, weil konsequenzlosen oder den Antisemitismus verharmlosenden Debatten über neuen Antisemitismus:

»In the light of history, the argument that anti-Zionism is different from antisemitism is not very convincing. No one disputes that in the late Stalinist period anti-Zionism was merely a synonym for antisemitism. The same is true today for the extreme right which, for legal or political reasons, will opt for anti-Zionist rather than openly anti-Jewish slogans. It has been noted that in the Musim and particularly the Arab world, the fine distinctions between Jews and Zionists hardly ever existed and are now less than ever in appearance. However, even if we ignore both history and the situation in other parts of the world and limit the discussion to Western left-wing anti-Zionism, the issues are not clear-cut.« (Walter Laqueur (2006): The Changing Face Of Antisemitism. From ancient times to the Present Day, New York: Oxford University Press, p. 7).

Es hat sich also bezüglich der Verkennung des Antizionismus seit den Tagen im Jahr 1976 nicht nur nichts zum Besseren verändert, vielmehr ist die Situation noch schlimmer, zumal vor dem Hintergrund, dass 1976 zwar linke, deutsche Judenhasser der Revolutionären Zellen wie Wilfried Böse in Afrikas Uganda unter Idi Amin Juden von Nicht-Juden selektierten und die erste antisemitische Selektion seit Auschwitz veranstalteten, aber noch keine nach Atomwaffen strebende Regionalmacht wie der heutige Iran zu erahnen war.

Wer jedoch hatte sich schon am Tag zuvor in New York City versammelt um gegen diese an Infamität nicht zu überbietende Rede des Iran, dazu unten mehr, auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu protestieren?

Jüdische Gruppen hatten zu einer rally aufgerufen und ca. 6000 – 10.000 Leute waren da! Wer lediglich die israelsolidarischen Aktionen und Demonstrationen aus Leipzig, Hamburg, Köln, Frankfurt am Main oder Berlin kennt, wird staunen. Ich jedenfalls habe mächtig gestaunt: Sehr viele Leute und alle gegen den Iran, Ahmadinejad und Antizionismus/Antisemitismus. Die meisten kompromisslos! Wow. Impressing. Und was für Leute! Frauen wie Zoe, Ende 40, mit einem Schild, dass „a world without Ahmadinejad“ einfach sicherer und schöner sei, oder Holocaust-Überlebende , die es so unerträglich finden, immer noch gegen Judenhass kämpfen zu müssen und zu spüren, dass die Welt – hier die UN – nichts, aber auch gar nichts aus der Geschichte gelernt hat. Oder die dutzenden canadischen Studierenden, die mit roten T-Shirts und pro-israelischen Postern à la „Israel is here to stay“, oder Frauen und Männer mit wundervollen blau-weißen T-Shirts des „Baltimore Zionist District“ , schicke Frauen mit blau-weißen Kniestrümpfen, weitere Poster mit Parolen wie „Zero Tolerance for Islamofascists – Ban Iran!“ und viele mehr.

Wie sangen die alten Ramones? „We need change and we need it fast!“ Und Johnny Ramone hätte, nachdem er auch früher Republicans präferierte, diesmal sicher McCain gewählt. Punk-Rock for Israel. Oder meinetwegen conservative Punk, why not?

Unter einem Bill Clinton würden vermutlich gerade die Unterhändler Teewasser für ne Talkrunde mit Al Quaidas „Querulanten“ aufsetzen. Mumm ist was anderes. Mumm wäre Toleranz für Minderheiten weiter zu fordern, ohne auch nur eine Millisekunde daran zu denken, Intoleranten Raum, Platz oder Gehör zu geben. Und weltweit betrachtet ist unzweifelhaft der politische Islam die derzeit intoleranteste Bewegung. Das zu erkennen fällt vielen angeblich „antirassistisch“ motivierten Liberalen und Linken, bzw. solchen die meinen, das zu sein, unendlich schwer. Wer selbst jahrelang antirassistische Unterstützungsarbeit in Deutschland gemacht hat, weiß, was es heißt als Flüchtling oder Migrant in diesem Land zu sein. Schikanen, eklige Blicke der weißen Mehrheit und Angriffe von Nazis. Das gibt es immer noch. Doch mit einer Affinität für den Islam hat das gar nichts zu tun. Diese Affinität findet sich, wie quer auch immer, eher bei der NPD, attac, Friedensbündnissen und natürlich der Linkspartei.

Mumm würde schließlich bedeuten, dialektisch zu denken: Republicans zu wählen, weil sie die einzigen sind, welche das auf die Tötung von Juden zielende Regime in Teheran ernst nehmen und vor einem „zweiten Holocaust“ explizit warnen. Weder Obama in der ersten TV-Debatte im US-Fernsehen mit McCain, noch sein auserkorener Kandidat für das Amt des Vice-President, Joe Biden, haben explizit vor einem zweiten Holocaust gewarnt. Die vielverspottete und belächelte Sarah Palin hingegen hat bei ihrem sehr bemerkenswerten Auftritt letzten Donnerstag wiederholt auf die ungeheuerliche Gefahr eines „zweiten Holocaust“ hingewiesen, ihre verhinderte Rede auf der Demo wurde am gleichen Tag in der New York Sun publiziert und auf der Demo verteilt. Biden sprach lieber über Pakistan, welches ja schon Atomwaffen habe, oder über Darfur (in diesem Kontext gebraucht selbst er das Wort „Holocaust“). Beides sehr wichtige Themen, wer würde das bestreiten. Aber wo sind die Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel von pakistanischen Präsidenten oder Ministerpräsidenten? Es ist einfach grotesk wie die Demokraten bislang und offenbar gezielt – erinnert sei an die zwischen Peinlichkeit und Absurdität oszillierende Berliner Rede Barack Obamas, der von den angeblich ubiquitär sich aufbauenden Mauern daherlallte, welche es zu überwinden gelte, so als stünden wir im Sommer 1989 hier oder gar 1987 als Reagan in Berlin sprach – die iranische Bedrohung herunterspielen und offen für direkte Gespräche mit den Mullahs plädieren. Die old-school Anti-Totalitarismusschule eines Obama hilft jedenfalls gegen den Faschismus aus Iran gar nicht, ja sie behindert sowohl die erfolgreiche Kriegsführung in Irak als auch die not-wendige Intervention – diplomatisch, ökonomisch, militärisch oder wie auch immer – in Iran.

Dialektisch denken heißt McCain wählen, ohne sich das polemische Denken christlich verbieten zu lassen. Dialektisch denken heißt liberal sein und Republican wählen. Dialektisch denken heißt schließlich, wie schon 1939, zu Peter Vierecks Zeiten, rechts oder konservativ sein, heißt antifaschistisch sein. Diese Rechnung jedoch geht nur in USA auf, deshalb wäre es ein gefährlicher Irrtum die sehr spezifischen Ingredienzien der amerikanischen politischen Kultur auch in Europa oder gar Deutschland wirksam oder aktivierbar zu sehen. Nein, das sind sie nicht. Die Neuen Rechten, namentlich der wichtigste Vorturner der Rechtsextremen in Deutschland, Henning Eichberg, hassen geradezu Peter Viereck, der den antijüdischen Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (der, by the way, gerade in der DDR zu Ehren kam und bis heute heißt eine der beliebtesten Ost-Berliner Sportstätten bekanntlich nach ihm, von dem Jahn-Denkmal in der Hasenheide im Westen Berlins natürlich nicht zu schweigen) so abgewertet hat.

Es kann auch sein dass weder das Obama-, noch das McCain-Lager Israel unterstützt im Kampf gegen den Terror und für Frieden, weil einfach die Prioritäten andere sind, heute. Das wäre fatal, aber durchaus möglich. Die Indizien jedenfalls sprechen deutlich dafür, dass im McCain–Lager, und insbesondere seinen AktivistInnen auf der Strasse, die Unterstützung für Israel sehr groß ist und die Gefahr eines zweiten Holocaust klar erkannt wird.

Was also ist die Marschroute, um dieses wenig friedensheischende Wort zu verwenden? Die Marschroute muss erstens eine solche sein, weil wir uns bereits seit 9/11 im Krieg befinden. Zweitens hat Eli Wiesel ganz einfach gesagt: „Ahmadinejad must be isolated and brought to justice.“ „He is not Hitler, but he wishes to follow Hitler“.

Die UN lädt dazu ein, die Welt schaut zu, die deutsche Presse berichtet nicht über pro-Israel-Demos in New York City. Alles wie gehabt. Time for change.

Und wenn nun die so geschwätzigen, verlogenen Reden zum Gedenken an 1938 gehalten werden, vornehmlich von FU-Professoren für Politikwissenschaft, Marburger Politologen, von Freiburger Militärhistorikern oder von Hessischen „Friedensforschern“ oder gar von Osnabrücker Politikwissenschaftlern, die – ganz traditionell links-deutsch oder iranisch gedacht – Israels Atomwaffenarsenal zur Disposition stellen wollen und die arabischen bzw. muslimischen Nachbarn Israels als Bedrohte darstellen und nicht den jüdischen Staat (!!!) – „Der Iran kann – völlig unabhängig von der jeweiligen politischen Ordnung – auf Dauer die atomare Bedrohung Israels nicht hinnehmen“ (Mohssen Massarrat bereits im Jahr 2004) – , kann sich entweder nur unentwegt an den Kopf fassen oder aber feststellen, dass hier gewöhnliche antisemitische Stereotype, sprich antizionistische, am Werke sind. Wie schnell und fast immer zeitgleich, antizionistische Vorurteile in handfeste antijüdische Stimmungen umschlagen, zeigt der Osnabrücker Vorzeige-Friedensliebhaber Mohssen Massarrat. Nachdem auf einer Veranstaltung in Osnabrück Broder ihm verbal begegnet war, antwortet dieser nun in einer Stellungnahme vom 2. Oktober wie folgt:

»Ich halte den produktiven Kulturaustausch mit Iran für einen verdienstvollen und praktischen Weg, um einer gezielten Dämonisierung eines Landes, das teils durch die schädliche Politik seiner Regierung und teils von Außen in die Isolation getrieben worden ist, entgegenzuwirken. Mit dem historisch belasteten Vergleich sind Teile der deutschen und internationalen Medien und Personen wie Broder im Begriff, nicht nur den Hitlerfaschismus zu verharmlosen, sondern durch Dämonisierung auch den Boden für einen Krieg der USA und Israels gegen Iran psychologisch vorzubereiten. Alle Kriegsgegner sollen in die Ecke von Kollaborateuren gerückt werden. Kollaboration mit dem Feind ist ein Sprachklischee, das Broder gegen differenziert denkende Experten und Journalisten häufig vorbringt, stammt aus dem Klischeerepertoire der Nazis, mit denen diese den Krieg gegen die Nachbarn psychologisch vorbereitete. Gerade in Nazi-Deutschland war die Dämonisierung der Juden als Untermenschen der erste und entscheidende Schritt zum Holocaust. Diese besonders subtile Verunmenschlichung machte die Deutsche Bevölkerung immun gegen die Barbarei und Verbrechen an sechs Millionen Menschen. Diese Methode ist tatsächlich substanzieller Bestandteil des totalitären Denkens und gehörte daher aus den Diskursen in Demokratien verbannt. Der inhaltlichen Kritik an seiner unsäglichen Rolle in der deutschen Diskurslandschaft hat Broder nichts als Beleidigungen entgegen zu setzen.« (Der Text Massarrats mit Datum vom 2. Oktober 2008 liegt dem Verfasser vor)

Nicht der Iran hetzt also nonstop gegen Israel, nicht Ahmadinejad hat gesagt, er möchte dafür Sorge tragen (was für ein antijüdischer Heideggerscher Gedankengang, womit nicht gesagt sein soll, dass er (nicht nur) in diesem Fall auch genuin islamische Wurzeln haben mag), dass Israel von der Landkarte verschwinde, nein: böse Amerikaner und Israeli im Gespann mit einem Journalisten wie Henryk M. Broder bereiteten den Boden für einen Angriff auf den Iran. Diese Derealisierung der Gefahr, welcher der Iran für Israel darstellt, ist so grotesk wie die antijüdische Hetze Legion ist in Deutschland. Da hat Massarat gut gelernt, möchte man sagen: Er dreht den Spieß einfach um, und geriert sich nun wie die ganz normalen sonstigen Deutschen zum Opfer, die Juden sind nun die Täter, nach Auschwitz. Und der antiintellektuelle Reflex gegen guten Journalismus, wie ihn Broder vertritt, einen, der auch mal weh tut und nicht immer richtig liegen mag, hier aber ganz sicher richtig liegt, ist auch Standardrepertoire im Antisemitismus. Wenn also Massarat Broder in die Nähe der Nazis setzt und gar solche Kritik am Iran, wie Broder sie dankenswerterweise praktiziert, in Beziehung setzt zur Vorbereitung des Holocaust gegen die Juden, dann ist hier ein Antisemit am Werk, der gründlich gelernt hat, nach Treblinka und Theresienstadt sich besser selbst zum Juden zu machen und die wirklichen Juden, nach 1945 bzw. 1948 oder 1967, zu den Tätern zu imaginieren. Das Tolle für Typen wie Massarat ist, dass sie sich mit ihrem Antisemitismus und ihrer Demagogie gegen Juden wie Broder pudelwohl fühlen und kein irgendwie schlechtes Gewissen haben müssen wie die NPD, die häufig so verbissen dreinschaut.

Zurück zur Demo gegen Iran in New York City: Entgegen einem Massarrat hat Irvin Cotler aus Canada die Lehren aus der Geschichte gelernt: Ahmadinejad solle vor den UN „accused“ werden wegen seiner wiederholten Menschenrechtsverletzungen, insbesondere auch wegen dem „demonizing the other“, eines der fürchterlichsten Kennzeichen des Antisemitismus schon vor Auschwitz. Cotler setzte ganz klar, dass „the Holocaust begun with words“ und wir heute Lebenden haben eine „responsability to prevent“ eine zweite Vernichtung der Juden. Der „path to Genocide“ jedenfalls habe bereits begonnen, deshalb „No to a nuclear Iran. Yes to stop Iran!“ Anschließend sprach der wie immer mitreißende Nathan Sharansky aus Israel, der im Kern unter tosendem Beifall sagte: „This is the fight we will win!!!“ Trauriger war die israelische Knessetsprecherin Dalia Itzik, welche herausstellte, wie schlimm es ist, dass 60 Jahre nach der Etablierung des Staates Israel „the nightmare is back“, „I see the gas chambers“, wenn sie mit Grauen an die Drohungen aus Iran gegen Israel denkt. Itzik plädierte nachdrücklich, solche „madmen“ wie Ahmadinejad ernst und beim Wort zu nehmen.

Die Verzweiflung vieler junger, alter und älterer TeilnehmerInnen der Demonstration war spürbar, wenngleich es ein in der Tat „very unifying event“ war, wie einer der Organisatoren am Ende meinte. Die Power war laut hörbar, die Sprechchöre „Stop Iran now“, „Stop Iran now“ beeindruckend, aus tausenden Kehlen.

Skeptische Worte dürfen nicht fehlen: „Where is Sarah“ stand auf einigen Postern? Was ist gemeint? Nun, aufgrund der Absage von Hillary Clinton, nachdem die Kandidatin der Republicans für das Amt der Vize-Präsidentin, Gouverneurin Sarah Palin aus Alaska, auch als Rednerin gewonnen worden war, wurden alle bundespolitischen RednerInnen ausgeladen. Ein auch hier in New York City offenbar eher ungwöhnlicher und unprofessioneller Umgang mit diesem politischen Ereignis. Und während ich viele dutzend, ja weit über hundert UnterstützerInnen für McCain mit Postern, Plakaten, Stickern oder T-Shirts gesehen habe, manche mit Schreibfehlern, was aber die große Bedeutung nicht schmälert , habe ich vielleicht 4 oder 5 offen als Obama-Fans erkennbare Demonstranten gesehen. Was heißt das? Europäische Verhältnisse? Die Linke für Obama und nicht gegen Antisemitismus? Es scheint so, ja. Doch die Konservativen plädierten überhaupt nicht dafür, nur Palin zu hören, nein, Hillary und Sarah gemeinsam gegen die Mullahs, das wäre es gewesen. Next time. Es wird nötig sein. Verdammt nötig. Not-wendig.

Doch eine solche Demonstration erlebt zu haben, war all in all ein wundervolles Zeichen der Solidarität mit Israel. „We stand with you“, „you are not alone, „Block the bomb“ , natürlich auch „Christians united for Israel“ , „Save Israel“, „United against the Iranian threat“, und, besonders toll und wichtig: „Silence ist Compliance“ (Schweigen ist Einverständnis), oder „from Hitler to Iran –the Holocaust continues“…

Bezüglich der iranischen Stadt Buschehr und den dortigen Atomanlagen, dürfte eine Parole in Deutschland noch wenig bekannt sein, sie hat jedoch symbolisch hohen Wert und dürfte die Realität antizipieren, einige junge und auch ältere, kämpferische Juden skandierten sie sehr lautstark: „Bomb Buschor“. Wer schneller und anders aber genauso effektiv auf das auf die Vernichtung Israels zielende Atomprogramm der Mullah-Faschisten reagieren kann, gerne.

Abschließend gilt es die Rede von Irans Präsident Ahmadinejad vor der 63. Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York City einen Tag nach unserer Demonstration, also am 23. September 2008, wörtlich und ernst zu nehmen. Er spricht mit keiner Silbe vom Staat Israel. „Zionists“ sind seine Feinde, wenn er sie „Zionist murderers“ diffamiert, die Aggression Russlands in Georgien als eigentlich von der NATO und der hinter ihr stehenden „Zionists“ sieht, und natürlich werden die „Zionists“ ihrer imaginierte Rolle als „dominating an important portion of the financial and monetary centers as well as the political decision-making centers of some European countries and the US“ geziehen, schließlich hetzt er gegen ein „Zionist network“ bzw. „Zionist regime“. Juden sind für Ahmadinejad wie schon für die Deutschen im Nationalsozialismus –hier trifft der Vergleich offenkundig zu – Zionisten und umgekehrt. Jeder Jude ein Zionist = Feind, überall.

Das macht die Attacken des Iran gegen Israel so bezeichnend: Israel steht für die Judenheit insgesamt, der Antisemitismus des Iran jedoch speist sich nicht nur aus Erinnerungsabwehr und Holocaustleugnung, Derealisierung und Schuldprojektion, auch althergebrachte, primäre Muster des Judenhasses wie die „jüdische Weltverschwörung“, „der jüdische Kapitalist“ und die kleine, aber einflussreiche Gruppe „der Juden“ ganz generell sind erkennbar. Deshalb muss diese Rede ernst genommen werden und als Zeichen für die wahnhafte, auf die Tötung von Juden zielende Ideologie des heutigen Iran, der auch anderen Regimes und Bewegungen nach dem Munde spricht, erkannt werden. Antizionismus ist der Kern der Ideologie Ahmadinejads, und diese Antizionismus ist nur ein – nach Auschwitz, das jener ja gar nicht anerkennt – Code für „den Juden“!

Nicht nur vor diesem Hintergrund zerbersten alle ach so differenzierten Differenzierungen von Antisemitismus und Antizionismus. Der Antisemitismus des 21. Jahrhunderts ist in erster Linie ein antizionistischer, und das mit bestem Gewissen und dem europäischen Mainstream oft im Schlepptau. Der Mullah-Faschismus hat gerade in New York City mal wieder seine Fratze zeigen dürfen und die Welt schaut zu, lacht, lächelt, grinst oder wiegelt ab.

Wenn jede europäische Hauptstadt auch nur die Hälfte der Teilnehmer der New Yorker Demonstration von womöglich 10.000 hätte, wäre der Forderung nach einem „Stop Iran now“ womöglich weit mehr Nachdruck verliehen. Schließlich geht es darum, Israel, das auf sich allein gestellt scheint, den Rücken frei zu halten.

Links, liberal, weltoffen, gottlos sein (also anti-Habermas, der gestern in YALE sprach), besten New York City Punk-Rock hörend, anarchistisch, selbst Mozart spielend, kommunistisch agitierend, ohne Ressentiments gegen Neocons sein und John McCain/Sarah Palin wählen, also gemeinsam gegen Antisemitismus und für Israel? Geht das überhaupt? Können wir das? Können da auch Obama-Fans mitmachen? Können wir denn im Ernst im 21. Jahrhundert, nach Posthistoire, Postmoderne, Postzionismus Zionisten sein, gar nicht-jüdische? Wirtschaftskrise hin oder her, Lösungen hat eh kein Mensch in Aussicht und das wäre auch lächerlich. Nein: Angesichts der unglaublichen Drohungen gegen die Zionisten – „den Juden“ an und für sich – durch den Iran, hier in New York City, quasi vor meiner Haustür, müssen wir das, Zionist sein. Können wir, Republicans, liberals, left-wingers und selbst womöglich Obama-Fans, also wirklich gegen Antisemitismus/Antizionismus und gegen Islamfaschismus sein? Kompromisslos?

„Yes, we can“!

Back in bad old Europe? Experiences with anti-Zionist freshmen/women

My first day in YALE – and Mearsheimer and Yale students plaid for ending the US-Israeli special relations…

clemens.heni@yale.edu , 09/16/2008

I am a lucky boy, being one of the first Post-Docs at the Yale Initiative for the Interdisciplinary Study of Antisemitism (YIISA). I arrived just a few weeks ago. I know all the other centers for the Study of Antisemitism, there are not so many, two in Israel, one in Germany, now, really new, one in Britain, and that‘s it. YIISA is the first Center or Institution of its kind in North America. Isn’t this astonishing? Has there been no need for the analysis of anti-Semitism in the US?

At the evening of my first official day at YALE, last week on Tuesday, I couldn’t believe my eyes: am I back in Europe or even in Germany? What happened? The Yale Political Union, an organization for (young) students at YALE, did invite one of the most outstanding anti-Zionist professors who did write a both stupid and dangerous book about the fantasy of the power of an “Israel-Lobby”. Well, I am of course talking about John Mearsheimer. He was blaming Israel of being responsible for the 9/11 attacks and the attacks and massmurder of Islamic Jihads worldwide, obviously including Iraq. No word about the political and ideological impact of Islamic Jihad as phenomenon sui generis. Mearsheimer argued that without the “special relationship” between the US and Israel America would be a better and more secure place to life. This is obviously an anti-Jewish argumentation. Israel is a Jewish state and since Jean Améry, Vladimir Jankélévitch or Henryk Broder we all know that Israel-hatred is the new way to express Jew-hatred. After Auschwitz it is of course not that easy (in Western countries) to blame Jews as Jews to do that or that (this does not mean that especially in the Islamic world such anti-Semitic resentments exist!). So professors or B.A.-students blame the Jewish State for every ill on earth. I thought this is not exclusively but especially an European (and especially) German problem. Of course I knew that a lot of Americans are anti-Bush (I am, as a left-winger, not), but most of them (I hope!) are not also anti-Jewish.

But why did the YALE Political Union invite Mearsheimer and finally even declared – by a vote of 44:25 – to “end the special relations” the “US has with Israel”, as the Jerusalem Post did report on Sunday? This seems to be more than a bad joke of some freshwomen/freshmen. It is a sign of the political culture of America. For me, being in the US not longer than some 2 weeks, this is an extremely sad experience.

I think some or even most of those YALEs and also the rest of politically interested America do not know the truth of Mearsheimer: the truth is, his book was, so to say, already published in 1942. Shocking! Really? Yes. The cover of the German edition (Campus publisher) of Walt/Mearsheimers “The Israel-Lobby” shows the following: an American flag, where the stars are replaced by David Crosses. Wow! The Jews rule the world, America is run by Jews. Mearsheimers “arguments” are antisemitic in result, if not intend. Relating to 1942: Same impact, but another time: Germany, National Socialism, in the year 1942, during the Holocaust: one of the most influential “scholars”, Johann von Leers, did publish a work called “Kräfte hinter Roosevelt” (Those who run Roosevelt). The cover of the book shows some “Jewish” people AND, most important for us today, an American flag, where the stars are replaced by David Crosses!

Would those young Yale students have invited Mearsheimer if they knew that originally the “argument” that Jews run America comes from Nazi Germany? Whoever did talk to Israeli citizens of the city of Sderot, where thousands of rockets from the Gaza-Strip did fall the last years, cannot ignore the anti-Jewish impact of Hamas. Who ever witnessed a single hardcore Islamist prayer in Ramallah or in Beirut cannot ignore the Israel-hatred of the Middle East. Whoever has read a speech of Iranian leader Ahmadinejad cannot ignore the existential threat to the Jewish state of Israel which derives of the current policy of Iran. Why do young, unexperienced Yale students vote against special relations of the US and Israel? Who the hell do they want to support?

The sad story of anti-Zionism (which is just the most sophisticated version of Jew-hatred and anti-Semitism) goes on. I am sure, that neither Yale nor the US did wait for a scholar like me to tell them something about anti-Semitism. But what is shocking for me is the fact that American scholars like Charles Patterson did even anticipate such “modern” Jew-hatred, decades ago. Patterson words describe our situation very well:

“There is little evidence that in the future the United States will prove to be any more resistant to anti-Semitism than Europe was. The same Constitution that provides American Jewish citizens full and equal protection under the law also provides freedom of speech and expression to the voices of anti-Semitism, racism, and other forms of prejudice. Since attitudes cannot be legislated out of existence, it is certain that the voices of hatred will continue to be heard. Should the years ahead grow more tense and troubled, those voices are destined to become louder.”

This was written in 1982 (!), now we are in 2008 and Israel fights for its very right of existence as a Jewish state. Not only but also YALE students have to learn that the consequence of Auschwitz is to fight all forms of anti-Semitism, including anti-Zionism of course. To plaid for an end of the special relations of the US and Israel is a sign to the fascist Islam, not only in Tehran: well, friends, keep on fighting the Jewish State, we are on your side.

Yale freshwomen/freshmen don’t rule neither the world nor the US: America will not end its special relationship with the Jewish state. Rather Yale has to end its friendly talk with anti-Zionist youngsters and their academic friends. But maybe I am wrong and YALE academics stand behind those youngsters and their guests…

Lapsus orientalis?

Lapsus orientalis?

Sekundärer Antisemitismus – türkisch, mit Koscherstempel

Der Antisemitismus geht neue Wege. Sowohl offene Vernichtungs-Drohungen gegen Juden oder den jüdischen Staat Israel nehmen zu als auch rhetorisch raffiniertere Versionen einer Erinnerungsabwehr, Relativierung oder Universalisierung des Präzedenzlosen von Auschwitz. Die Befürchtungen von Professorin Dina Porat kürzlich auf dem Jerusalemer Global Forum for Combating Antisemitism, sind sehr hellsichtig: Es gebe einen „Opferwettstreit“, im Namen des Antikolonialismus, Antirassismus oder der Menschenrechte werden Juden angeklagt, diffamiert und Auschwitz verniedlicht, banalisiert und in die Geschichte des Kolonialismus, Rassismus, der Sklaverei oder anderer Elemente der bürgerlichen Gesellschaft eingegliedert. Damit wird – wie bewusst auch immer – das Unvergleichliche nicht nur der Judenfeindschaft, sondern namentlich der Shoah geleugnet. Es ist eine soft-core Leugnung, wie es Deborah Lipstadt nennt. Auch der Leipziger/Tel Aviver Historiker Dan Diner sieht diese Gefahr (in „Gegenläufige Gedächtnisse“, Göttingen 2007), wenn er schreibt:

„Dies wird nicht folgenlos bleiben. Wie unter der Hand wird der so seiner Geschichtlichkeit entblößte Holocaust – das zum bloßen Exempel verallgemeinerte Ereignis Auschwitz – zu einem Genozid unter anderen Genoziden mutieren.“

Diner sieht in einer „anthropologisierenden Wahrnehmung“ die Gefahr einer Verkennung jedweder Spezifik des Holocaust.

Man muss noch weiter gehen: Sowohl die Geschichte des Holocaust wird heute umgeschrieben (Stichworte: „Bombenkrieg“, „Vertreibung“, „Europäisierung des Holocaust“, „nur Hitler war schuld“) als auch die Vorgeschichte und die Nachwirkung bis heute. Sprich: der Antisemitismus als Phänomen sui generis wird gezielt negiert. Jüngstes Beispiel ist Faruk Sen, der türkische Leiter des Zentrums für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen. In einem kleinen Kommentar für eine Zeitschrift schrieb er unter der Überschrift „die neuen Juden Europas“:

„Bis zur Mitte des 20.Jahrhunderts war es nicht gerade leicht, Jude zu sein. Es genügt nicht, die bitteren Geschichten der in vielen Ländern – allen voran Nazideutschland – Völkermorden ausgesetzten und vom Rest der Bevölkerung ausgeschlossenen Juden und die zu dieser Zeitspanne gehörende Geschichte der Menschheit zu erzählen.“

Und weiter schreibt dieser Mann:

„Nach dem großen Massaker, bei dem Europa sich von seinen Juden zu säubern versuchte, gibt es 5200000 Türken, die jetzt die neuen Juden sind.“

„Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war es nicht gerade leicht, ein Jude zu sein“, wird so dahin gesagt. Etwas flapsige Worte aus dem Mund eines Muslims im beginnenden 21. Jahrhundert, oder nicht? Denn als Muslim spricht er ja, Faruk Sen. Er möchte, wie die Linken, Frauen, Radfahrer, Nichtraucher, Hartz4-Empfänger, so gern Opfer sein WIE die Juden. Das war bereits in der Dankesrede von Alice Schwarzer, welche dieses Jahr unnötigerweise den Ludwig-Börne-Preis hat zugesprochen bekommen, deutlich geworden. Sen sekundiert auf seine Weise den Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer, der seit 2002 „deutsche Zustände“ beobachtet und allerorten „gruppenbezogene Menschfeindlichkeit“ sieht. Er postulierte 2002 dass „Antisemitismus“ „schon länger einen abnehmenden Trend“ aufweise, was besonders grotesk wirkt und sich im Laufe des Jahres 2002 ins Gegenteil verkehrte. Immerhin gab es 2002 eine der heftigsten antisemitischen Kampagnen in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, als Jürgen W. Möllemanns Hetze gegen Michel Friedman und Ariel Sharon, Walsers „Tod eines Kritikers“ und die allgemeine Stimmung gegen Israel und für die II. Intifada der Palästinenser sich gegenseitig hoch schaukelten. Heitmeyer hat nun sein Konzept „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ ausgebaut, neben Antisemitismus gibt es zwar weiterhin „Islamphobie“, „klassischen Sexismus“, nun jedoch sogar („deutschen Zustände“, Folge 6, 2008 ) „Obdachlose“ oder auch „die Abwertung von Langzeitarbeitslosen“… Was das mit der jahrtausendealten und sehr spezifischen Judenfeindschaft und zumal mit dem sekundären Antisemitismus nach Auschwitz zu tun hat, wird der Forscher auf ewig schuldig bleiben, zu erklären. Aber für die Banalisierung des Antisemitismus ist sein Konzept prima geeignet.

Bei Sen fällt somit neben der mittlerweile mainstreammäßigen Verharmlosung des Holocaust – ein ganz typisches Muster des sekundären Antisemitismus – Folgendes auf: Für ihn endet die Geschichte der Judenfeindschaft Mitte des 20. Jahrhunderts. Hoppla! Was meint er damit? Ein lapsus orientalis womöglich? Hat er sich verschrieben? Gibt es seit „Mitte des 20. Jahrhunderts“ (eine sehr merkwürdige Zeitangabe) keinen Judenhass mehr? Oder handelt es sich doch eher um einen gezielten, verschmitzt lächelnden antizionistischer Einsatz? Heute ist die Gefahr für Israel und die Juden die größte für eine spezifische Gruppe von Menschen. Kein anderes Land der Welt ist von Vernichtung und Angriff bedroht wie Israel. Kein Mensch kritisiert die Türkei, Österreich, Lettland oder Indien, um hinzuzufügen: Ich akzeptiere aber selbstverständlich das Existenzrecht Österreichs, der Türkei, Lettlands oder Indiens. Kein Mensch macht das. Bei Israel ist es das geflügelte Wort – „Existenzrecht“ – als Gnade oder was? Das UN-Mitgliedsland Iran hat dem UN-Mitgliedsland Israel gedroht, eine „World without Zionism“ herbei zu führen. Seit 1948 musste sich Israel in unregelmäßigen Abständen den Drohungen seiner arabischen Nachbarn erwehren. Seit einigen Jahren kommt nun die reale Drohung aus der Islamischen Republik Iran dazu.

Davon also kein Wort bei Prof. Sen. Den politischen Islam erwähnt er selbstredend gar nicht. Dafür spricht er von sich und allen in Europa lebenden Türken als „den Juden von heute“. Es ist sicher kein Zufall, dass er die Zahl der in Europa lebenden Türken recht penibel mit 5,2 Millionen angibt – eine ähnliche Zahl wie die sechs Millionen ermordeten Juden Europas. Die Perfidie geht noch weiter, wenn man bedenkt, wie er die Shoah erwähnt: als „Massaker“, was mit dem Zivilisationsbruch Auschwitz nichts zu tun hat und auch die Mordaktionen der deutschen Polizeibataillone oder der Wehrmachtseinheiten, des Sicherheitsdienstes (SD), der Schutzstaffel (SS) und ihrer Gehilfen nicht annähernd adäquat in Worte fasst. Massaker gab es in der Geschichte der Menschheit zu viele, in der Tat. Aber der ontologische Bruch aller Gewissheiten menschlichen Zusammenlebens, wie ihn die Shoah offen zeigte, ist un-fassbar. Ein Zivilisationsbruch, wie Diner dezidiert betont. Davon hat Professor Sen keine Ahnung.

Nun bekommt der neumodische „Jude von heute“, Faruk Sen, Unterstützung von einem „echten“ Juden, Sergej Lagodinsky aus Berlin, Sozialdemokrat und Kämpfer für das Gute auf der Welt. Er schreibt:

„Die Singularität des Holocaust steht außer Frage. Doch niemand beharrt auf der Singularität von jüdischen Diskriminierungserfahrungen, davor und danach. Dass zahlreiche jüdische Organisationen weltweit für Menschen- und Bürgerrechte eintreten, speist sich ja gerade aus der Sorge, dass sich die eigene Diskriminierungserfahrung unter anderen Minderheiten wiederholen könnte. Dass Vertreter des Zentralrats der Juden in Deutschland genauso wie jüdische Stimmen aus der Türkei ihr Unverständnis über die Reaktionen auf Sens Vergleich geäußert haben, liefert dafür eine Bestätigung.“

Wo sind die Vernichtungsdrohungen gegen Türken? Wo sind die „Protokolle der Weisen von Istanbul“? Wo werden Türken des Ritualmordes beschuldigt? Wo wird die weltweite Verschwörung der Groß- oder Jungtürken verbreitet? Wo wird ein Türke weil er Türke ist, sagen wir in Mallorca aufm Urlaub, halb tot geprügelt? Wo sind die türkischen Schulen, die von Polizisten beschützt werden müssen, weil schon 8jährige Steine nach den jungen Türken werfen? Wo wurde jemals den Türken oder den Muslimen die Entwicklung des Kapitalismus zur Last gelegt? Oder wo wurden Türken der bolschewistisch-kommunistischen Revolte gegeißelt? Wo wird Türken (oder meinetwegen Muslimen insgesamt) unterstellt, sie würden mit ihrer „Künstlichkeit“ und Modernität die organische Verwobenheit der Menschen zerstören?

Nicht zu vergessen die Angst und Sorge (nicht nur) von Juden, an Universitäten, Schulen, auf Veranstaltungen etc. vor ekligen antisemitischen Sprüchen des Establishments, erinnert sei nur an die widerwärtige Story, als nach einer ARD-Talkshow ein beliebter Gast von der Sorte „Stolzdeutscher“ – Hans-Olaf Henkel natürlich – nicht mit Henryk M. Broder Aufzug fahren wollte, weil er mit „einem Juden nicht Aufzug fahren möchte“… Oder die zwischen Absurdität und Drohung oszillierenden Sprüche eines Matussek, der sich darüber aufregt, dass das „Thema“ Holocaust ein „Stimmungskrepierer“ sei auf jeder Party, weshalb er selbst nicht oft an den Holocaust denke.

Hat Lagodinsky sich je schließlich gefragt, welche Bedeutung der Antisemitismus im 19. Jahrhundert für die Konstituierung des deutschen Nationalbewusstseins hatte? Hat er je von den Antisemitenparteien gehört? Hat er eine Ahnung wie viele Juden vor und nach 1848 Deutschland verließen, zumal in Richtung Amerika? Was wäre in Deutschland wohl los, wenn die paar wenigen Juden und ihre Freunde bei Fussballspielen Israels die Israelfahne an ihre Autos klemmen würden? Na? Wieviele tausende türkische Fahnen gab es allein in der Falckensteinstraße und drum herum in Berlin-Kreuzberg bei der Euro 08? Und war das für irgend jemand ein Problem? Selbstverständlich nicht. Die Türken als „die Juden von heute“?

Wer frägt einen x-beliebigen Dönerbudenbesitzer ob er wieder nach „Hause“ gehen würde? Nazis, sicher. Doch die deutsche Bundesregierung mit ihrer pro-Islamkonferenz etwa? Oder die nordrhein-westfälische Landesregierung, die auch nicht gerade bekannt ist für Sprüche gegen Türken? Wer jedoch fragt Juden nicht immer sofort, ob sie oder er nicht in „ihr“ Land wollen? Türken haben in Deutschland kein Problem als Muslim ganz offensiv in Erscheinung zu treten, ob mit Schleier, Kopftuch, Türkeifähnchen, Kettchen mit Halbmond etc. Juden jedoch trauen sich in Deutschland heute kaum, offen eine Davidsternhalskette zu zeigen. Wer mit einer jüdisch-orthodoxen Reisegruppe aus Ortsunkenntnis einen Spontantripp nach Berlin-Neukölln macht oder nach Wedding, wird das im Zweifelsfall bereuen. Juden leben in Deutschland nicht ungefährlich, zumal aus Angst vor Palästinensern, Syrern, Türken, Libanesen oder auch Linksextremen sowie Nazis in Städten wie Hamburg, Köln, Jena oder Berlin.

Der bloße Rassismus ist schrecklich genug, in der Tat. Wer als „nicht deutsch genug“ kategorisiert wird, im Osten oder auch in München, Bremen oder Aachen, wird von Neonazis angegriffen. Doch diese auf Unterordnung basierende Gewaltförmigkeit ist dem Antisemitismus nur am Rande eigen. Der Antisemitismus hat viel mehr Codes, Bilder und Metaphern, er ist ideologisch und sozial-psychologisch viel aufgeladener als bloßer Rassismus. Ja Antisemitismus ist auf einer ganz anderen Ebene situiert als Rassismus. Juden sind für Judenfeinde keineswegs „minderwertig“ wie Schwarze oder andere „Fremde“. Juden wurde historisch und gegenwärtig vielmehr gerade Omnipotenz zugeschrieben. Juden seien der „unsichtbare Feind“, was sie umso gefährlicher mache, hieß es schon Anfang des 19. Jahrhunderts. Wie der „Wert“ als Kategorie der politischen Ökonomie ist es gerade das „Unsichtbare“, was Juden für Antisemiten so suspekt macht, wie beispielsweise Wolfram Stender in einer interessanten Dissertation schon vor einigen Jahren zeigte („Kritik und Vernunft“, Lüneburg 1996). Dass dies nicht für alle bürgerlichen Gesellschaften in gleichem Maße gilt, steht auf einem anderen Blatt. Von all diesen Dimensionen, die hier nur tangiert werden können, haben weder Heitmeyer, noch Sen oder Lagodinsky auch nur den Hauch einer Ahnung.

Das Problem liegt also weit tiefer: Weder Lagodinsky, noch Professor Sen, der nicht gerade überraschend sowohl vom Zentralrat der Juden als auch von Silke Tempel in der Jüdischen Allgemeinen umgehend in Schutz genommen wurde – keine Spur von Antisemitismus sei bei ihm zu finden – befassen sich mit der Erinnerung an die Shoah, der Vorgeschichte des Holocaust und schon gleich gar nicht mit gegenwärtigem Antisemitismus. Der neue Antisemitismus bleibt bislang DIE Leerstelle in der Debatte. Dabei unterstützt Sen diesen ja gleich doppelt gemoppelt: erstens indem er die Shoah banalisiert, als „Massaker“ minimalisiert und total verkennt und zweitens indem er vom politischen Islam schweigt. Der politische Islam jedoch hat ein klares Feindbild: Juden.

Wer heute einen Artikel über die deutsche Unterstützung des iranischen Faschismus und Antisemitismus schreibt muss unverzüglich mit antisemitischen Kommentaren en masse rechnen. Kein anderes Thema als Juden, Israel und Antizionismus/Antisemitismus hat auch nur annähernd eine solche Wirkung ( – am nächsten kommt dem jedoch der Amerikahass).

De facto muss man die Kraft aufbringen, sowohl Hitler-Büsten als auch neumodischere Judenfeinde wie den Iraner Laridschani und seine Hessischen und Berliner Freunde anzugreifen.

Die Juden sind die Juden von heute, nicht die Türken. Israel ist „der Jude von heute“, von Vernichtung bedroht wie die deutschen und europäischen Juden – nicht erst! – ab 1933 auch. Wer die Türken, die Muslime oder wen immer als „die Juden von heute“ herbei fabuliert generiert eine Form des sekundären Antisemitismus. Mit bestem Gewissen. Und als Trendsetter.

„Hitler good – killed Jews“ – Kai Wiedenhöfers palästinensische Freunde und die Diffamierung der Juden als die Nazis von heute

„Hitler good – killed Jews“ – Kai Wiedenhöfers palästinensische Freunde und die Diffamierung der Juden als die Nazis von heute, 18. April 2008, www.kritiknetz.de

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Zionismus, Israel und Naturschutz. Zum jüdischen Neujahrsfest der Bäume

Zuerst publiziert auf www.juedisch.at sowie auf SPME.org am 27.01.2008

Ein Schwerpunkt eines 2006 erschienenen Bandes über »Naturschutz und Demokratie« ist die Beziehung des Judentums zu Naturschutz. Mehrere kleinere Beiträge widmen sich diesem Sujet und vor allem ist im Anhang ein historisches Dokument über »Judentum und Naturschutz« aus dem Jahr 1932 erstmals wieder abgedruckt.

Die israelische Landschaftsarchitektin Tal Alon-Mozes geht auf naturschützerische Wurzeln vor der Staatsgründung Israels aus zionistischer Perspektive ein. Sie untersucht drei wichtige Topoi: Erstens den »Mythos von Palästina als Wüstenland«, zweitens den »Mythos, die Wüste zum Blühen zu bringen« und drittens jenen von der»Rückkehr zur Natur«.

Biblische als auch gegenwärtige Konzepte standen/stehen dabei in Konkurrenz. Insbesondere wurde Landwirtschaft gerade als Möglichkeit verstanden, Teil der Natur zu werden, ein moderner Gedanke. Als ein weiteres Beispiel führt sie die Idee Yehoshua Margolins (1877-1947) an, der dafür plädierte, Kindergärten innerhalb von Gärten einzurichten.

Margolin schrieb Bücher und Lehrpläne für Kindergärten bzw. Grundschulen für den Bereich “Naturstudien” und gründete das erste Hebräisch-Pädagogische Institut im Jahr 1932. Henning Eikenberg schließt daran an und berichtet von der Geschichte des Naturschutzes im Staat Israel. Es fällt auf, dass Naturschutz in Israel im Umweltministerium zu ca. 75% nicht vom Staatshaushalt, vielmehr aus Eintrittsgebühren und vor allem Spenden, nicht zuletzt der jüdischen Diaspora, finanziert wird.

Das korreliert mit der Genese des Naturschutzes, der sich bottom-up entwickelt hat und nicht vom Staat initiiert wurde. Wichtig ist z. B. die NGO Society for the Protection of Nature in Israel (SPNI), welche 35 Jahre vor Gründung eines eigenständigen Umweltministeriums (im Jahr 1988) gegründet wurde. Einer der Mitbegründer von SPNI war der Zionist Heinrich Mendelssohn (1910-2002). Er war u.a. in der Weimarer Republik Mitglied der zionistischen Studentenverbindung Kadimah und emigrierte 1933 nach Palästina.

Er war Zoologe und gründete die Tel Aviver Universität mit. Mendelssohn »gilt heute als einer der Gründungsväter des Naturschutzes in Israel«. Alois P. Hüttermann ergänzt dies mit einer kurzen Darstellung von Naturschutz im antiken Israel. Nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer 70 n. Chr. waren die Juden in wenig fruchtbare Gebiete vertrieben worden. Üblicherweise war es auf engem Raum naheliegend, Kleinvieh zu halten, Schafe, Ziegen etc. Den Rabbinern jedoch war das Kahlfressen der Erde mit der Folge der Desertifikation namentlich durch das Weiden der Ziegen bewusst, weshalb beschlossen wurde, Juden das Halten von Kleinvieh zu verbieten.

So ist es demnach geschehen und die Verwüstung hat nicht eingesetzt, was Hüttermann als mögliche Abwendung der Desertifikation heutiger Zeiten vorschlägt (Beispiele Mauretanien, Iran, China).

Siegfried Lichtenstaedter: »Naturschutz und Judentum« (1932)

Im Anhang des Bandes ist der 48seitige Text Naturschutz und Judentum von Dr. Siegfried Lichtenstaedter aus dem Jahr 1932 abgedruckt. Es ist ein sehr bedeutsames Dokument des deutschen Naturschutzes und handelt sich im wesentlichen um einen Vortrag, den der Autor »im Rahmen der Lehrkurse der jüdischen Gemeinde in München am 4. März 1931 hielt«.

Die Ausgrenzung der Juden im Naturschutz seit 1933, der Holocaust und das Fortwirken der antijüdischen Naturschützer nach 1945 haben dazu geführt, dass dieses Dokument bis heute einfach ignoriert wurde.

Es ist Gert Gröning, Professor an der Universität der Künste in Berlin (UdK), Fachgebiet »Gartenkultur und Freiraumentwicklung«, und einer der Begründer kritischer Forschung zur Geschichte des Naturschutzes und der Freiraumentwicklung im Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland, zu verdanken, dass es jetzt dem bewussten, ignoranten oder Juden im Naturschutz derealisierenden Vergessen entrissen wird.

Siegfried Lichtenstaedter, Jahrgang 1865, war von 1898 bis 1932 Beamter und auch als Publizist tätig. Von seinem Erstlingswerk Kultur und Humanität 1897, bis in die Weimarer Republik, z. B. 1926 mit Antisemitica, publizierte er wohl wegen dem Antisemitismus, der im Kaiserreich nicht weniger verbreitet war wie in der Weimarer Republik, häufig unter seinem türkischen Pseudonym »Dr. Mehemed Emin Efendi«.

Lichtenstaedter setzt in Naturschutz und Judentum damit ein, dass der Naturschutz noch nicht alt sei und der Yellowstonenationalpark in Nordamerika von 1872 der erste große Naturschutzpark ist. Der antik-römischen Aversion den Alpen gegenüber – »foeditas Alpium« – stünde heutige Naturliebe entgegen. Die ungemeine Ausbreitung von Steinbrüchen oder die Ausrottung ganzer Tierarten, wie der erst 1741 entdeckten Steller’schen Seekuh (»Borkentier«), die schon 1768 ausgerottet wurde und die Bedrohung von Pflanzen sind dem Verfasser Anlaß zuerst die institutionelle Genese des Naturschutzes zu untersuchen. Neben verschiedenen Gründungen von Organisationen erwähnt er z. B. bayerische Bestimmungen gegen »verunstaltende Reklame« oder Naturschutzgesetze des Mittelalters.

Jedoch gelte bis heute: »Die theoretische Begründung ist ungenügend«. Problematisch ist ohne Zweifel diesbezüglich sein Bezug auf den schweizerischen Naturforscher Paul Sarasin, der sich für den Schutz »bedrohte[r] Menschenrassen« einsetzte. Ähnlich verhält es sich mit seiner Forderung nach einem »linguistischen Naturschutz«, denn es steht doch in Frage, warum Sprache, also menschliche Kultur, dem Naturschutz unterliegen solle. Sehr interessant wird es, sobald Lichtenstaedter auf die jüdischen Gesetze zu sprechen kommt.

Das erste, welches er erwähnt und analysiert, ist zugleich das wichtigste: das Sabbatjahr. Während in der christlichen Vorstellung der siebte Tag lediglich als Ausruhen und Besinnen “auf Gott” verstanden wird, zeigt er wie universeller, pragmatischer und sinnvoller das jüdische Gesetz des siebten Jahres sich anhört:

“So ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, so feiere das Land eine Feier des Ewigen. 6 Jahre besäe dein Feld und 6 Jahre beschneide deinen Weinstock und sammele seinen Ertrag ein. Aber im 7. Jahre sei eine Sabbatfeier für das Land, eine Feier des Ewigen; dein Feld sollst du nicht besäen und deinen Weinstock nicht beschneiden. Den Nachwuchs deiner Ernte sollst du nicht ernten und die Trauben deiner ungepflegten Weinstöcke sollst du nicht lesen; ein Feierjahr sei für das Land.’«

Lichtenstaedter kommentiert, dass es zu bezweifeln ist, »ob ein ähnliches Gesetz in irgend einer anderen Religion besteht oder bestand«. Er erwähnt, dass in den 1890er Jahren Geldsammlungen außerhalb Palästinas existierten, um jüdischen Siedlern das Sabbatjahr im Heiligen Land zu ermöglichen.

Es ist ein stolzes Judentum, das sich in Abgrenzung zu bloßem uneingeschränktem Wirtschaften nachvollziehbar so ausdrückt:

»Um wie viel höher steht unsere Thora als das Gewissen der sogenannten Kulturwelt!«

Er analysiert ein weiteres Gesetz aus dem Buch Mose, nachdem junge Vögel bzw. Eier, die mitsamt einem Nest herabgefallen sind, angeeignet werden können, die Vogelmutter jedoch solle frei gelassen werden. Darin handele es sich um einen Schutz der Gattung, denn die ausgewachsene Vogelmutter könne alsbald neue Eier legen, während die hinabgestürzten Jungen bzw. Eier ohnehin verloren seien:

»Wir haben es also hier mit nichts anderem als mit zoologischem Naturschutz zu tun – meines Wissens dem ersten derartigen Gesetze in der Religions- und Kulturgeschichte der Menschheit, soweit uns bekannt.«

Sodann geht er auf das Gesetz »Bal taschchith« ein, »Du sollst nichts ruinieren«, womit insbesondere militärische Belagerungen gemeint sind bzw. Eroberungen. Das nächste Gesetz, das »Vermischungsverbot« ist selbstredend abstrus, es bezeichnet u.a. das Verbot »Kleidung von verschiedenen Stoffgattungen (Wolle und Leinen)« zu tragen.

Auch Lichtenstaedter erscheint das unsinnig, wie die orthodoxe Position, nach welcher der im Jahr 1555 erlassene Codex »Schulchan Aruch« bis heute bestimmend sei. Weder so ein »Versteinerungsstandpunkt« noch ein den Naturschutz als unbedeutsam abwehrender »Verstümmelungsstandpunkt« der jüdischen Tradition gegenüber seien hilfreich.

Vielmehr gelte es ein »Zurück zur Thora« anzustreben, allerdings sieht Lichtenstaedter die Bedingungen für ein offensives Eintreten der engen Beziehung von Judentum und Naturschutz ganz realistisch – 1932 – in einem traurigen Licht:

»Dabei wollen wir durchaus nicht die Schwierigkeiten und Bedenken unterschätzen, die einer Führerrolle des Judentums naturgemäß entgegenstehen. Wie nun einmal die Verhältnisse sind, läge, wollten wir uns in den Vordergrund drängen, der Gedankengang sehr nahe: Wie? Das Judentum predigt den Naturschutz? Also gibt es nur eine Losung: Zerstören, was nur zerstört werden kann, verwüsten, was verwüstet werden kann, vernichten, was vernichtet werden kann!

Hier heißt es also, gewisse Zurückhaltung zu üben, mehr an engere, sittlich höhere Kreise als an die breitere Volksmasse, namentlich zu Zeiten, in denen sie der Verhetzung und Verblödung zugänglich ist, sich zu wenden. Aber das Wichtigste ist für uns überhaupt, dass wir selbst im Geiste unserer Religion handeln.«

Lichtenstaedter schließt seinen Vortrag, indem er sich ganz deutlich gegen die schon zu Weimarer Zeiten allzu laut hörbaren völkischen “Natur- und Heimatschützer” wendet und sagt:

»Mit absoluter Sicherheit darf man behaupten: Der weitverbreitete “moderne”, “patriotische” oder “völkische” Gedanke: “Nur das eigene Volk oder die eigene (anthropologische oder imaginäre, fingierte) Rasse ist wertvoll und daher absolut existenzberechtigt- steht in unversöhnlichem Widerspruche mit der jüdischen Sittenlehre.«

Die nicht-jüdischen, deutschen Naturschützer gingen wie fast alle ganz normalen Deutschen ab 1933 einen anderen Weg. Nicht nur im Naturschutz “fruchtete” die jahrelange Hetze gegen Juden, “Undeutsches” und Judentum.

»Am 25.6.1942 wurde Lichtenstaedter mit dem Transport II/9 von München nach Theresienstadt deportiert. Von den 50 Personen aus denen dieser Transport bestand, wurden 46 umgebracht, vier wurden befreit. Lichtenstaedter selber wurde am 6.12.1942 in Theresienstadt ermordet.«

Gert Gröning/Joachim Wolschke-Bulmahn (Hg.) (2006): Naturschutz und Demokratie !? Dokumentation der Beiträge zur Veranstaltung der Stiftung Naturschutzgeschichte und des Zentrums für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur (CGL) der Leibniz Universität Hannover in Kooperation mit dem Institut für Geschichte und Theorie der Gestaltung (GTG) der Universität der Künste Berlin, München: Martin Meidenbauer.

 

„Heil Hitler und Alaaf“

Der Tagesspiegel, 25.01.2008

Karneval und Antisemitismus haben eine lange Tradition – Erinnerung an die Schoah und Erinnerungsabwehr stehen in einem engen Verhältnis.

Am Sonntag, den 27. Januar 2008 findet in München der diesjährige Karnevalsumzug statt. Somit am internationalen Gedenktag zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Erinnerung an die Schoah und Erinnerungsabwehr stehen in einem engen Verhältnis.

Dabei spielte Judenhass, auch der später codierte, im Karneval eine wichtige Rolle, nicht nur in der NS-Zeit. 1935 gab es bei der Fastnacht in Kaiserslautern antijüdische Masken. Dabei wurden im Sinne der Rassenideologie herbeifantasierte physiognomische Kennzeichen von Juden zur Belustigung verwendet. Ein Jahr später hieß ein Umzugswagen beim Fastnachtsumzug in Marburg „Auf nach Palästina“, mit als Juden verkleideten Narren auf dem Wagen. Nicht nur in Köln hieß es seit 1933 „Heil Hitler und Alaaf“.

Nach 1945 wurde der präzedenzlose Mord, der Holocaust, verdrängt, abgewehrt oder auf andere Weise derealisiert, entwirklicht. Insofern steht der Münchner Karnevalsumzug 2008 in einer bestimmten Tradition, wie bewusst, unbewusst, ignorant achselzuckend oder verschmitzt kichernd auch immer. Mehr noch: Karneval und Erinnerungsabwehr haben eine lange Tradition. 1949 ging es los.

Von 1940 bis 1948 gab es keinen Karneval in Köln, der Karnevalshauptstadt in Deutschland. 1949 war dort das Motto der „erweiterten Kappenfahrt“, was noch keinen Rosenmontagszug darstellte: „Meer sin widder do un dun war meer künne“. Der Schriftsteller Dieter Wellershoff, selbst Teilnehmer am Zweiten Weltkrieg, hat 1979 in einem von Jürgen Habermas herausgegebenen Band über „Stichworte zur geistigen Situation der Zeit“ festgehalten:

„In einem Karnevalslied meiner Studentenjahre sangen wir noch ›Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien‹, was heißen sollte: ein kolonisiertes Völkchen, das in heiterer Verantwortungslosigkeit dahinlebt. Dann wurden wir Bundesbürger, und das bedeutete eine zunächst äußerliche, dann aber doch tiefgreifende Verwandlung.“ Der hemdsärmelige Foxtrott „Trizonesien“ war einer der größten Schlagererfolge der Nachkriegszeit. Um was ging es? Ein Kölner Sänger und Karnevalist, der schon zu NS-Zeiten fröhliche Unterhaltung gemacht hatte, Karl Berbuer, dichtete und vertonte den Song:

Vers 1

„Mein lieber Freund, mein lieber Freund, die alten Zeiten sind vorbei, ob man da lacht, ob man da weint, die Welt geht weiter, eins, zwei, drei. Ein kleines Häuflein Diplomaten macht heut die große Politik, sie schaffen Zonen, ändern Staaten (…)

Vers 3

Doch fremder Mann, damit du’s weißt, ein Trizonesier hat Humor, er hat Kultur, er hat auch Geist, darin macht keiner ihm was vor. Selbst Goethe stammt aus Trizonesien, Beethovens Wiege ist bekannt. Nein, sowas gibt’s nicht in Chinesien, darum sind wir auch stolz auf unser Land.

Refrain: Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, Hei-di-tschimmela- tschimmela-tschimela-tschimmela-bumm!

Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien, Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela- tschimmela-bumm!

Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen um so besser. Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, Hei-di-tschimmela- tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!“

Dieser Song wurde 1948/49 mitunter als Nationalhymne gespielt, etwa bei Sportveranstaltungen, und war der Hit des Karneval 1949 in Köln. Der Songtexter Berbuer war hier eine bekannte Person, ihm wurde vor einigen Jahren ein Denkmal aus Bronze gewidmet.

Der Musikwissenschaftler Fred Ritzel hat in der Zeitschrift Popular Music den Song seziert und stellt die Frage, ob es zu gewagt sei, in der „obskuren Fremdheit“ „Chinesiens“ eine Referenz auf die Juden sehen zu wollen. In der Tat: Der Antisemitismus scheint im Reden von „Chinesien“, das im Gegensatz zu „Trizonesien“ keine „Kultur“ und keinen „Geist“ kenne, unschwer wider.

In dem Trizonesien-Song, der natürlich auf die drei großen Besatzungszonen damals anspielt, wird auch lamentiert, dass „Diplomaten“ einfach Staaten änderten und „Zonen“ schufen. Die Deutschen nicht als konkrete Täter, von denen noch Hunderttausende munter lebten, 1949, vielmehr als Opfer und Gegängelte solcher Diplomaten zu sehen, ist zentral.

So dichteten sich die Deutschen wenige Jahre nach dem Ende des NS-Staates ein Karnevalslied, welches nichts als Schuldprojektion, Schuldabwehr und aufgewärmten Nationalstolz verkündet. Auf den Straßen Kölns tanzten die Narren wie imaginierte „Eingeborene“ zu diesem Song, dazu hatten sie sich die Haut schwarz bemalt. Sie wollten sich selbst „exotisieren“, zumal gegenüber den Besatzungsmächten, um den imaginierten Opferstatus der „ganz normalen Deutschen“ zu untermalen. Die Alliierten haben demnach keine Befreiung vom Nationalsozialismus gebracht, vielmehr die armen Deutschen „kolonisiert“.

Diese Selbsteinschätzung ist bezeichnend. Das abstoßende Wort von den Deutschen, die keine „Menschenfresser“ seien, dafür umso besser „küssten“, kann nicht anders denn psychoanalytisch interpretiert werden: Die Schuld an der Vernichtung der Juden wird derealisiert, um sich nicht nur als Mörder reinzuwaschen, sondern auch um gleich wieder Gutes, spezifisch Deutsches hervorzuheben: Goethe, Beethoven und das Küssen.

Die Deutschen tun also was sie können, um Auschwitz zu vergessen, zu banalisieren, zu überlagern. Sei es mit Karnevalsumzügen am 27. Januar 2008, dem Auschwitzgedenktag, oder mit schuldabwehrenden Songs wie dem Trizonesien-Schlager von 1949. Wie hieß es in Köln als Motto, damals, passend dazu: „Meer sin widder do un dun war meer künne“. Na dann.

Der Autor ist Politikwissenschaftler und Publizist aus Berlin.

 

Braun schlägt grün – oder umgekehrt?

Hagalil.com, 20.01.2008

Die Debatte über Jugendkriminalität ist eskaliert. In einem etwas selbstironischen Beitrag hatte der Chef des Feuilletons der Wochenzeitung Die Zeit, Jens Jessen, die deutschen, spießigen Rentner kritisiert, ohne gleichwohl die brutale Aktion jener zwei Jungmänner in München zu verteidigen. Aber die jahrelangen Schikanen, der rassistische Alltag, der ja unbestritten in ganz Deutschland in unterschiedlicher Ausprägung gewaltig herrscht, wurden von Jessen angegriffen…

Doch ganz so einfach ist es auch nicht. Denn Judenhass oder Ablehnung der Moderne durch Muslime, auch jugendliche, ist in Deutschland zunehmend eine Gefahr. Islamischer Antisemitismus jedoch wird von so genannten ›Gutmenschen‹ gern übersehen, klein geredet oder gar als Antizionismus und Hass auf Israel bejaht, wie von vielen Linken, Nazis und der bürgerlichen Mitte gleichermaßen. ›Jude‹ wiederum ist zu einem Schimpfwort auf Schulhöfen oder öffentlichen Plätzen geworden. Doch um all das geht es hier und heute kaum, so wichtig eine seriöse und radikal kritische Debatte dazu wäre. Nur am Rande: die beiden Täter aus München, welche einen 76jährigen deutschen Rentner zusammen schlugen, nachdem dieser sie in Altherrenoberlehrermanier zurecht weisen wollte ob des Rauchens in der U-Bahn, sind türkisch-deutsch bzw. griechisch-deutsch. Alkohol spielte eine Rolle und der Islam wohl in diesem Fall kaum eine, bei dem Deutsch-Griechen überhaupt keine.

Vielmehr geht es um einen Tabubruch, mal wieder. Es geht um die ›nationale Identität‹ Deutschlands, um nichts anderes. Und um die Erinnerung an die Shoah, welche hier verhandelt wird, auf Umwegen. Die SS oder die Wehrmacht, welche die Vernichtung der europäischen Juden organisierten und durchführten, werden mit muslimischen Jugendlichen, Deutschen mithin, in direkte Beziehung gesetzt. Letztere würden das Erbe ersterer antreten. Wörtlich schrieb Schirrmacher:

»Zur Klarheit, die vom Staat gefordert ist, gehört auch, dass man ausspricht, dass die Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus potentiell das ist, was heute den tödlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts am nächsten kommt.«

Es ist dieser letzte Satz aus einem Text des FAZlers Frank Schirrmacher, der die Sache klar macht. Da ist von den »tödlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts« die Rede. Schon das natürlich eine totalitarismustheoretische Reinwaschung Deutschlands, ganz implizit in jeder Pore jedes Wortes. Im Plural steckt die Abwehr der deutschen Schuld, ja der Export dieser Schuld, am liebsten natürlich auf die UdSSR. Heute nun sei eine »Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus« die Erbin jener »tödlichen Ideologien«. Ein Tabubruch von Schirrmacher, der einzelne Gewalttäter auf eine Ebene stellt mit den Verbrechen der SS oder der Wehrmacht. Man muss das sehr ernst nehmen, da nicht nur die größte Tageszeitung Europas diese Agitation auf neue Tiefen getrieben hat, vielmehr auch im Internet weblogs, auch solche, die sich kritisch dünken und meinen, sie seien liberal wie die ›Achse des Guten‹, mitschwimmen.

Der Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner hat am 16. Januar 2007 folgendes zu der Sache geschrieben: » Liebes RTL-Dschungel-Camp, mit Jens Jessen hätten Sie einen Kandidaten, vor dem Kakerlaken, Mehlwürmer, Spinnen und alles Glitschige auf dieser Welt Angst hätten. Was für ein Quotenhit! Herzlichst Ihr F. J. Wagner«. Andere deutsche Rentner bezeichneten den Zeit-Feuilleton-Chef als »Brandstifter« oder als einen, der mit seinem videoblog »Verbrechen gegen das deutsche Volk« begangen habe.

Bei solcher Wortwahl wie jener Wagners wundert es nicht, dass in Berlin seit Jahren darüber gestritten wird, ob die Treitschke-Straße nun umbenannt werden könne oder nicht. Schließlich ginge es um deutsches Kulturgut, und was wäre dieses ohne Antisemitismus und Straßen, Plätze und allerhand andere Örtlichkeiten, welche nach deutschen Antisemiten benannt sind, von Fontane über Richard Wagner hin zu Treitschke, von Stauffenberg nicht zu schweigen?

Also doch dieses »Multikulti-Kuscheln«? Nein. Aber die Blicke deutscher Rentner sind was vom Schlimmsten, in der Tat. Kein Grund, sie deshalb halbtot zu schlagen, gewiss. Aber das möchte ja auch niemand wirklich. Es geht um Jugendliche, Islam und die größte Gefahr im 21. Jahrhundert. Die geht wie schon im 20. vom Faschismus aus, genauer, damals vom Nationalsozialismus, heute vom grünen Faschismus des Islam. Und genau dagegen sind die Schirrmachers, Wagners und die deutschen Rentner überhaupt nicht in erster Linie. Ihnen geht es um Deutschland als deutsches Land. Sie benutzen die vorgebliche Kritik am Islam dazu – wie schon Karl Heinz Bohrer vor ein paar Monaten im Merkur – völkische Homogenität zu propagieren, Reinheit und Einheit, ohne ›Kanaken‹, und Stolz auf Männlichkeit mit ›Ehre‹, Fahne und Schmiss.

Kein Roland Koch und keine FAZ oder Bild regten sich über Hetzjagden auf einen Schwarzen in Berlin-Spandau oder über erwachsene Straßendeutsche, die ihre Hunde auf jüdische Jugendliche hetzten, auf. In Berlin wurde eine afghanische Familie von Nazis angegriffen und konnte sich gerade noch so retten. Wohnen muss sie auch nach Silvester in der gleichen Gegend, wo die deutschen ›Kameraden‹ ihre braune Hetze und Gewalt tagtäglich ausleben. Doch das ist alles gar nicht der Kern der Debatte. Der liegt wo anders. Schirrmacher gibt ja vor, gegen den »islamischen Fundamentalismus« zu sein und ihn als »größte Gefahr« zu erkennen. Würde er das wirklich, würde er primär die deutsche Bundesregierung und die deutsche Industrie mit ihren Geschäften, Bürgschaften und diplomatischen Beziehungen zu und mit dem Iran angreifen, kritisieren und geißeln. Dass das eine Zeitung für Deutschland selbstredend nicht tut, ist klar. Das Groteske und tatsächlich Volksverhetzende an Schirrmacher ist folgendes: er sagt, dass gerade »Jugendliche« und »islamischer Fundamentalismus« »potentiell« den »tödlichen Ideologien« des 20. Jahrhunderts am nächsten kämen. Diese beiden Münchner Jugendlichen und einige andere in einer Reihe mit der SA, der SS, der Gestapo und der Wehrmacht. Das ist volksverhetzend.

Nun, mehr noch: die tagtäglichen Raketenangriffe auf Israel von der Hamas sind nicht potentiell, vielmehr real. Die Selbstmordattentäter im Irak sind ebenfalls Realität und die Friedenshetze der Deutschen hat sie seit 2003 tagtäglich in ihrem tun bestärkt. Die FAZ malt nun vergleichsweise wenige und harmlose Jugendliche, die in ihrer kriminellen Energie nicht klein geredet werden dürfen, aber eben primär kriminell sind und nicht ›ausländisch‹ oder was immer, als den Schrecken unserer Zeit an die Wand, genau: »ausländische Jugendliche«, welche DEUTSCHE Rentner schlagen. Das passt zu dem ›Witz‹ aus alten Zeiten: »jüdischer Hausierer beißt deutschen Schäferhund«… Es geht überhaupt nicht darum, wie viele Linke es natürlich gerne hätten, die ›Muslime als die Juden von heute‹ in Schutz zu nehmen. Oh nein.

Die Juden von heute sind Juden. Bedroht vom Antisemitismus/Antizionismus. Zuerst in Israel, das existentiell bedroht ist und kein Mensch in Deutschland schert das sonderlich, ja es wird gefeixt wie lange es der Judenstaat noch macht. Dass jedoch ein Schirrmacher nicht etwa die Hamas, den Iran, die Hezbollah oder Syrien, al Quaida und andere Islamisten als große Gefahr erkennt, vielmehr deutsche Jugendliche, denn das sind sie ja, das ist so beachtlich wie leicht dechiffrierbar. Sie wollen wieder stolz sein, die Deutschen. Und Opfer. Ob als Rentner, Untergegangene oder Freunde von Scientologen-Spinnern, welche deutschen Nationalisten, welchen Hitler »zu liberal« war (und unadlig), ein cineastisches Denkmal setzen werden, egal.

Das Problem mit islamischen deutschen Jugendlichen und Erwachsenen ist viel zu krass und heftig und sehr wohl existent, als es ganz normalen Deutschen zu überlassen, die vom »Erziehungslager« träumen, und den grünen am liebsten mit dem braunen Faschismus besiegen wollen. Schirrmacher diminuiert die SS zu einem Haufen Rabauken. Solche Verharmlosung des Präzedenzlosen ist antisemitisch. Sein Männerfreund Wagner hetzt in alter Treitschke-Manier gegen Kollegen, welche mit ›Kakerlaken‹ verglichen werden. Auch das ist antisemitisch.

 

Eine deutsche Liebe: Über die braunen Wurzeln der Grünen und die Lücken der Naturschutzforschung (mit Peter Bierl)

Eine deutsche Liebe: Über die braunen Wurzeln der Grünen und die Lücken der Naturschutzforschung (mit Peter Bierl), Konkret, 1/2008

„Giftmischer von Bush bis Bin Laden“. Die Muslime sind die Juden von heute, sagt der Scheibenwischer Hagen Rether in der ARD

Original auf Wadi.net am 3. Januar 2008

Er meint es doch wirklich gut. Rassismus greife um sich, die Muslime in der Defensive. „Wehret den Anfängen“ meint er. Also ein richtig guter Mensch, der Hagen Rether, Nachwuchshoffnung der deutschen Kabarettszene. Er vergleicht die Demokratie mit dem Jihadismus und dessen Massenmörder Bin Laden und suggeriert dass die Muslime die Juden von heute und morgen seien. Jüdische Kritiker wie Ralf Giordano oder Henryk M. Broder hingegen seien Protagonisten einer bösen Kampagne gegen den Islam und die Muslime in Deutschland. Selbst der Papst sei mittlerweile gegen Mohammed. Und vor allem die Presse. Da muss dagegen gesteuert werden. Rether möchte weiterhin, wie er selbst sagt, Multikulti-Kuscheln. Ideologiekritik – und Religionskritik, welche immer der Beginn hiervon ist – sind hingegen pfui, solange sie nicht Christen oder Juden meinen.

In einem Jahresrückblick der meist gesehenen politischen Kabarett-Sendung – dem legendären Scheibenwischer in der ARD – am 29.12.2007, zeigte Rether eindrücklich, was er meint. Mehrere Cover von Spiegel und Stern mit jeweils schwarzem Hintergrund zeigen für ihn demnach wie arg die Muslime in Deutschland in Bedrängnis stehen. Dass schwarz z. B. der Schleier im Iran ist oder die BlackBox in Mekka, um welche erst kürzlich wieder Millionen Gläubige wie magnetisch angezogen im Viereck liefen, was das wohl für die Farbe schwarz bedeuten mag? Die Muslime seien die „neuen Sündenböcke“. „Neu“? Wer waren die alten? Dass zwar nicht alle Muslime Terroristen sind, gleichwohl so gut wie alle Terroristen derzeit Muslime – um den Herausgeber einer arabischen Zeitung zu zitieren -, hat sich bei der ARD noch nicht herumgesprochen.

Vielmehr sekundiert Rether den Ex-Tagesthemen-Frontmann Ulrich Wickert und posaunt heraus, dass doch Bush wie Bin Laden „Giftmischer“ seien. Wow! Wer denkt das denn nicht in Deutschland und Europa oder von Tony Judt über Noam Chomsky, Arundhati Roy, Claudia Roth und Norman Finkelstein bis Moshe Zuckermann? Die USA seien seit 9/11 „komplett paranoid“, die Deutschen schon vor einem Anschlag, wie die ARD-Nachwuchskabarett-Hoffnung meint. Die Pulverisierung von 3000 Menschen im World Trade Center macht so einem ganz normalen deutschen Dhimmi offenbar gar nichts aus. Schrecken vor weiteren Massenmorden wie jenen von 9/11 oder gar die unaussprechliche Angst vor der angekündigten Zerstörung Israels durch eine schwarze, islamisch-antijüdisch motivierte Bombe aus Teheran, irritieren den Gutmenschen Rether offenbar gar nicht.

Schon in früheren Beiträgen hatte Rether seine urdeutschen Ressentiments gegen Amerika im allgemeinen und George W. Bush im speziellen gezeigt, die Jihadisten nimmt er in Schutz, wenn er sagt, die Terroranschläge am 11. März 2002 in Madrid hätten in München stattgefunden, wenn Angela Merkel damals schon Kanzlerin gewesen wäre. Was für ein deutscher Schenkelklopfer. Rether greift nun am 29.12.2007 im Scheibenwischer namentlich Ralf Giordano, Günter Wallraff und insbesondere Henryk M. Broder an, welche alle drei in einer lange geplanten, gleichsam verschwörerischen Aktion den Islam kritisierten und böse Hetze betrieben.

Zumal Broder möchte Rether Tipps geben und macht sich über dessen Bestseller „Hurra wir kapitulieren“ lustig – demnach habe Broder „vor seiner türkischen Putzfrau kapituliert“. Ein lustiger Witz. Dass gerade Broder ziemlich zurückhaltend argumentiert und nichts gegen Moscheen hat oder religiöse Leute, aber darauf insistiert, dass parallel doch bitteschön auch in Saudi-Arabien große oder auch kleinere Gebetshäuser, Kirchen gar, gebaut werden sollten, wenn schon im Westen nonstop islamische Gotteshäuser gebaut werden, das fällt bei der ARD natürlich unter den schwarz lackierten Flügel, an dem Rether so gerne sitzt. Er möchte einen „Kuschelkurs“ mit den Muslimen – „was auch sonst?“ Der gut achtminütige Beitrag meint, dass weder „Zwangsheirat“ noch „Ehrenmord“ relevante Topoi seien – schließlich würde an Weihnachten auch in christlichen Familien manch Verbrechen verübt. Wenn man alleine das brutale Stopfen von Gänsen sich anschaut, damit deren Leber schön dick werde und sie an Weihnachten gut schmecke, liegt der
Wahrheitsgehalt von Rethers Kritik an Weihnachten offen vor uns.

Für die ARD und ihren Scheibenwischer sind George W. Bush und Bin Laden Brüder im Geiste, beides „Giftmischer“, der Jude Broder – Rether sagt natürlich nicht „Broder, der Jude“, aber er denkt es – ein elender Scharfmacher gegen den Islam und was ist das Resultat? „Wehe uns, wenn hier demnächst die Moscheen brennen…“, raunt der Islamversteher. Der Spiegel kritisiere den Islam und den Koran, das sei unerhört. „Wir hatten hier schon mal eine Zeit, wo man Bücher für gefährlich hielt…“ Aha. Welche Zeiten? Die Nazi-Zeit gar? Nicht möglich! Die Muslime also als die Juden von heute?

Die FAZ frohlockt: „Keine Frage, mit Rethers kurzweilig-intelligenter, oft hochpolitischer Pianoplauderei ist das deutsche Musikkabarett endlich im 21. Jahrhundert angekommen.“ Rether spricht von „Israel, ein ganz normaler Apartheidstaat“. Antisemitismus ist nicht nur der längste Hass auf eine bestimmte Gruppe Menschen, den diese Welt kennt. Er nennt sich nach Auschwitz und nach 1967 auch noch Antizionismus. Das hört sich demokratischer an. Und er ist ein prima Geschäft.

Am 10. Februar 2008 bekommt Hagen Rether dafür den wichtigsten Preis für dieses Genre in Deutschland verliehen, den Deutschen Kleinkunstpreis, direkt neben seinem Vater im Geiste, Dieter Hildebrandt, der ihn an diesem Tag für sein „Lebenswerk“ erhalten wird. So fängt das Jahr 2008 an. Doch 2008 wird das Jahr Israels werden. Da können die Deutschen Klein- oder Mittel- oder Großkunstpreise für Judenfeinde verleihen wie sie wollen.

 

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