Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)
Wenn man sich die Irrelevanz und Realitätsferne der Pro-Israel-Szene in Deutschland anschauen möchte, reicht ein Blick in die einzige jüdische Wochenzeitung, die Jüdische Allgemeine. In der Ausgabe vom 26. März 2026, 8. Nissan 5786, also letzten Donnerstag, steht auf Seite 1 ein Text mit der Überschrift „Ist das wirklich nicht unser Krieg“? Der Autor, Roman Haller, „ist ehemaliger Direktor der Jewish Claims Conference für Deutschland“ und schreibt:
Es ist eine gefährliche Illusion zu glauben, dass dies nicht unser Krieg ist und die Folgen der atomaren und ballistischen Bedrohung durch das iranische Regime allein Jerusalem betreffen.
Bebildert ist der Aufmacher der Jüdischen Allgemeinen mit einer Grafik, die die Weltkugel zeigt und den Radius der Reichweite iranischer Raketen – einmal 2000 km und einmal 4000 km, das würde also bis nach Berlin reichen.
Nun, nach vier Wochen Krieg haben die USA und Israel wohl nur ein Drittel der ballistischen Raketen des Iran zerstört. Der Angriff des Iran auf eine 4000 km entfernte Insel zeigt doch, wie militärisch irrelevant dieser Krieg ist. Der Iran ist super raffiniert und hat viele seiner militärischen Anlagen unterirdisch versteckt und zumal dezentralisiert. Und er wird jetzt noch viel mehr am Atomprogramm arbeiten als zuvor. Die aktuelle Energiekrise ist Schuld der USA und von Israel und betrifft wirklich die ganze Welt.
Es geht darum, dass der Iran durch diesen Krieg zwar geschwächt ist, aber vermutlich näher an einer Atombombe als je zuvor – weil jetzt der unbandige Wille des gesamten Regimes da ist, wirklich eine Bombe zu bekommen. Das war zuvor nicht so, wie alle, die sich auskennen, bestätigen. Wenn Ali Khamenei ‚harmloser‘ war als seine Nachfolger, wissen wir, mit was für einem Regime wir es zu tun haben.
Israel und die USA haben von Tag eins dieses sinnfreien Krieges keine konkreten Kriegsziele genannt. Also wissen die Israelis, die gleichwohl fanatisch hinter dem Krieg stehen, zu immer noch ca. 90 Prozent, gar nicht, was das Ziel ist.
Keine Raketen mehr auf Israel? Das Gegenteil ist der Fall.
Regime Change? Weit gefehlt.
Keine atomare Gefahr mehr aus dem Iran? Noch weiter gefehlt.
Gestern gab es Massendemonstrationen in den USA gegen Trump, Autoritarismus und diesen Krieg sowie gegen die Faschos von ICE und die Morde an US-Bürger*innen. Millionen waren auf den Straßen – NO KING. Die USA sind eine Demokratie mit einer lebendigen Zivilgesellschaft, noch.
In Israel gab es gestern auch Demonstrationen gegen den Krieg – von einigen Hunderten bis Tausenden.
Die ganze Welt ist ökonomisch von der Sperrung der Straße von Hormus durch das islamistische Regime in Teheran betroffen. Die ‚genialen‘ Armeen der USA und Israels hatten das nicht antizipiert, dass der Iran diese Meerenge schließen könnte.
„Ächte Käpsele“, wie sarkastische Schwaben sagen würden.
Die ganze Welt hat jetzt mit Energieknappheit zu kämpfen, von Südkorea, wo die Menschen weniger duschen sollen, bis nach Europa, wo die Spritpreise noch auf unabsehbare Zeit über 2 Euro pro Liter liegen.
Dazu kommt, dass Fluggesellschaften Israel wieder über Monate nicht anfliegen werden, kaum Tourismus, ziemliche Isolation. Wie während des im Laufe der Zeit immer fanatischer sicht entwickelnden Gaza-Krieges, wo Israel massenhaft Kriegsverbrechen begangen hat und Zehntausende palästinensische Zivilist*innen ermordet hat. Zehntausende unbewaffnete Zivilist*innen, durch Schusswaffen, Bomben und auch einige auch durch Hunger.
Das sagen die wahren Freund*innen Israels, die noch einen Sinn für die Realität haben.
Auch die weiteren Texte in der Jüdischen Allgemeine, die wirklich pars pro toto für die gesamte Pro-Israel-Szene in Deutschland stehen, zeigen keinerlei substantielle Analyse oder Krieg an diesem fürchterlichen Krieg, sondern fast nur Bejahung.
Das einzig minimal Lustige in dieser Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen ist das „Zitat der Woche“ und bezieht sich darauf, dass der Pianist Igor Levit offenbar angekündigt hat, sich einen Hund zu kaufen, der dann den Namen „Miles Davis“ bekommen wird (Seite 2).
Wer sich für die reale Situation und nicht für Propaganda interessiert, liest besser die Haaretz, die einzige Zeitung – die englische Ausgabe -, die zeigt, dass es noch zionistische Kritik an der israelischen Politik und Gesellschaft gibt.
Carolina Landsmann schreibt in der Haaretz am 27. März 2026 („Israel Can’t Survive by Ignoring Its Conflict With the Palestinians. History Demands Action“), dass Israel seit seiner Gründung vom Konflikt mit den Palästinensern /Arabern geprägt ist. Den Konflikt einfach zu negieren und einfach so weitermachen, weil es ja seit 1948 oder 1967 auch ‚geklappt‘ habe, so oder so, sei nicht möglich. Es brauche eine Zweistaatenlösung oder eine echte Alternative, aber ohne Plan wird der Konflikt beide Seiten, Juden wie Araber, zermürben und Israel in seiner Existenz gefährden.
Der Psychoanalytiker und Psychiater Eran Rolnik schreibt am 16. März 2026 in der Haaretz („Between Freud and Epstein, the Zionist Left’s Crisis in the Diaspora Is Uncanny to the Extreme„):
Hier kommt es zu einem Bruch, der nicht nur politischer, sondern auch sprachlicher und psychologischer Natur ist. Kritik an Israel, die einst auf einem Zugehörigkeitsgefühl und der Annahme beruhte, dass „über das eigene Lager alles gesagt werden darf“, wird plötzlich verdächtig – nicht weil sich die Kritik geändert hat, sondern weil sich das Publikum geändert hat. Dieselben Sätze, die einst in einem jüdischen oder kritisch-zionistisch-linken Umfeld gesprochen wurden, erreichen nun fremde und nicht selten feindselige Ohren. Von zionistisch-linken Juden wird immer wieder verlangt, entweder ihre Kritik an oder ihre Verbindung zu Israel aufzugeben, sich für ihre Haltung zu entschuldigen oder eine Seite zu wählen, als sei der bloße Versuch, eine Unterscheidung zu treffen, ein moralischer Makel.
Diese Erfahrung lässt sich mit dem Begriff beschreiben, den Sigmund Freud als „Unheimliches“ bezeichnete: den Moment, in dem etwas Vertrautes und Geborgenes gerade wegen seiner Nähe fremd und bedrohlich wird. Für viele liberale Juden in der Diaspora bricht der Raum, in dem sie erzogen wurden, nicht von außen zusammen, sondern wird von innen heraus fremd.
Begriffe wie Gerechtigkeit, Menschenrechte und Universalismus kehren in einer verzerrten Version zurück, die sich schwer tut, jüdische Ängste, jüdisches Leid oder das jüdische Recht auf Selbstbestimmung anzuerkennen. Dies ist keine einfache Entfremdung, sondern etwas weit Beunruhigenderes: Die Heimat hört auf, eine Heimat zu sein.
(Alle Zitate in diesem Text sind von CH aus dem Englischen übersetzt)
Das bettet der Autor in die Krise des Liberalismus und der Linken ein. Dass linke Zionist:innen sich kaum noch äußern, liege an dieser riesigen Krise, dem Backlash, der Neuen Rechten, dem Autoritarismus, den wir seit vielen Jahren erleben, in den USA, Europa, weltweit – von den Regimen, die schon zuvor autoritär waren, abgesehen.
Das Schockierende ist ja, dass die Forderung, die Kritik an Israel aufzugeben, gerade von den angeblichen Freund:innen Israels kommt, während die nicht-jüdischen Linken mit Israel ohnehin ein Problem haben und Linkszionist:innen einfach nicht verstehen können oder wollen.
Überspitzt drückt es die palästinensische Autorin Hanin Majadli am 27. März 2026 in der Haaretz aus („Today’s Zionism Is on a Mad Dash Toward a Messianic Colonialist Project“): es sei für sie irrelevant, ob sie von einem zögerlichen linken Zionisten der IDF oder von einem überzeugten rechtsextremen jüdischen Siedler erschossen wird.
Ihr Text hat viel Wahres, aber es fehlt doch die Tatsache, dass weite Teile der Palästinenser:innen seit 1948 auf ihren Antisemitismus nicht wirklich reflektiert haben. Das rechtfertigt nicht Kriegsverbrechen, die es auch 1948 gegeben hat und die die israelische Linke sehr wohl anerkennt – ohne zu vergessen, dass die Araber den UN-Teilungsplan abgelehnt hatten, ein historischer Fehler.
Und wir wissen, dass zumal die postkolonialen Theoretiker*innen und Aktivist*innen sich nicht um Kriegsverbrechen zum Beispiel in Afrika kümmern, weil die Täter schwarz sind und jedenfalls nicht israelisch oder jüdisch, häufig muslimisch oder christlich. Das betrifft die ganze Weltgemeinschaft: Verbrechen werden häufig goutiert, wenn sie von Gruppen oder Staaten begangen werden, die einfach nicht im Fokus stehen.
Das zeigt, analytisch gesprochen, die kategoriale Differenz von Antisemitismus und Rassismus. Antisemitismus meint immer auch das Unheimliche, das Mythische, das Nicht-Greifbare, das Verschwörerische, Mächtige. Rassismus meint primär Unterwürfigkeit, Nichtbeachtung, Ausbeutung und Mord. Niemand hat Angst vor einer Weltherrschaft des Sudan („Massenhinrichtungen, Vergewaltigungen, äußerste Brutalität – Berichte über die Situation im sudanesischen Al-Faschir bestätigen die Hinweise auf Gräueltaten an Zivilisten“, 2025), von Ruanda („Der Völkermord in Ruanda dreißig Jahre danach„) oder des Kongo („Kriegsverbrechen im Kongo Bericht aus der Hölle“, 2010; „Demokratische Republik Kongo. Immer mehr Belege für Mord und Folter“, 2025), egal wie fürchterlich Kriegsverbrechen in diesen Ländern in den letzten Jahrzehnten waren und bis heute sind.
Doch diese Hinweise sind auch eine Falle, viele Unterstützer*innen Israels und rechte Zionist*innen bringen solche Beispiele auch, aber nicht, um Kriegsverbrechen zu erinnern oder zukünftige womöglich zu verhindern, sondern um von den Kriegsverbrechen Israels wie im Gazakrieg oder jetzt im Irankrieg, der juristisch eindeutig völkerrechtswidrig ist, abzulenken!
Eran Rolnik betont, dass viele Psychoanalytiker*innen gar nicht mehr verstehen können oder wollen, warum auch der israelischen Regierung und (Kriegs-)Politik kritisch gegenüberstehende jüdische Kolleg*innen gleichwohl ein Gefühl der kollektiven Zugehörigkeit zum jüdischen Volk und zum Staat Israel haben können. Diese Entfremdung, diese Nicht-Verstehen-Können würde sehr tief reichen.
Es sei eine Krise des Liberalismus, der weder individuelle Rechte noch die Rechte eines Kollektivs – wie dem der Juden – mehr verstehe oder verteidigen wolle. Warum? Weil ja offenkundig nur die regierungstreuen und Kriegsverbrechen-Befürworter*innen pro-israelisch seien.
Das ist das unentrinnbare Dilemma von linken Jüdinnen und Juden in der Diaspora, wobei man anfügen muss, dass es die ohnehin nur in den USA gibt, einige in UK und Frankreich, aber in Deutschland oder Österreich so gut wie gar nicht.
In einem faszinierenden Gespräch in Haaretz von Ayelett Shani mit Assaf Sharon, der an der Universität Tel Aviv als Professor Philosophie unterrichtet, vor allem politische Ethik und politische Philosophie, wird die Situation ununwunden klar auf den Punkt gebracht.
In dem Gespräch geht Sharon auf die frappierende Analogie der israelischen Reaktion nach der Ermordung von Präsident Jitzchak Rabin 1995 und der Reaktion in Israel nach dem 7. Oktober 2023 ein und sagt:
Es ist eine Falle, in die das liberale Israel immer wieder tappt: beim Attentat auf Rabin, bei den Protesten für soziale Gerechtigkeit, beim Regimesturz, in diesem Krieg, der ein Fehlschlag ist. Als würde etwas Schreckliches passieren, wenn wir sagen, dass es politisch ist. Politisch gesehen ist Israel ein krankes Land.
Die Rechte hat eine extreme Politisierung durchlaufen, für die das Oslo-Abkommen einer der Auslöser war. Ich habe von Geburt an Politik gelebt und geatmet. So war es. Für alle. Die Linke hingegen hat eine Entpolitisierung durchlaufen. Die Proteste von 2011 waren historisch. Eine halbe Million Menschen gingen auf die Straße. Daraus ist keine politische Partei und keine politische Fraktion hervorgegangen. Es ist einfach eine Krankheit.
Einen so scharfen und luziden philosophischen, politischen und zionistischen Denker wie Assaf Sharon gibt es in Deutschland nicht wirklich, wer die Ausgaben der Jüdischen Allgemeinen der letzten Jahrzehnte liest und auch nur einen Tag die auf der Startseite der Haaretz (English Edition) verfügbaren Texte anklickt, weiß was ich meine.
Georg Stefan Troller (1921-2025) hat die Situation für Juden und Israel in seinem sensationellen Gespräch mit Harald Wieser und Moritz Aisslinger in der ZEIT im August 2024 erkannt:
Solange Netanyahu an der Macht ist, sehe ich keine. Er will den Konflikt nicht lösen, sondern verschärfen. (…) Aber was im Moment passiert, ist der Selbstmord Israels vor der Welt. Sie haben all die Sympathien verloren, von denen sie früher gelebt haben.
Assaf Sharon sagt heute das Gleiche, nur in anderen Worten:
Sie argumentierten, es bestehe keine Notwendigkeit, den Konflikt [mit den Palästinensern] zu lösen, man könne ihn bewältigen und behaupten, wir befänden uns im ruhigsten Jahrzehnt in der Geschichte Israels. Die extreme Rechte, wie [Bezalel] Smotrich, sagte uns sogar, es sei unmöglich, den Konflikt zu entscheiden. „Lasst die israelischen Streitkräfte gewinnen“ – wenn uns nur der Oberste Gerichtshof und der Generalstaatsanwalt nicht in die Quere kommen.
Bullshit.
Wir haben Gaza dem Erdboden gleichgemacht. Wir haben Verbrechen begangen, mit denen wir noch über Generationen hinweg leben müssen. Hat uns das geholfen? War es entscheidend? Wie kam es, dass der 7. Oktober nicht zu der Erkenntnis führte: „Leute, ihr habt versagt“? Der 7. Oktober wird als Ausrutscher wahrgenommen. Unsere politische und zivile Führung weigert sich, sich gegen Netanjahu zu stellen und ihm zu sagen: „Du hast nicht nur am 7. Oktober versagt, du versagst seitdem jeden Tag.“
Weil mich immer wieder interessierte und kritische, pro-israelische, aber auch selbst denkende Leser*innen meiner Texte fragen, was denn eigentlich Zionismus sei und wo ich stünde, kann ich nur auf das letzte Zitat von Assaf Sharon verweisen.
Er macht glasklar, was Zionismus ist, Linkszionismus:
Abgesehen von den äußersten Randgruppen war die Position der Linken nie, dass die Palästinenser zu „Zion-Liebhabern“ würden, wenn wir nett zu ihnen wären. Das ist rechte Propaganda. Rabin glaubte das nicht.
Die Linke war immer der Ansicht, dass es hier einen tiefen, nationalen, religiösen Konflikt gibt, der nur durch Trennung gelöst werden kann – während die Rechte davon träumte, den Konflikt zu „bewältigen“ oder zu „entscheiden“. Wer ist also der Naive? Warum glauben wir der Propaganda der Rechten über die Linke?
Das ist Zionismus. Das ist Selbstdenken. Das ist Reflektion. Das ist eine links-zionistische Analyse.
Nur die Rechten, die rechten Israelis, dürften Dinge kritisieren, die Linken sollen das Maul halten oder maximal eine Justizreform stoppen, aber keineswegs eine aktive linkszionistische, klare Anti-Netanyahu und Anti-Neue Rechte und vor allem antimessianische und Anti-Religiöser-Zionismus-Politik betreiben dürfen.
Assaf Sharon sagt:
Rabin war wütend darüber, dass Netanjahu eine Plattform erhielt, um zu sprechen, nachdem er die Gemüter derart aufgeheizt hatte. Er sah die Dinge so, wie sie waren. Das war damals das Spiel, und das ist auch heute noch das Spiel: Gebt uns nach, oder wir werden euch vernichten. Seht mal, sich gegen Einheit zu stellen, ist ein bisschen so, als würde man sich gegen Welpen stellen. Aber es ist nicht wirklich Einheit; es ist Gleichförmigkeit. Es ist die Neutralisierung der Streitigkeiten. Die Neutralisierung der Unterschiede. Es ist faschistisches Denken.
Und auch das Thema psychische Gewalt und Gaslighting kommen hier massiv ins Spiel. Also es werden Gewaltvorgänge wie häusliche Gewalt entwirklicht und die Frauen, die sie erinnern, werden dafür auch noch bestraft oder ihnen eine falsche Erinnerung angedichtet. Wir sehen das aktuell im Fall Collien Fernandez.
In dem Gespräch von Ayelett Shani und Assaf Sharon heißt es weiter:
Selbst ein gewalttätiger Ehemann sagt zu seiner Frau nicht: „Ich werde dich vernichten.“ Er sagt: „Ich liebe dich, und deshalb lasse ich dich nicht aus dem Haus.“
Und deshalb müssen wir ihnen sagen: „Freunde, wir sind nicht an Einheit interessiert. Wir wollen keine Einheit. Wir wollen Gerechtigkeit. Wir wollen nicht als Kriegsverbrecher dastehen. Wir wollen hier Frieden. Manipuliert uns nicht. Wir wollen keine Einheit mit euch.“
Und es ist genau diese Einheit, die aus jeder Zeile der deutschen Pro-Israel-Szene und ihrer Veröffentlichungen schreit – keine Reflektion, keine Gesellschaftsanalyse, keine Kritik, nichts, nur „Einheit“ des jüdischen Volkes und wer nicht mitmacht, ist Antisemit. So dümmlich und einseitig denken und reden und schreiben und handeln diese Leute wirklich.
Daher: Wer wirklich verstehen will, was in Israel und Nahost passiert, sollte besser Haaretz lesen.
Der größte Feind Israels im Innern sei der „religiöse Zionismus“, so Sharon:
Ich habe kein Verlangen nach Kompromissen oder Einigkeit, nicht weil ich ein Extremist bin, sondern weil es so etwas im Bereich der Logik nicht gibt. Es gibt keinen Mittelweg. Es gibt kein Zentrum. Es gibt nur Entweder-oder. Entweder wird Israel ein liberales, demokratisches Land sein, oder es wird Smotrichs Land sein.
Das wird ergänzt durch eine Replik in Haaretz vom 25. März 2026 von Ilan Goldenberg und Nadav Tamir von der amerikanisch-jüdisch-zionistischen NGO J Street („American Jews Won’t Be Silenced. We Have Every Right to Oppose the Iran War„) auf eine ziemlich erbärmliche Attacke von Chuck Freilich in der Haaretz ein paar Tage zuvor („Deconstructing J Street’s Self-indulgent, Delusional and Immoral Reasons for Opposing the Iran War„).
Goldenberg und Nadav betonen, dass es sehr wohl richtig sei, den aktuellen Iran-Krieg Israels und der USA abzulehnen, und das gerade weil J Street eine zionistische, pro-israelische NGO ist. Sie gehen sogar soweit, dass sie einen weiterhin völkerrechtswidrigen Angriffskrieg der USA und Israels auf den Iran befürwortet hätten, wenn denn die Kriegsziele erstens klar benannt und zweitens auch realistisch erreichbar gewesen wären.
Doch die Attacke von Freilich in der Haaretz ist Ausdruck dessen, dass auch Anti-Netanyahu Israeli sehr aggressiv mit Gegner*innen dieses Krieges umspringen.
Schließlich kritisiert Yossi Klein am 27. März 2026 in der Haaretz („The Silence of the Cannon Fodder as Israel’s Stasi State Takes Shape„), dass Israelis zu „Kanonenfutter“ für ein korruptes, nationalistisch-religiös-fanatisches Lager geworden seien.
Und jene, die kritische Fragen stellen, werden als „Verräter“ diffamiert – und gesucht:
Wer entscheidet, wer loyal ist und wer ein Verräter? Jemand, der das Gesetz beugen oder ändern kann. Jemand, der zur Einheit aufruft, während er alles tut, um sie zu unterdrücken. Jemand, der die Polizei losschickt, um online nach Verrätern zu suchen.
Es ist Udi Ronen, der Leiter der polizeilichen Einheit zur Bekämpfung von Aufwiegelung, der online jeden verfolgt, der fragt, was die Ziele des Krieges sind. Seid vorsichtig, die Stasi beobachtet euch! Wenn ihr die Operation „Roaring Lion“ in „Operation Squeaking Mouse“ umbenannt, werdet ihr vielleicht von Ronen festgenommen, während er eine bestimmte Körperhöhle durchsucht.
Ich denke, die meisten jüdischen und nicht-jüdischen Leser*innen der Jüdischen Allgemeinen wollen mit solchen tiefschürfenden Analysen nicht wirklich verunsichert werden. Viel lustiger und vor allem relevanter ist es doch zu wissen, dass der neue Hund des Pianisten Igor Levit Miles Davis heißen wird.