Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)
Womöglich ist die klare Niederlage Israels und der USA gegen das islamistische Terrorregime in Teheran auch eine Chance. Eine Chance, dass Israel und auch die USA erkennen, dass man mit Gewalt oft gar nichts erreicht und Terrorstaaten mit Angriffen sogar noch stärkt. Die grundlegende Frage ist: Wird Herzl gegen Rav Kook gewinnen? Was ist woker Zionismus? Das sind die Fragen der Zukunft schlechthin, wenn man am Überleben Israels interessiert ist
Die Niederlage der USA und Israels gegen das islamfaschistische Regime in Teheran
Wer sind die größten Verlierer des Iran-Krieges? Die Menschen im Iran, jedenfalls die anti-islamistischen, die vermutlich die Mehrheit ausmachen. Sie wurden von Anfang an im Stich gelassen und die ca. 35.000 massakrierten Demonstrant:innen von Januar 2026, die einfach von den Muslimfaschisten des Mullah-Regimes hingemetzelt wurden, waren kein Grund für den Krieg.
Im Gegenteil: dieser wahnwitzig irrationale Krieg führt jetzt dazu, dass der Iran 300 Milliarden US-Dollar an Wiederaufbauhilfe bekommen wird, von den USA und arabischen Staaten, wenn er die Straße von Hormus wieder öffnet und sagt, keine Atomwaffen haben zu wollen. Das jedoch hatte der Iran auch davor schon gesagt beziehungsweise nie gesagt, dass sie sie wollen, auch wenn sie offenkundig daran arbeiten und gearbeitet haben. Jetzt weiß der Iran, dass er von der größten Militärmacht der Erde nicht besiegt werden kann. Wie konnte man so dermaßen blöd sein, und diesen Krieg beginnen, wissend, dass man dieses riesige Land mit 90 Millionen Einwohner:innen und im Gebirge versteckten Tausenden Raketen, nicht einfach so besiegen kann? Wie konnte die Pro-Israel-Szene so fanatisiert werden, um diesen Krieg zu loben und preisen?
Die Straße von Hormus war am 27. Februar 2026 locker befahrbar per Schiff, wenn man ein Anhänger der Erdöl basierten Weltwirtschaft und des fossilen Wahns ist. Tausende Tote und Hunderte Milliarden später wird sie jetzt vermutlich wieder offen sein, allerdings immer mit der Option, dass der Iran Gebühren verlangt oder Schiffen verweigert, durchzufahren. Ein geniales Ergebnis der amerikanischen und israelischen Kriegsführung.
Und vor allem ein Schlag ins Gesicht der anti-islamistischen Opposition im Iran.
Aber auch ein Schlag ins Gesicht der israelischen Armee IDF und ihrer Luftwaffe, der IAF. Sie haben völlig versagt und kein einziges Ziel erreicht, im Gegenteil: der Iran ist stärker als zuvor und das massiv.
Die Times of Israel (TOI) berichtet am 18. Juni 2026 über die vorzeitige Unterzeichnung des Abkommens am Mittwoch in Versailles durch Trump und in Teheran durch den Präsidenten Masoud Pezeshkian.
Israel und die USA haben kein einziges ihrer Ziele erreicht: die verbliebenden ballistischen Raketen des Iran bleiben unangetastet, dabei haben sie während des Krieges zu den vermutlich am längsten andauernden Bunker- und Schutzraumaufenthalten der isaelischen Bevölkerung geführt, es gab massive Schäden in Israel an Gebäuden und Infrastruktur und Dutzende Menschen wurden getötet.
Der Iran verpflichtet sich zwar jetzt wiederum, keine Atomwaffen zu entwickeln, was er schon 2015 bei dem vom damaligen US-Präsidenten Obama und der EU ausgehandelten und unterstützten Atomabkommen getan hatte. Schließlich wird der Iran viele Milliarden an eingefrorenen Geldern erhalten, ab sofort, auch das war 2015 ein Teil des Abkommens, die Lockerung von Sanktionen und das Freieisen von Geldern, einem Abkommen, das Trump bekanntlich in seiner ersten Amtszeit kündigte. Jetzt gibt es ein vermutlich schlechteres Abkommen und der Iran ist gestärkt.
Neben der Hoffnung auf Demokratie in Nahost, auf ein Ende der arabischen Regime sowie des islamistischen Regimes in Teheran, eine Hoffnung, die durch diesen irrationalen, völkerrechtswidrigen und sinnfreien Krieg in weite Ferne rückte, ist die Kernfrage in Nahost jene über Israels Zukunft und somit auch die Zukunft Palästinas.
Der Kolumnist der Haaretz Gideon Levy bringt es am 18. Juni 2026 auf den Punkt:
Die Tatsache, dass Israel größenwahnsinnig ist, bedeutet nicht, dass es in der Lage ist, sich gemäß seinen größenwahnsinnigen Maßstäben zu verhalten und zu glauben, dass Bombenangriffe im Nahen und Fernen tatsächlich seinen Interessen dienen würde. Was uns im Iran widerfahren ist, ist keine Katastrophe, sondern eine Chance. Wir haben der Wahrheit direkt in die Augen gesehen – und sie hat ihren Blick gesenkt. Jetzt sind wir an der Reihe, unseren Blick zu senken.
(Alle Übersetzungen aus dem Englischen in diesem Text von CH)
Levy fordert einen kompletten Rückzug der israelischen Armee aus dem Libanon. Er möchte, dass die IDF endlich erkennt, dass weder die Hisbollah noch die Hamas militärisch zu besiegen sind – was Terrorexperten von Anfang sagten, by the way, aber Netanyahu und seine rechtsextreme Bande leben von Gewalt und Krieg, das ist ihr Lebensinhalt geworden und nicht nur, aber vor allem Channel 14, der extrem rechte Fernseh-Propagandasender in Israel, unterstützt die Regierung dabei.
Im Januar 2025 publizierte die Los Angeles Times einen analytischen Artikel, der exakt diese Sinnlosigkeit des israelischen Anti-Terrorkrieges bloßstellt, und das aus einer anti-islamistischen Position heraus:
Wie immer ist Krieg – und insbesondere ein Antiterrorkrieg – Politik mit anderen Mitteln. Israels Militäroperation ist zwar taktisch beeindruckend, stützt sich jedoch ausschließlich auf die militärischen Aspekte des Konflikts. Dabei vernachlässigt es völlig die politische Komponente und verurteilt künftige Generationen auf allen Seiten zum gleichen Schicksal – dem ewigen Krieg.
Und dieser „ewige Krieg“ ist der einzige Lebensinhalt von Benjamin Netanyahu und seiner Clique. Ewiger Krieg gegen woke und den linken Zionismus sowie die unabhängige Gerichtsbarkeit und die Gewaltenteilung, also ewiger neu-rechter Krieg im Innern. Und ewiger Krieg gegen die Feinde draußen, Hamas (super erfolgreicher Krieg, Zehntausene Tote und sie herrscht weiterhin in Gaza!), Hisbollah, Iran, Houthis, Syrien etc.
Und die Pro-Israel-Szene schweigt dazu und kapiert wirklich überhaupt nicht, dass dieser ewige Krieg das Kernproblem ist und nicht der schon immer vorhandene Antisemitismus und der Israelhass, die man eindämmen kann, wie die Friedensabkommen mit Ägypten und Jordanien und sogar die Abraham Verträge zeigen. Aber in den USA kapieren es jüdische Linkszionist:innen sehr wohl, wie wir noch sehen werden. Es bewegt sich was im Pro-Israel Lager – nur der Stillstand in Deutschland und Österreich ist politisch erschütternd und intellektuell desaströs.
Gideon Levy, einer der erfahrensten und ältesten Kolumnisten der Haaretz, sieht glasklar, dass selbst oder gerade die Opposition sich nicht kritisch mit sinnlosen Kriegen der IDF befassen wird, sondern nur proklamiert, wie immer, dass sie es besser könnten als Netanyahu. Von Gadi Eisenkot, der aktuell wohl die größten Chancen hat, Netanyahu zu beerben, wenn es zu Wahlen bis spätestens dem 27. Oktober 2026 kommt, ehemaliger Generalstabschef der IDF, ist keine Selbstkritik der IDF zu erwarten.
Und die extremen Rechten verharmlosen die Shoah und lamentieren angesichts des „Iran-Deals“, so analysiert es Gideon Levy in seinem Text:
Das Gerede, von rechts und von „links“ (Premierminister Benjamin Netanjahu nicht mitgerechnet) über eine israelische Niederlage, geht nun so: Der Kriegsausgang sei eine diplomatische Katastrophe, Trump habe uns den Rücken zugekehrt und Steven Witkoff sei ein „Jewboy“. Die Nation beklagt eine Katastrophe, eine Niederlage und einen Beinahe-Holocaust.
Die Bennetts mischen sich sofort ein und versprechen Abhilfe. Sie werden die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten wiederherstellen und Israel zurück auf die Schlachtfelder bringen, um die Sache zu Ende zu bringen. Das ist ihr einziges Versprechen an einem besonders vielversprechenden Tag.
Aber es ist weder eine Katastrophe noch ein Holocaust.
Zu einer zumindest ansatzweise tiefergehenden Analyse des Konflikts zwischen Rechten und Linken, Religiösen und Säkularen, müssen wir etwas tiefer schürfen und gut 100 bis 130 Jahre zurückgehen.
Theodor Herzl oder Rav Kook? Zionismus oder jüdische Religion?
Dabei ist die Sache eigentlich denkbar einfach: Theodor Herzl muss gegen Rav Kook gewinnen. Das ist die These des Publizisten und Rabbiners Philip Graubart aus Kalifornien in einem Text von 2025.
Theodor Herzl kämpfte gegen den Antisemitismus und sah im Antisemitismus die größte Gefahr für die Juden. Nur ein eigener Staat könne die Juden retten – und zwar gleich auf doppelte Weise. Erstens jene Juden, die den neuen Staat der Juden aufbauen und zweitens jene Juden, die zum Beispiel in Europa verbleiben würden, aber nicht mehr antisemitisch attackiert würden, sie wären nicht wirklich staatstreu. Denn sie hätten sich ja als Juden gegen ein Leben im Judenstaat und für ein Leben in der Diaspora entschieden. Damit lag Herzl offenkundig völlig falsch. Es ist heute eine der häufigsten antisemitischen Erscheinungen, Juden in der Diaspora unumwunden mit allen was die israelische Regierung tut, in eins zu setzen.
Aber völlig richtig und lebensentscheidend für das Judentum weltweit war sein Eintreten für die Gründung des Judenstaates. Ihm war es anfangs auch egal, ob dieser Staat in Argentinien, Uganda oder Palästina errichtet wird. Religion spielte für Herzl keine Rolle.
Ganz anders hingegen Rav Abraham Isaac Kook (1865-1935), der Vorbeter und Vordenker der heutigen religiösen Zionist:innen, die gleichwohl, einem Bonmot des israelischen Zionisten und Publizisten Daniel Goldman zufolge, meistens weder religiös noch zionistisch sind. Kook jedenfalls war extrem religiös geprägt.
Graubart legt dar, warum es Zionist:innen um Tel Aviv geht und nicht um Jericho, Hebron oder Nablus:
Verglichen mit Herzl, könnten Rav Kooks Ziele und Visionen unterschiedlicher nicht sein. Für Kook war das zentrale Problem gerade nicht der Antisemitismus, sondern das blasse, schwache Judentum der Diaspora. „Abgesehen von der Nahrung, die es aus dem lebensspendenden Tau der Heiligkeit von Eretz Yisrael erhält“, schrieb er etwa zehn Jahre nach Herzls Aufsatz, „hat das Judentum in der Diaspora keine wirkliche Grundlage und lebt nur durch die Kraft einer Vision und durch die Erinnerung an unseren Ruhm.“
Ein Leben außerhalb Israels biete lediglich eine Art Halbleben. „Juden können in der Diaspora unseren eigenen Ideen, Gefühlen und Vorstellungen nicht so treu und ergeben sein wie in Eretz Yisrael.“ Das Land Israel ist für Kook kein Weg zur Erlösung; es ist „die Erlösung selbst“, wo „alle göttlichen Gebote in ihrer vollkommenen Form verwirklicht werden“.
Wie Herzl spürt er eine fatale Schwäche in der Diaspora, kommt jedoch zu einer gänzlich anderen Diagnose. Für Herzl ist das Problem der Antisemitismus. Für Rav Kook ist es das Exil, das die jüdische Spiritualität langsam vergifte.
Wer das liest, erkennt wie wichtig der Zionismus gerade für den Kampf gegen den Antisemitismus ist, auch wenn Herzl falsch lag mit seiner Hypothese, dass er mit dem Aufkommen des Judenstaates verschwände. Doch heute geht es gerade liberalen Zionist:innen in den USA darum, eine starke jüdische Community in der Diaspora zu haben und gleichzeitig Israel zu unterstützen. Die Religiösen suchen nur ihr persönliches Erlebnis in dem von ihnen so genannten ‚Heiligen Land‘. Das macht die Religiösen so gefährlich, sie glauben, dass Israel ohne das Westjordanland gar nicht existieren könne, es sei ihr Auftrag, dieses Land zu besiedeln. Und das ist für Israel suizidal und für Palästinener:innen mörderisch.
Religiöser Fanatismus, Teil 1: Rav Kooks Sohn gegen die Zweistaatenlösung, 1948
Dieser religiöse Fanatismus, diese Reduktion von Juden auf Religion, war dann auch Kernbestandteil der Ideologie von Rav Kooks Sohn, wie Graubart herausarbeitet:
Im Gegensatz zu Herzl legt Rav Kook kein konkretes Programm vor, und in seinen Schriften finden sich keine Erwähnungen von Großmächten oder diplomatischen Bemühungen. Doch die Erhabenheit seiner Sprache und seine poetische Leidenschaft fesseln die Leser damals wie heute mit einem einzigen Gebot: Besiedelt das Land.
Für Rav Kook bedeutete das nicht Tel Aviv oder einen säkularen Kibbuz am Küstenstreifen. Es bedeutete das biblische Israel – Jerusalem und das Bergland von Judäa und Samaria.
Tatsächlich trauerte der zweite Rav Kook – Rav Kooks Sohn – bekanntlich im Jahr 1948, als Israel sich innerhalb der Grenzen des UN-Teilungsplans zum Staat erklärte. Zu diesem Zeitpunkt war der erste Rav Kook bereits verstorben und überließ es seinem Sohn, auszurufen: „Sie haben mein Land geteilt! Wo ist unser Hebron – haben wir es vergessen? Wo ist unser Sichem [Nablus] – haben wir es vergessen? Wo ist unser Jericho – haben wir es vergessen?“
Vor diesem Hintergrund ist es bezeichnend für unsere in den Autoritarismus und den religiösen Wahn verfallende Welt, dass bei der Fußball-Weltmeisterschaft ausgerechnet junge Deutsche ihren primitiven Christuskult ausleben – auf dem Platz mit Gebeten vor Millionen von Zuschauer:innen – und zugleich der Islamismus und die Kopftuchdichte zunehmen, aber ebenso stark auch der jüdische religiöse Fundamentalismus wie in Israel und in der Diaspora.
Religionskritik jedoch war noch immer die erste und wichtigste aller Kritiken.
Religiöser Fanatismus, Teil 2 – Die ARD und Tuvia Tenenbom gegen die Zweistaatenlösung?
Kürzlich sprach der jüdische Publizist Tuvia Tenenbom in Heidelberg am Deutsch-Amerikanischen Institut (DAI), dem Kulturzentrum der ‚Neckarperle‘, einer Stadt, die seinerzeit Clemens Brentano und Achim von Arnim zu antisemitischen Gedichten animierte und wo heute die AfD gegen geplante oder jedenfalls zur Diskussion stehende Windkrafträder mobil macht, weil dann ja der idyllische Blick auf den Odenwald und das zerstörte Heidelberger Schloss, die Scheffelterrasse sowie die Alte Brücke, den Brentano und Arnim und unzählige Burschenschaftler bis heute so genießen, getrübt werde.
Wenige Tage zuvor zeigte ein Titel Thesen Temperamente (TTT-) Fernsehbeitrag mit Tenenbom, was er so denkt. Da sagt er, dass in der Bibel 80-90 Prozent der jüdischen Geschichte sich abspiele, wo heute die palästinensische Westbank oder in der religiös-jüdisch-nationalistischen Sprache Judea und Samaria liegen.
Das ist neu-rechte Ideologie, weil es im Zionismus überhaupt nicht um die Bibel geht.
Diese Verknüpfung von Israel und der Bibel in der ARD zu sehen, ist grotesk. Womöglich wollte der laut Wikipedia (und ohne Quellenangabe) einst zum Elektriker ausgebildete und spätere Konkret-Autor Rayk Wieland, der für den TTT-Bericht mit Tenenbom redaktionell mitverantwortlich ist (jedenfalls ein Rayk Wieland, ob es dieser Rayk Wieland ist, ist nicht sicher, aber wahrscheinlich), einfach eine Satire machen, wie es die Titanic gerne tut, die Tenenbom für bare Münze hält?
Wohl kaum, denn dieses minutenlange Gerede über das Westjordanland und die Siedler, die angeblich ach-so-dermaßen vielfältig seien – das ist eine der Neuen Rechten in Israel und hierzulande in die Hände spielende Argumentation. Das Thema Siedler ist dermaßen existentiell für die Palästinenser und für das Überleben der Juden in Nahost, dass man damit keine Spielchen treiben kann.
Und Tenenbom meint es bitter ernst und sagt völlig ernsthaft, dass die Teilung des Landes, wie sie die UN vorschlägt – damit spielt er unzweideutig auf die UN Resolution 181 vom 29. November 1947 an, die von den Holocaustüberlebenden und allen anderen Jüdinnen und Juden damals ekstatisch gefeiert wurde – niemals gehen würde.
Dann bemüht er ein Bild – und die ARD ist sich nicht zu blöde, filmt und sendet das auch noch -, das absurder nicht sein könnte. Die Zweistaatenlösung sei wie ein Glas mit Wasser oder Cola gefüllt, das man in zwei Teile zerschneide und dann könne ja weder die eine noch die andere Partei daraus trinken.
So etwas sendet die ARD ernsthaft und Tenenbom meint das völlig ernst. Oder war es doch als Satire gemeint und Tenenbom und die Zuschauer:innen haben die Satire und die Verarschung Tenenboms durch die ARD nicht geschnallt?
Der Enthusiasmus vieler aus der Pro-Israel Szene in den (a-)sozialen Medien schon bei der Ankündigung der Veranstaltung von Tenenbom in Heidelberg spricht dafür, dass die das ernst meinen mit dem Abfeiern von Tenenbom und seiner Anti-Zweistaatenlösungs-These.
Dass auch noch Suhrkamp ein solches Buch über die Siedler von Tenenbom publiziert, macht den Skandal perfekt. Man sieht in dem TTT-Beitrag, dass er eben raunt, es gebe rassistische Siedler und nicht-rassistische Sielder, rassistische Palästinenser und nicht-rassistische Palästinenser. Dass wir es seit Jahren mit einem jüdischen Terrorismus gegen Palästinenser:innen im Westjordanland zu tun haben und dass Israel dort herrscht und nicht die Palästinenser, das verschwindet dann im Orkus des Geschwätzes oder der äquidistanten Schwurbelei. Alle Menschen können mal gut oder manchmal auch böse sein, so seien sie halt die Menschen, ja so sei der Mensch an und für sich, das ist der Tenor. Eine gezielte Entpolitisierung des jüdischen Terrors, dem sich die Palästinenser:innen seit Jahren und verschärft nach dem 7. Oktober 2023 gegenübersehen.
Also noch einmal zum Mitschreiben: Ob in der Bibel 80 oder 90 Prozent der Märchen oder Erzählungen oder Geschichten im Westjordanland spielen oder nicht, ist für die Entstehung und Entwicklung des Zionismus komplett irrelevant.
Das ist die Pointe: die Bibel und Religion allgemein sind völlig ohne Bedeutung für den ursprünglichen Zionismus wie von Herzl und den 1948 gegründete Staat Israel, wo es dann einen Kompromiss gab zwischen den Religiösen und den Säkularen, aber bestimmend waren die Ben-Gurions, Sozialist:innen und Zionist:innen.
Warum? Weil es dem Zionismus von Herzl, und das ist der maßgebliche Zionismus bis heute, um ein selbstbestimmtes, sicheres und freies Leben der Juden und Jüdinnen geht. In „Der Judenstaat“ taucht das Wort Religion überhaupt nicht auf. Daher ja die Attacke von Rav Kook auf Herzl.
Wenn man sich dann anschaut, wie altbacken und irrelevant die herkömmliche Antisemitismusforschung und Pro-Israel-Szene arbeitet und was sie publiziert, merkt man: die leben in einer anderen Welt, die merken gar nicht, was passiert. Warum? Darum: Israel ist aktuell so isoliert wie vermutlich noch seit der Staatsgründung im Mai 1948. Es gibt eine Vielzahl an Büchern die letzten Jahre, allein nach dem 7. Oktober, zum Antisemitismus. Aber fast alle Beiträge erzählen die immer gleiche Geschichte: Israel ist bedroht und der linke und islamistische Antisemitismus – manchmal wird auch noch der rechtsextreme Antisemitismus und der mainstreamige erwähnt – sind die größte Gefahr für Juden.
Dass die allergrößte Gefahr für Israel von Israel selbst ausgeht, wird wirklich von keinem einzigen dieser typischen Autorinnen und Autoren thematisiert. Wer also wissen möchte, wie es um Israel steht, sollte nicht solche deutschen Bücher lesen, sondern zum Beispiel die Haaretz oder mit linken Freund:innen in Israel reden. Da gibt es dann Erkenntnisse, die man bei links- wie rechtsantideutschen Autor:innen und allen anderen aus der Mainstream Pro-Israel-Szene in Deutschland oder Österreich vergeblich sucht.
Die SPD, Adis Ahmetovic und Israel
Nach dem nie dagewesenen Massaker an Jüdinnen und Juden durch Palästinenser am 7. Oktober 2023 stellten sich sehr viele Politiker:innen auch in Deutschland hinter Israel. Einer von ihnen war der heutige außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Adis Ahmetovic. Der Tagesspiegel berichtete am 3. November 2023:
Wie Beobachter dem Tagesspiegel berichteten, wurde neben Ex-CDU-Kanzlerkandidat Armin Laschet zuletzt auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Adis Ahmetovic bedroht. Vor allem auf dessen Instagram-Seite riefen Hamas-Sympathisanten dazu auf, den 30-jährigen Sozialdemokraten aus Niedersachsen unter Druck zu setzen. Man müsse Ahmetovic „hängen“, lautete eine Forderung.
Adis Ahmetovic hatte sich unzweideutig hinter Israel gestellt und die Massaker der Hamas, des Islamischen Jihad und der Palästinenser verurteilt.
Was schreibt nun die Jüdische Allgemeine am 2. Juni 2026?
Der außenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Adis Ahmetović, hat vor wenigen Stunden ein neues Video und einen begleitenden Text zur Lage im Nahen Osten veröffentlicht. Darin macht er keinen Hehl daraus, wen er zum Hauptverantwortlichen für nahezu sämtliche Probleme, Konflikte und Krisen der Region erklärt: den jüdischen Staat.
Hamas? Keine Erwähnung. Hisbollah? Keine Erwähnung.
Der Autor dieses Anti-Ahmetovic Pamphlets ist Sacha Stawski. Ich kenne Sacha seit 2002, als wir beide mit vielen anderen Teil dessen waren, was man die neue Pro-Israel-Szene nennt. Sacha Stawski hat unter anderem die Vereine „I Like Israel“ (ILI) sowie „Honestly Concerned“ mitgegründet, ILI veranstaltet seit 2003 „Israeltage“, Konferenzen, Seminare und vieles mehr. Das ist wichtige pro-israelische und gegen den Antisemitismus gerichtete Arbeit. Gleichwohl: Ich habe mich zum Beispiel 2018 auch kritisch mit I Like Israel auseinandergesetzt („Was hat der rechtsextreme Mord am Vorsitzenden der sozialistischen Partei Japans mit dem Israelkongress in Frankfurt am Main zu tun?“).
Schon damals erkannte ich den gewissen Rechtsdrall bei dieser Art von Veranstaltungen. Doch diese Attacke auf Ahmetovic ist schon ein starkes Stück, weil sie die Position des SPD-Politikers völlig falsch darstellt. Nur kurz zuvor, am 28. Mai 2026, sprachen der ZDF-Journalist Christian Sievers und die Journalistin Helene Reiner in einer Folge des ZDF Heute-Journal Podcasts auch mit Adis Ahmetovic (Min. 16:21 bis Min. 30:26, hier ab Min 21:35), der sagte:
Wir müssen uns davon lösen, Außenpolitik zu betrachten als ein Fußballspiel: Ich bin kein Fan davon zu sagen, ich bin Pro-Israel oder Pro-Palästina. Ich kann auch für beides sein! Und ich bin für beide Staaten. Ich bin für einen israelischen Staat, der in Sicherheit und Frieden leben kann und ich bin auch für einen palästinensischen Staat, der endlich in Selbstbestimmung, Frieden und Freiheit leben kann.
Hört sich so ein Politiker an, der raunen würde „an allem sind … “ die Juden schuld, wie die Jüdische Allgemeine insinuiert?
Vielmehr ist dieses Statement von Ahmetovic ein differenzierter Ausdruck einer pro-israelischen Haltung, die sich völlig bewusst ist, er und Sievers betonen das nachdrücklich, dass Deutschland aufgrund des Holocaust eine einzigartige Verantwortung für den Schutz jüdischen Lebens hat. Aber zugleich wird diese Position auch dadurch pro-israelisch, weil sie auch pro-palästinensisch ist. Das wird in dem Gespräch der drei Protagonist:innen in diesem Abschnitt des ZDF-Podcasts überdeutlich.
Adis Ahmetovic ist ein ganz mainstreamiger SPD-Politiker, mit dem man bei vielen Fragen wie der extremen Aufrüstung, die federführend durch SPD-‚Verteidigungsminister‘ Boris Pistorius durchgepeitscht wird, der Ukraine-Politik oder der Affirmation der kapitalistischen Vergesellschaftung und vielem mehr sicher völlig anderer Meinung sein sollte, wenn man ein Linker ist (auf unseren Demos haben wir in den 1990er Jahren immer bei entsprechenden Anlässen skandiert „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten“, was neben Parolen wie „Hoch die internationale Solidarität“ und vor allem „nie, nie, nie wieder Deutschland“ für gute Stimmung sorgte), aber in puncto Israel sagt Ahmetovic sehr viel sehr Sinnvolles.
Dabei ergänzen sich zumal Sievers und Ahmetovic, auch da merkt man: das sind Menschen, Christian Sievers als einer der bekanntesten Journalisten des Landes, und der junge Ahmetovic, die sich wirklich um Israel sorgen und um den Nahen Osten insgesamt. Das sind keine Judith-Butlers im ZDF-Kostüm. Das sind seriöse Journalist:innen in diesem Teil des Podcasts bzw. Politiker, die sich ganz konkret fragen, wie man Israel und den Juden helfen kann. Und immer Antisemitismus zu schreien, wenn jemand die Politik und keineswegs den Staat Israel attackiert, das hilft nicht weiter. Ja das ist sogar eines der Kernprobleme, das wir haben.
Wie die Jüdische Allgemeine darauf kommen kann, einen Politiker wie Adis Ahmetovic, der wie zitiert 2023 wegen seiner Pro-Israel Haltung Morddrohungen aus dem Hamas-Lager bekam und den ich selbst 2023 in einem Text und unserem Buch „Am Israel Chai“ in Schutz genommen habe gegen die Hamas-Fans und gegen Morddrohungen der Antisemiten, dermaßen zu diffamieren und in die Anti-Israel und Anti-Juden-Ecke zu stellen, das ist vollkommen schleierhaft.
New York Times‘ Bericht über Vergewaltigungen in israelischen Gefängnissen
Wenn die New York Times über Vergewaltigungen von palästinensischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen berichtet, ist der Aufschrei der israelischen Regierung groß, ja die israelische Regierung möchte die Zeitung verklagen.
Und so wie es unerträglich war und ist, wenn Gewalt gegen Frauen geleugnet oder heruntergespielt wurde, weil es jüdische Frauen waren – und es gefilmt worden war und es Bildmaterial gibt und Beweismittel ohne Ende, dass palästinensische Männer jüdische und israelische Frauen unschilderbar brutal vergewaltigten, massenvergewaltigten und massakrierten am 7. Oktober -, so schrecklich ist es, wenn auch auf einem anderen Niveau, weil diese Gefangenen nicht ermordet werden, wenn jetzt und schon seit Jahren Israelis Palästinenser und Palästinenserinnen vergewaltigen und die Pro-Israel Szene schweigt häufig dazu und Israel attackiert den Journalisten, der das aufdeckt und übt keine Selbstkritik. Es muss juristisch aufgearbeitet werden, was in israelischen Gefängnissen passiert und die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.
PEW-Umfrage: Israel komplett isoliert, weltweit
Die Diskussion über Israel in den USA wird mitentscheidend sein, wie es weiter geht mit dem einzigen Judenstaat. Und die Aussichten sind extrem düster. Eine aktuelle Umfrage des PEW Research Center hat ergeben, dass in fast jedem Land eine überwiegend negative Sicht auf Israel vorherrscht. Dabei wurden zwischen dem 8. Februar und 13. Mai 2026 gut 44.000 Personen in 36 Ländern befragt.
Das betrifft auch die USA, den einzigen wirklichen Alliierten Israels. 60 Prozent der Befragten haben mehr oder weniger starke negative Einstellungen zu Israel – in den USA. Das ist ein schockierender Wert.
Lediglich Länder wie Kenia, Nigeria oder Ghana haben eine positive Sicht auf Israel und die Juden. In Deutschland ist die negative Einschätzung zu Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ohnehin vorherrschend, aber von 2025 bis 2026 stieg der Anteil jener, die ihn negativ sehen, sogar noch von 64 auf 73 Prozent. In Südkorea stieg der Wert derjenigen, die Netanyahu negativ sehen, von 60 auf 70 Prozent, in Australien von 74 auf 79 Prozent.
Man muss sich das mal vorstellen: in keinem einzigen der untersuchten europäischen Länder hat wenigstens eine Mehrheit der Befragten eine positive Sicht auf Israel. Die höchsten Zustimmungswerte zu Israel gibt es in Griechenland (30 Prozent) und Ungarn (32 Prozent), Deutschland hat 23 Prozent und Polen 15 Prozent der Bevölkerung, die Israel positiv sehen. Das zeigt, wie isoliert der einzige Judenstaat derzeit ist, wenn man Umfragen zur Hand nimmt. Die Politik agiert da noch weitgehend am Willen der Bevölkerung vorbei.
Das kann nicht nur am Antisemitismus der Befragten liegen, allein in den USA – wo nur noch 37 Prozent Israel positiv sehen, ändern sich antisemitische Ressentiments nicht in so kurzer Zeit. Laut einer anderen PEW-Umfrage in den USA von 2019 hatten damals 64 Prozent eine positive Sicht auf Israel. Heute sind es wie zitiert 37 Prozent, das ist ein dramatischer Vertrauensverlust, der primär der irrationalen und rechtsextremen Politik von Netanyahu und seiner Regierung sowie der Pro-Israel-Szene in den USA und anderswo zuzuschreiben ist.
In der empirischen Sozialforschung würde kein Mensch die Annahme teilen, dass in wenigen Jahren in einer Demokratie wie den USA (oder England, Frankreich, Deutschland etc.) fast die Hälfte der Bevölkerung oder noch weit mehr plötzlich zu Antisemiten wird. Sie haben keine positive Sicht mehr auf Israel und das liegt primär, wenn auch nicht ausschließlich, an der Politik sowie der Kriegsführung Israels im Gazakrieg (2023-2025) und im Irankrieg (2026).
Liberale Zionist:innen in den USA versus AIPAC
Es gibt daher zunehmend amerikanische Politiker:innen, jüdische amerikanische Politiker:innen, die sich offensiv von der sehr einflussreichen jüdischen Lobbyorganisation AIPAC (American Israel Public Affairs Committee) distanzieren, da diese Israels Politik unkritisch unterstützen würde. Von der Idee her ist AIPAC eine sogenannte bipartisan Einrichtung, bedient als sowohl das Lager der Republikaner, die zu den Hauptsponoren gehören, aber auch jenes der Demokraten.
Zwei aktuelle Beispiele sind Daniel Biss aus Chicago und Brad Lander aus New York City. Beide sind Politiker der Demokraten. Bliss ist der Enkel von Holocaustüberlebenden und sagt von sich, dass er die aktuelle Politik Israels vehement kritisiere, aber nicht anti-israelisch sei. So berichtet es Jonathan Mahler im New York Times Magazine am 12. Juni 2026. Noch bekannter dürfte auch hierzulande Brad Lander aus New York City sein, er trat dort letztes Jahr als Bürgermeisterschaftskandidat an und kandidiert jetzt für das Repräsentantenhaus bei der Wahl im November 2026 (Mid-Term Wahlen). Er sieht sich als liberalen oder linken, gar sozialistischen Zionisten. Er trat nach dem Massaker an Jüdinnen und Juden durch die Hamas und die Palästinenser vom 7. Oktober aus den Demokratischen Sozialisten von Amerika aus, weil diese das Massaker nicht verurteilt, sondern eher gefeiert hatten. Gleichwohl ist er ein Anhänger vom New Yorker Bürgermeister Mamdani, der weiterhin bei den Demokratischen Sozialisten ist. Doch Lander ist pro-israelisch. Aber eben wie so viele Demokrat:innen heute in den USA gegen Netanyahu, gegen die Politik Israels schon vor dem 7. Oktober wie der seit 2023 geplanten „Justizreform“, die sich gegen die Gewaltenteilung wendet.
Es ist genau das, worauf der nicht-jüdische Adis Ahmetovic aus Hannover im ZDF-Podcast hinweist: Wir müssen „Gleichzeitigkeiten“ aushalten lernen, wie er sagt. Gleichzeitig die Freundschaft zu Israel betonen und auch zu „leben“, wie es Sievers in dem Gespräch untermauert, und zugleich die extreme Politik der israelischen Regierung kritisieren, was Ahmetovic unterstreicht.
Wer sich dieses Gespräch von Sievers, Helene Reiner und Ahmetovic anhört, bekommt einen Eindruck davon, was man sehr wohl linken oder woken Zionismus nennen kann: Für Israel, gegen Antisemitismus und parallel dazu mit vehementer Kraft gegen Netanyahu, die aktuelle israelische Regierung, aber auch die israelische Armee (IDF). Die schockierenden Bilder, die der Faschist und Minister Ben Gvir von hinter dem Rücken mit Kabelbindern gefesselten Aktivist:innen auf ihren Schiffen im Mittelmeer postete und abfeierte, Menschen, denen die Augen verbunden wurden und die mit dem Gesicht auf dem Boden lagen und dazu die israelische Nationalhymne Hatikvah (Hoffnung) sich anhören mussten, diese Bilder wurden ja offenbar von der israelischen Armee gemacht, sie hat diese menschenverachtenden und kriminellen Szenen hergestellt.
Man muss wirklich keine Sekunde mit den Zielen dieser großteils antizionistischen Aktivist:innen übereinstimmen. Was man aber muss, ist, diese Menschen als Menschen zu behandeln. Und das hat die israelische Armee und das hat der Faschist Ben Gvir nicht getan. Und dafür müssen sie zur Rechenschaft gezogen werden. Sie haben diesen Menschen extrem geschadet und sie gewaltsam festgehalten und gedemütigt. Und sie haben den Zionismus massiv beschädigt, so wie der Krieg der IDF in Gaza wie im Iran auch den Zionismus extrem beschädigt hat.
Wenn die Jüdische Allgemeine schreibt, dass Ahmetovic von zu hohen Todeszahlen – 80.000 – spreche, so sollte sie sich mit den Fakten auseinandersetzen. 80.000 mag nicht korrekt sein, aber die Haaretz spricht auch von 73.000 bestätigten Toten in Gaza seit Oktober 2023 bis heute, hinzu kämen aber jene, die an Hunger, Verletzungen, Verzweiflung etc. starben, was Zehntausende sein können, so die Haaretz. Dann wären wir bei weit mehr als 80.000 toten Palästinenser:innen. Ahmetovic betont, dass 80 Prozent der Toten Zivilist:innen seien. Bei den Hamas-Kämpfern kann man natürlich nicht von „ermorden“ sprechen, das ist das Ausschalten eines Feindes, der einen selbst töten wollte. Aber es geht um die Unbewaffneten und um die Hungerpolitik bis heute.
Die links-liberale zionistische Organisation J Street sieht AIPAC als riesige Gefahr. AIPAC wird womöglich das jahrzehntelang aufgebaute pro-israelische Dach in den USA zum Einsturz bringen, weil es auf seiner extrem rechten Position verharre, damit beendet Jonathan Mahler seinen Artikel im New York Times Magazine.
Hoffnung auf Woken Zionismus?
Gibt es also gar keine positiven Aussichten? Doch die gibt es und sie heißen, wie bereits angedeutet:
Woker Zionismus
Woker Zionismus verbindet die beiden zentralen Emanzipationsversprechen der Neuzeit überhaupt. Er verbindet einerseits den Kampf gegen die bürgerliche Welt, den Kapitalismus und das Patriarchat, den Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus sowie die Naturzerstörung und instrumentelle Vernunft und andererseits den Kampf gegen den Antisemitismus und für jüdische Souveränität in einem eigenen Staat.
Woke ist aber heute noch viel mehr. Die drei Mega-Krisen der letzten sechs Jahre – Corona – Ukraine – Israel/Nahost – zeigten, dass gerade die ach-so-aufgeklärten Woken häufig selbst das Problem sind. Entweder sie sind antisemitisch und gegen Israel oder sie sind autoritär und staatshörig und unterstützten die gesundheitsschädliche und demokratie- wie Public Health- feindliche Coronapolitik.
Da ist dann eine bolivianische kinderfreie Lesbe und prekär lebende Künstlerin, die während der wahnwitzig irrationalen Corona- und Lockdownpolitik sich hinter ihre Obdachlosen stellte, viel näher dran am woken Zionismus und der Kritik israelischer Public Health-Expert:innen als jene privilegiert lebenden Mittelstandskinder aus der Pro-Israel-Szene in Berlin, Hamburg oder Mannheim, die mit FFP2-Maske herumhampelten und ernsthaft meinten, nur Gefolgschaft gegenüber staatlichen Direktiven wäre echter Kampf gegen Antisemitismus, gerade in Doitschland. Da kann man nur lachen – aber die Jahre 2020 bis 2023 waren zu extrem, als dass wir damals hätten lachen können. Die Impf-Apartheid schloss uns ja ohnehin vom öffentlichen Leben komplett aus.
Es ist woke, gegen Rassismus der Polizei aktiv zu sein (Lander in NYC spricht sich für Defunding der Polizei aus!) ohne zu vergessen, dass gerade schwarze Aktivist:innen in den USA, wo der Begriff woke herkommt, häufig antisemitisch agitierten, nicht nur in den 1960er Jahren, sondern bis heute.
Es ist woke, sich gegen den natalistischen Imperativ zur Wehr zu setzen, nicht zuletzt in Israel, wo Kinderkriegen Staatsreligion ist und Putin macht Verlage, die Bücher zum Thema kinderfreies Leben anbieten, zu Kriminellen.
2007 schrieb Barbara Gingold im Lilith Magazine über den Konformismus in Israel, der sowohl das religiöse, als auch das zionistische Lager, Bnei Brak und Tel Aviv, betrifft (auch wenn in ersterem Fall die Frauen womöglich im Schnitt 11 Kinder kriegen und in Tel Aviv ’nur‘ drei):
Das hat sich auch über die Generationen hinweg nicht geändert. Noga Eshed, eine verheiratete Sabra [Einheimische], die nie Kinder hatte, wuchs in den 1950er Jahren in einem Mittelklasseviertel Jerusalems auf. „Jahrelang“, erinnert sie sich, „habe ich mich jede Woche mit meinen Freunden aus der Oberschule getroffen. Zuerst kauften sie sich alle eine Vespa [Motorroller], dann gingen sie alle zum Militär. Mit 25 waren sie alle verheiratet, hatten Kinder, kauften Wohnungen, Kühlschränke und Autos. Das sind die Erwartungen der Israelis: Man hat Arbeit, man hat ein Zuhause, man hat eine Familie.“
Es ist woke, sich gegen diesen Imperativ des Kinderkriegens, Heiratens, Wohnungen, Kühlschränke und Autos kaufen zu wehren, nicht mitzumachen. Aber ist es verdammt hart in Israel ein Punk-Rocker zu sein oder eine nicht angepasste Frau oder Queer, verglichen mit Europa oder den USA. Das Bittere ist, dass gerade in Tel Aviv Schwule sich Leihmütter in Amerika oder sonstwo kaufen, um ein ‚eigenes‘ Kind zu haben, Adoption reicht nicht – es geht also nicht um das Kind an sich, sondern um das eigene Blut und die Ausbeutung armer Frauen aus dem Trikont wie Kolumbien.
Barbare Gingold schreibt:
Wo bleibt denn da die Frau, die – sei es aus körperlichen oder anderen Gründen – letztendlich keine Kinder hat? In einer Gesellschaft, in der Mutterschaft als selbstverständlich gilt, in der sich Frauen – und auch viele Männer – seit jeher über die Kinder definieren, die sie zur Welt gebracht haben, in der sich ein Großteil des Alltags von Erwachsenen um Kindererziehung und Familienaktivitäten dreht und in der sogar alleinerziehende Mutterschaft oft als vorteilhafter angesehen wird als kinderlose Single-Existenz, gilt eine Frau ohne Kinder, wie Racheli es ausdrückt, als „nicht normal“. Ist ihre Kinderlosigkeit unfreiwillig, ist sie ein Objekt des Mitleids; entscheidet sie sich bewusst gegen Kinder, ist sie ein Objekt der Neugier, der Kritik und der Verachtung. Und in einem Land, dessen Sprache kein Wort für „subtil“ kennt, kann selbst das beiläufigste Gespräch – im Supermarkt, mit einem Taxifahrer, im Büro – der kinderfreien oder kinderlosen Frau auf quälende Weise klar machen, wo sie steht – und das geschieht durchaus häufig.
Die Kritik am Familialismus, wie es in der aktuellen Soziologie heißt, wird in Israel auf ganz besonders harten Granit treffen. Doch das wäre woker Zionismus. Selbst wenn jede zweite Frau in Israel keine Kinder mehr bekäme, wäre die Geburtenrate immer noch höher als in Italien oder der Bundesrepublik, und das bei einer Welt die ohnehin massiv überbevölkert ist und viel zu viele Ressourcen verbraucht, was primär, aber nicht nur, die Industrieländer betrifft.
Sodann ist es woke, sich wachsam gegen Antisemitismus und Holocaustbejahung in der Ukraine einzusetzen, ein Thema, das wirklich nahezu 100 Prozent der Forscher:innen im Bereich Antisemitismus in Deutschland meiden, weil es zeigen würde, dass nicht nur Russland ein Problem darstellt, was Autoritarismus betrifft, sondern auch die Ukraine und das massiv. Wer kümmert sich schon um Denkmäler und Straßen, die hier und heute in der Ukraine nach Antisemiten, Nazi-Kollaborateuren und Holocausttätern benannt werden?
Woke heißt sich gegen das Militär und Militarismus auszusprechen. Das heißt konkret gegen die Bundeswehr, Deutschland hat nach Auschwitz nie mehr ein Recht auf eine Armee.
Die aktuelle Aufrüstung in Deutschland, Resultat einer völlig durchgeknallten und irrationalen „Zeitenwende“ angesichts des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges Russland gegen die Ukraine im Februar 2022, muss komplett gestoppt werden. Würden alle Gelder – 80 Milliarden pro Jahr und bald über 100 Milliarden – die für das sog. Verteidigungsministerium vorgesehen sind, wegfallen, wäre Geld für den sozial-ökologisch-antikapitalistischen Neuaufbau der Gesellschaft vorhanden. Das ist unrealistisch, aber wer nur Realistisches fordert, hat weder Fantasie noch die Kraft der Utopie je auch nur geschnuppert und ist somit langweilig, angepasst, spießig, deutsch-national, gefährlich.
Israel braucht eine Armee als Selbstschutz, umgeben von fanatischen Arabern und feindlichen Staaten. Doch auch die IDF muss kritisiert werden, wenn sie Kriegsverbrechen begeht oder welche zuließ, wie es in ihrer Geschichte – 1948, 1967, 1982, 2023-2025 etc. – immer wieder passierte.
Es gibt auch israelische Teenager, die keinen Bock auf die Armee haben, Linksradikale, die das, was seit dem 7. Oktober passierte, nicht mehr unter „Selbstschutz“ erkennen können.
Sehr wichtig ist ein Aspekt, der in einem Gespräch von Haaretz mit drei Teenagern, die den Wehrdienst verweigern werden, anklingt. Dabei geht es um ein Flugblatt, das sie geschrieben haben und bis nächste Woche Donnerstag, dem letzten Schultag, tausendfach verteilen werden. Darin heißt es, dass es reiner Zufall ist, wo man geboren wird:
„Seit Jahrzehnten unterdrückt der Staat mithilfe der Armee das palästinensische Volk, annektiert Gebiete und übt Gewalt gegen palästinensische Männer und Frauen aus, die im Westjordanland leben – all dies im Rahmen der Politik der ethnischen Säuberung des Landes.“ Weiter heißt es: „Das Einzige, was sie von uns unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie auf der ‚falschen‘ Seite der Grenze geboren wurden.“ Dies, so heißt es, sei keine Selbstverteidigung.
Man kann noch einen Schritt weitergehen und den Song „Anti Alles Aktion“ der Antilopen Gang von 2014 zitieren:
Angesichts des Pessach Festes und der Befreiung des jüdischen Volkes in der Antike von ägyptischer Sklaverei schrieb bekanntlich der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, im April 2026 in der Jüdischen Allgemeinen:
Solange wir die Lektionen der Freiheit beherzigen, solange wir unsere Traditionen ehren und weitergeben – solange wir stolz darauf sind, jüdisch zu sein, werden sie an diesem Ziel immer scheitern.
Das war einer der Gründe, warum ich mein Abonnement der Jüdischen Allgemeinen gekündigt habe. Der allgemeine Rechtsruck seit vielen Jahren war schon übel, aber so eine absurde Aussage – „solange wir stolz darauf sind, jüdisch zu sein“ – hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Man kann nämlich auf die Herkunft nicht stolz sein. Weder als Muslim in Ägypten, als Jude in Israel oder Deutscher in Deutschland. Kein Mensch hat jemals etwas dazu beigetragen, geboren worden zu sein und schon gar nicht, wo das stattfand und wer die Eltern sind. Das sind alles Zufälle. Man kann, wenn man es nötig hat, auf persönliche Leistungen stolz sein, aber niemals auf die willkürliche und rein zufällige Herkunft. Das ist eine philosophische und existentialistische Grundannahme.
Kurt Tucholsky hat in einem gänzlich anderen Staat, der Weimarer Republik – vor dem Holocaust und vor der Gründung Israels – seine Auswegslosigkeit in Deutschland 1932 angesichts der Aufstiegs der Nazis in seinem letzten Text in der Weltbühne zum Ausdruck gebracht:
Worauf man in Europa stolz ist
[115] Dieser Erdteil ist stolz auf sich, und er kann auch stolz auf sich sein. Man ist stolz in Europa:
Deutscher zu sein.
Franzose zu sein.
Engländer zu sein.
Kein Deutscher zu sein.
Kein Franzose zu sein.
Kein Engländer zu sein.
An der Spitze der 3. Kompanie zu stehn.
Eine deutsche Mutter zu sein. Am deutschen Rhein zu stehn. Und überhaupt.
Ein Autogramm von Otto Gebühr zu besitzen.
Eine Fahne zu haben. Ein Kriegsschiff zu sein. (»Das stolze Kriegsschiff . . . «)
Im Kriege Proviantamtsverwalterstellvertreter gewesen zu sein.
Bürgermeister von Eistadt a. d. Dotter zu sein.
In der französischen Akademie zu sitzen. (Schwer vorstellbar.) In der preußischen Akademie für Dichtkunst zu sitzen. (Unvorstellbar.)
Als deutscher Sozialdemokrat Schlimmeres verhütet zu haben.
Aus Bern zu stammen. Aus Basel zu stammen. Aus Zürich zu stammen. (Und so für alle Kantone der Schweiz.)
[115] Gegen Big Tilden verloren zu haben.
Deutscher zu sein. Das hatten wir schon. Ein jüdischer Mann sagte einmal:
»Ich bin stolz darauf, Jude zu sein. Wenn ich nicht stolz bin, bin ich auch Jude – da bin ich schon lieber gleich stolz!«
- [116] · Kaspar Hauser
Die Weltbühne, 08.11.1932, Nr. 45, S. 687.
Ob Schuster das meinte mit dem Stolz? Doch heute stehen Juden nicht schutzlos da und müssen keine Nazi-Herrschaft befürchten, wie es Tucholsky im November 1932 tat. Heute gibt es einen staatlichen Schutz für jüdisches Leben in Deutschland und Europa. Und es gibt Israel. Ich sehe das Gerede vom Stolz-Sein eher im Kontext einer weltweit stattfindenden neu-rechten Anti-Kulturrevolution, von „America First“ über die AfD und dem Deutschlandfahnenwahn seit 2006 hin zu Rechtsextremen und Faschisten wie Smotrich oder Ben Gvir. Wobei die jungen Punks und Teenager in Israel gerade auch die Liberalen oder Linken meinen, die ja massiv IDF-mäßig drauf sind, wobei zumindest einer der drei Protagonist:innen selbst linksradikale Eltern hat, wie die Haaretz berichtet, die es cool finden, dass ihr Kind nicht zum Militär möchte.
Das mit der Zufälligkeit der Geburt meinen also sicher auch diese Teenager, die sich übel vorkommen, aus reinem Zufall auf der ‚richtigen‘ Seite des Sicherheitszauns bzw. der Sicherheitsmauer geboren worden zu sein.
Woke heißt definitiv die Trennung von Staat und Religion. Religion ist Privatsache.
Woke Zionism ist eine mini-kleine Minderheitenmeinung. Aber selbst Herzls Zionismus von 1896 war eine zwar nicht mini-kleine, aber doch Minderheitenmeinung. Und sie führte zum Staat Israel, 1948. Auch das war konfliktreich und mit Gewalt und Mord und Totschlag verbunden, auch mit Kriegsverbrechen, auch von Juden, nicht nur von Palästinensern, deren Ablehnung des UN-Teilungsplans gleichwohl der Auslöser des Unabhängigkeitskrieges war und der Kernaspekt des gesamten Nahostkonflikts. Hätten die Araber, die damals noch gar nicht Palästinenser hießen, den Teilungsplan angenommen, hätten sie seit 1948 einen eigenen Staat.
Wir müssen wieder lernen, dialektisch, kritisch, uns selbst hinterfragend denken zu lernen.
Das haben wir, ‚wir‘ in der Pro-Israel-Szene, ‚wir‘ in der Wissenschaft und in der Publizistik die letzten 25 Jahre und vor allem seit 1989 verlernt.
Uns wurde das Märchen von den „blühenden Landschaften“ im Osten erzählt und dass der Kapitalismus gewonnen habe und alles gut wird. Im Kapitalismus wird aber nie etwas gut und in Deutschland schon gleich gar nicht. Wir haben seit 1989 Nationalismus, Neonazi-Gewalt gegen Migrant:innen, Behinderte, Obdachlose, Linke, Juden, Sinti und Roma und viele andere erlebt. Dann kam 9/11 und der Islamismus zeigte seine blutige Fratze, die umgehend durch das massive Tragen von Kopftüchern islamistischer Frauen eskortiert wurde. Parallel kam der Austeritäts-Kapitalismus und Neoliberalismus, der Arbeitslose zu den Sklaventreiber:innen der JobCenter treibt und soziale Kürzungen sind überall an der Tagesordnung. Mehr Geld fürs Militär, extrem viel mehr, und weniger für die wichtigen und lebensnotwendigen Dinge wie Wohnen, Essen, Leben, Dasein. Dann kam der Brexit und der britische Nationalismus. Und dann kommt das Zeitalter des Trumpismus, 2016 bis heute, ein explosionsartiger Aufstieg von antisemitischen Verschwörungmythen und nationalistischer wie hyper-kapitalistischer Gewalt weltweit, von Argentinien über Brasilien, Holland, Ungarn, die Türkei, Israel und Deutschland und viele andere Länder. Wegen meiner luziden Kritik an Trump wurde ich 2017 aus einem dieser typischen ach-so-dermaßen ‚pro-israelischen‘ Vereine gekickt. Auf so einen Rauswurf, einstimmig, darauf könnte man stolz sein, wenn man denn Stolz nötig hat.
Chinas Corona-Diktatur wurde zwischendurch zum Vorbild ‚erfolgreicher‘ Verhinderung von Demonstrationen, wie es unumwunden die damalige Kanzlerin Merkel zum Ausdruck brachte.
Und da sind wir wieder bei woke. Woke heißt umsichtig zu sein, sich im wörtlichen Sinne umzuschauen, wer oder was läuft hinter, vor oder neben einem, was passiert auf dieser Welt?
Dass diese Welt niemals das Ende der Geschichte sein kann.
Dass es eine Utopie braucht, wie es Russel Jacoby nach 9/11 in seinem Buch „Picture Imperfect“ schreibt.
Und nicht zufällig wendet er sich gegen den Anti-Utopismus von Hannah Arendt, Isaac Berlin oder Karl Raimund Popper, aber zugleich betont er die durchaus vorhandenen und bis heute relevanten utopischen Potentiale von Theodor Herzls Altneuland:
Education is free; women’s emancipation is complete; religion is private. (Jacboy 2005, S. 87)
Das wär ein prima Ausgangspunkt für den woken oder linken oder utopischen Zionismus der Zukunft. Als erster konkreter Schritt in der Bundesrepublik und Europa wäre eine Kampagne gegen den islam-faschistischen und frauenverachtenden Gesichtsschleier angesagt. Dazu das Kopftuchverbot in allen öffentlichen Gebäuden und für Mädchen unter 14 auf der Straße und überall. Das wäre woke und ironischerweise auch österreichisch! In Österreich ist die Gesichtsverhüllung – DAS islamfaschistische Symbol neben dem Hamas-Dreieck und dem Halstuch Keffiyah schlechthin – seit 2017 verboten. Deutschland ist da aus einer völlig falsch verstandenen Toleranz weit hinterher und kuscht vor den Islamisten seit Jahrzehnten. Das muss aufhören.
Dazu kommt ganz kategorial und grundsätzlich die woke, also nonkonforme und ’nicht normale‘ Vorliebe für Diplomatie vor Waffen. Isoliert den Iran und seine Proxies und zwar so richtig – und greift sie nicht sinnfrei an, um jeden Krieg dann zu verlieren, vor allem was die öffentliche Meinung betrifft, von den Toten nicht zu schweigen.
Schließlich muss Israel lernen, dass es nicht jede Gefahr einfach wegbomben kann. Die Kriegsverbrechen der IDF im Gaza-Krieg müssen aufgearbeitet und juristisch verfolgt werden.
Die extreme Zunahme an antisemitischer Hetze und Gewalt seit dem 7. Oktober muss zu viel mehr Aufklärung über die Formen des Antisemitismus führen. Doch die meisten Aktivist:innen im Bereich Kampf gegen Antisemitismus sind unwillig oder nicht in der Lage, die israelische Regierungspolitik scharf zu kritisieren. Wer sich die PEW-Umfrageergebnisse anschaut, in Ruhe anschaut, merkt, dass in einem Land wie den USA sicher nicht in wenigen Jahren der Antisemitismus so stark angestiegen sein kann. Aber die extrem brutale Politik von Netanyahu und der israelischen Regierung führt zu einer massiven Abkehr von Israel, auch bei Millionen und vielen Millionen Anhänger:innen der Demokraten, die eigentlich für Israel sind.
Da könnte woker Zionismus helfen, Zionismus wieder attraktiv zu machen – auch im entschlossenen Kampf gegen den Autoritarismus und Rechtsextremismus in Israel und die explizit faschistischen Regierungsmitglieder wie Smotrich oder Ben Gvir sowie weitere. Und nicht vergessen, worauf in der Haaretz immer wieder hingewiesen wird: Kriegsverbrechen wie von der IDF werden auch von einer Nicht-Netanyahu-Regierung kaum aufgearbeitet werden, weil sie alle Teil des IDF-Systems sind. Auch da hilft nur woker Zionismus!
Wehrhaft sein und sich verteidigen ist eine Sache. Wehrlose Zivilist:innen zu töten gehört nicht dazu. Auch das muss und wird Israel lernen, wenn es eine Zukunft haben möchte, sagt sogar der selbst politisch rechtsextreme amerikanische Vizepräsident, der ja für den völkerrechtswidrigen Iran-Krieg war, solange er halluzinierte, die ersten paar Tage, dass er zu gewinnen gewesen sei. Zudem ist ja Vance ein besonders übler Hetzer gegen „kinderfreie Katzenfrauen“.
Und da ist noch mehr zur Reflektion: Dass Juden nicht einmal im Mittelalter nur Opfer der Christen waren, sondern auch selbst innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gewalttätig waren und Morde begingen oder in Auftrag gaben und viele andere Verbrechen, ist nicht verwunderlich, wurde aber jüngst vom israelischen Historiker Ephraim Shoham-Steiner herausgearbeitet, worauf der Journalist Ofri Ilany hinweist.
Woker Zionismus beschäftigt sich mit Antisemitismus, aber auch mit solchen weniger einfach zu klärenden Aspekten der jüdischen Geschichte und der Gewalt im Zionismus, ohne das zionistische Projekt aufzugeben, ja, ganz im Gegenteil: es zu unterstützen und schärfer, dialektischer und somit massiver machen, weil diskursiver. Genau deshalb hassen sowohl die Trumpist:innen wie auch die Antizionist:innen und Queers for Palestine und deren ganze Bagage den woken Zionismus ganz besonders.


